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Titel
Im Gleichschritt für die Republik. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im Südwesten, 1924 bis 1933


Autor(en)
Böhles, Marcel
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen A62
Erschienen
Anzahl Seiten
339 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carsten Kretschmann, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Das Reichbanner Schwarz-Rot-Gold, 1924 als Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer von den drei Parteien der sogenannten Weimarer Koalition (SPD, DDP und Zentrum) gegründet, gehörte zweifellos zu den wichtigsten Massenorganisationen der ersten deutschen Demokratie. Wohl mehrere Million Mitglieder (genaue Zahlen existieren nicht) zählte dieser reichsweit organisierte Wehrverband, der sich als „überparteiliche Schutzorganisation der Republik und der Demokratie im Kampf gegen Hakenkreuz und Sowjetstern“[1] verstand, wie es der SPD-Politiker Otto Hörsing, der als Oberpräsident der preußischen Provinz Sachsen seit den frühen 1920er-Jahren umfangreiche Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Kommunisten und Nationalsozialisten gesammelt hatte, 1931 selbstbewusst formulierte. Wissenschaftliches Interesse hat das Reichsbanner erstmals durch die klassisch zu nennende Monografie von Karl Rohe auf sich gelenkt.[2] In der Folge ist es von der Forschung zwar nicht gänzlich stiefmütterlich behandelt worden[3]; es fehlten bislang jedoch überzeugende Untersuchungen, die die Bedeutung des Reichsbanners für die politische Kultur der Weimarer Republik exemplarisch rekonstruieren und zu diesem Zweck nicht nur Programmschriften und institutionelle Strukturen, sondern die konkrete symbolpolitische Praxis vor Ort in den Blick nehmen.[4]

Für Baden und Württemberg unternimmt dies nun die Studie von Marcel Böhles, eine Heidelberger Dissertation, die bei Frank Engehausen und Edgar Wolfrum entstanden ist. In vier großen Kapiteln beschäftigt sich der Verfasser zunächst mit „Alltag und Aktivitäten des Reichsbanners“ (S. 84), zu denen insbesondere der Saalschutz bei Wahlkampfveranstaltungen, aber auch die Bildungs- und Jugendarbeit zu rechnen sind (Kap. III). Sodann widmet sich die Studie der „Symbolpolitik und Erinnerungskultur“ (S. 129) des Reichsbanners, wobei die Erinnerung an die Revolution von 1848 ebenso thematisiert wird wie das öffentlich inszenierte Gedenken an „republikanische Märtyrer“ (wie beispielsweise Matthias Erzberger und Walther Rathenau) und die identitätsstiftende Kraft der Farben Schwarz-Rot-Gold (Kap. IV). Anschließend untersucht der Verfasser das Verhältnis des Reichsbanners zu den bereits erwähnten Trägerparteien (Stichwort: „Sozialdemokratisierung“, S. 189) sowie zu den anderen Wehrverbänden der Weimarer Republik, allen voran Stahlhelm, Roter Frontkämpferbund sowie SA (Kap. V). Das letzte Kapitel analysiert das Reichsbanner konsequent als „Veteranenbund“ (S. 255), fragt nach der Bedeutung von Gewalt und paramilitärischer Praxis in der Endphase der Republik und verfolgt den Weg einzelner Mitglieder in den Widerstand nach 1933 (Kap. VI).

Es ist das große Verdienst dieser vorzüglichen Studie, dass sie die Entwicklung des Reichsbanners in der Weimarer Republik bewusst nicht als eine „Geschichte des Scheiterns“ (S. 10) darstellt, sondern die Chancen und Möglichkeiten, die der Organisation innewohnten, differenziert herausarbeitet. Dies gelingt Marcel Böhles umso anschaulicher, als er seine Untersuchung gezielt auf der regional- und lokalgeschichtlichen Ebene ansiedelt. Auf diese Weise wird beispielsweise deutlich, auf welche Vorbehalte die Aufstellung eines paramilitärischen Verbandes bei altgedienten Mitgliedern von SPD-Ortsvereinen stieß, die das Reichsbanner – ungeachtet der Beteiligung von DDP und Zentrum – allzu gern als rein sozialdemokratische Vorfeldorganisation betrachteten. Auf einer beeindruckenden Quellengrundlage, zu der neben einschlägigen Nachlässen (u.a. Otto Hörsing, Carl Severing) und Verbandspublikationen vor allem die Unterlagen der Reichsbanner-Ortsgruppen in Ladenburg und Schiltach gehören, vermag Marcel Böhles zu zeigen, dass es auch im Südwesten (im protestantischen Württemberg freilich mehr als im stärker katholisch geprägten Baden) die SPD war, die die Schlüsselfunktionen des Reichsbanners besetzte und eine „Marginalisierung der bürgerlichen Partner“ (S. 309) nolens volens in Kauf nahm. Ebenso gemischt fällt die Bilanz hinsichtlich der Symbol- und Erinnerungspolitik aus, die von den Vertretern des Reichsbanners im Südwesten in Angriff genommen wurde. Denn auch wenn es gerade hier – etwa mit Blick auf den Vormärz und die 1848er-Revolution – nicht an authentischen Erinnerungsorten wie dem Hambacher Schloss oder der Bundesfestung Rastatt mangelte, so gelang es den Akteuren nicht, das demokratische Narrativ erfolgreich über die eigene Anhängerschaft hinaus zu vermitteln. Selbst die als politische Werbeveranstaltungen konzipierten „Republikanertage“ in Mannheim 1924 und 1929 vermochten daran nichts zu ändern. Aus der Sicht der Mitglieder vor Ort verlor sich der Verbandsalltag mehr und mehr „im Klein-Klein der Organisationsarbeit“ (S. 312).

Die Widersprüche und Ambivalenzen auf der praktischen Ebene, die Marcel Böhles zu Recht betont, verweisen auf einen grundlegenden Zielkonflikt, der die Geschicke des Reichsbanners bereits seit seiner Gründung bestimmte und sich seit 1929 zu einer kaum auflösbaren Belastung entwickelte. Der intellektuelle Spagat, der das Reichsbanner am Ende gewissermaßen aus dem Tritt brachte, bestand darin, dass sich die Organisation auf der einen Seite als Schutztruppe der Republik betrachtete und auf der anderen Seite als Veteranenverband aktiv war. Wie die Studie anhand einer Fülle von Aufmärschen, Festveranstaltungen und Kundgebungen aus Baden und Württemberg zu zeigen vermag, gelang es den Akteuren dabei nicht, die Narrative von Dolchstoß und Frontkämpfergeist zu entkräften, ohne der Versuchung zu widerstehen, dem Ersten Weltkrieg nicht doch nachträglich einen Sinn zuzusprechen. So kam das Auftreten des Reichsbanners, das mit bezeichnenden Freizeitangeboten wie „Schutzsport“ und Geländeübungen lockte, in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen einem „ständig neu auszuhandelnden Kompromiss zwischen (para-)militärischer Formensprache und antimilitaristischer Ausrichtung“ (S. 310) gleich, wobei der Kompromiss in den letzten Jahren der Republik nur mehr mühsam herzustellen war.

Wenn sich Stahlhelm und Reichsbanner, wie Böhles treffend festhält, in mancher Hinsicht ähnlicher wurden, als es ihren Anhängern recht sein konnte, so deuten sich darin wichtige Fragen an, die die Forschung beschäftigen werden. So wäre – nicht zuletzt mit Hilfe weiterer Fallstudien – zu klären, inwiefern der martialische „Gleichschritt“, mit dem das Reichsbanner für die Republik marschierte, nicht seinerseits dazu beitrug, Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung in den 1920er-Jahren zu legitimieren und zu verbreiten. Hatte die Verarbeitung des Kriegserlebnisses, die nach 1918 partei- und milieuübergreifend auf den Mythos der Frontgemeinschaft ausgerichtet war, einen spezifischen generationellen Stil ausgeprägt, der durch die Bejahung von Entscheidung, Tat und Gewalt gekennzeichnet war und die politische Kultur der Weimarer Republik von rechts wie von links, aber eben auch von der Mitte der Gesellschaft aus vergiftete?

Anmerkungen:
[1] Zit. n. Franz Osterroth / Dieter Schuster, Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Bd. 2: Vom Beginn der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Bonn 1980, S. 226.
[2] Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der Weimarer Republik, Düsseldorf 1966.
[3] Benjamin Ziemann, Veteranen der Republik. Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933, Bonn 2014.
[4] Vgl. u.a. Ulrich Schröder, Aus dem Innenleben eines republikanischen Wehrverbandes. Der Ortsverein Vegesack und Umgegend des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold 1924–1934, in: Bremisches Jahrbuch 92 (2013), S. 217–270; Axel Ulrich: Freiheit! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Kampf von Sozialdemokraten in Hessen gegen den Nationalsozialismus 1924–1938. Hrsg. vom SPD-Bezirk Hessen-Süd, Frankfurt am Main 1988; Helmut Lensing, Republikanische Wehrorganisationen im Emsland – Das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, die „Eiserne Front“ und die „Volksfront gegen Radikalismus und soziale Reaktion“, in: Emsland-Jahrbuch. Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 55 (2009), S. 45–72.