A. Kolb u.a. (Hrsg.): Kaiserkult

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Titel
Kaiserkult in den Provinzen des Römischen Reiches. Organisation, Kommunikation und Repräsentation


Herausgeber
Kolb, Anne; Vitale, Marco
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 512 S.
Preis
€ 79,95; $ 112.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Havener, Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Die kultische Verehrung des Kaisers stellte eines der wichtigsten Instrumente zur Integration der Bevölkerung in den Gesamtzusammenhang des römischen Reiches dar. Als solches war der Kaiserkult in den letzten Jahren und Jahrzehnten Gegenstand zahlreicher Einzeluntersuchungen und Sammelwerke, die teils eine umfassende Deutung des Phänomens zum Ziel hatten, teils den Fokus auf regionale Besonderheiten oder einzelne thematische Aspekte legten.[1] Die Herausgeber des hier zu besprechenden Bandes bringen in ihrer Einleitung in Abgrenzung zu traditionellen Modellen ein Plädoyer gegen monokausale Erklärungsansätze vor, die den Kaiserkult ausschließlich als politisches Integrationsinstrument oder als religiös-kultisches System deuten und weisen ihm „auch medien-, sozial- sowie wirtschaftsgeschichtliche Relevanz“ zu (S. 7). Dabei müsse besonders betont werden, dass eine in der Forschung immer wieder angenommene formale Einheit des Kaiserkultes in den verschiedenen Regionen des Reiches nur bedingt nachgewiesen werden könne und stattdessen die Unterschiede zwischen den spezifischen Ausprägungen der kultischen Herrscherverehrung in den einzelnen Provinzen überwiegen würden. Auf der Basis dieser Prämissen tritt der Band mit dem ambitionierten Anspruch an, „eine Neubewertung der Institution ‚provinzialer Kaiserkult‘ vorzunehmen“ (S. 8).

Um dieses Ziel zu erreichen versammelt der Band neben der programmatischen Einleitung insgesamt 21 Beiträge in fünf Sektionen. Unter der Überschrift „Besonderheiten, Genese und Entwicklung“ gehen die Autorinnen und Autoren im ersten Abschnitt Fragen nach den Verantwortlichkeiten für die Einführung (Madsen, Eck) und Ausgestaltung (Bru, Campanile, Battistoni) des Kaiserkultes in verschiedenen Provinzen (und im Falle Speidels jenseits der Grenzen des Reiches) nach und beleuchten die Zusammenhänge zwischen kultischer Herrscherverehrung und anderen Elementen der antiken Festkultur wie der Agonistik (Herz, Reitzenstein). Die Beiträge des zweiten Abschnitts fokussieren auf die Ebene der polis und nehmen dabei sowohl die Bedeutung des Kaiserkultes für die Entwicklung einzelner Städte (Wienholz, Dalaison) als auch die möglichen wechselseitigen Beeinflussungen von polis- und Provinzialkulten (Frija, Holler) in den Blick. In der dritten Sektion wird der Schwerpunkt auf die Ebene der Provinzen und insbesondere der koina verschoben. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach den Organisationsformen und der Einbindung des Kaiserkultes im Rahmen der Städtebünde und Provinziallandtage (Camia, Bouchon) sowie den Funktionen, die der kultischen Verehrung des Herrschers in solchen die einzelne polis übersteigenden Zusammenhängen zukommen konnten (Cigaina, Sørensen, Vitale). Die beiden Kapitel des vierten Abschnittes befassen sich mit den Karrieren der männlichen und weiblichen Funktionsträger des Kaiserkultes (Bekker-Nielsen) sowie insbesondere der Kaiserpriesterinnen (Edelmann-Singer) und zeichnen die Möglichkeiten der Selbstdarstellung und der Einflussnahme nach, die der Kaiserkult den Angehörigen städtischer und provinzialer Eliten bieten konnte. In der letzten Sektion werden Überlegungen zum Stellenwert des Kaiserkultes in einer in weiten Teilen christianisierten Umgebung präsentiert, wobei zum einen wiederum die Funktionsträger (Filippini), zum anderen die Wandlung der Verehrung bildlicher Darstellungen der Kaiser und der damit verbundenen Wertesysteme (Raschle) im Vordergrund stehen.

Die Einzelstudien sind nahezu durchweg von hoher Qualität. Es gelingt vielen der Autorinnen und Autoren, im Rahmen ihrer spezifischen Fragestellungen neue Akzente zu setzen und innovative Deutungen des bereits vorhandenen oder teils neu zusammengestellten Quellenmaterials vorzulegen, die zahlreiche Anregungen für eine weiterführende und eingehende Beschäftigung mit den jeweiligen Themen liefern. Im Hinblick auf die in der Einleitung formulierte Prämisse, derzufolge regionale Unterschiede und Besonderheiten die Gemeinsamkeiten überwiegen, ist zu konstatieren, dass die Beiträge in der Zusammenschau eindrücklich die Vielfalt möglicher Ausprägungen des Kaiserkultes aufzeigen. Zugleich wird demonstriert, dass sich diese Unterschiede und Besonderheiten auf zahlreichen Gebieten nachweisen lassen – von der Organisations- und Personalstruktur über die Kultpraxis bis hin zu den Funktionen, die der Kaiserkult innerhalb des soziopolitischen Systems einzelner Städte, Städtebünde oder Provinzen erfüllen konnte. Insofern erweist sich der Band als durchaus gelungen. Misst man ihn jedoch an dem selbstgesteckten Ziel einer umfassenden Neubewertung des Phänomens Kaiserkult, bleibt er an einigen Punkten hinter den in der Einleitung geweckten Erwartungen zurück.

So fällt beispielsweise auf, dass der Westen des Reiches in den Fallstudien deutlich unterrepräsentiert ist: Lediglich in den Beiträgen von Eck, Vitale und Filippini werden die westlichen Provinzen eingehender behandelt, obwohl ein stärkerer Einbezug entsprechender Entwicklungen und allgemein ein Vergleich zwischen den Vorgängen und Strukturen in den Einzelprovinzen für das Vorhaben sicherlich förderlich gewesen wäre. Denn wenn die große formale und funktionelle Diversität der Ausprägungen des Kaiserkultes als wesentliches Merkmal dieses Phänomens diagnostiziert wird, stellt sich notwendigerweise die Frage, auf welche Weise ein Erkenntniswert generiert werden kann, der über die individuelle Fallstudie hinausweist. Eine sinnvolle Ergänzung der Einzelstudien wäre zweifellos ein entsprechender Beitrag gewesen, der die Ergebnisse in einen umfassenderen Kontext hätte einordnen und insbesondere die Kriterien für einen möglichen Vergleich hätte explizieren können. Worin könnten derartige Kriterien bestehen? Ein Aspekt, der in mehreren Beiträgen eine zentrale Rolle spielt und als Ansatzpunkt für einen systematischen Vergleich dienen könnte, scheint dem Rezensenten der Begriff der Agency zu sein: Fragen nach Verantwortlichkeiten, Handlungsspielräumen, Gestaltungsmöglichkeiten und Intentionen unterschiedlicher Akteure vom Kaiser über den Senat und die Provinzadministration bis hin zu Städtebünden und einzelnen poleis mit ihren jeweiligen regionalen und lokalen Eliten könnten als Parameter dienen, die eine vergleichende Bewertung der in den Einzelstudien erzielten Ergebnisse ermöglichen würden.

Abschließend muss auf eine Reihe von formalen Aspekten hingewiesen werden. Dabei ist zunächst hervorzuheben, dass die zahlreichen Abbildungen durchweg von sehr guter Qualität sind, was insbesondere die Arbeit mit den numismatischen Quellen sehr erleichtert. Demgegenüber weisen einige der Beiträge leider zahlreiche Druckfehler und sprachliche Ungenauigkeiten auf, die das Lesevergnügen mitunter schmälern. Bedauerlich ist das Fehlen eines allgemeinen thematischen Indexes, durch den mögliche Ansatzpunkte für den oben angesprochenen systematischen Vergleich eventuell besser hätten ersichtlich werden können. Im vorhandenen Quellenregister macht insbesondere die Angabe von Kurztiteln, die nur durch einen Blick in die Bibliographien der einzelnen Beiträge aufzulösen sind, die Erschließung des Bandes etwas kompliziert.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Herausgeber eine höchst reichhaltige Übersicht über die Entwicklung des Kaiserkultes in den Provinzen vorgelegt haben, die an vielen Punkten dazu anregt, sich mit der Materie eingehender auseinanderzusetzen, und die das dazu nötige Material in sehr gut aufbereiteter Form zur Verfügung stellt. Wenn auch der Anspruch einer umfassenden Neubewertung des Phänomens Kaiserkult nicht ganz eingelöst werden kann, so werden sicherlich die Grundlagen geschaffen, auf denen eine solche Neubewertung künftig aufbauen kann.

Anmerkung:
[1] Vgl. neben der noch immer grundlegenden Studie von Simon Price, Rituals and Power. The Roman Imperial Cult in Asia Minor, Cambridge 1984 und dem mehrbändigen Werk von Duncan Fishwick, The Imperial Cult in the Latin West. Studies in the Ruler Cult of the Western Provinces of the Roman Empire, Leiden 1987-2005 auch die neueren Beiträge von Francesco Camia, Theoi Sebastoi. Il culto degli imperatori romani in Grecia (Provincia Achaia) nel secondo secolo D.C., Athen 2011; Hubert Cancik / Konrad Hitzl (Hrsg.), Die Praxis der Herrscherverehrung in Rom und seinen Provinzen, Tübingen 2003 oder Gabrielle Frija, Les prêtres des empereurs. Le culte imperial civique dans la province romaine d’Asie, Rennes 2012.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.07.2017
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