P. Kritzinger: Ursprung und Ausgestaltung bischöflicher Repräsentation

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Titel
Ursprung und Ausgestaltung bischöflicher Repräsentation.


Autor(en)
Kritzinger, Peter
Reihe
Altertumswissenschaftliches Kolloquium 24
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
340 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva Baumkamp, Seminar für Alte Geschichte / Institut für Epigraphik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Beschäftigung mit verschiedensten Aspekten der Alten Kirchengeschichte ist immer wieder Gegenstand der Forschung. Peter Kritzinger widmet sich nun einem aus althistorischer Perspektive bisher vernachlässigten Bereich, dem Ursprung und der Ausgestaltung bischöflicher Repräsentation. Es handelt sich dabei um seine im Jahr 2009 verfasste Dissertation, die nun in stark überarbeiteter Fassung erschienen ist. Das Thema wird durch die Konzentration auf den Westen des Imperium Romanum bis zum Ende des Weströmischen Reiches begrenzt. Ziel der Arbeit ist es, „in fünf Fallstudien dem Ursprung und der frühen Entwicklung der Selbstdarstellung und Repräsentation der Bischöfe“ nachzuspüren (S. 10).

Die Arbeit ist klar gegliedert, und der Aufbau sei im Folgenden vorgestellt: Einer strukturierten „Einleitung“ (S. 10–23) folgen zwei Kapitel, „Ursprung und Entwicklung christlicher Gemeinden“ (S. 24–61) und „Verhältnis und Verhalten“ (S. 62–80), in denen der historische Kontext, allgemeine Entwicklungen der christlichen Gemeinden sowie Beziehungen einzelner Gruppen zueinander als Voraussetzung für die nachfolgenden Fallstudien skizziert werden. Die erste Fallstudie „Ursprung und Entwicklung der Paramente“ (S. 81–113) beschäftigt sich mit der Gewandung der Bischöfe, es folgen die Kapitel „Die Kathedra“ (S. 114–140), „Architektur“ (S. 141–200), die „Eroberung des öffentlichen Raums“ (S. 201–227) und schließlich „Repräsentation ohne Repräsentant?“ (S. 228–270). Die Arbeit endet mit einer knappen „Zusammenfassung“ (S. 271–278). Der „Anhang“ (S. 279–340) ist sehr ausführlich und bietet neben Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis, verschiedenen Indices auch ein hilfreiches Glossar.

In der Einleitung bietet Kritzinger eine knappe Vorstellung von bischöflicher Selbstdarstellung und macht Repräsentation als Forschungsdesiderat aus, da sich zwar unterschiedlichste Fachdisziplinen (Alte Geschichte, Christliche Archäologie, Theologien, Philologien sowie Rechtsgeschichte) mit Teilbereichen des Themas beschäftigt haben, eine systematische Zusammenstellung und Auswertung bisher aber nicht unternommen wurde. Da er sich zwangsläufig auf vorhandene Einzelstudien der unterschiedlichen Fachdisziplinen stützen muss, wählt er mit Recht einen komparatistischen Ansatz, um alle Mittel von Repräsentation und Selbstdarstellung angemessen fassen zu können. Seine Arbeit stützt sich auf eine Fülle von archäologischen, papyrologischen, epigraphischen sowie literarischen Zeugnissen, die unterschiedliche methodische Zugänge nötig machen.

In einem ersten Schritt versucht Kritzinger, seine zentralen Analysekriterien Repräsentation und Selbstdarstellung zu definieren und vom Alltagssprachgebrauch zu differenzieren: Repräsentation zielt für ihn immer auf eine Gruppe, doch wirke diese Gruppe auch auf die Repräsentation ihres Vertreters, hier des Bischofs, ein (S. 15). Selbstdarstellung bezeichnet er dagegen als „individuelle Darstellung und schöpferischen Akt“ (S. 16). Im Laufe der Entwicklung könne sich aus der individuellen Selbstdarstellung ein allgemein akzeptiertes Repräsentationsverhalten mit eigenen Formen entwickeln (S. 17). Dies führt dazu, dass er Repräsentation als „bildhafte[n] Ausdruck einer Hierarchie“ (S. 18) begreift, die eine eigene Zeichensprache schuf.

Die kontextualisierenden Kapitel zu „Ursprung und Entwicklung christlicher Gemeinden und Ämter“ und „Verhalten und Verhältnis“ bieten wenig Neues, spiegeln jedoch den aktuellen Forschungsstand für dieses Thema wider. So ist der starken Betonung auf eine zunehmende „Verweltlichung des Amtes“ (S. 61) zuzustimmen, die seit der Legalisierung des Christentums besonders greifbar wird. Interessant ist der Hinweis, dass es nach Kritzinger auch im Westen des Imperiums sogenannte Chorbischöfe gab, der Begriff aber in den zeitgenössischen Quellen weitgehend vermieden wurde (S. 56–58). Da Bischöfe mit anderen interagieren mussten, analysiert Kritzinger knapp die Verhaltensweisen und von Bischöfen geforderte Verhaltensnormen bezogen auf die wichtigsten Interaktionspartner, den Klerus, das Volk, die gesellschaftliche Elite und den Kaiser. Dass mit der Legalisierung des Christentums Bischöfe mehr und mehr nicht genuin kirchliche Aufgaben wahrnahmen, führte zu einem geänderten Verhalten gegenüber Amtsträgern auf der Ebene der Städte und des Reiches. Am Beispiel des Ambrosius macht Kritzinger das zunehmend selbstbewusste Verhalten deutlich (S. 76–78).

Sich etablierende Kleidungsnormen sieht Kritzinger in der hellenistisch-jüdischen Festtagskultur begründet. Der Klerus setzte sich von der Gemeinde durch das Beibehalten besonderer Kleidung ab, wie bildliche Zeugnisse bestätigen. In der Regel gehörte in vorkonstantinischer Zeit eine lange und langärmlige weiße Tunika zusammen mit einem pallium zur Gewandung des Klerus respektive der Bischöfe, Diakone wurden im 4. Jahrhundert dagegen nur noch mit einer dalmatica dargestellt. Der Nachweis einer speziellen Gewandung ist für Kritzinger daher gegeben. Dies bestätigen auch die wenigen literarischen Befunde, denn alltägliche Veränderungen seien, so Kritzinger, ein schleichender Prozess, der von den Zeitgenossen kaum wahrgenommen wurde (S. 96). Unbestritten ist die besondere Kleidung des Bischofs (weiße Talartunika, weiße Dalmatik, farbige Penula und Zierpallium) ab dem 5. Jahrhundert. Insbesondere die Farbigkeit von Teilen der bischöflichen Tracht diente repräsentativen Zwecken. Aufschlussreich ist die Beobachtung, dass ältere Kleidungsvorstellungen in der bildenden Kunst für die Darstellung von Heiligen und Märtyrern beibehalten wurden (S. 112).

Dass die Kathedra das wichtigste Sitzmöbel des Bischofs war und als synonym für seine Lehr- und Amtsgewalt angesehen wurde, macht Kritzinger zu Recht deutlich. Repräsentativ waren die Kathedren durch ihre immer differenziertere Ausgestaltung (Tuch, Baldachin, Schemel), die der Inszenierung des Bischofs diente. Durch die hohe Rückenlehne sei dieses Möbelstück in der Regel nicht für den Transport geeignet gewesen, so dass der häufig erhöht sitzende Bischof von seinem Platz aus eine Raumordnung vorgab. Der Bischof wurde so zur zentralen Gestalt in der Kirche und der Rechtsprechung, auf den alle Augen gerichtet waren.

Wie eng Repräsentation und Architektur verknüpft waren, verdeutlicht Kritzinger anschließend an verschiedenen Architekturtypen (Kirchen/Basiliken als Versammlungsräume, Episcopia, Coemeterien sowie Baptisterien). Er neigt dazu, den christlichen Basilikabau als vorkonstantinisch anzusehen (S. 149). Doch sind die archäologischen und literarischen Belege hier äußerst umstritten, wie er selbst eingestehen muss (S. 148, Anm. 47–48). Fassbar wird der Bautyp der Basilika flächendeckend erst mit Konstantin. Dass der Kaiser sich nicht an der Raumgestaltung beteiligte, sieht Kritzinger dadurch belegt, dass die Aufsicht über die Bauten bei den Bischöfen lag. Doch gab Konstantin allein durch die immensen finanziellen Mittel, die er für den Bau von einzelnen Kirchen zur Verfügung stellte, schon die Richtung hin zu einer luxuriösen Ausstattung vor. Eine möglichst prächtige Ausstattung wurde zum Standard und ließ Bischöfe als Bauherren gegeneinander konkurrieren. Das Innere der Kirche wurde damit zum Repräsentationsobjekt. Der Kirchenraum wurde weiter architektonisch hierarchisch gegliedert, wobei dem Altarraum und den Handlungen des Bischofs in ihm eine wachsende Bedeutung zukam. Optische Trennungen wie Schranken oder vela verstärkten diesen Effekt. „Dass […] der Sitzplatz des Bischofs am Ende sogar die Bedeutung des Altars überflügelte, dürfte wohl auch damit zusammenhängen, dass der Episkopat maßgeblich die Raumgestaltung und -hierarchisierung bestimmen konnte“ (S. 176).

Aus der Nähe von Wohn- und Amtssitz entwickelten sich in den Städten zunehmend „fürstliche Unterkünft[e]“ (S. 181), die dem Repräsentationsbedürfnis der Bischöfe entgegenkamen. Gegen die Annahme von Rapp, dass die Christianisierung der Zentren der Städte des Imperium Romanum sich durch die immer weiter steigende Anzahl von Christen erklären ließe [1], argumentiert Kritzinger pragmatisch mit den durch die sich verkleinernde Bevölkerung frei werdenden städtischen Immobilien bzw. Grundstücken.

Bischöfliche Gräber spielten – mit Ausnahme von Rom – bis ins 4. Jahrhundert eine untergeordnete Rolle. Die Praxis, den Bischof in der Kirche zu begraben, musste erst von Ambrosius erfunden werden, der sich zwischen Heiligenreliquien bestatten ließ (S. 194). Dass Ambrosius sich hier an Konstantins Grablege orientiert habe (S. 199), ist meines Erachtens spekulativ. Warum sollte sich gerade Ambrosius als erfinderische und durchsetzungsstarke Ausnahmegestalt unter den Bischöfen des späten 4. Jahrhunderts an einem römischen Kaiser orientieren?

Die „Eroberung des öffentlichen Raums“ durch Prozessionen und Reliquientranslationen ist ebenfalls eng mit dem Namen des Ambrosius verknüpft. Kritzinger bezeichnet ihn hier als „spiritus rector“ (S. 213). Es ist ihm zuzustimmen, wenn er betont, dass „Reliquien dem jeweiligen Bischof die Möglichkeit“ eröffneten, „seine Bedeutung und seinen Stand in der jeweiligen civitas vor allem gegenüber weltlichen ‚Honoratioren‘ in einer für ihn äußerst schmeichelhaften Weise zu inszenieren“ (S. 216). Die Erinnerung an Reliquientranslationen wurde daher nach Möglichkeit jährlich perpetuiert und neue Formen wie Bittprozessionen geschaffen. Man orientierte sich dabei an vorhanden Ritualen wie dem adventus. Ob man die translatio als Triumphzug bezeichnen sollte (S. 226), ist nach antikem Verständnis allerdings fraglich.

Abschließend behandelt Kritzinger Briefe und Inschriften als schriftliche Medien der Repräsentation. Die vorhandenen Briefcorpora werden relativ knapp abgehandelt und die unterschiedlichen Nuancen bei der Zusammenstellung betont. Es ist allerdings zu bezweifeln, ob die unredigierten Briefcorpora des Cyprian und des Augustin „authentischere Portraits der Amtsinhaber“ (S. 239) als die von den Autoren veröffentlichten Sammlungen wie die des Ambrosius oder des Sidonius liefern. Dass die bloße Zusammenstellung der Briefe der Repräsentation und Selbstdarstellung dienen kann, ist mithin wenig überraschend. Nach allgemeinen Bemerkungen zur christlichen Inschriftenkultur der Spätantike, bemüht sich Kritzinger bischöfliche Inschriften zu identifizieren. Dies gestalte sich besonders schwierig, da „der Episkopat prinzipiell nicht sonderlich bemüht war, sein Amt in Inschriften zu nennen“ (S. 251). Dieser Befund irritiert dahingehend, da gerade in der Memorialfunktion einer Inschrift die Nennung des Amtes wichtig war. Wenn ein Bischof sich dagegen um Erwähnungen in Stifterinschriften bemüht habe, dann sei dies eine „charakterliche Eigentümlichkeit des jeweiligen Amtsinhabers“ und diene der „Selbstdarstellung“ (S. 260). Kritzinger betont in seiner Zusammenfassung die Variabilität und Flexibilität von bischöflicher Repräsentation, die maßgeblich den Erfolg des Episkopats begründe (S. 278).

Mit seinem Thema hat sich Kritzinger eine Mammutaufgabe gestellt, die aufgrund des umfänglichen Gegenstands unmöglich in allen Details zufriedenstellend gelöst werden kann. So bietet die vorliegende Arbeit entgegen dem in der Einleitung geäußerten Vorbehalt bezüglich der alltagssprachlichen Verwendung von Repräsentation und Selbstdarstellung keinen nuancierteren Zugriff. Stattdessen werden Begriffe wie Selbstdarstellung und Selbstinszenierung in Abgrenzung zu Repräsentation häufig synonym verwandt. Die Auswahl der analysierten Fallbeispiele wird in der Einleitung leider kaum thematisiert. Trotz dieser Kritik macht Kritzinger interessante Beobachtungen, die für Historiker, Archäologen und Theologen nicht nur nützlich, sondern auch anregend sind und zu einem besseren Verständnis der bischöflichen Repräsentation im Westen des Imperium Romanum beitragen.

Anmerkung:
[1] Claudia Rapp, Holy Bishops in Late Antiquity. The Nature of Christian Leadership in an Age of Transition, Berkeley 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.03.2017
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