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Titel
Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung


Autor(en)
Rosa, Hartmut
Erschienen
Berlin 2016: Suhrkamp Verlag
Anzahl Seiten
815 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marie-Kristin Döbler, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

„Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“ (S. 13) So lautet der Eröffnungssatz, gleichzeitig auch die Kernthese von Hartmut Rosas neuem Werk, das nicht nur wegen seiner mehr als 800 Seiten gewichtig ist. Vielmehr gelingt Rosa mit „Resonanz“ eine stimmige Fortsetzung seines 2005 mit „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ begonnenen Programms: Die Formulierung einer neuen oder aktualisierten Kritischen Theorie; und auch „Resonanz“ ist als großer Wurf zu verstehen, dem die gleiche Aufmerksamkeit gebührt wie schon „Beschleunigung“.

Rosa verfährt in seinem Buch zweigleisig: Einerseits versucht er, „Resonanz“ als soziologischen Begriff und als Pendant zu „Entfremdung“ einzuführen. Andererseits nutzt er dieses neu etablierte Konzept, um eine Gesellschafts- und Zeitdiagnose zu formulieren (Teil 1 und 2), „eine […] Rekonstruktion der Moderne“ (Teil 3) vorzunehmen und „(s)eine kritische Theorie der Weltbeziehungen“ (Teil 4) darzulegen.

Zentral ist hierfür Rosas Neudefinition von „Moderne“. Moderne ist für ihn nicht primär durch Rationalisierung oder funktionale Differenzierung gekennzeichnet, wie es Max Weber oder Niklas Luhmann postulierten, sondern zeichnet sich durch einen spezifischen Modus der Reproduktion gesellschaftlicher Struktur und Identität aus: Basierend auf exponentiellem Wachstum, immer schnelleren Abfolgen von Innovation, Veränderung und Flexibilität erfolgt eine dynamische Stabilisierung; der Erhalt des Status quo kann nur über Beschleunigung gewährleistet werden (z.B. S. 44ff.). „In diesem Sinne, befinden wir uns auch im 21. Jahrhundert noch ganz in der Moderne“, auch wenn zusätzlich qualitative Veränderungen in der „kulturellen Wirklichkeit“, insbesondere hinsichtlich der „individuellen und politischen Selbstverhältnisse“ es nahelegen, eine „Neue Phase innerhalb der Moderne“, die „Spätmoderne“ zu identifizieren (S. 519). Diese sei dadurch charakterisiert, dass Veränderungen nicht nur „ein intragenerationales Tempo erreicht“ haben, sondern auch „Identitäten und Politik tendenziell situativ werden“ (S. 519) und ein neues „kulturelles Programm“ (S. 518) mithervorbringen oder voraussetzen. Darüber werden einerseits die unaufhaltsame Steigerung der Gesellschaft und deren Konsequenzen – Wettbewerb, Konkurrenz, Unvorhersehbarkeit der Zukunft – gedeutet und legitimiert (Kapitel I.), andererseits Form, Voraussetzung und Verständnis für ein „gelingendes Leben“ verändert: Menschen orientieren sich angesichts des Verlusts eines „inneren Maßes“ (S. 45) für Glück sowie der gleichzeitig auftretenden Notwendigkeit konkurrenzfähig zu sein und zu bleiben fast zwangsläufig an der Maximierung ihrer Ressourcen, der Optimierung ihrer selbst und damit an der im Sinne von Foucaults Gouvernementalität operierenden Steigerungslogik der Moderne.

An dieser Stelle greift nun Rosas resonanztheoretisch gewendete Kritische Theorie, die einerseits die modernen Verhältnisse, innerhalb derer Reichweitenvergrößerung zum Zweck der Weltbeherrschung zum primären Ziel deklariert werde, und andererseits soziologische Theorien kritisiert, da sie zu pessimistisch und zu (wert)neutral seien, keine ‚Lösungsangebote‘, Zukunftsvisionen oder konkrete Beurteilungsgrundlagen anbieten würden (Kapitel I). Für Rosa ist eine Kritik der Moderne bzw. der darin anzutreffenden Lebensverhältnisse jedoch ohne einen Maßstab für ein „gutes Leben“ oder zur Bestimmung der Lebensqualität nicht denkbar (z.B. S. 304ff.). Und gerade dafür dient ihm das heuristische Konzept der „Resonanz“, das vereinfacht als ein Antwortverhältnis zwischen Subjekt und Welt verstanden wird und anders als die auf (Ressourcen-)Ungleichheit oder deren Reproduktion fokussierte Soziologie eben nicht auf Quantifizierung, Messbarmachung oder Optimierung sozialer Verhältnisse setzt (z.B. S. 47ff., S. 304ff.).

Für Rosa sind vielmehr inhaltliche Aspekte hervorzuheben, die konstitutiv für ein gelingendes Leben gemessen in Resonanz gelten: Gelingendes Leben ergibt sich aus Weltanverwandlung, nicht aus Weltbeherrschung oder einer Gegenüberstellung von Subjekt und einer als „toter Ressource und gestaltbares Objekt“ wahrgenommenen Welt (S. 51). Illustriert werden diese Differenzen durch die im Vorwort eingeführten und im Laufe des Buchs immer wieder als Bezugspunkte genannten Idealtypen, die verschiedene Formen des In-Die-Welt-Gestellt-Seins verkörpern (S. 13–36) bzw. aus unterschiedlichen Gründen entweder stumme oder resonante Weltbeziehungen erleben (z.B. S. 56): Die holzschnittartig gezeichneten Typen Anna und Hanna etwa unterscheiden sich in ihren jeweiligen Formen der Welterfahrung (repulsiv oder responsiv), Adrian und Dorian in der Form ihrer Weltaneignung (instrumentell-beherrschend oder interaktiv-kreativ). Anhand dieser entfaltet Rosa die These, es bestehe ein „Verhältnis zwischen einzelnen, individuellen Glücksmomenten […] und der sich biographisch entfaltenden Weltbeziehung als ganzer“ (S. 26), die auf die sozio-historische Kontingenz und kulturelle Prägung (des Verständnisses und der Möglichkeit zu einem) gelingenden Lebens verweise. Daran schließt das Ziel an, einerseits die hierfür grundlegenden Resonanzachsen auch „jenseits der Welt literarisch anmutender Metaphern präziser zu bestimmen“ (S. 26), andererseits die Moderne daraufhin zu untersuchen, ob und wenn ja, wann, wo und unter welchen Bedingungen Resonanz, das heißt gelingendes Leben möglich ist (Vorwort) und schließlich Ursachen und Folgen verschiedener Weltbeziehungen auf Makro- und Mikroebene zu identifizieren (unter anderem S. 57f.).

Drei Dinge werden dabei ins Zentrum der Definition und Konzeption von Resonanz gerückt. Sie ist erstens durch potentielle Unverfügbarkeit ausgezeichnet: Eine Antwort kann auch ausbleiben. Damit verbunden ist zweitens Nicht-Erzwingbarkeit: Für Resonanz ist es unerlässlich, dass die Antwort nicht kontrolliert, gezielt und aktiv herbeigeführt werden kann, sondern sich ‚von allein‘ und ggf. unerwartet einstellt. Dadurch kann drittens eine Antwort auch in Widerspruch bestehen. Resonanz ist nicht mit Harmonie gleichzusetzen, sondern als dynamisch-dialektisches Verhältnis von Subjekt und Welt (zu der auch andere Subjekte gehören) zu verstehen, das als Ergänzung und Pendant, nicht als Gegenteil von Entfremdung in Stellung gebracht wird (vor allem Kapitel V); wie schon die konstitutiven Resonanzelemente nahelegen, ist Entfremdung Voraussetzung für Resonanzfähigkeit (S. 316ff.).

In der Moderne mit ihrer Beschleunigung, deren exponentiellem Wachstum, immer schneller erforderlichen Innovationen, Veränderungen und Flexibilität, dem Konkurrenzdruck und der Ressourcenfixierung droht Entfremdung jedoch Überhand zu nehmen, die Balance aus Resonanz und Entfremdung zu kippen, so dass bei allem Optimismus, den Rosa hat, Anlass und Angriffspunkte für eine Kritische Theorie geboten sind.

Hartmut Rosa, der mit „Beschleunigung“ so viel Aufsehen erregt hat, gelingt mit seinem neuen Buch ein neuerlicher Versuch, unsere Gesellschaft auf bislang unbekannte Weise zu betrachten. Was bei seiner „resonanztheoretischen“ Modellierung der Kritischen Theorie herauskommt, ist eine durchaus der Skepsis gegenüber dem Kapitalismus treubleibende Sichtweise, die insbesondere das damit einhergehende Konkurrenzverhalten, den Steigerungs- und Beschleunigungsdruck kritisch hinterfragt. Allerdings unterscheidet sich Rosa drastisch von den Vertretern der Kritischen Theorie erster Stunde, deren Pessimismus und Zynismus er nicht teilt; Rosa ist lösungsorientierter und optimistischer: Seines Erachtens ist es um die Welt und die Menschen in der Gegenwart, in der Moderne weit weniger schlimm bestellt; es gibt weiterhin Resonanzoasen, die Fähigkeit und Möglichkeit, resonante Weltbeziehungen einzugehen und zu erleben. Zwar haben jene Bewegungen und Tendenzen, die von Adorno & Co. verteufelt wurden, nicht an Kraft eingebüßt, das bestreitet Rosa auch gar nicht, der nichts beschönigt, nichts kleinredet, aber seine resonanztheoretische Deutung erlaubt einen neuen, frischen Blick auf die Verhältnisse, die Kritik üben, aber eben auch Hoffnung äußern lassen.