M. Rieger-Ladich u.a. (Hrsg.): Erinnern, Umschreiben, Vergessen

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Titel
Erinnern. Umschreiben. Vergessen. Die Stiftung des disziplinären Gedächtnisses als soziale Praxis


Herausgeber
Rieger-Ladich, Markus; Amos, Karin; Rohstock, Anne
Erschienen
Weilerswist 2019: Velbrück Wissenschaft
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Friederike Thole, Universität Kassel, Institut für Erziehungswissenschaft

Wissenschaftsdisziplinen – und Geistes- und Sozialwissenschaften im Besonderen – unterziehen sich zunehmend der kritischen Auseinandersetzung mit ihren Theorie- und Forschungsansätzen.[1] Nachdem die Disziplin Erziehungswissenschaft schon Ende der 1980er-Jahre in ihrem „Historikerstreit“ über Vergangenheitsbewältigung und die Verstrickungen von Universitätspädagogen in den Nationalsozialismus heftig diskutierte[2], hat die Aufdeckung der Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule im Jahr 2010 erneut eine notwendige disziplinbezogene Reflexion initiiert.[3] Diesen und weiteren disziplinrelevanten Herausforderungen stellen sich die Herausgeber/innen Markus Rieger-Ladich, Anne Rohstock und Karin Amos mit ihrem Anliegen des Schreibens einer „[kritischen] Wissens- und Disziplingeschichte“ (S. 9), die sich eben nicht nur selbstreferentiell auf die eigene Disziplin bezieht, sondern transdisziplinär vorgeht, die Kontexte der Hervorbringung von Wissen berücksichtigt und versucht, die eigene Befangenheit dem Gegenstand gegenüber zu überwinden und „machtverstrickte Praktiken des Erinnerns, Umschreibens und Vergessens […]“ (S.10) sichtbar macht.

Markus Rieger-Ladich leitet den ersten Beitrag „Archivieren und Speichern“ ein mit einem Rückblick auf reflexive Auseinandersetzung mit Wissenschaft als sozialer Praxis. Seine Frage danach, wie die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin gestaltet werden könnte und welchen Einfluss Erinnerungskultur hat, ist paradigmatisch für den Sammelband. Rieger-Ladich erachtet hierfür ein Archiv des disziplinären Wissens als notwendig, welches von Pluralität und Diversität geprägt ist und unterschiedliche theoretische wie auch methodische Zugänge kultiviert und gleichsam vorhält. Der Tübinger Erziehungswissenschaftler schließt mit der Aufforderung zur Einrichtung eines solchen Archives, welches dann eine permanente kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin möglich machen sollte und somit „[…] daran erinnert, dass auch die Ordnung des pädagogischen Diskurses veränderbar ist, dass sie kein getreues Abbild des pädagogischen Feldes darstellt, sondern aus hegemonialen Kämpfen […] und der Performanz ihrer Akteure“ (S. 41) hervorgeht.

Sebastian Engelmann stellt in seinem Beitrag „Alles wie gehabt?“ die Frage nach der disziplinären Funktion von Klassikern. Am Beispiel des Hallenser Theologen und Pädagogen August Herrmann Niemeyer begründet der Autor die nicht erfolgte Einschreibung in einen „Klassiker-Kanon“ mit den komplexen sozialen Praktiken in der disziplinären Matrix, für die Niemeyer nicht anschlussfähig war. Aus dieser Einzelanalyse wird abschließend systematisch geschlussfolgert, dass „[…] große Texte der Pädagogik in einen machtvollen Kommunikationskontext eingegliedert sind“ (S. 86) und folglich auch „die Geschichte der Pädagogik in ihrer Komplexität, Unabschließbarkeit und Problembehaftetheit behandelt“ (S. 89) werden sollte. Gerade dieser Zusammenhang sollte stets auch Teil einer Auseinandersetzung mit Pädagogik sein und in den erziehungswissenschaftlichen Studiengängen berücksichtigt werden, wobei der Historischen Bildungsforschung eine besondere Aufgabe zukommt.

An die Thematisierung von Klassikern und Nicht-Klassikern knüpft der Beitrag „‚Belehrung‘ und ‚Neufassung‘ – Tradieren als Übersetzen“ von Carsten Bünger und Sabrina Schenk an. Unter Rückgriff auf den Begriff der „Belehrung“ bei Günther Buck und den Begriff der „Neufassung“ bei Heinz-Joachim Heydorn nähern sie sich mit einer theoretisierenden Perspektive der wissenschaftlichen Praxis der „Übersetzung“. Bünger und Schenk stellen einleitend eine Frage, die sicher schon Generationen angehender „Jungwissenschaftler/innen“ umgetrieben hat, und zwar, wie sich in angemessener Weise gegenüber einem Wissen der Tradition verhalten werden kann, auf das man sich in gleicher Weise bezieht, wie man dieses auch als überholt einschätzt. Mit ihrem Begriff des „Übersetzens“ versuchen sie eine Bewältigungsoption dieses Dilemmas zu beschreiben, die die Aneignung einer Tradition als Versuch versteht, diese in die eigene Sprache zu transformieren. „Übersetzen“ erweitert somit die von Sebastian Engelmann ausgeführte Praxis der Rezeption oder Nicht-Rezeption um einen anschaulichen Zugang, der neben der Frage danach, ob und warum etwas thematisiert wird, die Frage der Art und Weise der Deutung in der Rezeption aufwirft.

Dem Verb „Umschreiben“ ist der Beitrag „Gedächtnispolitik in den Geisteswissenschaften“ der Hamburger Arbeitsgruppe zuzuordnen. Morvarid Dehnavi, Julia Kurig, Andrea Wienhaus und Carola Groppe beleuchten den Prozess der Versozialwissenschaftlichung und die damit einhergehende Neuakzentuierung und Implementierung der Kategorie des Sozialen seit Mitte der 1960er-Jahre in der Geschichtswissenschaft, der Erziehungswissenschaft und der Germanistik. Wenn auch nicht gänzlich neu, aber in ihrer Eindeutigkeit gut herausgearbeitet ist die These, dass kritische und empirische Erziehungswissenschaft die Diskussionen um Disziplinentwicklung zu dieser Zeit dominierten und entscheidenden Einfluss auf das Wissenschaftsverständnis nahmen; auch die zwischen Weltanschauungen und Wissenschaft verorteten Konflikte zwischen ebendiesen beiden Strömungen werden prägnant abgebildet.

Mit „Erinnern“ und „Nicht-vergessen“ können die Aufsätze von Micha Brumlik und Anne Rohstock zusammengefasst werden, denn sie thematisieren die lange noch nicht abgeschlossene Aufarbeitung der Verstrickung der pädagogischen Wissenschaftsdisziplinen und seiner Akteure in der Zeit des Nationalsozialismus. Micha Brumlik bezieht sich auf die prominenten und in großen Teilen schon ausgiebig diskutierten Fälle einiger „Heroen“ der Erziehungswissenschaft, wie z.B. Theodor Wilhelm, Erich Weniger und vor allem Heinrich Roth. Er verweist darauf, dass diese Verstrickungen oftmals als „historischer Kontext“ verharmlost werden und somit zu fehlgeleiteten Debatten führen. Anne Rohstock arbeitet am Beispiel des Bildungsökonomen Friedrich Edding in hervorragender Weise die Differenz zwischen seiner biographischen Selbstdarstellung und einer historischen Analyse seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus heraus. Dies gelingt deshalb, weil sie auf einer breiten Quellenbasis argumentiert, die sich sowohl aus Briefen wie auch aus öffentlichen Dokumenten zusammensetzt, und es dabei immer wieder schafft, in besonderer Weise die Mehrperspektivität von Geschichtsschreibung zu beleuchten. Beispielhaft hierfür ist ihre deutliche Warnung den Nationalsozialismus nur auf eine „[…] hoch-ideologisierte, antisemitische, rassistische und biologistische Bewegung einzugrenzen,“ da dies „[…] den tatsächlichen Erscheinungsformen und der nationalsozialistischen (Alltags-)praxis nicht nur nicht gerecht wird, sondern auch höchst gefährlich ist“ (S. 146). Für die Erziehungswissenschaft insbesondere bedeutsam ist ihr Beitrag, da Anne Rohstock mit dieser Perspektive auf die Konstruktion von historischer Wirklichkeit Friedrich Edding, Hellmut Becker und auch Heinrich Roth als den Nationalsozialismus erst mitkonstituierende Figuren identifiziert.

Der vorliegende Band enthält über die besprochenen Beiträge hinaus weitere wertvolle Beiträge. Meike Baader berichtet aus ihrem bekannten Forschungsprojekt[4] zu pädosexuellen Diskurspositionen in der Erziehungswissenschaft um 1960 bis 1990, Jürgen Oelkers problematisiert in bekannter Manier die Heroisierung von Klassikern, Heinz-Elmar Tenorth thematisiert die Funktion des Vergessens im Kontext der Fortschreibung einer Disziplin und Rita Casale beschreibt gemeinsam mit Jeanette Windheuser die politische und disziplingeschichtliche Bedeutung des Feminismus seit 1945 und greift hierbei vor allem auf neuere Ansätze der Postcolonial Studies zurück.

Der Sammelband „Erinnern, Umschreiben, Vergessen“ erweitert zweifelsohne die kritische Auseinandersetzung mit der Disziplin Erziehungswissenschaft. Er grenzt sich mit seinem in nahezu allen Beiträgen anklingenden, Selbstreflexion fordernden Impetus – gerade bezogen auf die Historiographie der Erziehungswissenschaft – sowie seinen diskursanalytischen und hermeneutischen Zugängen deutlich von anderen aktuellen Publikationen der erziehungswissenschaftlichen Wissenschaftsforschung ab.[5] Lesbar gestaltet sich der Band auch dadurch, dass alle Beiträge eine kritisch-reflexive Position mit beispielhaften Analysen koppeln. Neben dem Einblick in die gewählten Problemstellungen wird aufgezeigt, wie sich diese in der Praxis des Erinnerns, Umschreibens und Vergessens in der Disziplin Erziehungswissenschaft niederschlagen. Der Band wird somit dem einleitend formulierten Anspruch, eine kritische Wissens- und Disziplingeschichte zu schreiben, die die „[…] machtverstrickten Praktiken des Erinnern Umschreiben und Vergessen[s]“ (S. 10) sichtbar macht, gerecht und leistet einen Beitrag zur selbstreflexiven Auseinandersetzung der Erziehungswissenschaft. Die Ebene der eigenen Verstrickung der Autor/innen des Sammelbandes als Teil der durch Machtstrukturen geprägten sozialen Praxis innerhalb der Erziehungswissenschaft hätte jedoch noch deutlicher und expliziter thematisiert werden können. Es bleibt somit teilweise unklar, ob der auch eingangs aufgegriffene Anspruch, die eigene Befangenheit dem Gegenstand gegenüber zu überwinden (ebd.), erfüllt werden konnte.

Anmerkungen:
[1] Aus der historischen Geschlechterforschung kamen schon früh diese Reflexionsangebote, z.B. von Levke Harders, American Studies. Disziplingeschichte und Geschlecht, Stuttgart 2013; für die Geschichtswissenschaft von Volker Matthies, Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender, Berlin 2018.
[2] Heinz-Elmar Tenorth, Erziehung und Erziehungswissenschaft von 1930–1945. Über Kontroversen ihrer Analyse, in: Zeitschrift für Pädagogik 35 (1989), S. 261–280.
[3] Jürgen Oelkers, Warum hat niemand den Verdacht geteilt? Die Odenwaldschule, die Medien und die Erziehungswissenschaft, in: Erziehungswissenschaft 54 (2017), S. 11–18.
[4] Der Bezugspunkt ist Baaders Forschungsprojekt „Zwischen der Enttabuisierung kindlicher Sexualität und der Entgrenzung von kindlicher und erwachsener Sexualität. Zur Rekonstruktion des Zusammenhangs von sexueller Liberalisierung, liberalisierter Erziehung, Pädophiliebewegung, Erziehungs- und Sozialwissenschaften der 1960er –1990er Jahre.“, https://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-erziehungswissenschaft/allgemeine-erziehungswiss/forschung/laufende-projekte/entgrenzung/ (28.05.2019).
[5] Beispielsweise Andreas Kempka, Die disziplinäre Identität der Erziehungswissenschaft. Ein bibliometrisch-netzwerkanalytischer Zugang, Bad Heilbrunn 2018; Thomas Rucker (Hrsg.), Erkenntnisfortschritt (in) der Erziehungswissenschaft Lernt die Disziplin?, Bad Heilbrunn 2017.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.09.2019
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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