D. Häußer: Der Brief des Paulus an die Philipper

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Titel
Der Brief des Paulus an die Philipper.


Autor(en)
Häußer, Detlef
Reihe
Historisch-Theologische Auslegung
Erschienen
Anzahl Seiten
392 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Gerstacker, Alte Geschichte, Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg

Die hier zu besprechende Kommentierung des Philipperbriefs gehört zur Reihe „Historisch-Theologische Auslegung“ (HTA), die zum besseren Verständnis des Bandes zumindest kurz vorgestellt werden soll. Das Ziel der Reihe ist es, ausgehend von einer offenbarungstheologisch und heilsgeschichtlich orientierten Grundhaltung, anspruchsvolle wissenschaftliche Exegese mit einem bewussten Brückenschlag hin zur kirchlichen Praxis zu verbinden. Dazu wird jeder Textabschnitt in vier Schritten bearbeitet: (I) eine Übersetzung des Textes aus dem Griechischen; (II) Anmerkungen zu Textkritik sowie (je nach Bedarf) Form, Hintergrund, Kontext, Aufbau und Struktur; (III) eine Vers-für-Vers-Exegese des Textes; (IV) Zusammenfassung und Brückenschlag in die (kirchliche) Gegenwart.

Detlef Häußer, der Autor des vorliegenden Bandes, ist studierter Theologe und Gräzist, wurde in Dortmund mit einer Arbeit zu Christusbekenntnis und Jesusüberlieferung bei Paulus[1] promoviert und ist seit 2010 Professor für Neues Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor. Seine Doppelqualifikation als Theologe und Philologe sowie seine Expertise zu Fragen der Jesusüberlieferung bei Paulus scheinen bei der Interpretation des Philipperbriefes immer wieder durch und gehören zu den unbestreitbaren Stärken dieser Kommentierung. Häußer macht außerdem von der vorgegebenen Struktur exzellenten Gebrauch und legt eine sehr übersichtliche Auslegung vor.

Der Kommentar beginnt mit einer ausführlichen Einleitung in den Brief (S. 7–46). Darin informiert Häußer über Philippi (Colonia Iulia Augusta Philippensis) im 1. Jahrhundert n.Chr. (S. 7–13), die Beziehung des Paulus zur dortigen Gemeinde (S. 13–19), Anlass, Abfassungszeit und -ort des Briefes (S. 20–31), die Diskussion über die Frage der literarischen Integrität (S. 31–38), Charakter und Aufbau (S. 38–42), theologische Anliegen (S. 43–45) und die Textüberlieferung (S. 45–46). Er entscheidet sich unter anderem für a) die Annahme einer grundsätzlichen Verlässlichkeit des Berichts in Apg 16 über die Gemeindegründung und damit die Verwendbarkeit dieses Berichts für das Verständnis des Briefes; b) (mit etlichen neueren Arbeiten[2]) die Abfassung während einer angenommenen Gefangenschaft des Paulus in Ephesus circa 54/55 n.Chr.; c) die literarische Einheitlichkeit des Briefes gegenüber Theorien einer Zwei- oder Dreiteilung.[3] Diese und weitere Positionen werden angemessen diskutiert und begründet und mit einer Ausnahme dürfte Häußer im Wesentlichen zuzustimmen sein. Bei der Bestimmung von Abfassungsort und -zeit tendiert der Rezensent zur traditionellen Verortung in Rom und einer damit verbundenen etwas späteren Ansetzung.[4]

Die Interpretation der einzelnen Textabschnitte zeichnet sich durch hohe philologische Genauigkeit, eine sehr ausgewogene und sachliche Diskussion unterschiedlicher Forschungspositionen, großes Fingerspitzengefühl bei der Herausarbeitung der Argumentationsstruktur des Paulus sowie durch gute begründete Entscheidungen in historischen und theologischen Fragen aus. Positiv herauszuheben ist, dass Häußer keine Scheu hat, eigene, nicht immer der Mehrheitsmeinung entsprechende Positionierungen einzunehmen, wo es ihm sachlich begründet erscheint. Bei seiner Auslegung bindet er außerdem die theologischen Überlegungen des Paulus traditionsgeschichtlich immer wieder an die Jesusüberlieferung sowie darüber hinausgehend an alttestamentliche-frühjüdische Traditionen zurück. Es gelingt ihm insgesamt sehr schlüssig zu zeigen, wie sehr das Denken des Heidenapostels in den Schriften des Alten Testaments und den frühchristlichen Traditionen über Leben und Lehre Jesu von Nazareth verwurzelt ist.

Die Kommentierung ist von sechs größeren und zahlreichen kleineren Exkursen durchzogen, die, im Layout abgesetzt, philologische, historische und theologische Detailfragen behandeln und die Argumentation an den betreffenden Stellen untermauern. Bei den größeren Exkursen diskutiert Häußer a) „Abfassung und historische Zuverlässigkeit des lukanischen Berichts“ über die Gründung der Gemeinde in Philippi in Apg 16 (S. 14–16); b) die Bedeutung von „Evangelium im Philipperbrief“ (S. 65); c) „Das Sein bei/mit Christus“ (S. 106–108); im Herrn und in Christus im Philipperbrief (S. 214–216); „Phil 3,2-11 und die New Perspective on Paul“ (S. 239–245); „Freude bei Paulus und im Philipperbrief“ (S. 287–290).

In kleineren Exkursen behandelt er Detailfragen unterschiedlichster Art, so zum Beispiel Vorschläge für die Deutung von Neid (pthónos) und Streit (éris) in 1,15 (S. 91); die Verwendung von politeúesthai in 1,27 (S. 117–118); das Verhältnis von antik-paganer „Religiosität“ zum Leiden bei 1,29 (S. 124); die grammatikalische Bestimmung des hína-Satzes in 2,2 (S. 135–136); die Bewertung der Demut im griechisch-römischen und im jüdischen Denken der Zeit (S. 138); Deutungsansätze für den Hintergrund des Traditionstextes in 2,6–11 (S. 146–147); und viele mehr.

Exemplarisch seien hier einige exegetische Einzelentscheidungen in Auswahl angeführt:

In 1,1 (S. 51ff.) ist sùn episkópois kaì diakónois (mit den Bischöfen und den Diakonen) nicht additiv, sondern inklusiv zu verstehen, beide von einander zu unterscheidende Gruppen gehören zu den zuvor genannten Heiligen. Die Verwendung von epískopoi stellt weder einen Anachronismus noch eine Glosse dar, sondern bezeichnet wohl die „Vorsitzenden der dortigen Hausgemeinden“ (S. 55). Hier wäre noch auf die Dortmunder Dissertation Jochen Wagners[5] hinzuweisen, der dieses Verständnis teilt und ausführlich begründet.

Der vieldiskutierten „Philipperhymnus“ 2,6–11 (S. 142ff.) wird von Häußer gegen neuere, vor allem englischsprachige Beiträge[6] als von Paulus aufgegriffenes und zu eigen gemachtes Traditionsstück gelesen. Allerdings handele es sich gegen einem großen Teil der Forschung[7] nicht um einen Hymnus, sondern um eine „katechetische Formel“ (S. 144). Nach einer Diskussion verschiedener Theorien zum Hintergrund des Textes plädiert Häußer für eine judenchristliche Herkunft der Tradition und hier vor allem für eine Aufnahme von Gedanken aus Jes 53 und aus der synoptischen Jesusüberlieferung. Damit wendet er sich gegen die Annahme einer Adam-Christologie in Phil 2. Die crux interpretum in 2,5 entscheidet er zugunsten eines ethischen Verständnisses, ohne dabei paulinische Ethik auf eine reine imitatio Christi verkürzen zu wollen.

Bei der Interpretation von 3,1–11 (S. 211–246) argumentiert Häußer mit guten Gründen dafür, die Wendung pístis Christoû als genitivus obiectivus zu verstehen (Glaube an Christus), nicht als genitivus subiectivus (S. 233–235). In einem längeren Exkurs setzt er sich außerdem kenntnisreich und kritisch mit der sogenannten New Perspective on Paul auseinander (S. 239–245). Zusammenfasend hält Häußer dabei fest: „So bleibt denn auch die traditionelle Sicht der Rechtfertigung vollkommen berechtigt, auch wenn sie zu ergänzen ist durch die Bundesdimension, die seitens der New Perspective betont wird.“ (S. 245)

In 4,2–3 werden zwei Frauen, Euodia und Syntyche, ermahnt, einen Streit beizulegen und ein ungenannter súzugos (Gefährte) wird ihnen als Vermittler zur Seite gestellt. Häußer sieht in der namentlichen Nennung einen Hinweis, dass beide „angesehene und führende Personen in der Gemeinde gewesen sind, möglicherweise Leiterinnen von Hausgemeinden“ (S. 282). Außerdem sieht er im Konflikt zwischen ihnen den Hintergrund für die bereits in 2,2ff. thematisierten Spannungen innerhalb der Gemeinde. Mit der Erklärung der unnötigen Wiederholung des parakalô (ich ermahne) in 4,2 mittels der Performanzkritik bescherte Häußer dem Rezensenten ein kleines und erheiterndes Aha-Erlebnis. Er schreibt: „Paulus hat schon bei der Abfassung des Briefes im Blick, dass sich der Vorleser einmal Euodia und einmal Syntyche zuwendet und diese beiden vermutlich nicht nebeneinander sitzen.“ (S. 281)

Für den viel diskutierten Hintergrund zu 4,10–20 wägt Häußer in einem Exkurs ausführlich die vorliegenden Alternativen ab (S. 308–311) und entscheidet sich gegen eine Herleitung aus den Konventionen des Patronats- bzw. Klientelwesens[8] oder aus denen des Wirtschaftslebens[9]. Vielmehr ist der Text mit Gerald W. Peterman[10] vor dem Hintergrund „der antiken Vorstellungen von Freundschaft und dem Benefizialwesen“ (S. 321) zu verstehen. Die Philipper sind durch das Teilhaben an dem lógon dóseos kaì lémpseos (der Sache des Gebens und Nehmens) (1,15) zu „Partnern am Evangelium“ (S. 329) geworden. Insgesamt bindet Häußer den Abschnitt zurück an 1,3–11 und versteht beide Texte zusammen als eine den Brief rahmende inclusio.

Den Kommentar runden ein Abkürzungsverzeichnis, Quellenverzeichnis und eine sehr ausführliche Bibliographie sowie Indices zu modernen Autoren, Stichwörtern und wichtigen griechischen Begriffen ab.

Insgesamt hat Detlef Häußer eine Interpretation vorgelegt, die historisch-philologisch Gründlichkeit und präzise Argumentation mit theologischem Fingerspitzengefühl sowie einem Blick für das Wesentliche verbindet und zugleich erfrischend zu lesen ist. Dem Band ist eine weite Rezeption und intensive Diskussion in Wissenschaft und Kirche zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Detlef Häußer, Christusbekenntnis und Jesusüberlieferung bei Paulus, Tübingen 2006.
[2] Vergleiche zum Beispiel Ulrich B. Müller, Der Brief des Paulus an die Philipper, 2. Aufl., Leipzig 2011, S. 16–23; Petr Pokorný / Ulrich Heckel, Einleitung in das Neue Testament, Tübingen 2007, S. 285–286; Donald A. Carson / Douglas J. Moo, Einleitung in das Neue Testament, Gießen 2010, S. 610–614.
[3] Auch hier ordnet sich Häußers Kommentar in eine wachsende Zahl neuerer Arbeiten ein, die zunehmend von Teilungshypothesen Abstand nehmen. Vergleiche zum Beispiel Markus Bockmuehl, The Epistle to the Philippians, London 1998, S. 20–25; Müller, Philipper, S. 5–16; Pokorný/Heckel, Einleitung, 275–276; Carson/Moo, Einleitung, 617–619; Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 8., durchgesehene und neubearbeitete Aufl., Göttingen 2013, S. 165–168.
[4] Vergleiche unter anderem Bockmuehl, Philippians, S. 25–32; Schnelle, Einleitung, S. 159–163.
[5] Jochen Wagner, Die Anfänge des Amtes in der Kirche. Presbyter und Episkopen in der frühchristlichen Literatur, Tübingen 2011, hier vor allem S. 104–105, der allerdings sún additiv versteht (ebd., S. 105, Anm. 168).
[6] So zum Beispiel Bockmuehl, Philippians, S. 116–120; vergleiche die Diskussion bei Carson/Moo, Einleitung, S. 605–610, die letztlich ebenfalls skeptisch gegenüber der Annahme einer vorpaulinischen Tradition sind, s. ebd., S. 606.
[7] So zum Beispiel Müller, Philipper, S. 91–95; Schnelle, Einleitung, S. 168–189; Pokorný/Heckel, Einleitung, S. 281–285, hier vor allem S. 281.
[8] Vgl. Lukas Bormann, Philippi. Stadt und Christengemeinde zur Zeit des Paulus, Leiden 1995.
[9] Vgl. Julien M. Ogereau, Pauls’s Koinonia with the Philippians. A Socio-Historical Investigation of a Pauline Economic Partnership, Tübingen 2014.
[10] Gerald W. Peterman, Paul’s Gift from Philippi. Conventions of Gift Exchange and Christian Giving, Cambridge 1997.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.10.2017
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