L. Litzenburger: Une ville face au climat

Cover
Titel
Une ville face au climat. Metz à la fin du Moyen Age (1400–1530)


Autor(en)
Litzenburger, Laurent
Reihe
Archéologie, Espaces, Patrimoines
Anzahl Seiten
487 S., 1 CD-Rom
Preis
€ 78,15
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Labbé, Université de Bourgogne

Laurent Litzenburger wählt in seiner 2011 an der Universität Nancy 2 (heute Université de Lorraine) verteidigten Doktorarbeit nicht die große, nationale oder europäische Perspektive, wie sie bei klimageschichtlichen Arbeiten in der Tradition von Emmanuel Le Roy Ladurie, Christian Pfister und Emmanuel Garnier üblich ist. Stattdessen konzentriert er sich auf ein lokal begrenztes Betrachtungsfeld: die Stadt Metz und ihr Hinterland. Diese Beschränkung bietet nicht nur die Möglichkeit, die vorliegenden Daten gründlich und präzise auszuwerten, sie erlaubt auch den Zusammenhang zwischen den extremen Wetterphänomenen auf regionaler und der Variabilität des Klimas auf überregionaler Ebene bei der Analyse zu berücksichtigen. So kann Litzenburger auf die Frage nach der sozialen Vulnerabilität fokussieren und den Versuch wagen, möglichst präzise „den relativen Einfluss des Klimas“ (S. 175) unter den unterschiedlichen Faktoren zu bestimmen, welche auf die Entwicklung der Gesellschaft von Metz im ausgehenden Mittelalter einwirkten. Der gewählte chronologische Aufbau füllt zudem eine Lücke in der historischen Klimatologie. Das 15. Jahrhundert und die Anfänge des 16. Jahrhunderts werden weder von Pierre Alexandres Studie über die Zeit zwischen 1000 und 1425[1] noch in den zahlreichen Arbeiten zur Neuzeit berücksichtigt. Die Arbeit liest sich sehr leicht, sie enthält 111 Abbildungen und weitere 26 Abbildungen in der Heftmitte. Der Autor gibt mit seinem Werk allen mit dieser Problematik befassten Wissenschaftlern ein fundiertes Arbeitsinstrument an die Hand und ist dabei großzügig genug, sein komplettes und sehr umfangreiches Datenmaterial in Form von Excel-Dateien auf einer CD-Rom zur Verfügung zu stellen.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Der Autor liefert zunächst eine Rekonstruktion des Metzer Klimas zwischen 1420 und 1537 in jahreszeitlicher Auflösung. Anschließend geht er auf die Frage der Vulnerabilität der Stadt gegenüber den klimatischen Schwierigkeiten ein, mit besonderem Schwerpunkt hinsichtlich Bevorratung, Zugang zu Ressourcen und Demographie. Der dritte Teil analysiert die Reaktionen der Gesellschaft auf Veränderungen des Klimas; hier greift er zu dem Terminus der «Risikokultur» in einer Subsistenzwirtschaft.

Zur Rekonstruktion des Klimas der Region um Metz greift der Autor weitestgehend auf die reiche städtische Chronistik zurück, aber auch auf wertvolle serielle Steuerdaten, die Auskunft über die verschiedenen Handelswege von Wein und Getreide geben. Der wichtigste Beitrag dieses ersten Teils besteht darin, die Zeit von 1420–1537 in den Kontext einer langfristigen Klimageschichte zu stellen. Der Autor zeigt, dass diese Phase weit mehr ist als eine Übergangsphase zwischen den beiden Spitzen der Kleinen Eiszeit (14. Jahrhundert bzw. 1560–1850). Denn jahreszeitenweise gesehen und trotz heißer und trockener Sommer, wie sie in der Zeit von 1440–1460 üblich waren, überwogen Kälte und Niederschlag während der ganzen Phase, von der vor allem bekannt ist, dass die Flüsse in der Region durchschnittlich jeden dritten Winter vereist waren. Er belegt vor allem die zunehmende Variabilität des Klimas vom Beginn der 1470er-Jahre bis in die 1520er-Jahre, mit Extremwerten in den Jahren 1470–1479 und 1510–1519. Die Verteilung der extremen Wetterereignisse zeugt von dieser höheren Variabilität: Eisstaus kamen vermehrt in den Jahren 1450–1460 und 1490–1518 vor. Ein deutlicher Anstieg in Anzahl und Ausmaß der Überschwemmungen ist zwischen 1480 und 1526 zu verzeichnen. Zwei Drittel der aufgezeichneten Perioden von Trockenheit fanden zwischen 1475 und 1524 statt. Des Weiteren konzentrierte sich die Hälfte aller Starkwinde auf die Jahre 1465–1520. Der Autor findet in dieser Phase mehrere Sommer, die ungewöhnlich wechselhaft waren (1450, 1452, 1471, 1477, 1480 und 1482), was vielleicht im Zusammenhang mit Vulkanausbrüchen stand. Die genannten Beobachtungen zusammen genommen, kommt Laurent Litzenburger schließlich zu der These, den Übergang des 15. zum 16. Jahrhunderts als eine bisher nicht beschriebene Spitze der Kleinen Eiszeit zu charakterisieren (der Autor verwendet hier den Begriff „Hyper-PAG“ [= super kleine Eiszeit]; S. 168).

Bei seiner Analyse der Vulnerabilität der Metzer Gesellschaft gegenüber dem Klima untersucht der Autor zunächst die in Quantität und Qualität schwankenden Nahrungsmittelvorräte der Stadt. Der Großteil der Daten betrifft natürlich den Wein und das Getreide. Die seriellen Daten stehen monatsweise (Wein) oder sogar wöchentlich (Korn) zur Verfügung, doch der Autor wertet auch andere klimaabhängige Bereiche aus, wie die Heuernte, die Weidewirtschaft, Gemüse- und Obstanbau. Auf Grundlage dieser Daten können ein Jahresindex für Quantität und Qualität und daraus folgend eine Reihe von Schlechtwetterserien rekonstruiert werden (1476–1489, 1491–1494, 1500–1505, 1510–1517 und 1523–1524). Hier zeigt sich der Einfluss der besonders starken Abkühlung der Kleinen Eiszeit. Anfang der 1420er-Jahre und zwischen 1447 und 1464 gibt es bessere Wetterphasen. Dieses Kapitel zeigt eine starke Vulnerabilität der Landwirtschaft im 15. Jahrhundert gegenüber Klimaschwankungen, die eine „schwere Last“ und „permanenten Stress“ für die Nahrungsmittelversorgung der Stadt bedeuten (S. 217). Tatsächlich gibt es nur wenige gute Jahre, in denen sowohl die Qualität als auch die Quantität der Waren ausreichen. In einem Drittel der Jahre ist die Menge zu gering, in einem Viertel der Jahre die Qualität.

Es folgt eine Studie der Preisbildung von Wein und Getreide. Über das Jahr gesehen wird der Warenpreis hauptsächlich von der zur Verfügung stehenden Warenmenge beeinflusst; hier spielt auch die Möglichkeit, Vorräte zu bilden, eine Rolle. Die Preisbildung hängt somit auch zum Teil mit dem Klimawandel zusammen. Dabei relativiert der Autor die Abhängigkeit zwischen Warenpreis und -menge. Er verweist vielmehr auf den subtileren Einfluss gesellschaftlicher Mechanismen. Jahreszeitlich bedingte Preisschwankungen werden durch angelegte Lagervorräte abgefangen oder, so im Fall des Weines, durch Spekulationsphänomene in den erwartungsfrohen Zeiten bevorstehender Ernten. Externe Faktoren, wie Kriege oder der Einfluss durch Handel, werden berücksichtigt, wobei der Autor ihren geringen Einfluss auf die lokale Agrarwirtschaft betont. Hochpreisphasen korrespondieren sehr eng mit den besonders kalten Phasen der Kleinen Eiszeit (1479–1497 bzw. 1511–1521).

Hinsichtlich der Subsistenzkrisen wird der betrachtete Zeitraum auf die Jahre zwischen 1315 und 1537 ausgeweitet. Innerhalb der unmittelbar für die Studie relevanten Spanne nennt der Autor 13 Phasen mit Nahrungsmittelknappheit oder Hungersnot. Die Anzahl der Quellen reicht aber nicht aus, um die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Bevölkerung sicher zu benennen, zumal die mittelalterliche Stadt in Krisenzeiten Bedürftige geradezu anzog und der Zuzug neuer Stadtbewohner die Sterblichkeitsrate beeinflusste. Vor diesem Hintergrund ist es auffällig, dass die Bevölkerungsentwicklung von Metz in jener Zeit dennoch positiv bleibt – auch als sich Ende des 15. Jahrhunderts die Probleme drastisch verschlimmerten. Ursächlich hierfür war nicht allein die Intensivierung der Klimaschwankungen zu jener Zeit, sondern auch das „Zugriffsrecht“ auf ökonomische Ressourcen. Unter Rekurs auf die wirtschaftswissenschaftlichen Analysen von Monique Bourin, Francois Menant und John Drendel [2] entwickelt Litzenburger so die zweite starke These seines Werks. Die wiederkehrende Lebensmittelknappheit sei die Folge einer Systemkrise (S. 340), die die Stadt am Ende des 15. Jahrhunderts erlebte, weil es ihr – im Gegensatz zu anderen Städten wie Trier, Luxemburg oder Köln – nicht gelang, sich mit Hilfe des Handels nach außen zu öffnen, um den Versorgungsradius zu erweitern. Die strukturelle Vulnerabilität der Gesellschaft werde durch klimatische Wechselfälle lediglich in besonderer Weise offengelegt (vgl. S. 298). Obwohl die Maßnahmen des Rates die strukturelle Vulnerabilität nicht beheben konnten, regte sich Kritik erst 1517, als die erste Hungersunruhe in den Quellen verzeichnet wurde.

Der letzte Teil stellt eine kohärente Fortsetzung der beiden ersten Kapitel des Werks bezüglich der Reaktionen der Gesellschaft auf Klimaveränderungen dar. Der Autor entwickelt hier die dritte wichtige These seiner Arbeit: das allmähliche, im Kontext der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert verstärkten Vulnerabilität der Stadt zu sehende Aufkommen einer «klimatischen Risikokultur». Diese wird als eine Reihe von Maßnahmen beschrieben, die – um den Forderungen der Bevölkerung nachzukommen und um zu verhindern, dass die Politik verantwortlich gemacht wird – von den Obrigkeiten in Kirche und Staat ergriffen werden, obgleich die vorhandenen technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht stark genug sind, um wirklich Wirksamkeit zu entfalten. Der Autor betrachtet diese Risikokultur als Ergebnis einer Anpassung an die unterschiedlichen Klimaschwankungen, denn sie gründet auf der Überzeugung, dass sich die Gesellschaft auf der materiellen Ebene nicht gegen extreme Klimaeinflüsse wappnen kann (S. 460). Die Entwicklung einer neuen Lehre, nämlich die der Astro-Meteorologie, die in den Quellen seit Beginn des 16. Jahrhunderts erwähnt wird, das immer häufiger praktizierte Glockenläuten (um böse Geister zu vertreiben), Prozessionen (sowohl präventiv wie im Nachhinein als Bitte um Heilung), deren Anzahl in den 1480er-Jahren leicht ansteigt, der vermehrte Heiligenkult (St. Serenus von Metz ab 1497 und St. Barbara nach 1517) sowie schließlich die sprunghaft ansteigende Anzahl von Prozessen gegen Hexen, die Sündenböcke während der Phasen klimatischer Verschlechterungen der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, legen tatsächlich die Annahme nahe, dass in dieser Phase ein gesellschaftlicher Wandel stattfindet. Es wird eine mittelalterliche Gesellschaft gezeichnet, die gegenüber ihrer Umwelt nicht passiv bleibt, sondern sich im Gegenteil anpasst an diese besondere Phase der kleinen Eiszeit, die im Zentrum der Arbeit steht.

Zusammenfassend kann man die Lektüre dieses Werks nur empfehlen. Es überzeugt und fügt sich in die Reihe der aktuellsten historiographischen Debatten zur Umweltgeschichte und der Subsistenz-Probleme im Mittelalter ein. [3]

Anmerkungen:
[1] Pierre Alexandre, Le climat en Europe au Moyen Âge. Contribution à l’histoire des variations climatiques de 1000 à 1425, d’après les sources narratives de l’Europe occidentale, Paris 1987. Zu den 1430er-Jahren siehe jetzt aber Chantal Camenisch u.a., The 1430s. A Cold Period of Extraordinary Internal Climate Variability During the Early Spörer Minimum with Social and Economic Impacts in North-Western and Central Europe, in: Climate of the Past 12, 2016, S. 2107–2126, online: www.clim-past.net/12/2107/2016/cp-12-2107-2016.pdf (16.03.2017).
[2] Monique Bourin / John Drendel / François Bourin (Hrsg.), Les disettes dans la conjoncture de 1300 en Méditerranée occidentale, Rome 2011.
[3] Die Übersetzung dieser Rezension aus dem Französischen besorgte Anita Schilz (TU Darmstadt, Institut für Geschichte).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.04.2017
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