Cover
Titel
A Companion to Gregory of Tours.


Herausgeber
Murray, Alexander Callander
Reihe
Brill's Companions to the Christian Tradition 63
Erschienen
Anzahl Seiten
667 S.
Preis
€ 278,51
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Werner Goetz, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Bischof Gregor von Tours (538–594) ist ohne Zweifel der bedeutendste Geschichtsschreiber des merowingischen Frankenreichs und entsprechend häufig als − alles andere als unproblematische − Quelle benutzt, erst in jüngerer Zeit aber auch mehrfach als Geschichtsschreiber behandelt und analysiert worden. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass Alexander Murray ihm hier ein engagiertes Handbuch auf neuestem Forschungsstand gewidmet hat. Ziel dieser Publikation, so Murray in der Einleitung (S. 1–4), ist es, „to provide the reader with context for the principal areas fundamental to reading Gregory seriously and for the wider world in which Gregory as author and bishop operated“ (S. 2). An diesem Ziel ist das Werk zu messen.

Die 16 Beiträge (von 14 prominent international besetzten Autoren) stehen zunächst für sich, gliedern sich aber in sechs thematische Abschnitte. Unter der Rubrik „Gregory and his Circle“ wird folgerichtig zunächst das biographische Element herausgestellt (Martin Heinzelmann, S. 7–34), das in den Historien bekanntlich eine große Rolle spielt und Gregor als ‚Individuum‘ erkennen lässt, ohne dass sein Werk einen autobiographischen Charakter erhielte. Die Untersuchung des „Circle“ beschränkt sich auf Venantius Fortunatus (Michael Roberts, S. 35–59) und seine von Gregor sehr geschätzten Dichtungen.

Der zweite Teil („Composing the Work“) beginnt mit einem Kernstück: dem langen Beitrag des Herausgebers über Komposition und Struktur des Werks, mit nützlichen Rückblicken auf den Forschungsstand und neuen Deutungen (S. 63–101): Murray wendet sich gegen die verbreitete Ansicht, die Historien seien in Etappen synchron zum Geschehen verfasst worden (Buch 1–4 um 576, Buch 5–6 bis 584, Buch 7–10 synchron); Gregors Zeitangaben bieten dafür letztlich keine Indizien. Die Historien seien nach 585 bzw. um 590 in der Zeit der austrasischen Herrschaft über Tours entstanden, eine Ansicht, der ich mich voll anschließen möchte. (Fraglich ist hingegen, ob man die Herrschaft Childeberts II., der 592 letztlich Gunthchramn in Burgund beerbt hat, als „austrasisch“ bezeichnen sollte.) Gregor ist, wie Murray zu Recht betont, auch nicht „Tagebuchschreiber“, sondern Politiker, mit klaren Urteilen über die Könige, aber einer auffälligen Zurückhaltung gegenüber den regierenden ‚austrasischen‘ Merowingern (Childebert und Brunichild). Als Gegenstück zu Murrays Ausführungen bespricht Richard Shaw (S. 102–140) Chronologie, Komposition und Autorkonzept der verschiedenen Miracula mit der (neuen, der Entstehung der Historien entgegengesetzten) These, Gregor habe daran mehr oder weniger gleichzeitig gearbeitet, um sie später zusammenzufassen (daher die vielen Querverweise), das aber nicht mehr bewerkstelligen können: Vor seinem Tod sind die Mirakel nicht veröffentlicht worden. Eine genaue Chronologie der einzelnen Werke erweist sich bei diesem Hintergrund als unmöglich (mit Ausnahmen, wie der Datierung der Martinsmirakel), zumal Gregor seine Absichten während der Arbeit noch geändert hat. Aus dem umfangreichen Überblick der komplizierten Handschriftenüberlieferung beider Werke (in verschiedenen Versionen der Historien) stellt Pascale Bourgain (S. 141–188) fest, dass die Editionen die Sprachformen Gregors nicht mehr erkennen lassen. Hinsichtlich seiner Sprache befreit er Gregor von den Vorwürfen der Verwilderung, um sie, wie wir spätestens aus den Arbeiten Michel Banniards wissen[1], als frühfranzösisch zu charakterisieren. Anschließend werden Gregors Stil und rhetorische Figuren besprochen.

Der dritte Teil ist dem „Institutional and Material Setting“, der Welt Gregors, gewidmet: Staat und Verwaltung (Murray, S. 191–231), der Kirche (Yitzhak Hen, S. 232–255) und der materiellen Kultur in Stadt und Land (Patrick Périn, S. 256–277). Das mag die Orientierung bei der Lektüre Gregors erleichtern, doch wird ein Vergleich der Nachrichten Gregors über diese Bereiche mit unserem sonstigen Wissen hier allenfalls punktuell vorgenommen. Angesichts der Vielzahl an Handbüchern zur Merowingerzeit wird man über den Wert dieser ohne Zweifel sehr instruktiven Beiträge in diesem Band streiten können. Weshalb wird stattdessen nicht Gregors Sicht dieser Aspekte behandelt, etwa seine Vorstellungen vom Königtum, und zwar nicht nur des merowingischen? Die zu Recht zurückgewiesenen Vorstellungen von einem Sakralkönigtum hätten sich beispielsweise gut an Gregors Aussagen messen lassen, ebenso das ‚Fränkische‘ an Stelle eines ‚Germanischen’, aber weshalb fehlt hier die zentrale Frage des Verhältnisses von ‚fränkisch‘ und ‚römisch‘? Das ist angesichts der Forschungslage eine geradezu unverzeihliche Lücke. Auch Gregors Begrifflichkeit, Vorstellungen und Akzentuierungen hätten sich mit anderen Forschungsergebnissen konfrontieren lassen.

Der vierte Teil fasst mit theologischen und literarischen Perspektiven drei eher disparate Beiträge zusammen. Martin Heinzelmann (S. 281–336) geht Gregors Verhältnis zur patristischen Tradition (und hier besonders seiner Anlehnung an Augustins ‚De civitate Dei‘) nach und spricht wesentliche Elemente seiner theologischen Überzeugungen an: Trinität, Christologie und Kirchenverständnis, Typologie, Wunder – sie sind tatsächlich ein zentraler Bestandteil auch der Historien – und Auferstehungsglaube. (Ein Priester in Tours zweifelt allerdings nicht an der Auferstehung an sich [so S. 224], sondern an der Auferstehung im Fleisch und gibt dem Ganzen damit eine weit subtilere Dimension.) Das antiarianische, katholische Glaubensbekenntnis steht nicht zufällig am Anfang der ‚Historien‘. Gregor orientiert sich in seiner Dogmatik an Kirchenrecht und Autoritäten (weicht aber auch davon ab). Visionen und andere Offenbarungen spielen ebenfalls eine Rolle (die Gregor, so wäre zu ergänzen, allerdings durchaus nicht durchweg als göttliche Eingaben begreift). Joaquin Martínez Pizzaro (S. 337–374) wiederum betrachtet Genre und Stil der Historien, die in einem Bruch vom vierten Buch an zur Zeitgeschichte werden, und ersetzt die Ansicht einer bloßen historiographischen Aneinanderreihung von Episoden durch eine durchdachte Auswahl der Handlungsstränge. Dabei bescheinigt er Gregor gewiss zu Recht ein großes Erzähltalent in Abkehr von der spätantiken Rhetorik mit komplexen, originellen Erzählstrukturen, für die er vor allem Prudentius und Sidonius als Vorbilder ausmacht. Das wird am Beispiel der gescheiterten Thronanwärter konkretisiert, für deren Ende, nicht aber für ihre Ansprüche Gregor eine Sympathie entwickelt. J. K. Kitchen (S. 375–426) schließlich wendet sich mit dem Heiligenkult (der aber auch in den ‚Historien‘ eine große Rolle spielt!) wieder den hagiographischen Schriften Gregors zu und unterscheidet (in der Sache zu Recht, aber mit schlecht gewählten Begriffen) zwischen „episodischer“ (als postmortaler) und „biographischer“ Hagiographie (zu Lebzeiten), die er anscheinend auch mit Miracula und Vita gleichsetzt. Der insgesamt instruktive Beitrag stützt sich allerdings überwiegend auf Sekundärliteratur und illustriert das mit nur wenigen Quellenbeispielen (aus den Vitae patrum und den Martinswundern).

Der fünfte Teil („Gregory and the Political World of the Sixth Century“) wendet sich noch einmal den Hintergründen zu: Verfassung und Politik (Stefan Esders, S. 429–461, der souverän sowohl die Entwicklungsphasen der Zeitgeschichte als auch die Verfassungsstrukturen überblickt), Italien und der Osten (Simon T. Loseby, S. 462–497) und Spanien (Roger Collins, S. 498–515). Stärker als im dritten Teil werden Gregors Berichte und Sichtweise hier zumeist gründlich einbezogen, so dass daraus ein dichteres Bild und ein enges Geflecht zwischen Zeitumständen und Gregors ‚Historien‘ entsteht. Ähnliches hätte man sich auch für Gregors religiöse, soziale und kulturelle Vorstellungen gewünscht, die zu Gregors eigenen Interessen zählen. Loseby konstatiert zu Recht, dass Gregor kein Interesse mehr für das Imperium Romanum zeigt (wohl aber für das christliche Rom!) und dass er Byzanz keine entscheidende Bedeutung mehr für das Frankenreich beimisst (allerdings doch noch als Weltmacht), dass er durchaus informiert war, aber sehr selektiv berichtet. Auf die Funktion dieser selektiven Berichte aber wäre es gerade angekommen; sie legen nämlich Gregors eigentliche (religiös-moralischen) Absichten offen, wie sie sich nicht minder in seinen Berichten über die merowingischen Könige widerspiegeln. Collins sieht Gregors Wissen über Spanien gänzlich abhängig von seinen Informationen durch Gesandte. Tatsächlich beschränkt sich Gregor jedoch auch hier fast ausschließlich, aber sehr gezielt, auf die westgotisch-fränkischen Kontakte (und erneut den Arianismus).

Im sechsten Teil („Post mortem“) überblickt Helmut Reimitz (S. 519–565) souverän die handschriftliche Verarbeitung der ‚Historien‘, die – entgegen Gregors eigenem Wunsch – deutlich in den Text eingriff (am deutlichsten in der Sechs-Buch-Version), teilweise die bei Gregor betonte burgundische Perspektive wie auch seine persönlich-familiären Nachrichten ausklammerte, Tours und Martin durch Paris und Germanus ersetzte oder Reims in den Mittelpunkt rückte und überhaupt ständig neue Versionen schuf. Für das hohe und späte Mittelalter und die Frühe Neuzeit betrachtet John J. Contreni (S. 566–581) im Gegensatz dazu nicht die Handschriften, sondern die insgesamt eher eklektische Benutzung der ‚Historien‘, die nach dem 11. Jahrhundert fast nur noch wegen der hagiographischen Einschübe interessierten. Entsprechend häufiger wurden die Mirakelgeschichten abgeschrieben, gemessen an ihrem reichen Gehalt aber ebenfalls erstaunlich wenig herangezogen. Ein eigener Beitrag über Gregor in der modernen Forschung – hier sind ja doch bezeichnende Wandlungen zu beobachten – fehlt leider und hätte gerade in diesem Handbuch gute Dienste leisten können. Karten der Bistümer und Civitates, Landschaften und Städte Galliens sowie der merowingischen Reichsteilungen – aufschlussreich wäre noch eine Übersicht gewesen, zu welchem wechselnden Reichsteil Tours jeweils gehörte – sowie eine Genealogie der Merowinger runden den Band ab.

Die zweifellos sämtlich wichtigen, vielfach nicht einfach resümierenden, sondern weiterführenden Beiträge sind mehrheitlich deutlich dem ‚äußeren‘ Gregor mit der Überlieferung und Chronologie seiner Werke sowie seinem historischen Umfeld gewidmet, während der ‚innere‘ Gregor mit seinen Anschauungen und Empfindungen oder sein Rechtsverständnis nur in wenigen Aufsätzen berührt wird. Hier scheint mir eine Chance vertan, denn Gregors Werk böte dafür eine wahre Fundgrube. Aber auch dem Politiker Gregor, von Murray selbst als wichtiger Aspekt hervorgehoben (S. 72ff.), wird kein eigener Beitrag gewidmet. Der Band bietet somit fortan in den behandelten, aber eben doch nicht in allen Fragen ein wichtiges, ausgezeichnetes Referenzwerk, das eher ein Forschungsinstrument als eine Darstellung für ein breites Publikum darstellt. Dem amerikanischen Publikum ist es daher wohl auch geschuldet, dass die Quellenzitate lediglich in englischer Übersetzung geboten werden.

Anmerkung:
[1] Michel Banniard, Vita voce. Communication écrite et communication orale du IVe au IXe siècle en Occident latin, Paris 1992.

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10.01.2017
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