V. Katzer: »L’Algérie, c’est la France«

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Titel
»L’Algérie, c’est la France«. Die französische Nordafrikapolitik zwischen Anspruch und Realität (1946–1962)


Autor(en)
Katzer, Valentin
Reihe
Studien zur modernen Geschichte 61
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
429 S.
Preis
€ 66,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lucas Hardt, Centre Marc Bloch

Der algerische Unabhängigkeitskrieg (1954–1962) stellt in der deutschen Geschichtsforschung bis heute allenfalls ein Randthema dar. Dagegen hat in Frankreich kaum eine Thematik der Kolonialgeschichte so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Fülle der Einzel- und Überblicksstudien, Quellensammlungen und Zeitzeugenberichte zu dem längsten und opferreichsten Kolonialkrieg der französischen Geschichte ist kaum noch zu überblicken. Daher ist zunächst zu begrüßen, dass nach Hartmut Elsenhans[1] und Fabian Klose[2] nun Valentin Katzer den Versuch unternommen hat, die Thematik einer nicht-französischsprachigen Leserschaft in Form eines Überblicks nahe zu bringen. Ausgangspunkt seiner Studie ist eine Bemerkung Charles de Gaulles aus dem Jahr 1961, der zufolge Algerien Frankreich mehr koste, als es einbringe. Dieses Abrücken von der Doktrin „l’Algérie, c’est la France“ zu Gunsten einer „dem Anschein nach buchhalterische[n] Kosten-Nutzen-Rechnung“ (S. 15) des damaligen französischen Präsidenten nimmt Katzer zum Anlass, um die „französische Nordafrikapolitik“ zwischen 1945 und 1962 – unter besonderer Beachtung der Algerienfrage – vor allem aus ökonomischer Perspektive zu beleuchten. Dabei steht zunächst die Frage im Vordergrund, inwiefern die Kolonisierung Algeriens für Frankreich wirtschaftlich profitabel gewesen sei. In erster Linie geht es Katzer jedoch darum, den Anspruch und die Umsetzung „der Nordafrikapolitik“ auf ihre Kohärenz hin zu untersuchen, um herauszufinden, inwiefern sich die bis 1962 geltende Formel „l’Algérie c’est la France“ abseits von politischen Reden auch in konkreten politischen Maßnahmen widerspiegelte.

Die Auswertung von Zeitzeugeninterviews und umfangreichem Archivmaterial unterschiedlicher Provenienz soll unter Berücksichtigung politikwissenschaftlicher und volkswirtschaftlicher Zugänge nicht nur eine „mehrdimensionale Untersuchung“ gewährleisten (S. 18). Darüber hinaus verspricht Katzer, „die Algerienfrage als Teil einer komplexen französischen Nordafrikapolitik zu kennzeichnen und einer neuen Betrachtung zu unterziehen“ (S. 21). Es sei vorweggenommen, dass das Ergebnis weit hinter den Erwartungen des Rezensenten zurückbleibt, sodass einer ausführlichen Kritik gegenüber einem Eingehen auf einige durchaus interessante Aspekte der Dissertation hier der Vorrang eingeräumt wird.

Der erste Fragekomplex wird insgesamt zufriedenstellend bearbeitet. Auf der Grundlage umfassender Quellenrecherchen und ausgiebiger Analysen von Handelsbilanzen sowie der Planung und Durchführung diverser Entwicklungsprogramme vermag Katzer einerseits zu zeigen, dass die Kolonisierung Algeriens für den französischen Staat letztendlich ein Verlustgeschäft war. Dies wird etwa anhand der Konkurrenz zwischen nordafrikanischen und französischen Agrarprodukten deutlich (S. 125). Andererseits stellt Katzer überzeugend dar, dass der Sonderstatus Algeriens als offizieller Teil des französischen Staatsgebiets bis zur Unabhängigkeit der beiden Protektorate Tunesien und Marokko im Jahr 1956 in den Entwicklungsplänen kaum ins Gewicht fiel (S. 55f.). Auch wurden zu keinem Zeitpunkt ernsthafte Anstrengungen unternommen, um die durchschnittlichen Lebensstandards in Algerien und Frankreich einander anzugleichen. Es ist Katzers Verdienst, dies zum Teil sehr detailliert deutlich gemacht zu haben. Die Argumentation hätte jedoch davon profitiert, wenn Katzer berücksichtigt hätte, dass es sich bei Algerien um eine Kolonie des französischen Staates handelte, „die sich darüber zu definieren hatte, ihren kolonialen Charakter zu negieren“[3], eine These, die nicht erst seit Jan C. Jansen in der internationalen Forschung über das koloniale Algerien weitgehend unbestritten ist. Sie zur Kenntnis zu nehmen, hätte Katzer helfen können, seine durchaus interessanten Ausführungen über wirtschaftliche Aspekte der französischen Nordafrikapolitik in ihren Kontext einzuordnen, anstatt sich über viele Seiten hinweg an den Fragen der Umsetzung einer Propagandaformel („l’Algérie, c’est la France“) oder der Realisierung der Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Algerien abzuarbeiten.[4]

Das Ausblenden mehrerer einschlägiger Studien über den Algerienkrieg und den französischen Kolonialismus ist eine erste wichtige Ursache für die zahlreichen Schwächen dieses Buchs. Den umfassenden Überblick über die Historiographiegeschichte zum Algerienkrieg von Raphaёlle Branche[5] nimmt Valentin Katzer nicht zur Kenntnis und zitiert vorbehaltlos revisionistische Autoren wie etwa Grégor Mathias und den General im Ruhestand Maurice Faivre. Dagegen finden Jan C. Jansen, Fabian Klose und auch Stephan Malinowski und Moritz Feichtinger keine Beachtung. Letztere hätten Katzer mit ihrer erhellenden Einordnung des Algerienkriegs als „konstruktiven Krieg“[6] vielleicht davor bewahrt, einen „Zielkonflikt zwischen Kriegs- und Investitionsausgaben“ zu konstruieren (S. 185). So erfährt der Leser in Katzers Dissertation nicht, dass die Strategie des französischen Staates zur Bekämpfung der algerischen Rebellion insbesondere in den Jahren 1956–1959 maßgeblich von der sogenannten „doctrine de la guerre révolutionnaire“ geprägt war, der zufolge die Armee als zentrale Gestalterin einer fundamentalen Neuordnung des gesellschaftlichen Lebens in Algerien fungieren sollte. Da sich Katzer auch nicht mit den Arbeiten von Denis Leroux[7] oder Paul Villatoux[8] befasst hat, vermag er den Einklang von Krieg und stark forcierter „Modernisierung“ in Algerien nicht zu erkennen. Stattdessen werden „die Integrationspolitik für das Entwicklungsland Algerien“ als „zweischneidiges Schwert“ dargestellt (S. 146) und die Zustände in der damaligen Kolonie mit der gegenwärtigen Situation in den Krisenländern der Europäischen Union verglichen (S. 157).

Zweitens erscheint auch das methodische Vorgehen Valentin Katzers durchaus fragwürdig. Schier unermüdlich werden „Stimmen“ oder „Einwände“ unterschiedlichster Akteure in halben oder ganzen Sätzen auf Französisch zitiert, die bezüglich ihres Kontexts oder Inhalts nur selten hinterfragt und meist als Belege verwendet werden. Ferner wird das konkrete Zustandekommen politischer Maßnahmen nur in Einzelfällen nachvollziehbar; auch da institutionelle Zusammenhänge in ihrer Systematik kaum aufgezeigt werden. Eine umfassende Antwort auf die Frage, worin „die“ französische Nordafrikapolitik genau bestand, welche Akteure innerhalb und außerhalb der Regierung in Paris dabei die entscheidenden Weichen stellten bzw. welche konkurrierenden „Nordafrikapolitiken“ gleichzeitig wirksam wurden, bleibt der Autor dem Leser schuldig. Dass die Regierungen der IV. Republik an der Algerienpolitik in immer kürzeren Zeitabständen zerbrachen, da die Positionen diesbezüglich alles andere als einheitlich waren und die französische Armee weitgehend eigenmächtig agierte, nimmt Katzer zwar zur Kenntnis, zieht daraus jedoch keine Konsequenzen für seine Analyse oder Argumentation.

Drittens steht auch der Ausgangspunkt Valentin Katzers auf wackeligen Beinen. Der von ihm unterstellte „Primat der Ökonomie“ in der Nordafrikapolitik (S. 111) wird selbst in den von ihm genannten Quellen mehrfach entkräftet (S. 159, 220, 233, 248). Zwar behauptet der Autor – ohne einen Beleg anzuführen – die Frage nach ökonomischen Grenzkosten für den Krieg in Algerien sei immer drängender geworden (S. 247). Letztendlich muss er jedoch selbst konstatieren, dass die von ihm zitierten Positionen dazu lediglich in der Frage differierten, welches Ausmaß die Folgen der algerischen Unabhängigkeit haben könnten. Zumindest in Bezug auf Algerien bestand demnach Einigkeit darüber, dass das Festhalten einer Präsenz Frankreichs dort zwar kostspielig sei, aber nicht zur Disposition gestellt werden dürfe (S. 249–263). Dies macht Katzers Frage nach ökonomischen Aspekten „der französischen Nordafrikapolitik“ nicht minder interessant. Es wäre jedoch angezeigt gewesen, sie ins rechte Licht zu rücken und den Primat des Militärs bzw. der kolonialen Repression in der Nordafrikapolitik eindeutig hervorzuheben.

Auch anhand vieler Einzelaspekte wird deutlich, dass das Buch nicht an den aktuellen Stand der Forschung heranreicht. Konfiszierungen von Lebensmitteln durch die französische Armee in Algerien werden als „vermeintliche Kleinigkeiten im Alltag“ bezeichnet (S. 104). Mehrfach wird der Propagandabegriff der „Befriedung“ unkritisch übernommen (S. 194, 250, 306), ohne darauf hinzuweisen, dass damit Massaker, Folter und breit angelegte Umsiedlungen der algerischen Bevölkerung legitimiert werden sollten. Ferner wird die Position der algerischen Befreiungsfront (FLN) fast ausschließlich auf der Grundlage zeitgenössischer französischer Quellen beleuchtet, die ihr Fanatismus und Brutalität (S. 103) oder eine besonders radikale Ideologie (S. 297) zusprachen. Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der algerischen Unabhängigkeitsbewegung findet nicht statt. Auch die politischen Organisationen um Messali Hadj (1898–1974), der seit den späten 1920er-Jahren offen für die algerische Unabhängigkeit eintrat, finden in Katzers Studie keinen Platz, trotz der Tatsache, dass Messali Hadj zwischen 1945 und 1954 die mit Abstand einflussreichste algerische Partei (den MTLD) anführte, deren Abgeordnete zeitweise in der französischen Nationalversammlung vertreten waren. Darüber hinaus vermittelt Katzer immer wieder den Eindruck, die algerischen Bestrebungen, sich von Frankreich zu lösen, hätten vor 1954 kaum eine Rolle gespielt (S. 109, 183, 217, 301). Nur durch diese Engführung vermag er zu dem Fazit zu kommen, die drei Faktoren Entschlossenheit, Zeit und Geld hätten den Verlauf der französischen Integrationspolitik in Algerien „determiniert“ (S. 312). Eine solche „neue Betrachtung“ der Algerienfrage wird durch die weitgehende Ausblendung der – obgleich rebellierenden – kolonisierten Subjekte dem Forschungsgegenstand „der“ Nordafrikapolitik nicht wirklich gerecht und droht zudem in eurozentrische Sichtweisen abzugleiten. Somit bleibt nur zu hoffen, dass das Buch in seiner zweiten Auflage grundlegend überarbeitet wird.

Anmerkungen:
[1] Hartmut Elsenhans, Frankreichs Algerienkrieg 1954–1962. Entkolonisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. Zum Zusammenbruch der Kolonialreiche, München 1974.
[2] Fabian Klose, Menschenrechte im Schatten kolonialer Gewalt. Die Dekolonisierungskriege in Kenia und Algerien 1945–1962, München 2009.
[3] Jan C. Jansen, Erobern und Erinnern. Symbolpolitik, öffentlicher Raum und französischer Kolonialismus in Algerien 1830–1950 (Studien zur Internationalen Geschichte 31), München 2013, S. 467–468.
[4] In seinem Fazit führt Valentin Katzer wenig überraschend aus: „Weniger die Ideale ,Liberté, Fraternité et Égalité‘ als vielmehr koloniale Standards und die fortgesetzte politische Diskriminierung der muslimischen Bevölkerungsmehrheit kennzeichneten [in Algerien] die Situation vor Ort“ (S. 311).
[5] Raphaëlle Branche, La Guerre d'Algérie. Une histoire apaisée?, Paris 2005.
[6] Moritz Feichtinger / Stephan Malinowski, „Eine Million Algerier lernen im 20. Jahrhundert zu leben“. Umsiedlungslager und Zwangsmodernisierung im Algerienkrieg 1954–1962, in: Journal of Modern European History 8 (2010), S. 107–133; Moritz Feichtinger / Stephan Malinowski, Rezeption und Adaption der Dekolonisierungskriege in westlichen Demokratien, in: Geschichte und Gesellschaft 37 (2011), S. 275–305.
[7] Denis Leroux, Promouvoir une armée révolutionnaire pendant la guerre d’Algérie. Le Centre d’instruction pacification et contre-guérilla d’Arzew (1957–1959), in: Vingtième siècle, revue d’histoire 2013, S. 101–112.
[8] Paul Villatoux, L’institutionnalisation de l’arme psychologique pendant la guerre d’Algérie au miroir de la guerre froide, in: Guerres mondiales et conflits contemporains 208 (2002), S. 35–44.