E. Sanders u.a. (Hrsg.): Emotion and Persuasion

Cover
Titel
Emotion and Persuasion in Classical Antiquity.


Herausgeber
Sanders, Ed; Johncock, Matthew
Reihe
Ancient History
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
321 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Herrmann, Berlin

Emotionen bilden einen in den klassischen Altertumswissenschaften mittlerweile vielfach behandelten Gegenstand.[1] Und innerhalb dieses großen Forschungsfeldes positioniert sich der hier anzuzeigende Band, der auf eine internationale Tagung am Royal Holloway College im Jahre 2013 zurückgeht, dadurch, dass er sich ausschließlich auf die „variety of ways in which emotions form part of strategies of persuasion“ (S. 19) konzentriert. Einer der Herausgeber, Ed Sanders, kündigt dazu „exciting new thinking areas of this subject“ (S. 19) an. Und in der Tat: Der Band, der neben einer das Themenfeld umreißenden und in den Band einführenden Einleitung 16 Beiträge versammelt, welche wiederum in vier thematischen Abschnitten strukturiert sind, geht hierbei mitunter recht neue Wege, wenn auf bisher nur wenig beachtete Quellen und Methoden zurückgegriffen wird.

Die erste Sektion „Emotions in classical Greek oratory – New directions“ wird eröffnet von Chris Careys Beitrag „Bashing the establishment“ (S. 27–39). Er zeigt darin auf, dass den Rednern in der attischen Volksversammlung des 4. Jahrhunderts eine sich an bestimmten Topoi orientierende „emotive rhetoric of attack on a corrupt, arrogant elite“ (S. 38) eigen war und dass solche Verunglimpfungen der Gegner darauf zielten, Empörung und Neid, aber auch Verachtung, Verbitterung, Scham und Furcht zu erregen und so die Hörerschaft von sich einzunehmen. In „Rational and emotional persuasion in athenian inheritance cases“ (S. 41–55) geht Brenda Griffith-Williams auf zwei Reden ein, die Isaios anlässlich von Erbschaftsfällen verfasst hat. Sie stellt heraus, dass er, um der komplexen Aufgabe, die Hörer zu gewinnen, gerecht zu werden, in seinen Reden sowohl emotionale als auch rationale Elemente seiner jeweiligen Fälle aufgreift und je individuell gewichtet. Anhand von Demosthenes und Thukydides arbeitet daraufhin Ed Sanders in „Persuasion through emotions in Athenian deliberative oratory“ (S. 57–73) diejenigen Emotionen heraus, auf deren Erregung politische Reden in klassischer Zeit vorrangig zielten: Furcht, Hoffnung, Vertrauen, Verachtung, Scham und Stolz. Guy Westwood schließlich zeigt in „Nostalgia, politics and persuasion in Demosthenes’ Letters“ (S. 75–90), dass Demosthenes aus dem Exil heraus mit seinen Briefen seine Wiedereinsetzung zu erreichen suchte, indem er darin seine eigene Version der Vergangenheit präsentierte, um somit in seinen Lesern ein „desire for the better times“ (S. 88) zu wecken und ihnen zugleich seine Verdienste um Athen vor Augen zu führen.

Mit „Emotion and the formation of community identity“ ist die zweite Sektion übertitelt. Hierin untersucht zunächst Angelos Chaniotis in „Displaying emotional community – the epigraphic evidence“ (S. 93–111), wie mittels ganz verschiedener Inschriftentypen darauf gezielt wurde, einen Zustand emotionaler Gemeinschaft herbeizuführen, sowohl ad-hoc als auch zeitübergreifend. Ausgenommen der Epitaphe findet er überall asymmetrische Beziehungen vor und schließt daraus, „emotional community is a strategy of persuasion in the complex relations and negotiations between unequal partners“ (S. 109). Anschließend fokussiert Maria Fragoulaki in „Emotion, persuasion and kinship in Thucydides: The Plataian debate (3,52–68) and the Melian Dialogue (5,85–113)“ auf den stark emotional aufgeladenen Aspekt der Verwandtschaftsverhältnisse und den darauf aufbauenden Kommunikationsstrategien in der griechischen Außenpolitik. In „‘There is no one who does not hate Sulla’: Emotion, persuasion and cultural trauma“ (S. 131–145) zeigt Alexandra Eckert anhand von Cicero, Valerius Maximus und Seneca auf, wie die stark ablehnende Haltung gegenüber Sulla, die in der späten Republik und frühen Kaiserzeit in weiten gesellschaftlichen Kreisen vorherrschte, dazu instrumentalisiert werden konnte, um starke negative Emotionen hervorzurufen. Lucy Jackson schließlich geht in „Greater than logos? Kinaesthetic empathy and mass persuasion in the choruses of Plato’s Laws“ (S. 147–161) auf das bereits von Platon beschriebene Phänomen der kinästhetischen Empathie ein, worunter der emotionale Gleichklang zwischen den Aufführenden und den Zuschauern einer Choraufführung zu verstehen ist. Weil damit potentiell auf alle Bürger unmittelbar eingewirkt werden könne, plädiert sie dafür, der „choreia […] a persuasive power that outweighed the persuasions of logos“ (S. 160) zuzuschreiben.

Die dritte Sektion ist den „Persuasive strategies in unequal power relationships“ gewidmet. Darin zeigt Jennifer Winter in „Instruction and example: Emotions in Xenophon’s Hipparchicus and Anabasis“ (S. 165–181), dass Xenophon es als eine wichtige Eigenschaft eines erfolgreichen Feldherrn ansah, in den Truppen je nach Situation bestimmte Emotionen wie etwa Furcht, Milde und Hass hervorrufen zu können. Auf den Zorn der frühen Kaiser als machtvolles Werkzeug im Herrschaftsprozess geht Jayne Knight anhand von Ovid, Seneca und Sueton in „Anger as a mechanism for social control in Imperial Rome“ (S. 183–197) ein. Sie stellt heraus, dass es für die gewünschte Wirkung, Konformität zu erzeugen und Devianz zu unterbinden, unerlässlich war, dass die Zornursache rational nachvollzogen werden konnte. Indem sie sich auf Beispiele aus der Geschichtsschreibung der Kaiserzeit und Spätantike stützt, arbeitet Judith Hagen in „Emotions in Roman historiography: The rhetorical use of tears as a means of persuasion“ (S. 199–212) heraus, dass Tränen darin als unterstützende Geste zwar eine kraftvolle Wirkung entfalten, dass diese Wirkung allerdings noch stärker sein konnte, wenn sie allein zum Einsatz kamen. Tränen seien daher „obviously more impressive and also more important than the words which accompany them“ (S. 211). Aus dem Umstand, dass emotionale Ansprachen in Ovids Metamorphosen häufig fehlschlagen und darauf oft Gewalt angewendet wird, folgert Matthew Johncock in „‘He was moved, but…‘: Failed appeals to the emotions in Ovid’s Metamorphoses“ (S. 213–234), dass Ovid darauf gezielt habe, in seinen Lesern „pity for the underdog“ und „displeasure with power hierarchies“ (S. 228) hervorzurufen.

Die letzte Sektion schließlich legt den Fokus auf „Linguistic formulae and genre-specific persuasion“. Dort erkennt Eleanor Dickey in „Emotional language and formulae of persuasion in Greek papyrus letters“ (S. 237–262) anhand von Höflichkeitsformeln einen Sprachwandel. Ist in der klassischen Literatur nur selten eine „markedly polite language in the making of requests“ (S. 239) zu finden und der Imperativ vorherrschend, stellt sich dies in hellenistischen Papyri, wo der Imperativ nur noch gegenüber Personen mit geringerem Status Verwendung findet, grundlegend anders dar. Die Ursache dafür sei ihr zufolge in der mit dem Hellenismus einhergehenden „sharp cultural transition“ (S. 248) zu sehen. In „Emotions, persuasion and gender in Greek erotic curses“ (263–279) geht Irene Salvo auf antike Fluchtafeln ein, die Liebesgefühle hervorrufen sollten. Da dazu allerdings göttliche Hilfe nötig war, kann sie innerhalb dieser Tafeln eine Vielzahl emotionaler Strategien identifizieren, mit denen die Götter zur Unterstützung bewegt werden sollten. Federica Iurescia zeigt in „Strategies of persuasion in provoked quarrels in Plautus: A pragmatic perspective“ (S. 281–294), dass plautinische Figuren, um ihr jeweiliges Gegenüber für sich zu gewinnen, negative Emotionen, insbesondere Furcht und Zorn, in der Zielperson zu erregen und sie so in einen Zustand der Verwirrung zu versetzen suchten. Entscheidend dafür war, dass die Ansprache jeweils exakt auf deren charakterliche Schwächen und gesellschaftliche Rolle zugeschnitten war. Abschließend erkennt Kate Hammond in „‘It ain’t necessarily so’: Reinterpreting some poems of Catullus from a discursive psychological point of view“ (S. 295–313) Catulls Bestreben, “typical language patterns of everyday life“ in seine Dichtung zu integrieren, um ihr so „a greater layer of emotional verisimilitude” (S. 312) zu verleihen.

Aufgrund seiner thematischen und methodischen Vielfalt bietet der sorgfältig edierte Band[2] somit einen breiten Überblick und auch eine Vielzahl anregender Einblicke in das Forschungsfeld, wobei auch sein hohes Maß an Einheitlichkeit die Rezeption enorm erleichtert.[3] Und schließlich ist es nicht nur der gesteigerten Kohärenz des Bandes dienlich, sondern vor allem der Komplexität des Themas angemessen, dass die einzelnen Beiträge immer wieder Verbindungen untereinander herstellen. Doch just dies weist auch auf einen kritischen Punkt, werden doch die Prinzipien, die bei der Gliederung des Bandes und der Zuteilung der einzelnen Beiträge leitend waren, nirgendwo dargelegt.[4] Durch den Fokus auf den kognitiven Aspekt von Emotionen jedenfalls, den die meisten Beiträge vornehmen, wäre es wünschenswert gewesen, wenn anhand der Gliederung die kultur- und zeitspezifischen Bewertungsmaßstäbe, die Emotionen dann ja zugrunde liegen, stärker herausgestellt worden wären. Dann hätten womöglich nicht nur die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den antiken Gesellschaften in der Art und Weise, wie Personen mittels Emotionen zu einer bestimmten Haltung oder Handlung bewegt werden sollten, besser sichtbar gemacht werden können, sondern auch etwaige Entwicklungslinien.

Anmerkungen:
[1] Das lässt sich an den vielfältigen Publikationen ablesen, worüber die Bibliographien innerhalb des Bandes einen guten Überblick geben.
[2] Aufgefallen sind nur wenige Druckfehler: „gàr“ (S. 46, Anm. 17; S. 50) statt „gár“; „lographer“ (S. 54) statt „logographer“; „tbe“ (S. 54) statt „the“; „dithyrmab“ (S. 160) statt dithyramb; „Antike Fachtexts“ (S. 178) statt „Fachtexte“; „Peloponnesian war“ (S. 268) statt „Peloponnesian War“ und „Antik-rezeption“ (S. 294) statt „Antikenrezeption“.
[3] Alle Beiträge sind untergliedert und mit einer Conclusio versehen. Die verwendete Literatur wird nach jedem Beitrag separat angeführt. Darüber hinaus bieten einige Beiträge im Anhang hilfreiche Übersichten in Form von Tabellen. Und am Ende des Bandes findet sich ein Index, der ein schnelles Nachschlagen ermöglicht.
[4] Recht lapidar heißt es dazu, „the organization that has been choosen highlights three particularly notable thematic groupings“ (S. 21).

Redaktion
Veröffentlicht am
28.11.2016
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