C. E. Altamura: European Banks and the Rise of International Finance

Cover
Titel
European Banks and the Rise of International Finance. The post-Bretton Woods era


Autor(en)
Altamura, Carlo Edoardo
Reihe
Routledge Explorations in Economic History 76
Erschienen
Abingdon 2017: Routledge
Anzahl Seiten
XVIII, 275 S.
Preis
£ 70.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Laura Rischbieter, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz

Bankgeschäfte von privaten, kommunalen und multilateralen Banken untereinander sowie mit privaten und öffentlichen Kunden haben im Laufe des 20. Jahrhunderts einen immer größeren Anteil an den wirtschaftlichen Aktivitäten eingenommen. Gerade quantifizierende Studien können dies eindrücklich belegen. Zudem erforschen Studien aus Fächern wie der Wirtschaftssoziologie und der Internationalen Politischen Ökonomie seit rund 15 Jahren die Finanzialisierung der Wirtschaft und unseres Alltags.[1] Sie können u.a. zeigen, dass, gelenkt vom Leitbild des Shareholder Value, Unternehmen selbst zum Gegenstand von Finanzmarkttransaktionen wurden, unsere Lebensmittel schon lange Gegenstand des Börsenhandels sind und dass Tag für Tag private Akteure Dienstleistungen wie Kleinkredite und Immobilienkredite nutzen sowie ihre Einkäufe über Girokonten und Kreditkarten abwickeln. Hinter all diesem steht eine Revolution des Bankensektors, seiner betriebswirtschaftlichen Ziele, strategischen Ausrichtung, buchhalterischen und technischen Innovationen. Bankengeschichte mit ihren unternehmenshistorischen Fragestellungen konnte und kann viele Aspekte dieser Revolution aufzeigen. Von unternehmenshistorischen Fallbeispielen und einzelnen Bankenplätzen abgesehen, wissen wir aber bisher kaum etwas über die verschiedenen Funktionen und Strukturen internationaler Finanzmärkte ab den späten 1950er-Jahren. Insbesondere das Zusammenspiel von nationalen Steuersystemen und -lücken, Staaten als Finanzmarktakteuren sowie öffentlicher und multilateraler Regulation mit der Entwicklung eines global integrierten Finanzmarktes, wie wir ihn heute kennen, ist von Historikerinnen und Historikern bisher als Forschungsthema weitgehend vernachlässigt worden.

In diese Forschungslücke stößt erfreulicherweise Carlo Edoardo Altamuras Buch. Die Studie ist die überarbeitete Fassung einer an der Universität Genf verteidigten Dissertation. Zeitlich fokussiert sie auf die Jahre 1971 bis 1982 und damit auf ein turbulentes Jahrzehnt internationaler Bankengeschichte. Mittels Archivalien der privaten Kreditinstitute Barclays Bank, Banque de France, Crédit Lyonnais, Lloyds und Midland Bank sollen die Strategien und Ziele französischer und britischer Banken im Hinblick auf ihr internationales Geschäftsfeld herausgearbeitet werden. Ergänzend stützt sich die Studie auf Überlieferungen öffentlicher Organisationen, namentlich der Bank of England, der Bank for International Settlements in Basel sowie des International Monetary Fund. Denn Altamura interessieren weniger die einzelnen Unternehmensgeschichten der kommerziellen Banken, sondern er nutzt deren Überlieferungen, um beispielhaft die internationale Integration von Finanzmarkttransaktionen im behandelten Zeitraum herauszuarbeiten.

Forschungsleitend identifiziert Altamura in seiner Einleitung drei Problemstellungen, die vor allem um eines kreisen: Warum regulierten nationale Regierungen und multilaterale Organisationen die internationalen Finanzmärkte in den 1970er-Jahren nicht und überließen es privaten Banken, Geschäftsfelder aufzubauen, um zeitgenössische Probleme zu lösen, die eigentlich mittels politischer Intervention hätten angegangen werden müssen? Zugleich sollen die Interessen der Banken herausgearbeitet werden, die dazu führten, dass sie in diese „regulatorische Lücke“ sprangen. Die fünf Hauptkapitel der Studien folgen bewusst alle demselben Aufbau: Auf der Basis von Überblicksdarstellungen werden zuerst die wichtigsten (makroökonomischen) Ereignisse referiert und daran anschließend die behandelten Banken eingeordnet. Konzeptionell ist Altamuras Studie damit einem Zweig der Forschung zuzurechnen, der ein aktuelles tagespolitisches Thema und ein uns heute geläufiges Wissen zum Anlass nimmt, um anhand dessen das Handeln der untersuchten historischen Akteure rückblickend zu verorten.

Die ersten beiden Kapitel beginnen mit den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wirtschaftsordnung von Bretton Woods. Wie zu erwarten, führten nationale Kapitalkontrollen und staatliche Regulierungen zu schwach ausgeprägten internationalen Aktivitäten der in der Studie behandelten Banken. Zwar fiel in diese Phase auch der Beginn des nicht regulierten Eurodollar-Marktes, auf dem Banken Dollarbestände in anderen Ländern über ihre Auslandsfilialen handelten, aber die in der Studie beispielhaft behandelten Banken maßen diesen Geschäften nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Hier wäre es spannend gewesen, dem Untersuchungssample ein weiteres Fallbeispiel hinzuzufügen, wie zum Beispiel die Aktivitäten von Warburg (London), um mehr über die kaum erforschte Anfangsgeschichte dieses Offshore-Marktes zu erfahren.[2] Da auch die öffentliche Hand auf dem Eurodollar-Markt präsent war, wäre eine nähere Analyse staatlicher Banken und insbesondere der Finanzierung von öffentlichen Infrastrukturprojekte mittels Eurodollar-Anleihen angebracht gewesen, um zu verstehen, warum Eurodollar-Geschäfte zu florieren begannen und es zugleich gerade keine europäischen Mehrheiten für staatliche Regulierung gab.

Die Ölpreiskrisen 1973 und vor allem 1979 brachten den ölfördernden Staaten hohe Gewinne, welche sie bei amerikanischen und europäischen Banken anlegten. Die Banken fanden aber wiederum im wenig investitionsfreudigen Klima der Zeit keine Nachfrager in ihren Herkunftsländern und „recycelten“ daher die Einlagen, indem sie im großen Stil Kredite über den Eurodollar-Markt an Länder in Osteuropa und vor allem im globalen Süden vergaben. Diese Geschichte des sogenannten „Petrodollar-Recyclings“ thematisiert Kapitel drei. Es stellt eine Ausnahme gegenüber den anderen vier Kapiteln dar, da es die graue Literatur der Bank of England und der Bank for International Settlements of Basel referiert und damit die zeitgenössische makroökonomische Bewertung (potentieller) Regulatoren herausarbeitet. Obwohl der Eurodollar-Markt massiv wuchs und trotz Bedenken aus amerikanischer und deutscher Sicht, entschieden sich die staatlichen und multilateralen Organisationen aber gegen gesetzliche Regulierungen oder gar strafrechtliche Verfolgung, denn der Mechanismus des Petrodollar-Recycling wurde insgesamt als effizient betrachtet.

Staatliches Nichteingreifen plus die große Nachfrage nach öffentlichen Krediten, anonym und steuerfrei gehandelt über den Eurodollar-Markt, führten zu einem Boom internationaler Bankaktivitäten und einem Ausbau von ausländischen Filialen. Diese bekannte Ereignisgeschichte vertieft Altamura in Kapitel vier um die Perspektive seiner Fallbeispiele und kann so empirisch gesättigt zeigen, wie sich die Banken trotz mancher internen Bedenken im Management internationalisierten und umstrukturierten. Als immer mehr Länder 1982 ankündigten, ihre Eurodollar-Loans kurz- und mittelfristig nicht bedienen zu können, wandelten sich die mit dem Petrodollar-Recycling eingegangenen Risiken für die beteiligten Privatbanken zu einem ausgewachsenen Problem. Mit einer Momentaufnahme zur Situation der von ihm behandelten Banken kurz vor dem Ausbruch der Krise schließt Altamura seine Studie im fünften Kapitel ab. Neben einem instruktiven Ausblick bis in unsere Gegenwart erfahren wir erst im Fazit knapp, wie es in der Verschuldungskrise weiterging: Alle beteiligten kommerziellen Banken zogen sich in den nächsten Jahren möglichst schnell, auch ermöglicht durch staatliche und multilaterale Hilfsprogramme, aus dem Kreditgeschäft an die öffentliche Hand zurück.

Altamura gelingt es, die Geschichte der Eurodollar-Kredite aus der Perspektive seiner Fallbeispiele umfassend und quellengesättigt aufzuarbeiten. Leider erschweren seitenlange Zitate und das den Text dominierende Paraphrasieren von Quellen und Sekundärliteratur den Lesefluss. Zugleich erhellt die Studie manch Altbekanntes durch ihre empirische Dichte. Wer mehr über die Beteiligung von kommerziellen Banken am Petrodollar-Recycling und damit eine der wohl wichtigsten Vorgeschichten unserer heutigen Finanzmärkte und ihrer Strukturen sucht, dem sei die Lektüre daher sehr empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Natascha van der Zwan, Making Sense of Financialization, in: Socio-Economic Review 12 (2014), S. 99–129.
[2] Eine Ausnahme ist bis heute Catherine Schenk, The Origins of the Eurodollar Market in London: 1955-1963, in: Explorations in Economic History 35 (1998), S. 221–238.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.09.2018
Redaktionell betreut durch