P. Germann: Laboratorien der Vererbung

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Titel
Laboratorien der Vererbung. Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz 1900–1970


Autor(en)
Germann, Pascal
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
490 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Etzemüller, Fakultät IV, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Mittlerweile dürfte sich die Einsicht durchgesetzt haben, dass man nicht dichotomisierend zwischen einer „liberalen“ Anthropologie des 19. Jahrhunderts und einer „dunklen“ Rassenforschung im Nationalsozialismus unterscheiden sollte. Vielmehr zeichnet sich in der Forschung seit langem ab, dass anthropologische Vermessungen und eugenische Programme für weite Teile der westlichen Welt zu den Instrumenten gehörten, die Dynamik der industriellen Moderne zu deuten und zu regulieren. Selbst die „moderne“ Humangenetik, die sich seit den 1940er-Jahren gegen Eugenik und Rassenanthropologie zu positionieren begann, erscheint nunmehr als Teil dieser Geschichte, die eben nicht mehr unter dem Primat der nationalsozialistischen Verbrechen gelesen wird. Diese verdankten sich der Radikalisierung eines Denkens, das schon lange versuchte, soziale Differenzen biologisch zu deuten und die bürgerliche Gesellschaftsordnung als „natürlich“ festzuschreiben.[1]

In diesen Deutungsrahmen ordnet sich Pascal Germann mit seiner 2015 an der Universität Zürich verteidigten Dissertation ein, die für den Druck leicht überarbeitet wurde (und die Literatur nach 2014 nur kursorisch einbezieht). Er untersucht das Feld der menschlichen Vererbungsforschung in der Schweiz im 20. Jahrhundert, zu dem so unterschiedliche Disziplinen wie die Anthropologie, Botanik, Genealogie, Mathematik, Serologie, Radiologie oder Geomedizin zu rechnen sind. Das Interesse an der menschlichen Vererbung ist, so die zugrunde liegende Annahme, nicht allein der Humangenetik des 20. Jahrhunderts zuzuschreiben, sondern bewegte die Wissenschaft bereits seit Längerem. Germann postuliert dabei zu Recht, dass man die Vererbungsforschung als seriöse und nicht als Pseudo-Wissenschaft begreifen sollte, ungeachtet des kruden Weltbildes, das sie empirisch (vergeblich) zu untermauern versuchte. Außerdem macht er deutlich, dass das Jahr 1945 in der Schweiz ebenso wenig wie in Deutschland eine Zäsur darstellte. Die vier Bände der voluminösen „Anthropologia Helvetica“ etwa waren schon in der Zwischenkriegszeit vorbereitet worden, erschienen aber erst in den Jahren 1946 und 1959 und wurden von der Forschung und der Öffentlichkeit positiv aufgenommen.

Die Schweizer Anthropologie, die, so zeigt Germann, dem Nationalsozialismus nie wirklich ferngestanden hatte, sah sich – nicht anders übrigens als ihre skandinavischen, anglo-amerikanischen und deutschen Kollegen[2] – international stets als „politisch ‚neutrales‘ Laboratorium“ (S. 89) und als methodisches Vorbild. Den Schweizer Forschern ging es darum, „den biologischen Begriff der Rasse von anderen Kollektivkategorien wie Nation, Sprachgruppe oder Religionsgemeinschaft scharf abzugrenzen“ (S. 34). Weniger die Nation bildete für sie den Referenzrahmen als vielmehr „europäische und globale Probleme, die sich auf die Differenzdiskurse des Kolonialismus, auf Visionen für politische Ordnungen Europas oder auf die Themen der internationalen eugenischen Bewegung bezogen“ (S. 67). Die Rassenforschung habe dabei gerade auf die Fragmentierung, nicht die Integration nationaler Bevölkerungen abgezielt. Dieser Befund Germanns mag methodisch stimmen, wurde aber zumindest in Deutschland und Skandinavien praktisch-politisch unterlaufen, indem (rassisch-soziale) Differenz und (nationale) Einheit wie ein Kippbild zusammengedacht wurden. Deshalb mögen im Rahmen von Öffentlichkeit und Politik „nationale Selbstvergewisserungs- und Abgrenzungsdiskurse in einem Konflikt mit der internationalen Ausrichtung der Anthropologie“ gestanden haben (S. 141), nicht aber im Selbstverständnis der Vererbungs- und Rassenforschung.

Germann rollt das Feld zunächst über die Julius-Klaus-Stiftung auf, die in Ermangelung einer nationalen Forschungsförderung eine wichtige Rolle sowohl für die anthropologischen als auch die humangenetischen Untersuchungen in der Schweiz spielte. Die Stiftung stellte selbst in der Nachkriegszeit die Rolle der Anthropologie nicht in Frage und unterstützte durch ihre Förderpraxis die erbbiologisch orientierte Rassenforschung, die medizinische Genetik und die Etablierung der experimentellen Genetik. Sicherlich gab es methodische und theoretische Verschiebungen zwischen diesen Disziplinen, doch eher in Form einer kontinuierlichen Entwicklung denn als radikale Brüche.

Germann exemplifiziert seine Deutung dann in drei großen Kapiteln. Das erste behandelt Rassenforschung und Anthropometrie zwischen 1900 und 1960, das zweite medizinische Genetik und Genealogie von 1900 bis 1970, das dritte die "Blutgruppenforschung zwischen Rassenanthropologie und Populationsgenetik" zwischen 1940 und 1970. Dieser Ansatz deutet eine wissenschaftliche Fortschrittsgeschichte an und unterläuft sie zugleich. Die Anthropometrie bemühte sich, rassische Unterschiede durch die detaillierte Vermessung Tausender von Menschen zu belegen und zugleich vom sichtbaren Phänotyp auf den unsichtbaren Genotyp, die biologische Konstitution der Menschen zu schließen. Ohne genealogisches Material war dieser Schluss allerdings nicht möglich, deshalb wurden die Probanden nach Krankheitspathologien und familiären Beziehungen befragt – eine Methode, die in der Humangenetik bis heute eine Rolle spielt. Stammbäume hatten zudem den Vorteil, (vermeintliche) biologische Pathologien visuell eindringlich vor Augen zu führen.

Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Blutgruppenforschung als Königsweg, um genetische Unterschiede zwischen „Populationen“ (wie man zunehmend sagte) objektiv festzustellen. Das ließ sich seinerzeit als wissenschaftlicher Fortschritt lesen, war tatsächlich aber nur ein weiterer verzweifelter Versuch, endlich diejenigen methodischen Probleme zu lösen, die seit 100 Jahren nicht hatten gelöst werden können. Deshalb auch verloren Anthropometrie und Genealogie nicht ihre Bedeutung; vor allem die Vertreter der ersteren mussten jedoch zunehmend einsehen, dass die aufgehäuften Daten keine signifikanten anthropologischen Differenzen belegen konnten. Gerade die Korrelation aller erhobenen anthropologischen Merkmale durch die Hollerith-Maschine ergab, dass nur 1,571 Prozent der bis 1932 für die Anthropologia Helvetica erfassten Wehrpflichtigen als rein „nordisch“ zu bezeichnen waren. 91,339 Prozent entfielen dagegen auf biologische „Kreuzungsprodukte“ (S. 168). An die Existenz von Rassen zweifelten die Wissenschaftler deshalb zwar nicht, doch sie stellten den Begriff bis zum künftig erhofften Beweis erst einmal zurück.

Zwei großangelegte Erhebungen verdeutlichen den Optimismus, durch Massenerhebungen anthropologisch-genetischer Daten zu generalisierbaren Aussagen über Rassenunterschiede zu kommen: die Vermessung von über 35.000 Wehrpflichtigen zwischen 1927 und 1932, deren Ergebnisse später in der erwähnten Anthropologia Helvetica publiziert wurden, und ein regelrechter run auf das Walsertal, in dessen abgeschiedenen Dörfern eine noch weitgehend „reine“ Schweizer Bevölkerung vermutet wurde. Germann nennt das treffend eine Imagination von „Zeitreisen in eine vormoderne Vergangenheit“ (S. 267). Daran beteiligten sich auch Humangenetiker, die programmatisch von der „Biologisierung des Sozialen zwar weitgehend Abschied“ nahmen, doch zeigen solche genetischen Isolatforschungen, „wie soziales Differenzdenken [dennoch] konstitutiv blieb, um Populationen zu bestimmen, medizinische Daten zu arrangieren oder epidemiologische Deutungen vorzunehmen“ (S. 286). Deshalb war die Humangenetik „nicht nur eng mit der Eugenik, sondern auch mit anderen Formen moderner Ausgrenzungspolitik verbunden“ (S. 306). Gerade die Kooperation mit deutschen Genetikern und Rassenkundlern im „Dritten Reich“ hatte Schweizer Genetikern zur akademischen Profilierung gedient, so der plausible Befund Germanns. Diese Schweizer Studien hätte er allerdings mit Otto Ammons ähnlich gelagerter „Anthropologie der Badener“ von 1899, Egon von Eickstedts groß angelegten Untersuchungen aus den 1930er- und 1940er-Jahren oder Ilse Schwidetzkys Forschungen zu Westfalen und Rheinland-Pfalz (1967 bzw. 1975) vergleichen können, um frappierende Kontinuitäten und transnationale Muster anthropologischer Praktiken und Denkweisen genauer aufzuzeigen.

Irritiert hat mich bei der Lektüre, dass Germann die Bedeutung des Visuellen betont, mit Bildern jedoch stiefmütterlich umgeht. Die meisten der 15 Abbildungen dienen ausschließlich der Illustration, nur wenige werden ansatzweise interpretiert. Gerade anhand der Karte der Verteilung blonder und dunkler Typen (S. 157) hätte er beispielsweise zeigen können, dass solche Karten anthropologische Merkmale nicht visualisieren, wie er schreibt (S. 156), sondern wie sie mit Hilfe heller und dunkler Schraffuren oft insignifikante Messdifferenzen in den entscheidenden Gegensatz „nordischer“ und „nicht-nordischer“ Rassen transformierten. Dasselbe gilt für die Texte als Medium. Germann nutzt sie als Informationsträger, die er ideengeschichtlich überzeugend differenziert (aber methodisch konventionell) auswertet. Doch die von ihm referierten Messfehler und Erhebungsprobleme beispielsweise waren den Lesern bereits damals in extenso von den Anthropologen unterbreitet worden, und zwar mit dem Hintergedanken, naturwissenschaftliche Evidenz narrativ regelrecht zu inszenieren, denn wer Fehler aufdeckt, manipuliert offensichtlich nicht und muss also wissenschaftlich objektiv sein. Auf die Techniken der Retusche auf dem Weg von widersprüchlichen Messergebnissen hin zu einer datentechnisch halbwegs kohärenten Publikation geht Germann ebenfalls nur ansatzweise ein, etwa wenn ein Anthropologe Begriffe wie „nordische“ Rasse durch – wahrlich nicht wertneutral – griechische Buchstaben ersetzen wollte.

Nichtsdestotrotz hat Germann eine solide und erhellende Studie vorgelegt, die nun auch für die Schweiz zeigt, wie wenig die Vererbungsforschung umstandslos auf Rassenkunde und Eugenik zu reduzieren und als „böse“ oder nationalsozialistisch abzuschreiben ist, sondern dass sie zum politischen Instrumentarium auch demokratischer Gesellschaften im 20. Jahrhundert gehörte. Zygmunt Baumans Theorem einer „Ambivalenz der Moderne“ wird damit untermauert und differenziert, ebenso wie die Problematik einer Symbiose von Wissenschaft und Politik bzw. Weltanschauung.

Anmerkungen:
[1] Das ist zumindest meine These in Thomas Etzemüller, Auf der Suche nach dem Nordischen Menschen. Die deutsche Rassenanthropologie in der modernen Welt, Bielefeld 2015.
[2] Vgl. für Deutschland nur die absurd optimistische Bestandsaufnahme von Ina Spiegel-Rösing / Ilse Schwidetzky, Maus und Schlange. Untersuchungen zur Lage der deutschen Anthropologie, München 1982.