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Titel
Arabic-Islamic Views of the Latin West. Tracing the Emergence of Medieval Europe


Autor(en)
König, Daniel G.
Erschienen
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 117,22; $157.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Yanick Strauch, Regesta Imperii, Philipps-Universität Marburg

Die Perspektiven des lateinischen Westens auf den Islam und die arabische Welt standen bereits wiederholt im Fokus der Mediävistik[1], wobei insbesondere das Wissen europäischer Autoren des Mittelalters über die Kulturen und Strukturen des Nahen Ostens, Nordafrikas und des arabisch-muslimisch geprägten Teils Spaniens das Interesse der Forschung geweckt haben.[2] In seinem Buch schickt sich Daniel G. König an, diese Perspektive umzukehren und der Frage nachzugehen, über welches Wissen die arabisch-muslimische Welt[3] hinsichtlich des lateinischen Westens verfügte. Die breit angelegte Analyse berücksichtigt dabei die Erkenntnisse, Urteile und Wertungen arabischer Gelehrter des 7. bis 15. Jahrhunderts und reflektiert somit nicht allein die Vielfalt der Perspektiven der muslimischen Welt auf das lateinische Europa des Mittelalters, sondern auch deren ganz eigene Heterogenität. Um daher nicht Gefahr zu laufen, bei seiner „history of historiography” (S. V) das vorhandene Material derart auszulegen, dass es einzig als eine „manifestation of an overriding 'Muslim' attitude towards the non-Muslim world“ (S. 2) erscheint, unterscheidet die Studie sorgfältig zwischen den einzelnen Regionen (Maghreb, Afrika, Naher Osten, Persien, Al-Andalus etc.), aus denen eine bestimmte arabisch-muslimische Sicht auf den lateinischen Westen (oder auch nur auf einen Teilaspekt dessen) stammt. Zudem verweist König auf den Umstand, dass es sich bei den herausgearbeiteten Perspektiven keinesfalls um allgemeine Sichtweisen der einzelnen mittelalterlichen, muslimischen Kulturen handelt, da sich die Grundlagen der Studie stets aus „knowledge and [...] opinions of well-educated literate elites“ (S. 14) speisen. Auf diese Weise soll die traditionelle methodische Sicht auf Europas historische Entwicklung – die auf einer internen Perspektive basiert, welche die geschichtliche Evolution des lateinischen Westens synchron von der Spätantike über das Mittelalter bis in die Neuzeit betrachtet – durchbrochen werden, um somit eine dezidiert andere Sicht auf eben jene Entwicklung bieten zu können: „The present study provides an external point of view on how Western Europe evolved“ (S. 5).

Nach einer Darstellung der Quellen (samt deren speziellen Gattungen wie beispielsweise der sogenannten abab-Literatur – „works of 'belles lettres'“, S. 8) und einer Erörterung des Forschungsstandes (S. 6–14) zeigt das zweite Kapitel auf, wie muslimische Gelehrte des frühen und hohen Mittelalters Zugang zu Informationen über den lateinischen Westen erlangten und wie sie ihre Quellen auswerteten, wobei sie selbst oft nur „at the end of long chains of transmission“ hinsichtlich ihrer Nachrichten standen und ihre Hauptaufgabe in „reception, collection, organization, and documentation of data“ (S. 70) lag. Das dritte Kapitel zeigt die damit verbundenen Probleme bei der Rezeption und Interpretation des verfügbaren Materials über den lateinischen Westen auf, wobei König dezidiert kritisch auf die althergebrachte Sicht eingeht, es habe eine Art 'mentale Barriere' zwischen der muslimischen und der lateinisch-christlichen Welt existiert, welche die arabischen Gelehrten nicht zu durchbrechen vermocht hätten. Dabei gelingt es König darzulegen, wie es jenen Eliten der arabisch-muslimischen Literaten relativ frei von ideologischen Vorurteilen gelang, Informationen über den lateinischen Westen zu sammeln, wobei sie zumeist auf muslimische/nicht-muslimische Informanten (Händler, Juden, Konvertiten, Sklaven etc.) angewiesen waren, da sie selber keine Augenzeugenberichte aus eigener Erfahrung besaßen.

Die Kapitel 4–8 bieten schließlich Fallstudien darüber, wie arabisch-muslimische Gelehrte bestimmte Thematiken, die den lateinischen Westen betrafen oder ihm historisch entsprangen, betrachteten, wobei die zu analysierenden Autoren von König synchron – stets beginnend bei den ältesten Zeugnissen des arabischen Raums über ein bestimmtes Ereignis – betrachtet werden. So lässt sich beispielsweise über das weströmische Reich zeigen, dass wirkliche historische Kenntnisse hierüber in der frühislamischen Gesellschaft nicht existent waren (S. 120). Erst der Mitte des 10. Jahrhunderts schreibende Autor al-Mas 'ūdi rekurrierte für sein „Book of Instruction and Supervision“ (arabisch kitab al-tanbīh wa-l-ishrāf) (S. 130) auf eine Vielzahl von Texten über die Geschichte Westroms, wodurch er neben traditionell etabliertem Wissen eine größere Menge an neuen Daten und Informationen in sein Werk aufnahm. Schließlich war es das geistige Umfeld des arabisch-muslimischen Teils Spaniens, welches insbesondere durch die Übersetzung der „Historiae adversus paganos“ des Orosius (arabisch kitāb Hurūshiyūsh; vgl. S. 134-141) wirkliche Detailkenntnisse (insbesondere in Bezug auf die historische lateinische Onomastik von Regionen und Herrschern) über Westrom zu akquirieren vermochte, nicht zuletzt beflügelt von dem Willen, die eigene, oftmals sichtbare, weströmische Vergangenheit auf der iberischen Halbinsel zu ergründen.

Eine weitere Fallstudie über die Franken vermag es unter anderem zu illustrieren, wie sehr sich die grundlegende methodische Ausrichtung der Arbeit – eine Sicht auf die Entwicklung des lateinischen Westeuropa von einem externen Standpunkt aus zu präsentieren – als wertvolles Instrument erweist, um neues Licht auf althergebrachte Thematiken zu werfen. Dies wird besonders deutlich in der Aussage des andalusischen Gelehrten al-Bakrī (gestorben 487/1094) über die Erziehung der Kinder bei den Franken, welche ihm befremdlich erscheint, da das Verhältnis der Söhne zu den Vätern stark asymmetrisch geprägt sei, wie das eines Herren zu seinem Diener (S. 198). Solche alternativen Perspektiven eröffnen neue Analysemöglichkeiten, zumal Erziehung aus der Sicht fränkischer Quellen (wie zum Beispiel dem Handbuch der Dhuoda) auf den ersten Blick nicht so harsch erscheinen muss, aber dennoch von (bestimmten Teilen) der arabisch-muslimischen Gelehrtenwelt in dieser Weise (aufgrund ihrer Informationen) wahrgenommen wurde, wie König aufzeigt. Nicht zu vernachlässigen ist dabei aber der Umstand, dass der Begriff 'Franke' selbst fortwährend einem Bedeutungswandel innerhalb der arabisch-muslimischen Gelehrtenwelt unterworfen war: Welche 'Franken' (Franken, Franzosen, Kreuzritter?) al-Bakrī genau meinte, bliebe zu ergründen.

Bezüglich der Beobachtungen über das Papsttum legt König offen, wie sich die arabisch-muslimische Welt des politischen Aufstiegs dieser für das lateinische Abendland so zentralen Institution kontinuierlich bewusst wurde und zugleich deren spezielle Befugnisse zur Kenntnis nahm. Besonders interessant ist hierbei die angeführte These, die arabisch-muslimische Welt habe die Involvierung des Papsttums in das Ende der Stauferherrschaft klar realisiert, insbesondere weil zu dieser Dynastie zuvor wirkliche (wenn auch zaghafte) diplomatische Verbindungen bestanden hatten, wodurch der staufische Niedergang den Verlust eines „reliable political partner“ (S. 251) bedeutet habe.

Von besonderem Interesse ist die Analyse der arabisch-muslimischen Perspektive auf den sich seit dem hohen Mittelalter ausbreitenden christlichen Machtbereich, welcher sich nunmehr vormals muslimische Gebiete einverleibte, was sowohl zu einer kontinuierlich wachsenden Ausbreitung eines zunehmend negativen Bildes der lateinischen Christenheit innerhalb der arabisch-islamischen Welt führte (S. 268–271), aber zugleich auch einen wesentlich breiteren Informationsfluss über die als Aggressoren wahrgenommen Christen und ihre Herrschaftsstrukturen zur Folge hatte (S. 322).

In der Summe ist König eine beeindruckende Studie gelungen, welche zum einen das Kunststück vollbringt, durch eine Vielzahl an faszinierenden und kuriosen Anekdoten – so die mehrfach dargelegte Suche eines Vertreters der Rechtsschule der Mālikiten nach Informationen darüber, ob der Verzehr eines von Christen hergestellten Käses (arabisch al-jubn al-rūmī) nicht den muslimischen Speisevorschriften zuwider laufe (S. 10); oder aber die Bemerkung des bereits erwähnten Gelehrten al-Bakrīs, bei der Sprache der Bretonen (arabisch al-Birtūnīn) handle es sich um eine Mundart, welche für die Ohren nur schwer zu ertragen sei (S. 87) – nie Gefahr zu laufen, eine langweilige Lektüre darzustellen. Zum anderen aber werden die vielfältigen Ergebnisse in Bezug auf die Sicht der arabisch-muslimischen Welt auf die historische Entwicklung des lateinischen Westens im Mittelalter je nach Forschungsgegenstand (Ende Westroms, Westgotenreich und Untergang, Franken, Papsttum, christliche Akteure der iberischen Halbinsel) in Zukunft einen Ausgangspunkt bilden, um weitere Analysen bestimmter Thematiken aus einer alternativen Perspektive heraus behandeln zu können. Hinsichtlich des methodischen Rüstzeugs gilt dies allerdings auch für andere potentielle Thematiken, derer man sich zukünftig annehmen könnte. Dabei muss zuletzt auch noch positiv angemerkt werden, dass Königs Studie durch die verwandte Sprache (Englisch) einem breiten Publikum zugänglich ist. In diesem Sinne bietet gerade auch das Quellenverzeichnis einen ganz besonderen Bonus, da den dort aufgeführten Editionen der arabischen Quellen auch alle soweit verfügbaren Übersetzungen (sei es nun in Englisch, Spanisch, Deutsch, Italienisch usw.) beigefügt sind (S. 349–359), was sich daher zukünftig als praktisches Hilfsmittel erweisen dürfte, wenn sich auch derjenige/diejenige, der/die des Arabischen unkundig ist, näher mit einer der vielfältigen Thematiken der Studie beschäftigen möchte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zum Beispiel Robert G. Hoyland, Seeing Islam as Others Saw It: A Survey and Evaluation of Christian, Jewish and Zoroastrian Writings on Early Islam, Princeton 1997 oder Pierre Guichard/Philippe Sénac (Hrsg.), Relations des pays d’islam avec le monde latin, Paris 2000.
[2] Vgl. mit Bezug auf das akquirierte Wissen über die Sicht des lateinischen Mittelalters auf den Islam als Religion Hans-Werner Goetz, Die Wahrnehmung anderer Religionen und christlich-abendländisches Selbstverständnis im frühen und hohen Mittelalter (5.–12. Jahrhundert), Bd. 1, Berlin 2013, S. 233–410. Pierre Guichard, Al-Andalus, 711–1492, Paris 2001, wägt die positiven wie auch negativen Aspekte der Gesellschaft und Kultur von al-Andalus ab. Vgl. jüngst extrem kritisch und teils polemisch gegen eine positive Sichtweise auf die muslimischen Reiche auf der iberischen Halbinsel Darío Fernández-Morera, The Myth of the Andalusian Paradise. Muslims, Christians, and Jews under Islamic Rule in Medieval Spain, Wilmington (Delaware) 2016.
[3] Im Folgenden werden Begriffe wie z. B. ‚arabisch-muslimisch‘ oder ‚lateinisch-christlich‘ im Sinne Königs verwendet, welcher treffend die Fallstricke solcher Kategorien umreißt (S. 3–6), deren Verwendung er mangels Alternativen aber dennoch als notwendig erachtet.