Cover
Titel
Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens


Herausgeber
Bühler, Benjamin; Willer, Stefan
Reihe
Trajekte
Erschienen
Paderborn 2016: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
489 S., 4 SW-Grafiken, 11 SW-Abb.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Torsten Kathke, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln

Zukunft und Vergangenheit, so wird schon in der Einleitung zum von Benjamin Bühler und Stefan Willer herausgegebenen Buch „Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens“ klar, haben viel gemeinsam. Angebote von Sinnproduktion und Orientierung stehen sowohl Prognosen als auch geschichtlichen Darstellungen nie allzu fern. Nach dem Abbrechen der großen Meistererzählungen hat der Kollektivsingular Geschichte einiges an Leuchtkraft eingebüßt. Zukunft, so Bühler und Willer (und mit ihnen die Beitragenden zu diesem Band), ist ebenso nur im Plural zu denken. Beide Temporalitäten, Vergangenheiten und Zukünfte, sind im Band, der als Teil der Trajekte-Reihe des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin im Fink-Verlag erschienen ist, stets verzahnt und verquickt.

Bühlers und Willers konzise Einleitung bildet die ersten 20 Seiten des fast 500-seitigen Sammelbandes. Die Herausgeber betonen, dass das Buch „keine Enzyklopädie des Zukunftswissens“ sei, „kein Nachschlagewerk“ (S. 21). Der inhaltliche Aufbau weist allerdings doch in diese Richtung. Um die zwölf Seiten lang sind die Einträge, alle mit Titeln überschrieben, die lediglich aus einem Begriff oder Begriffspaar bestehen (etwa „Konjektur“, „Zeitreisender“, „Science-Fiction“, „Posthumanismus“). Elf der 36 Stichworte, also knapp ein Drittel, haben die Herausgeber selbst verfasst. Die Einträge sind in fünf thematische Abschnitte gegliedert, unter denen jeweils fünf bis neun Artikel versammelt sind: „Sprechakte und Denkfiguren“, „Kulturtechniken und soziale Praktiken“, „Autoritäten“, „Narrative und Gattungen“ sowie „Wissensformen“. Etwas unklar bleibt, welchen geographischen und kulturellen Rahmen der Band für sich in Beschlag nehmen möchte. Stecken die Herausgeber zeitlich sinnvoll eine mit und durch Reinhart Kosellecks Überlegungen zur Veränderung von Zeitlichkeit um 1800 begründbare Spanne vom 17. bis ins 21. Jahrhundert ab,[1] die zur Kontextualisierung des Öfteren in die Vergangenheit erweitert wird, so ist der Ort der Entstehung aller dargestellten „Ordnungen des Zukunftswissens“ meist nur implizit ein vage westlich-transatlantischer.

„Sprechakte und Denkfiguren“, die erste Kategorie, umfasst fünf Einträge. Uwe Wirths „Konjektur“ beginnt den Reigen und lässt gleich tief eintauchen in die Materie. Passend zu einem Band, der die Futurologien im Titel trägt, befasst sich Wirth mit Bertrand de Jouvenels Konzept der „Futuribles“ aus den 1960er-Jahren und der Idee des konjizierenden Ratens. Dies bettet Wirth in drei Perspektiven der Konjektur ein; zuerst als ein „auf die Zukunft ausgerichtetes Orientierungswissen“ (S. 35), zweitens wird es als Vermittler zwischen Vergangenheit und Zukunft verstanden, und drittens werde das „Verhältnis von cause and effect und chance“ durch das evolutionistische Konzept der Konjektur neu konfiguriert (S. 36). Benjamin Bühler verfolgt und diskutiert den sprachlichen Akt des „Versprechens“ als „Herstellung einer verbindlichen Beziehung zwischen Gegenwart und Zukunft“ (S. 39). Vertragstheoretisch, genealogisch und literarisch leitet Bühler das Versprechen her und schließt, es zähle „zu den zentralen Bedingungen einer funktionierenden sozialen Ordnung“. Wir müssten versprechen, „auch wenn jedem Versprechen das Moment des Fehlgehens eingeschrieben ist“ (S. 50). Stefan Willer sieht im „Wunsch“ die Möglichkeit, Zukunft zu schaffen (S. 52). Er weist auf eine „insgesamt für den Band leitende Beobachtung“ hin, wenn er argumentiert, dass in der von Koselleck beschriebenen „Sattelzeit“ durch Beschleunigungserfahrung und Prospektivierung der Zukunft „zahlreiche Sprach- und Denkfiguren, Narrative und Wissensformen emphatisch in Richtung auf eine offene Zukunft umgelenkt“ worden seien (S. 53).

Was bei der Lektüre des ganzen Bandes oft erst wie eine gewisse Beliebigkeit der ausgewählten Beispiele daherkommt, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen meist als aus einem spezifischen akademischen Kontext ableitbare Heuristik. Da jedoch wohl kaum eine Leserin und kaum ein Leser in jeder der angeschnittenen Debatten gleichermaßen heimisch sein wird, bleibt hie und da Verwirrung haften. Interessierte, die sich dem Thema Zukunftswissen im Allgemeinen oder einem der Stichworte im Besonderen gerade erst annähern wollen, finden zunächst einmal wenig Halt.

In Teil zwei, „Kulturtechniken und soziale Praktiken“, sind neun Aufsätze versammelt. Philipp Theison verfolgt etwa die „Mantik“ von der Antike bis in die Gegenwart. Lena Kuglers Beitrag „Tiere“ ist mit Fokus auf Vögel und speziell Raben eine notwendige Rückbindung an frühe Arten der Zukunftsvorhersage; das Auspicium ist hier nicht nur etymologisch, sondern konkret Vogelschau. Matthias Leanza führt in „Prävention“ Fiktion und Realität zusammen, indem er die Wirkung fiktiver zukünftiger Schadenspotentiale auf die reale Gegenwart bezeugt. Der Spagat präventiver Praktiken wird schnell deutlich: „[…] sie operieren an der Grenze zwischen Aktuellem und Möglichem“ (S. 167). Ramón Reichert beschäftigt sich in „Data Mining“ mit dem Zukunftswissen sozialer Netzwerke und spricht gleichermaßen für Erkenntnisse aus vielen der Artikel, wenn er konstatiert, dass „Prognosetechniken immer auch als Machttechniken angesehen werden müssen, die sich in medialen Anordnungen und infrastrukturellen Strukturen manifestieren“ (S. 180). „Computersimulation“ wird von vier Autorinnen und Autoren (Sebastian Vehlken, Isabell Schrickel, Claus Pias, Anneke Janssen) gemeinsam dingfest gemacht; der Artikel ergänzt Reicherts Beobachtungen um historischen Kontext. Wie es Computer beim Erschließen von Big Data tun, so machen sie auch in der Simulation „Probleme […] traktabel, weil sie den Anwendungsbereich quantitativer Analysen vergrößern“ (S. 189).

Der dritte Teil, „Autoritäten“, besteht aus sechs Aufsätzen. In ihrer Auswahl wird am klarsten deutlich, dass das Buch Stichproben sammelt. Trotz des Eingeständnisses der Herausgeber, dass „auch durchaus wichtige“ Begriffe im Buch unbehandelt blieben, da es sich nicht als Enzyklopädie verstehe (S. 21), hätten in diesem Abschnitt weitere Autoritäten zur Ergänzung gut getan. Hier fällt besonders auf, dass die Analysekategorie Gender im Band recht unterbelichtet bleibt.[2] Alle Autoritäten in Teil drei sind entweder explizit männlich („Prophet“ von Daniel Weidner), überwiegend männlich besetzt (Markus Krajewskis „Projektemacher“ oder Bühlers „Revolutionär“) oder repräsentieren – wie „Jugend“ von Johannes Steizinger – zwar multiple Geschlechterkonstruktionen, ohne diese jedoch offensichtlich zu reflektieren. Aber wo sind auch jenseits dieser Problematik zum Beispiel Ökonom/innen?[3] „Wissenschaftler/in“ ist ebenfalls kein Stichwort, was etwas verwundert, da die Herausgeber in der Einleitung gesondert auf die derzeitige Dominanz der Naturwissenschaften im Hinblick auf gesellschaftlich relevantes Zukunftswissen verweisen.

Teil vier dreht sich um „Narrative und Gattungen“: „Apokalypse“ (Christian Zolles), „Rettung“ (Hubert Thüring), „Utopie“ und „Manifest“ (beide von Benjamin Bühler), „Science-Fiction“ (Hania Siebenpfeiffer), „Überleben“ (Falko Schmieder), „Worst case“ (Sabine Blum), „Klima“ (Eva Horn) sowie „Posthumanismus“ (Nicolas Pethes). Noch stärker als sonst in dem Sammelband werden hier unterschiedliche Verständnisse der Verfasserinnen und Verfasser deutlich, wie ihre Einträge zu benutzen sein sollen. Siebenpfeiffer etwa führt lexikalisch-begriffsgeschichtlich ins Thema der Science-Fiction und deren Genreproblematik ein. Bühler dagegen beginnt seinen Artikel zur „Utopie“ ähnlich, bringt dann aber zwei näher ausgeführte Beispiele für „Zukünftiges Zukunftswissen“ mit eigenen Unterüberschriften: „Recycling in Ernest Callenbachs ‚Ecotopia‘“ und „Transgenetik in Margaret Atwoods dystopischer Trilogie“.

Im letzten Abschnitt, „Wissensformen“, tragen Bühler („Politische Arithmetik“, „Ökologie“) und Willer („Musik“) wieder ihren Teil bei, ergänzt durch vier weitere Stichworte: Siebenpfeiffers „Astrologie“, Urs Büttners „Meteorologie“, Armin Schäfers „Psychiatrie“ und Stefan Riegers „Nanotechnologie“. Rieger weist unter der Unterüberschrift „Skalieren als Kulturtechnik“ darauf hin, dass das Faszinierende an der Nanotechnologie „in ihrem Umgang mit Größenverhältnissen“ liege (S. 447). Eine enge Verbindung von Wissensformen und den Kulturtechniken aus dem zweiten Abschnitt drängt sich auf, der man in der Organisation des Bandes eventuell auch hätte Rechnung tragen können.

Wer „Futurologien“ als Ganzes durcharbeitet, wird am Ende mit immensem Erkenntnisgewinn belohnt: über diverse Arten, Zukunft zu deuten, zu verstehen und zu benutzen. Die ästhetische Form des Bandes streitet allerdings mit dem Inhalt. Dürften die Beiträge Titel tragen, die auf die Absicht bzw. These der Autorinnen und Autoren schließen ließen – wie es in anderen Bänden der Trajekte-Reihe Usus ist, auch in solchen, die von Bühler und Willer selbst (mit)herausgegeben wurden –, so würde dies den Sammelband-Charakter des Buches unterstreichen und es insgesamt zugänglicher machen. Zweifellos ist dies ein Werk mit Inhalten von hoher wissenschaftlicher Qualität. Ebenso ist es aber zu einem gewissen Grad ein formales Experiment, und als solches ist es zumindest von meiner Warte aus weniger gelungen. Jedoch sind die meisten Einträge gut lesbar und bieten Denkanstöße auf einem noch vergleichsweise wenig beackerten Feld.

Anmerkungen:
[1] Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979; ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000.
[2] So findet sich im umfangreichen Sachregister weder ein Eintrag für „Gender“ noch für „Geschlecht“, „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“.
[3] Diese hatten im für den Band grundlegenden Zeitrahmen große Wirkmacht. Ökonomische Theorien und Modelle umschlossen stets auch „imagined futures“ und „fictional expectations“; siehe jüngst Jens Beckert, Imagined Futures, Cambridge 2016.