S. Friedländer: Wohin die Erinnerung führt

Cover
Titel
Wohin die Erinnerung führt. Mein Leben. Aus dem Englischen übersetzt von Ruth Keen und Erhard Stölting


Autor(en)
Friedländer, Saul
Erschienen
München 2016: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
329 S., 26 Abb.
Preis
€ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Schlott, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Im Frühsommer 1989 spazieren zwei ältere Herren entlang der Promenade von Venice Beach. Der eine hatte den anderen zum Vortrag an sein Institut eingeladen. Sie flanieren vorbei an den Straßenmalern, Bodybuildern und Lebenskünstlern in diesem Mikrokosmos US-amerikanischer „Verrücktheiten“. Ihre Unterhaltung ist „freundlich-vertraulich“, man hatte eine „menschliche Ebene“ erreicht, auf der die zwei Historiker genauso über die Familie wie über berufliche Erfahrungen und Enttäuschungen sprachen. Nur ein Jahr zuvor war ein Briefwechsel der beiden publiziert worden, in dessen Verlauf der eine dem anderen eine „mythische Erinnerung“ wegen seiner jüdischen Herkunft, der andere dem einen wiederum seine Zugehörigkeit zur Hitlerjugend vorwarf.[1] Die Kontrahenten Saul Friedländer (geb. 1932) und Martin Broszat (1926–1989, er starb im Oktober) als einträchtige Flaneure am Strand des Pazifischen Ozeans: Dieses Bild konnte man sich ob der Schärfe der von ihnen geführten Kontroverse in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre bislang nicht vorstellen; und doch wird diese friedliche Episode von Friedländer in seinem neuen Memoirenband so dargestellt (S. 252f.).

Friedländers Autobiographie ist nicht nur wegen derartiger atmosphärischer Schilderungen – andere, wie ein im Eklat endendes Berliner Abendessen bei Ernst Nolte im Vorfeld des Historikerstreits (S. 241–247), ließen sich anfügen – ein wichtiger Beitrag zu einer noch immer ausstehenden umfassenden Geschichte der Holocaust-Geschichtsschreibung. Denn zugleich gibt der Autor Auskunft über seinen Weg – einschließlich der Seiten- und Umwege – zu einem der weltweit bekanntesten Holocaust-Forscher. Als Friedländer seine Erinnerungen im September 2016 im Jüdischen Museum Berlin vorstellt und der Schauspieler Ulrich Matthes Auszüge daraus liest, ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Friedländer hat sich in Deutschland mit seinem monumentalen Werk „Das Dritte Reich und die Juden“[2] einen Namen weit über die Fachwissenschaft hinaus gemacht, und 2007 wurde er dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Nach fast 40 Jahren schließt Friedländer mit seinem neuen Memoirenband „Wohin die Erinnerung führt“, der den bilanzierenden Untertitel „Mein Leben“ trägt, den Kreis zum ersten Teil seiner Autobiographie, die 1979 unter dem deutschen Titel „Wenn die Erinnerung kommt“ erschien.[3] Sie stellt auch heute noch ein Werk von beeindruckender erzählerischer Tiefe und literarischer Intensität dar, das im Wechselspiel der Perspektiven und Zeitebenen sowohl von Friedländers Kindheit als auch von der im Jom-Kippur-Krieg traumatisierten und am Vorabend eines Friedensabkommens mit Ägypten stehenden israelischen Gesellschaft des Jahres 1977 berichtet. Anders als 1979 handelt es sich 2016 nun um Erinnerungen, die der schwindenden Gedächtniskraft eines über 80-jährigen Mannes abgerungen sind – ein Ringen, das schon im „Prolog“ explizit zum Thema wird. Beide Bände beginnen mit der Ortschaft Nira(h), jenem israelischen Dorf in der Scharonebene, in dem der 15-jährige Friedländer im Juni 1948 nach seiner abenteuerlichen Ankunft mit dem wenig später von der israelischen Armee versenkten Irgun-Schiff „Altalena“ zuerst lebte.

Israel bleibt der verbindende Fluchtpunkt beider Bände. Politik und Gesellschaft des jüdischen Staates bilden die ambivalente Klammer der Darstellung, seine Hauptstadt Jerusalem ist der immer wieder beschriebene Sehnsuchtsort des Kosmopoliten Friedländer. In Israel arbeitete er in den 1960er-Jahren für den damaligen stellvertretenden Verteidigungsminister Shimon Peres (1923–2016), war Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes und involviert in die hochgeheimen Planungen für den Bau eines Kernreaktors in der Negev-Wüste.

Außerhalb Israels wurde Friedländer auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder antisemitisch angegriffen, ob beim Kapitänsdinner auf der Atlantiküberfahrt durch einen schwedischen Schiffsoffizier (S. 65), in der französischen Armee (S. 51) oder beim erwähnten Abendessen mit Ernst Nolte, als dieser ihn mit Fragen zum „Weltjudentum“ konfrontierte. Resigniert schlussfolgert Friedländer, der Begründer der These vom „Erlösungsantisemitismus“[4] als zentralem Erklärungsfaktor für den Judenmord: „Was den Antisemitismus angeht, so glaube ich nicht, daß es irgendeine Möglichkeit gibt, ihn auszulöschen.“ (S. 51) Im Gegenteil, heute befördere die bloße Existenz des Staates Israel (dessen Notwendigkeit für Friedländer nicht in Frage steht) einen neuen Antisemitismus. Ausführlich schildert er etwa die Israel-Feindschaft von vielen seiner sich als links verstehenden Universitätskollegen (z.B. S. 268).

Seinen Weg zum Holocaust-Forscher begann Friedländer 1964 mit einer Monographie zu Pius XII., die er seinen in Auschwitz ermordeten Eltern gewidmet hatte.[5] Inspiriert zu der Studie wurde er durch einen zufälligen Archivfund während der Arbeit an seiner Dissertation zur Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Deutschem Reich 1939–1941.[6] In dem Dokument, das die Aufmerksamkeit Friedländers erregte, bat der Vatikan mitten im Zweiten Weltkrieg die Berliner Oper um eine Aufführung des „Parsifal“ für den Papst in Rom.

Die Erlebnisse während seiner Zeit am Wissenschaftskolleg zu Berlin 1985/86 waren der entscheidende Impuls, sich schließlich ganz der Geschichte des Holocaust – Friedländer selbst bevorzugt den Begriff „Shoah“ – zu widmen. Das Zusammentreffen mit Nolte und die Lektüre von Broszats „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ im „Merkur“ vom Mai 1985 dürfen als Katalysatoren für eine Beschäftigung gelten, deren Ergebnisse das neue Konzept einer „integrierten Holocaustgeschichte“[7] und das Opus magnum „Das Dritte Reich und die Juden“ gewesen sind, an dem Friedländer von 1990 an mehr als 16 Jahre lang arbeitete.

Wie Raul Hilberg (1926–2007) ist auch Friedländer ein überzeugter Zionist und studierter Politikwissenschaftler. Beide teilten das Schicksal der Flucht als Kind aus ihren Heimatstädten – Friedländer aus Prag, Hilberg aus Wien – im Frühjahr 1939 nach Frankreich über die Rheinbrücke Kehl. Und beide zeigen sich in ihren Erinnerungsbänden als verletzliche Menschen. Während Hilberg sich in seinen Memoiren jedoch auf eine Publikationshistorie seines Hauptwerkes und eine akademische Konfliktgeschichte konzentriert[8], spart Friedländer in seinem zweiten Memoirenband private, ja intime Details seines Lebens nicht aus. Er beschreibt, wie seine frühere Freundin und er im Frankreich der 1950er-Jahre eine eigentlich verbotene Abtreibung ihres gemeinsamen Kindes einleiten ließen (S. 54); er berichtet, wie das Zusammentreffen mit Nolte ihm Zittern und Schlaflosigkeit einbrachte (S. 244); er erzählt von Panikattacken, Ehekrisen, Medikamentenabhängigkeit, Depressionen, von seiner Psychoanalyse und seinen Träumen.

Die Motivation, all dies ohne Unterschied niederzuschreiben, hat Friedländer selbst einmal so formuliert: „Schreiben bedeutet, die Konturen der Vergangenheit mit Linien nachzuzeichnen, die weniger vergänglich sind als alles übrige, Schreiben bedeutet, das Dasein eines Menschen festzuhalten […].“[9] Die Autobiographie, früher vor allem eine „Dokumentation gesellschaftlichen Erfolgs“ und heute auch „Medium der Selbstverständigung“[10], ist noch immer das Genre exemplarischer, vorbildhafter Lebensläufe. In diesem Sinne dürfen Friedländers Memoiren als die Erinnerungen eines engagierten Zeitgenossen, eines reflektierten Wissenschaftlers, eines begabten Literaten und eines Weltbürgers gelten.

Natürlich ist jede Autobiographie zugleich ein Selbstkonstrukt und muss im Sinne des Kierkegaard’schen Bonmots, wonach jedes Leben nach vorne gelebt, aber nur in der Rückschau verstanden werden kann, quellenkritisch betrachtet werden. Dennoch lassen sich beide Bände von Friedländers Autobiographie wie Drehbücher lesen, mit plötzlichen Schnitten, zahlreichen Orts- und abrupten Perspektivwechseln, eindringlichen szenischen Schilderungen und vielschichtigen Charakteren. Allein das Personenregister des neuen Bandes wirkt wie ein „Who is Who“ bedeutender Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der aus diesem Drehbuch entstehende Film würde nach wahren Begebenheiten die ebenso unwahrscheinliche wie einzigartige Geschichte eines Holocaust-Überlebenden erzählen, den die vielen teils erzwungenen, teils freiwilligen Identitätswechsel in seinem Leben an existentielle Grenzen, aber auch hin zu seinem Lebensthema geführt haben. Und gerade weil nicht alle Widersprüche und Fragen aufgelöst werden, bleibt eine dramaturgische Spannung: „Erinnerungen gehen ihre eigenen, manchmal indirekten, geheimnisvollen Wege“.[11]

Anmerkungen:
[1] Martin Broszat / Saul Friedländer, Um die „Historisierung des Nationalsozialismus“. Ein Briefwechsel, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 36 (1988), S. 339–372, http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1988_2_6_broszat.pdf (05.12.2016).
[2] Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939, München 1998; ders., Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Vernichtung 1939–1945, München 2006.
[3] Ders., Wenn die Erinnerung kommt, Stuttgart 1979. Das Buch, zuerst von der Deutschen Verlags-Anstalt publiziert, liegt bei C.H. Beck inzwischen in der 6. Auflage vor und ist weiterhin lieferbar. Die französische Originalausgabe erschien 1978 unter dem Titel „Quand vient le souvenir“ bei Éditions du Seuil, Paris.
[4] Ders., Erlösungsantisemitismus. Zur Ideologie der „Endlösung“, in: ders., Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer integrierten Geschichte, Göttingen 2007, S. 28–51.
[5] Ders., Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation, Hamburg 1965. Die französische Originalausgabe erschien 1964 unter dem Titel „Pie XII et le IIIe Reich“ bei Éditions du Seuil, Paris.
[6] Ders., Auftakt zum Untergang. Hitler und die Vereinigten Staaten von Amerika 1939–1941, Stuttgart 1965. Die französische Originalausgabe erschien 1963 unter dem Titel „Hitler et les États-Unis (1939–1941)“ bei Droz, Genf.
[7] Ders., Den Holocaust beschreiben, S. 7–27. In der Autobiographie legt Friedländer offen, dass er dieses Konzept bereits 1975 in einem Vortrag entwickelt, dann aber vergessen hatte (S. 275f.).
[8] Raul Hilberg, Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers, Frankfurt am Main 1994.
[9] Friedländer, Wenn die Erinnerung kommt, S. 141.
[10] Michaela Holdenried, Biographie vs. Autobiographie, in: Christian Klein (Hrsg.), Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart 2009, S. 37–43, hier S. 38.
[11] Friedländer, Wenn die Erinnerung kommt, S. 108.