J. Singer: Arme adlige Frauen im Deutschen Kaiserreich

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Titel
Arme adlige Frauen im Deutschen Kaiserreich.


Autor(en)
Singer, Johanna M.
Reihe
Bedrohte Ordnungen 5
Erschienen
Tübingen 2016: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
XIII, 452 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pauline Puppel, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin

„Altersarmut trifft Frauen besonders hart,“ titelte vor kurzem "Zeit online" mit Bezug auf eine Bertelsmann-Studie, nach deren Errechnungen etwa 28 Prozent der Rentnerinnen im Jahr 2036 arm sein werden.[1] Armut, insbesondere Armut von Frauen ist jedoch keineswegs ein neues Phänomen: Dies belegt nun auch Johanna Singer, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich 923 ‚Bedrohte Ordnungen‘ der Universität Tübingen arbeitete. Sie nimmt in ihrer Studie eine bestimmte Gruppe von Frauen in den Blick, nämlich Frauen des Niederadels in Württemberg und in Preußen im Kaiserreich. Ihre 2015 eingereichte Dissertation ist im Schnittpunkt der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der neueren Adelsgeschichte und der Armutsforschung angesiedelt, um das „Bild adliger Lebenswirklichkeiten im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ (S. 2) zu vervollständigen. Mit ihrer Studie möchte Singer Grundlagenforschung leisten, indem sie mit Blick auf arme adlige Frauen die „Bruchlinien sozialer Ungleichheit“ (S. 19, 21) innerhalb der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich aufzeigt und das Verständnis der kaiserzeitlichen Sozialstruktur differenziert.

Singer, der für ihre Studie nur wenig Forschung zur Verfügung stand, reflektiert einleitend die von der historischen Armutsforschung verwendete Definition von ‚Armut’, ehe sie ihre beeindruckende Quellengrundlage aus mehreren Archiven in Stuttgart, Ludwigsburg und Berlin präsentiert. Sie betont, dass die mehrdimensionalen Armutskonzepte an die Quellensprache rückgebunden werden müssen und beachtet für ihre Analyse zum einen die Strukturperspektive und zum anderen die Akteursperspektive. Anschließend illustriert Singer in einem weiteren Schritt anhand aussagekräftiger Beispiele aus Württemberg und Preußen den Alltag bedürftiger adliger Frauen. Die Verfasserin ermittelt quantitativ grundlegende Fakten über das Ausmaß und die tatsächliche Ausprägung der Armut adliger Frauen im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen und fragt nach den Ursachen der Armut weiblicher Adeliger ebenso wie nach den Strategien, die von den Frauen und den Menschen in deren Umgebung ergriffen wurden, um die Lebenssituation zu bewältigen. Singer analysiert darüber hinaus die Fremd- und die Selbstsicht der historischen Akteurinnen und Akteure. Dazu wertet sie über Einzelmeinungen hinaus auch den Diskurs der inneradligen Publizistik aus.

Singers Studie, für die erstmals aus einem neuen Blickwinkel heraus serielle archivalische Quellen wie Bittgesuche an Ministerien und Behörden sowie publizistische Quellen wie das "Deutsche Adelsblatt" ausgewertet wurden, zeichnet sich durch ein hohes Maß an theoretisch-methodischer Reflexion aus. Sie ist gut strukturiert und der stete Rückbezug auf die eingangs präsentierten Beispiele bedürftiger Damen aus dem württembergischen und dem preußischen Nieder- und Briefadel dienen der Illustrierung der verallgemeinernden Aussagen, mithin der Einprägsamkeit von Singers Ergebnissen.

Singer arbeitet konzis heraus, dass die Bedürftigkeit armer adeliger Frauen nur in Bezug zu „hypothetisch ‚relevanten Bezugsgruppen’“ (S. 116, 127) bestimmt werden kann. Die Lebenssituation von Arbeitern ist nämlich nicht vergleichbar mit der Lebenswelt einer Dame, die mitunter selbst noch Hauspersonal beschäftigte, und daher betont Singer zu Recht, dass nicht nur das numerische Einkommen, sondern auch immaterielle Zugehörigkeitskriterien beachtet werden müssen. Die Armut adeliger Frauen lässt sich also nicht monokausal begründen, sondern beruhte immer auf einem dichten Geflecht von Ursachen. In Anlehnung an Konzepte der Intersektionalität arbeitet Singer daher die lebenszyklisch auftretenden ungleichheitsgenerierenden Faktoren weiblicher Adelsarmut heraus: Die Annahme, dass das Geschlecht einer dieser Faktoren war, untermauert sie stichhaltig und zeigt zudem auf, dass die Faktoren Familienstand, familiäre Situation, Gesundheitszustand und Alter die individuelle Armut bedingen konnten.

Die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht war jedoch das maßgebliche Kriterium.[2] „Adel ist [...] männlich“[3], daher wurden im 19. Jahrhundert adlige Mädchen und Frauen, wie Singer nachweist, adelsrechtlich und -ideologisch systematisch benachteiligt. Erwerbsmöglichkeiten standen weiblichen Adligen kaum offen, so dass es ihnen so gut wie nicht möglich war, auskömmlich den eigenen Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Die Verfasserin stellt als eine der Armutsbewältigungsstrategien von Seiten des Staats Erziehungsanstalten vor, an denen junge Adlige ausgebildet werden sollten, um sich als Ledige selbst versorgen zu können. Obwohl sich nach der Jahrhundertwende im Kontext der Ersten Frauenbewegung das in konservativen Kreisen anerkannte Berufsspektrum für Frauen der gehobenen Stände erweiterte, waren die Berufe, die adlige Frauen ergreifen konnten, nach Singers Erkenntnis jedoch zum einen schlecht entlohnt und zum anderen sozial unzureichend abgesichert, so dass weder Pensionsansprüche erworben noch Alters-, Unfall- oder Krankheitsabsicherung bestand.

Zur Bewältigung von Armut dienten vorwiegend andere Institute: Singer untersucht detailliert die Strategien bedürftiger Damen zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes, die entweder Rückhalt in der eigenen Familie und in sozialen Netzwerken fanden oder – mehrheitlich – auf Unterstützung durch staatlich verwaltete Damenstifte wie das Fräuleinstift zu Oberstenfeld oder Stiftungen wie die Karl-Olga-Stiftung sowie durch Gratiale, den preußischen Stiftungspensions- und weitere Unterstützungsfondsangewiesen waren bzw. von Standesgenossen unterstützt wurden, die Hilfsvereine und andere Einrichtungen gründeten. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede bei den Strategien zur Bewältigung der Armut zwischen Württemberg und Preußen arbeitet die Verfasserin gut heraus.

Armut adliger Frauen wurde von den betroffenen Damen und von ihren Zeitgenossen unterschiedlich wahrgenommen. Singer analysiert detailliert und differenziert die Bittgesuche, in denen die Bedürftigen oder ihre Fürsprecher die jeweilige Lebenssituation sowie die Würdigkeit der Unterstützungsempfängerin beispielsweise als Tochter eines verdienten, in einem Krieg gefallenen preußischen Offiziers schilderten. Ihrer Erkenntnis nach fiel es den Damen, die ihre Erwerbstätigkeit vielleicht mit „leise[m] Stolz auf die eigenen Leistungen“ (S. 358) hervorhoben, überaus schwer, um Unterstützung zu bitten. Den aus der Not heraus gemachten Angaben entgegneten die Behörden nach nachvollziehbaren Kriterien sachlich, in Württemberg, wie Singer unterstreicht, tendenziell empathischer als in Preußen. Für ihren gesamten Untersuchungszeitraum konstatiert sie, dass der hohe Verwaltungsaufwand immer stärker formalisiert wurde, um den Statusinkonsistenzen adliger Frauen angemessen begegnen zu können. Zwar erreichte Adelsarmut für die gesamte Gesellschaft keine relevanten Ausmaße, aber standesintern wurde die „Sonderqualität adliger Armut“ (S. 380) ebenso wie die besondere Verpflichtung zu ihrer Bewältigung angemahnt. Singer, die anhand der Publizistik die ‚Bedrohungskommunikation’ untersucht, weist dies anhand in mehreren (Adels-)Zeitschriften veröffentlichter Artikel, beispielsweise über die Frauenfrage nachvollziehbar nach.

Singer bestätigt mit ihrer durchweg gut lesbaren Studie, dass Klasse und Stand sich „wohl nur peripher“ (S. 361) tangierten, da die Differenzierung nach Stand im Kaiserreich der Differenzierung nach Beruf gewichen war. In den Bittgesuchen wurde die Standeszugehörigkeit kaum als Argument angeführt, es überwogen vielmehr die Hinweise auf berufliche Verdienste der männlichen Familienangehörigen im Staatsdienst oder im Militär.

Durch ihren Perspektivwechsel gelingt es Singer eindrucksvoll, Armut im Adel am Beispiel der Ärmsten, nämlich der bedürftigen weiblichen Adligen zu analysieren. Dadurch trägt sie zu einem differenzierteren Verständnis der Gesellschaft im Kaiserreich bei, in der der Adel nicht nur die Elite bildete, sondern auch „hart an der Unterkante“ (S. 395) der gehobenen Klasse lokalisiert werden muss. Die strukturell bedingte Benachteiligung von adligen Frauen wurde weder von den Bedürftigen selbst und erst recht nicht von Bürgerlichen hinterfragt. Singer unterstreicht, dass „die im Adel traditionell geforderte Verzichtslogik zugunsten des Fortbestands der Familie“ (S. 333) von den weiblichen Mitgliedern des Familienverbands verinnerlicht war. Zum Erhalt der Stammlinie wurde „in Kauf genommen, dass sie [die Frauen, P.P.] über Bord gingen“ (S. 240). Denn die Verfasserin hat in den ausgewerteten Quellen nur sehr wenige Äußerungen adliger Frauen über die eigene Position im gesamtgesellschaftlichen Gefüge der Ungleichheit gefunden. Singer hat eine bislang kaum beachtete Gruppe in den Fokus gerückt und anhand der Untersuchung von Armut im Adel aufgezeigt, dass ‚der Adel‘ im Blick auf die sozio-ökonomischen Lebenswelten um 1900 überaus heterogen war und sich somit von einem Stand zu einem Konzept, zu einer „Idee“[4] gewandelt hat, so dass die funktionale Differenzierung die Stratifikation insbesondere „am ‚unteren Rand‘ des Adels“ (S. 406) zunehmend ablöste. Ebenso wünschenswert wie die rasche Rezeption von Singers Ergebnissen, die ein mehrdimensionales Bild der kaiserzeitlichen Gesellschaft mit ihren vielfältigen, sich überlagernden Bruchlinien ergeben, wäre die gesamtgesellschaftliche Solidarität mit armen alten Frauen im 21. Jahrhundert.

Anmerkungen:
[1] Bertelsmann Stiftung: Altersarmut trifft Frauen besonders hart,
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-06/studie-berteslmann-altersarmut, 26.06.2017 (03.08.2017).
[2] Vgl. grundlegend Karin Hausen, Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hrsg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart 1976, S. 363–393.
[3] Daniel Menning, Adlige Lebenswelten und Kulturmodelle zwischen Altem Reich und „industrieller Massengesellschaft“. Ein Forschungsbericht, in: H-Soz-Kult, 23.09.2010, www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1112 (02.08.2017).
[4] Singer S. 405 mit Verweis auf Daniel Menning, Standesgemäße Ordnung in der Moderne. Adlige Familienstrategien und Gesellschaftsentwürfe in Deutschland 1840–1945 (Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 42), München 2014, S. 377.