U. Bröckling: Gute Hirten führen sanft

Cover
Titel
Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste


Autor(en)
Bröckling, Ulrich
Reihe
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2217
Erschienen
Frankfurt am Main 2017: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Anzahl Seiten
425 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger Graf, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Seit der Publikation von „Das unternehmerische Selbst“[1] gehört Ulrich Bröckling zu denjenigen deutschen Soziologen, die die größte Inspirationskraft auf Historikerinnen und Historiker insbesondere der jüngeren Generation ausgeübt haben. Auch wenn sich die boomende Geschichte des Selbst und der Subjektivierungsformen letztlich auf Michel Foucaults Studien zur Gouvernementalität und Biopolitik beruft[2], hat doch vor allem Bröckling die oft sperrige und idiosynkratische, auf der Exegese weniger Texte basierende Philosophie Foucaults in ein Forschungsprogramm zur Untersuchung von „Menschenregierungskünsten“ übersetzt, das für Historikerinnen und Historiker anschlussfähig ist. Daher ist es sehr begrüßenswert, dass Bröcklings überaus scharfsinnige und wortgewandte Aufsätze, die bisher verstreut erschienen waren, von Suhrkamp nun in zum Teil überarbeiteter Form in einem Band versammelt wurden. Nach ihrer Lektüre hat man den Eindruck, klüger und differenzierter auf die heutige Gesellschaft und ihre jüngste Vergangenheit zu blicken als zuvor.

Während Bröcklings Aufsätze zu Prävention und Planung in der Geschichtswissenschaft bereits intensiv rezipiert wurden[3], bergen seine Studien zu anderen Zentralbegriffen der gesellschaftspolitischen Diskussion der Gegenwart wie Resilienz, Mediation, Nudging, Feedback und Kontraktpädagogik ebenso das Potenzial, für historiographische Analysen fruchtbar gemacht zu werden. In geringerem Maße scheint mir dies für die stärker zeitgeistdiagnostischen Beiträge zu Wettkampf und Wettbewerb zwischen Ökonomie und Sport oder zum sogenannten Burnout der Fall zu sein. Dem Ideenreichtum von Bröcklings Analysen ist in einer Rezension kaum gerecht zu werden[4], sodass ich mich Folgenden auf die erstmals in dieser Form publizierten Texte zu Resilienz und Nudging sowie den einleitenden programmatischen Aufsatz zu den „Figurationen pastoraler Macht“ konzentrieren werde, der „von Hirten, Herden und dem Gott Pan“ handelt und damit den schönen Titel des Bandes aufhellt.

Mit der Metaphorik von Hirte und Herde schließt Bröckling an Foucaults Beobachtung an, dass frühchristliche Pastoralregime als Vorbilder moderner Formen des Regierens begriffen werden können, und nutzt die Begriffe zur Beschreibung von „Familienähnlichkeiten“ verschiedener Menschenregierungskünste. Regieren ist mit Foucault kategorisch zu unterscheiden von Herrschen oder Kommandieren. Verstanden werden muss es, laut Bröckling, vielmehr im Sinne von Führen, das heißt als „Einfluss[nehmen] auf die Wahrscheinlichkeit von Verhalten“ (S. 16). Das Verhalten der Schafe ist weder determiniert und unbeeinflussbar, noch sollen oder können die Schafe durch pure Gewalt und Druck zur Konformität gezwungen werden. Der gute Hirte führt sie vielmehr sanft: „Er muss mit den Bedürfnissen eines jeden vertraut sein, muss dessen Verhalten und geheimste seelische Regungen kennen. Je mehr er von ihm weiß, desto subtiler kann er es lenken.“ (S. 21). Der Idealfall eines solchen Führens besteht für Bröckling in der Aktivierung der Selbstregierungsfähigkeit der Schafe im Sinne des Hirten. Verkörpert wird dieses Ideal bei Foucault im homo oeconomicus als einem Menschen, der „in eminenter Weise regierbar ist“ (S. 25), insofern er sich, wie Bröckling ausgeführt hat, als Unternehmer seiner selbst begreift. In seinem einleitenden Aufsatz erweitert Bröckling diese bekannten Überlegungen durch die Reflexion auf die Grenzen der Regierbarkeit bei irrationalem, affektgesteuertem Herdenverhalten im Katastrophenfall. Die dann einsetzende Panik geht begrifflich auf den griechischen Hirtengott Pan zurück, der ebenfalls das Konzept der „Panarchie“ der Sozialökologen Lance H. Gunderson und Crawford S. Holling inspiriert hat. Damit bezeichnen sie die vielfältigen, miteinander wechselwirkenden Regelzyklen in Ökosystemen, die aufgrund ihrer komplexen, nicht-linearen Dynamiken nicht durch externe Interventionen zu steuern sind. Solche Ökosysteme, führt Bröckling im Anschluss aus, gelten folglich als wesensmäßig instabil; sie können nicht durch nachhaltiges Wirtschaften im Gleichgewicht gehalten werden, sondern es kann nur darum gehen, ihre Resilienz zu steigern.

Im Begriff der Resilienz erkennt Bröckling einen „Schlüsselbegriff der ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts“ (S. 113).[5] Resilienz bezeichnet „das Vermögen eines Systems, Störungen und andere Stressoren zu absorbieren oder ihnen standzuhalten, ohne einen ‚Regimewechsel‘ zu vollziehen. Das heißt unter Aufrechterhaltung seiner grundlegenden Strukturen und Funktionen.“ (ebd.) Der Aufsatz zur Resilienz schließt damit direkt an Bröcklings frühere Arbeiten zu Prävention und Planung an. Er beschreibt eine Verschiebung im gesellschaftlichen wie individuellen Umgang mit dem Problem der unbekannten Zukunft, die sich in der jüngsten Vergangenheit ereignete. So geht es in der seit den 1980er-Jahren expandierenden Risikoforschung nicht mehr darum, Katastrophen direkt zu antizipieren und zu verhindern, sondern vielmehr darum, Strukturen zu schaffen, die dazu in der Lage sind, auch die Konsequenzen nicht antizipierbarer Schäden abzufedern und zu überstehen: „Soll Prävention negative Zukünfte unwahrscheinlicher machen, so soll Resilienzförderung wahrscheinlicher machen, dass die befürchteten negativen Zukünfte nicht noch negativer ausfallen.“ (S. 115). Resilienz begreift Bröckling damit als „Variante von und Alternative zu Prävention“. In ihrer Ambivalenz bleibt diese Formulierung etwas unbefriedigend, und es erscheint mir plausibler, Resilienz deutlich von Prävention zu unterscheiden, weil sie eine veränderte Haltung zur Zukunft impliziert. Zwar zielen sowohl Prävention als auch Resilienz darauf ab, mit zukünftigen Gefahren und Risiken umzugehen, aber im einen Fall geschieht dies unter der Annahme einer grundsätzlichen Prognostizier- und Steuerbarkeit der Zukunft, während sie im anderen Fall als unbekannt und unkontrollierbar gedacht wird. So geht es den Sozialökologen nicht darum, einen definierbaren ökologischen Gleichgewichtszustand zu stabilisieren, sondern es sollen vielmehr Diversität, Modularität und Feedback-Mechanismen von Ökosystemen gestärkt werden. Genauso könnte man argumentieren, dass das „resiliente Selbst“, das „sich im Futur II bewährt“ (S. 133f.), wenn es sich als widerstandsfähig erweist oder nicht, kategorial verschieden ist vom unternehmerischen Selbst, das sich auf die ihm bekannten Anforderungen des Neoliberalismus vorbereitet.

Eine ganz ähnliche Frage ergibt sich bei Bröcklings Analyse des Nudging bzw. der von Richard Thaler und Cass Sunstein explizit als neue Regierungstechnik präsentierten Strategie des „libertären Paternalismus“. Bröckling sieht die Beeinflussung individueller Entscheidungen durch Nudges – also die Ausnutzung systematischer Verzerrungen des menschlichen Entscheidungsverhaltens etwa durch die Setzung einer bestimmten Ausgangsoption oder die Beschreibung eines Entscheidungsproblems – als Fortsetzung neoliberaler Regierungsstrategien. Die Verhaltensökonomie ersetze die „Als-ob-Anthropologie des homo oeconomicus durch das realistischere Menschenbild des homo myopicus“ (S. 188), also eines Menschen, der immer wieder seine kurzfristigen Interessen über seine eigentlich wichtigeren langfristigen Interessen stelle und deshalb zu wenig spare, zu schlecht esse und sich zu wenig bewege. In der Vorstellung des libertären Paternalismus müsse der Staat als Anwalt des „Noch-nicht-Ichs“ gegenüber dem unvollständig rationalen Ich auftreten und es in die richtige Richtung schubsen, ohne es jedoch zu zwingen. Steuerung durch Nudges erfolge „niedrigschwellig, wenn nicht gar unterschwellig“ (S. 189). In gewisser Weise ist der verhaltensökonomische Regulierer also geradezu das Idealbild des sanft steuernden Hirten, der seine Schafe besser kennt, als diese sich selbst kennen. Zwar ist es richtig, wie Bröckling betont, dass auch der Neoliberalismus im Unterschied zum klassischen Liberalismus nicht von einer Selbstregulierung der Märkte ausging, sondern vielmehr davon, dass deren Funktionieren stimuliert und abgesichert werden muss, sodass Friedrich August von Hayek heute einigen auch als Ideengeber der Behavioral Economics gilt.[6] Aber ist das verhaltensökonomische Selbst tatsächlich nur eine Weiterentwicklung des unternehmerischen Selbst? Ist es nicht vielmehr ein grundsätzlicher Unterschied, ob das Individuum als rationaler Nutzenmaximierer betrachtet wird, der sich selbst steuern kann und soll, oder als fallibler und sich selbst nicht transparenter Akteur, der dazu eben gerade nicht in der Lage ist? Fügt sich die Regierungsstrategie des libertären Paternalismus tatsächlich so einfach in die Geschichte des Neoliberalismus und in eine Fortentwicklung von Steuerungstechniken, sodass die Welt immer dystopischer wird und Nudging wie in Bröcklings Überschrift letztlich „gesteigerte Tauglichkeit“ und „vertiefte Unterwerfung“ bedeutet? Ist „freiwillige Knechtschaft“ gegenwärtig die „höchste Form der Freiheit“, wie Bröckling im Hirtenkapitel formuliert (S. 22), oder besteht Freiheit gerade darin, sich gegen das Nudging aufzulehnen und etwas zu tun, was letztlich nicht in unserem wohlverstandenen Interesse ist, wie er am Ende seiner Ausführungen zum Nudging insinuiert? Die Antwort auf diese Fragen ist letztlich politisch und hängt davon ab, wie transparent Nudging gehandhabt und wie offen die Wahl von Ausgangsoptionen und das Design von Entscheidungsräumen in den politischen Deliberationsprozess einbezogen werden.

Über solche Fragen kann man also geteilter Meinung sein, kaum aber darüber, dass Bröcklings Texte vielfältige Perspektiven auf das Verhältnis von Selbst- und Fremdsteuerung in der Zeitgeschichte entwerfen, die es wert sind, historiographisch weiter verfolgt zu werden. Dabei schiene es mir besonders fruchtbar zu sein, sie noch stärker aus der Foucault’schen Perspektive zu lösen, in der jede Veränderung immer nur zu weiterer Unterwerfung führt, und stattdessen die Vielfalt und Koexistenz ganz verschiedener Steuerungstechniken zu betrachten, wie sie in Ulrich Bröcklings Aufsätzen vorgeführt wird.

Anmerkungen:
[1] Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt am Main 2007, 6. Aufl. 2016.
[2] Siehe unter anderem Thomas Alkemeyer / Gunilla Budde / Dagmar Freist (Hrsg.), Selbst-Bildungen. Soziale und kulturelle Praktiken der Subjektivierung, Bielefeld 2013; Pascal Eitler / Jens Elberfeld (Hrsg.), Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung – Politisierung – Emotionalisierung, Bielefeld 2015.
[3] Siehe zum Beispiel Nicolai Hannig / Malte Thießen (Hrsg.), Vorsorgen in der Moderne, München 2017.
[4] Siehe als sehr guten Gesamtinhaltsüberblick aus soziologischer Perspektive: Robert Seyfert, Das pastorale Selbst. Ulrich Bröckling über Menschenregierungskünste, in: Soziopolis, 11.09.2017, https://soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/das-pastorale-selbst/ (05.05.2018).
[5] In geringfügig modifizierter Form ist dieses Kapitel auch online zugänglich in: Soziopolis, 27.07.2017, https://soziopolis.de/beobachten/kultur/artikel/resilienz/ (05.05.2018).
[6] Roger Frantz (Hrsg.), Hayek and Behavioral Economics, Basingstoke 2013.