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Titel
Colonia Dignidad. Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile


Autor(en)
Maier, Dieter
Erschienen
Stuttgart 2016: Schmetterling Verlag
Anzahl Seiten
200 S.
Preis
€ 14,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Ruderer, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Als Anfang 2016 der Film „Colonia Dignidad – es gibt kein Zurück“ mit Emma Watson und Daniel Brühl in den Hauptrollen in die Kinos kam, erhielt die deutsche Enklave in Chile die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit. Der Film thematisiert nicht nur die unmenschlichen Lebensbedingungen der deutschen Siedler in der Colonia Dignidad, sondern auch die Verstrickungen der deutschen Behörden in die Menschenrechtsverletzungen, die an Deutschen und Chilenen in der Sekte um den Kinderschänder Paul Schäfer begangen wurden. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier nahm sich des Themas an und versprach eine Öffnung der Archive seines Amtes, und in den Medien erschienen kurzfristig zahlreiche Reportagen über die „Kolonie der Würde“. In diesem Zusammenhang ist auch das zu besprechende Buch von Dieter Maier erschienen.

Maier ist einer der besten Kenner der Geschichte der Colonia Dignidad. Als Mitglied einer kritischen Zivilgesellschaft (unter anderem Amnesty International) verfolgt er das Geschehen in der Colonia seit den 1970er-Jahren. So sind in das vorliegende Buch die Kenntnisse seiner ersten Bücher über die Colonia Dignidad, die er unter dem Pseudonym Friedrich Paul Heller geschrieben hat[1], eingegangen. Maier ist sich bewusst, dass es sich dabei nur um einen Zwischenbericht handeln kann, denn weder die Auswertung der Akten noch die Geschichte der Colonia Dignidad und ihrer Nachfolgeorganisation, der „Villa Baviera“, sind abgeschlossen. Auch wenn sich Maier in seinem Bericht auf zahlreiche Quellen stützt, so ist das Buch doch keine wissenschaftliche Analyse, es richtet sich wohl eher an den interessierten Leser, der sich hier detailliert über ein Kapitel des Schreckens in den deutsch-chilenischen Beziehungen informieren kann.

Diesen Schrecken beschreibt Maier ausführlich im ersten größeren Kapitel des Bandes, in dem er der Geschichte der Colonia seit ihrer Gründung 1960/61 bis zum chilenischen Militärputsch 1973 nachgeht. Die Sekte in Chile entstand aus einer Flucht, da Schäfer, der 1954 in Deutschland die freikirchenähnliche Gruppe Private Sociale Mission gegründet hatte, des Kindesmissbrauchs angeklagt war und sich deshalb mit einigen Getreuen nach Chile absetzte. Dort gründete er auf einem später durch Landkäufe bis auf 17.000 Quadratmeter angewachsenen Gelände die Colonia Dignidad, die durch einen Zaun, Bewegungssensoren und Überwachungskameras nach innen abgeschlossen war. Unter den bis zu 350 Siedlern herrschte strikte Geschlechtertrennung und ein hierarchisches Beziehungsgeflecht, in dem Schäfer die oberste und uneingeschränkte Autorität darstellte. Diese Autorität sicherte sich der charismatische Schäfer, indem er Religion und unterdrückte Sexualität bewusst als Herrschaftsmittel einsetzte. Er selbst hielt sich für einen Propheten, der täglich die Anwesenheit des Teufels und die Verdrängung der Sünde predigte. Über erzwungene Beichten und drakonische Strafen sicherte er sich die Kontrolle über die Siedler. Gleichzeitig wurde jegliche Sexualität unterdrückt. Selbst Ehepaare mussten getrennt leben und Selbstbefriedigung war verteufelt. Die Jungen mussten als Nachweis ihrer „Standhaftigkeit“ zu Schäfer ins Bett, der eine sexuelle Monopolstellung innehatte und auf diese Weise jahrzehntelang Kinder vergewaltigen konnte.

Maier weist auch auf die Fluchtversuche von einzelnen Mitgliedern und die Machtkämpfe innerhalb der Führungsriege hin und gibt eine differenzierte Antwort auf die Frage, ob die Colonia Dignidad eine Nazisiedlung gewesen sei. Er erläutert die zahlreichen Kontakte zu ehemaligen oder Neonazis, zeigt aber auf, dass die Siedlung selbst keiner spezifisch nationalsozialistischen Ideologie anhing. Ihre rechte Politisierung erfolgte erst nach 1970.

Die Colonia war nach dem Putsch am 11. September 1973, so Maier, „ideologisch und technisch ein Glücksfall für die DINA“ (S. 71), die Geheimpolizei der Diktatur. Sie diente als Haftzentrum, Folterschule, Vernichtungslager, Schmuggelzentrum und zu Schießübungen. Die ideologische Übereinstimmung mit der Diktatur, die technischen Möglichkeiten der deutschen Siedler und die Abgeschiedenheit des Geländes sorgten dafür, dass die Enklave zu einem wichtigen Repressionszentrum wurde. In den unterirdischen Bunkern der Colonia wurde gefoltert, auf dem Gelände fanden Massaker statt, denen mindestens 30 Chilenen zum Opfer fielen, die in der Siedlung „verschwanden“, und es wurden Militäroperationen durchgeführt, mit denen angebliche Terroristen in der Nähe des Geländes der Enklave aufgegriffen und getötet wurden. Gleichzeitig entwickelte und produzierte die Colonia Waffen für die von einem internationalen Embargo betroffene Diktatur und diente als Anlaufstelle für den Waffenschmuggel.

Zu den zahlreichen deutschen Opfern Schäfers kamen während der Diktatur also auch viele chilenische Opfer hinzu. Dabei, und das kann Maier eindrucksvoll zeigen, war das lange Verbrechensregime der Colonia nur möglich aufgrund der Komplizenschaft der Behörden, insbesondere der deutschen Botschaft in Chile und des Auswärtigen Amts. Die deutschen Behörden konnten schon seit 1966 über Schäfers Vergewaltigungen von Kindern und spätestens seit der Klage von Amnesty International 1977 über die Menschenrechtsverbrechen in der Kolonie Bescheid wissen. Das Wohlwollen, das die deutschen Botschafter bis Ende der 1980er-Jahre der Riege um Schäfer entgegenbrachten, und die Zurückhaltung des Auswärtigen Amts ermöglichten die jahrzehntelangen Verbrechen der Colonia zumindest mit. So schickte die deutsche Botschaft unter anderem jahrelang die aus der Kolonie geflüchteten Deutschen umgehend an diese zurück und das Auswärtige Amt reagierte eher ablehnend auf die von Amnesty International vorgebrachten Klagen über Menschenrechtsverletzungen in der Siedlung. Darüber hinaus verfügte die Colonia über sehr gute Kontakte zur CSU, die der Siedlung bis mindestens 1985 einen guten Leumund gegenüber den deutschen Behörden verschaffte. Die Verstrickungen der deutschen Behörden in die Verbrechen der Colonia Dignidad gehören sicherlich zu den düsteren Kapiteln der westdeutschen auswärtigen Politik und es wäre zu wünschen, dass das Buch Maiers als Anregung dienen würde zu einer wissenschaftlichen Untersuchung der Komplizenschaft der deutschen Behörden und der CSU verbunden mit einer Öffnung weiterer Archive, zum Beispiel des BND, und Wiedergutmachungsmaßnahmen gegenüber den deutschen und chilenischen Opfern.

Gegen Ende des Buches geht Maier auf die Geschichte der Colonia nach der Diktatur ein und kritisiert das Versagen auch der chilenischen Behörden, das dazu führte, dass die Siedlung noch bis 1998 unverändert weiter bestehen konnte. Erst nach der Flucht von Schäfer 1998 und endgültig seiner Gefangenahme in Argentinien 2005 kam es zu größeren Veränderungen innerhalb der Enklave, die sich in „Villa Baviera“ umbenannt hatte und über deutsche Brauchtumspflege, wie zum Beispiel Oktoberfeste, gute Beziehungen zur lokalen Bevölkerung pflegte. Die Siedler zerfielen nach der Öffnung in drei Gruppen: circa 100 Menschen leben weiterhin in der Siedlung, circa weitere 100 leben mittlerweile sehr zurückgezogen in Deutschland und eine weitere Gruppe lebt innerhalb der chilenischen Gesellschaft, wobei nicht allen eine reibungslose Integration gelungen ist. Die Gemeinschaft vor Ort verfolgt einen Kompromiss zwischen Neuanfang und Tradition, bei dem eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kaum vorhanden ist. Die Versuche der deutschen Botschaft, über eine finanzielle Zusammenarbeit die Integration in die chilenische Gesellschaft zu fördern, bezeichnet Maier eher als misslungen und auch für die Strafverfolgung der chilenischen und deutschen Behörden hat er – zu Recht – kritische Töne übrig, da die Führungsriege um den während seiner Haft 2010 gestorbenen Schäfer erst 2013 in Chile zu relativ milden Haftstrafen verurteilt wurde. Dabei gelang es einigen Tätern trotz Verurteilungen, nach Deutschland zu fliehen, so unter anderem dem Arzt der Colonia Dignidad, Hartmut Hopp, der seitdem als freier Mann in Krefeld lebt. Die deutschen Behörden zeigen bisher wenig Interesse, das Anliegen Chiles, die Haftstrafe in Deutschland zu vollstrecken, da Hopp als deutscher Staatsbürger nicht ausgeliefert werden kann, zügig umzusetzen.

Insgesamt zeichnet Maier sehr eindrücklich das erschreckende Bild eines „deutschen Verbrechens in Chile“, wobei viele Punkte in der Geschichte der Colonia Dignidad auch in der vorliegenden Darstellung weiterhin unklar oder diffus bleiben (zum Beispiel: Warum geht die Gruppe ausgerechnet nach Chile? Wie ist das Verhältnis zur Regierung Allende?), so dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung auf Basis der aktuellen Quellenlage, die Maier noch gar nicht leisten konnte, weiterhin ein Desiderat bleibt. Für einen detaillierten Einblick in ein schreckliches Kapitel der deutsch-chilenischen Geschichte hat Maier aber ein wichtiges Buch vorgelegt.

Anmerkung:
[1] Friedrich Paul Heller, Lederhosen, Dutt und Giftgas. Die Hintergründe der Colonia Dignidad, Stuttgart, 4. Aufl., 2011; und ders., Colonia Dignidad. Von der Psychosekte zum Folterlager, Stuttgart 1993.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.05.2017
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