M. Squire u.a. (Hrsg.): Morphogrammata. The lettered Art of Optatian

Cover
Titel
Morphogrammata / The Lettered Art of Optatian. Figuring Cultural Transformations in the Age of Constantine


Herausgeber
Squire, Michael; Wienand, Johannes
Reihe
Morphomata 33
Erschienen
Paderborn 2017: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
530, 16 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Gramatzki, Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften, Bergische Universität Wuppertal

Der Titel „Morphogrammata“ lässt bereits erahnen, dass die hier zu besprechende Publikation im Zusammenhang mit dem Internationalen Kolleg „Morphomata“ entstanden ist: In der Tat versammelt der Band die Vorträge, die im Juli 2015 bei einer Tagung dieses Forschungskollegs an der Universität zu Köln gehalten wurden. Entstanden ist ein über 500 Seiten starkes Buch, das durch Konzeption, Inhalt und Umfang eine neue Benchmark für die Forschung zu dem spätrömischen Dichter Publilius Optatianus Porfyrius setzt, dessen genaue Lebensdaten unbekannt sind und unter dessen Namen nur ein schmales Werk, bestehend aus 31 lateinischen Gedichten, überliefert ist. Dieses ist allerdings umso gewichtiger, handelt es sich doch um äußerst kunstvolle Figurengedichte (carmina figurata) auf Kaiser Konstantin I., die dem Dichter nicht nur die Rückkehr aus dem vom Kaiser verhängten Exil ermöglichten, sondern in den folgenden Jahrhunderten auch weiteren Autoren als Anregung und Vorbild dienten. Die in einem klassisch-traditionellen Literaturverständnis gründende Auffassung, dass Porfyrius der „Verfasser hirnverbrannter Versspielereien“ sei, wie es in „Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft“ heißt[1], stand einer breiteren und unvoreingenommenen Rezeption bisher im Wege (auch wenn in jüngerer Zeit Studien zur visuellen Poesie den Gittergedichten des spätantiken Autors durchaus den ihm gebührenden Raum widmen).[2] Das erklärte Ziel des Sammelbandes ist es, der mangelhaften Kenntnis einerseits und der negativen Bewertung andererseits entgegenzuwirken und einen „international reappraisal“ (S. 97) des Werkes herbeizuführen. Dementsprechend stammen die Autoren aus ganz Europa und den Vereinigten Staaten, neun der insgesamt vierzehn Beiträge sind in englischer Sprache abgefasst. Unter den vertretenen Fächern finden sich Alte Geschichte, Klassische Philologie, Archäologie, Kunstgeschichte und Philosophie, gemäß der erklärten Absicht der Herausgeber „to combine different perspectives“ (S. 97).

Eingeleitet wird der Band von zwei programmatischen Aufsätzen der Herausgeber Michael Squire und Johannes Wienand. Unter dem Titel „Optatian and his lettered art: A kaleidoscopic lens on late antiquity“ gibt Squire einen ausführlichen Überblick über die Verskunst des Optatianus Porfyrius und ihre Rezeptionsgeschichte. Squire verweist auf die griechischen Vorbilder (Simias von Rhodos, Dosiadas und Theokrit mit ihren Gedichten unter anderem in Syrinx-, Flügel- oder Altarform), ordnet die dekonstruktiv-rekonstruktiv verfahrenden Gittergedichte des Porfyrius in ihren kulturgeschichtlichen Kontext ein (mit interessanten Verweisen auf Mosaike, Bildteppiche und Spolien in der Architektur) und skizziert die mittelalterliche Rezeption durch Venantius Fortunatus, Hrabanus Maurus und Abbo von Fleury. Parallel zu dieser historischen und poetologischen Einordnung stellt Squire die Aktualität der porfyrianischen Figurentexte heraus, die einen aktiven Leser erfordern, der bereit ist, plurale Lektürewege zu beschreiten, worin Squire die Vorwegnahme poststrukturalistischer, postmoderner und dekonstruktivistischer Theorien sieht. Dieser binäre Zugang – historisierende Rekonstruktion und aktualisierende Interpretation – kennzeichnet den Band insgesamt, der versucht, sowohl den Wissensstand über die historische Figur Publilius Optatianus Porfyrius zu erweitern als auch neue Deutungsansätze seiner Gedichte durchzuspielen.

Johannes Wienand geht in „Publilius Optatianus Porfyrius: The man and his book“ den lebensweltlichen Spuren des Dichters nach. Mit großer Genauigkeit trägt er die wenigen Daten und Fakten zusammen, die sich anhand von Quellen eindeutig belegen lassen (zusammengestellt auch in einer Tabelle auf S. 158). Daraus ergibt sich, dass Porfyrius, der zur römischen Senatorenaristokratie gehörte, 322/23 ins Exil gehen musste; in den Jahren unmittelbar zuvor stand er mit Kaiser Konstantin dem Großen in brieflichem Kontakt und hatte diesem auch bereits carmina cancellata dediziert. Die Rückkehr aus dem Exil wurde Porfyrius 326 gestattet, entscheidend hierfür war wohl die Tatsache, dass der Dichter sein Gnadengesuch mit einer Sammlung figurierter Lobgedichte (Panegyricus) auf den Kaiser versehen hatte. Eine steile politische Karriere schloss sich unmittelbar an seine Rückkunft an: So war Porfyrius von 326 bis 329 Prokonsul der Provinz Achaea, 329 und 333 bekleidete er, wenn auch jeweils nur sehr kurz, das prestigeträchtige Amt des Stadtpräfekten von Rom. Wienand kommt zu dem Schluss, dass der Erfolg von Porfyrius und seiner Gedichte nicht zuletzt in dem günstigen historischen Moment begründet liegt, dem Übergang vom paganen Römischen Reich zum christlichen Kaisertum, für das Porfyrius’ Textsammlung eine willkommene ideologisch-ästhetische Beglaubigung lieferte: „The poetry book(s) celebrated the harmonious, integrative transformation of the Roman monarchy into the aureum saeculum of a Christian empire, governed peacefully and justly by a potent new dynasty under the aegis of Constantine, sole ruler of the world.“ (S. 157)

Die folgenden Beiträge des Bandes ergänzen die grundlegenden Ausführungen der beiden Herausgeber um eine Reihe interessanter Einzelfacetten. So untersucht Jan Kwapisz den Einfluss griechischer, ebenfalls im höfischen Kontext entstandener Figurengedichte, namentlich von Julius Vestinus und Leonides von Alexandria, auf Porfyrius. Während Anna-Lena Körfer unter Bezugnahme auf die konkrete römische Brettspielpraxis Spiel und Rätsel als ästhetische Kategorien des Panegyricus herausarbeitet, die den Rezipienten als lector ludens zum Koproduzenten des Textes machen, verwendet Meike Rühl die Metapher des Palimpsests, um den individuellen Lektüreprozess zu veranschaulichen, der verschiedene Ebenen (Basistext, Intext und grafisch-figürliche Ebene) durchlaufen und zueinander in Beziehung setzen muss. Petra Schierl und Cédric Scheidegger Lämmle zeigen, wie Porfyrius das grundsätzliche „Problem der Panegyrik“ (S. 284) löst, nämlich die Darstellungskonventionen einer etablierten Gattung zu bedienen und dennoch eigene Akzente zum Zwecke des aktuell geforderten Herrscherlobs zu setzen. Raum (im konkreten und übertragenen Sinne) und Klang (in Form einer den Texten eingeschriebenen „poetischen Topik der Mündlichkeit“, S. 333) sind die leitenden Begriffe in den Beiträgen von Marie-Odile Bruhat und Irmgard Männlein-Robert. Mit dem Wortmaterial im Panegyricus beschäftigen sich die beiden Beiträge von Martin Bažil und Aaron Pelttari: Bažil geht Porfyrius’ metapoetischer Verwendung des Begriffs textus nach, Pelttari erstellt ein Wörterbuch zu Carmen 25, das die Verwendung der ausgewählten Wörter in weiteren Texten Porfyrius’ und in den Werken anderer lateinischer Autoren beschreibt.

Den Abschluss bilden vier Aufsätze, die sowohl historisierende als auch aktualisierende Lektüren vornehmen: Thomas Habinek arbeitet die kulturellen, visuellen und philosophischen Parallelen zum Panegyricus und damit seinen spätantiken, von der aristotelischen, platonischen und stoischen Philosophie geprägten Rezeptionshorizont heraus, Sophie Lunn-Rockliffe vergleicht die porfyrianischen versus intexti mit christlichen Inschriften auf Gemmen und Ringen und verweist auf die Ähnlichkeit zwischen visuellen Gedichten und magisch-auratischen Texten wie Zauberpapyri und Fluchtafeln. Scheinbar im Gegensatz hierzu verfährt Jesús Hernández Lobato, der einen weiten Bogen von Porfyrius zur Konkreten Poesie und zur Gegenwartskunst schlägt und die carmina figurata zu den schriftbildlichen Arbeiten von Robert Smithson, Hanne Darboven und Roman Opałka in Beziehung setzt. Gleichzeitig betont Hernández Lobato jedoch, wie sehr Porfyrius’ Gedichte auf kongeniale Weise dem Geist ihrer eigenen Zeit entsprechen. Den Band beschließt ein nur mit „Envoi“ betitelter Beitrag von Jaś Elsner und John Henderson, der nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er als „Diptychon“ (so der Untertitel) angelegt ist, heterogen und inkonzise wirkt, wenn er auch gute Einzelbeobachtungen enthält.

Dieser notwendig summarische Durchgang durch den Band sollte das breite thematische Spektrum der Studien andeuten, die dem jeweils gewählten Untersuchungsaspekt mit intellektueller Neugier und philologischer Akribie nachgehen. Da in den Beiträgen der Schwerpunkt oftmals auf einzelnen Carmina liegt, ergibt sich parallel zu den thematisch orientierten Analysen auch ein Korpus neuer und vertiefter Gedichtinterpretationen. Die interdisziplinäre Konzeption der Publikation erweist sich – hier wie auch in vergleichbaren Fällen – als äußerst fruchtbar; zu loben sind die Herausgeber auch für ihren Mut, nicht nur einschlägigen Experten, sondern auch (noch) nicht ausgewiesenen Porfyrius-Kennern zu vertrauen. Die den Aufsätzen vorangestellte neue typographische Präsentation der Carmina (S. 28–51) verwendet für die Basistexte und die Intexte die gleiche Schriftart und -größe, letztere werden durch eine graue Schattierung hervorgehoben. Ausgestattet ist der Band zudem mit 20 Farbtafeln und 65 schwarz/weiß-Abbildungen; nur der einfache und schnell abgegriffene Papiereinband schmälert den guten optischen Eindruck.

Bilanzierend lässt sich festhalten, dass die Publikation in konzeptionell überzeugender Weise den internationalen Forschungsstand zu Publilius Optatianus Porfyrius und seinen poetischen Formexperimenten bündelt. Sie kann damit als Ausgangspunkt für weitere Forschungen dienen, nicht zuletzt deshalb, weil sich viele Parallelen zwischen den gegenwärtigen kulturellen Transformationsprozessen und dem geistigen Umbruch in der Spätantike aufweisen lassen.

Anmerkung:
[1] Rudolf Helm, Art. „Publilius (29)“, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft XXIII 2, Stuttgart 1959, Sp. 1928–1936, hier Sp. 1928.
[2] Vgl. Ulrich Ernst, Carmen figuratum. Geschichte des Figurengedichts von den antiken Ursprüngen bis zum Ausgang des Mittelalters, Köln 1991, S. 95–142; Ulrich Ernst (Hrsg.) in Verbindung mit Oliver Ehlen und Susanne Gramatzki, Visuelle Poesie. Historische Dokumentation theoretischer Zeugnisse, Bd. 1: Von der Antike bis zum Barock, Berlin 2012, S. 21–63.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.04.2017
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