M.-L. Lakmann: Platonici minores

Cover
Titel
Platonici minores. 1. Jh.v.Chr. – 2. Jh.n.Chr. Prosopographie. Fragmente und Testimonien mit deutscher Übersetzung


Autor(en)
Lakmann, Marie-Luise
Reihe
Philosophia Antiqua 145
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 824 S.
Preis
€ 215,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Perkams, Institut für Philosophie, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Der vorliegende stattliche Band umfasst im Kern eine biographisch-philosophische Kurzdarstellung, eine Bibliographie sowie eine Fragmentsammlung derjenigen Mittelplatoniker, die im Sinne des Titels als minores gelten. Vorangestellt ist eine knapp gehaltene allgemeine Einführung in den Band, die Forschungssituation und die Vorgeschichte des Platonismus bis zum Mittelplatonismus. All dies wird in einem Appendix ergänzt durch eine Liste kurzer biographischer Notizen zu den maiores unter den Mittelplatonikern, so dass der Band im Ergebnis derartige Informationen für alle mittelplatonischen Autoren enthält.

Die biographischen Einführungen zu den einzelnen Autoren sind ebenfalls sehr gut lesbar und vereinigen relevante Informationen aus teilweise entlegenen Winkeln des Quellenuniversums zu geistigen Porträts, die zugleich den Charakter der philosophischen Tätigkeit in dieser Epoche verdeutlichen. Als Beispiele hierfür eignen sich besonders die etwas längeren Porträts von Autoren wie M. Annios Ammonios aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. und L. Kalvenos Tauros aus dem 2. Jahrhundert n.Chr., beide Athener Philosophen, der eine Lehrer des Plutarch, der andere des Aulus Gellius, des Pythagoreers Moderatos von Gades sowie des Kronios, der häufig mit Numenios zusammen genannt wird. Die ansprechenden Lebensbeschreibungen solcher Autoren führen den Leser tief hinein in die vielfältigen Aktivitäten und Überzeugungen der platonischen Philosophen der Kaiserzeit. Der spezifische Charakter der Epoche wird gerade aus solchen narrativ-inhaltlichen Kurzdarstellungen gut deutlich, und jede Interessierte kann sofort im gleichen Band anhand der Originaltexte und Übersetzungen überprüfen, ob er der Deutung zustimmt. Abgesehen von der Qualität der Übersetzung, die teils der erlesenen Feder des Matthias Baltes entstammen, helfen bei der Interpretation der Texte auch die Verweise auf die Diskussion der Passagen in den von Heinrich Dörrie begründeten Bausteinen zur Geschichte des Platonismus, die mancher freilich in den Überschriften der einzelnen Testimonien und Fragmente (beides wird nicht getrennt) übersehen wird.[1]

Wie das Gesagte zeigt, verdient der Band einen Platz in der Bibliothek jedes Platonismus-Spezialisten und ist eine wichtige Ergänzung zu den vergleichbaren Arbeiten: Vom unschätzbaren Dictionnaire des philosophes antiques hebt er sich durch gute Lesbarkeit[2], die regelmäßige Kurzcharakterisierung der philosophischen Lehren, die Zusammenstellung der Mittelplatoniker in einem Band (welche eine lange Suche erübrigt) sowie das Vorhandensein von Originaltext und Übersetzung ab. Letzteres unterscheidet ihn auch vom im Erscheinen begriffenen Ueberweg zu Kaiserzeit und Spätantike (Ueberweg – Grundriss der Geschichte der Philosophie, Die Philosophie der Antike 5), zu dessen im Detail wohl nuancierteren Darstellungen der Band Lakmanns mindestens eine Hinführung bietet.

Mit anderen Worten: Hier liegt ein Standardwerk vor, auf das die Erforschung des Mittelplatonismus nicht wird verzichten können. Diese Rezension hätte ihr Ziel erreicht, wenn sie dazu beitrüge, dass der Band bald so gefragt wäre, dass der ganz unverhältnismäßige Preis von 215 EUR in einer baldigen Studienausgabe (als Paperback in zwei Bänden?) merklich gesenkt werden könnte.

Anmerkungen:
[1] Heinrich Dörrie u.a. (Hrsg.), Der Platonismus in der Antike. Grundlagen – System – Entwicklung, Bd. 1–7,1, Stuttgart-Bad Cannstatt 1987–2008.
[2] Richard Goulet (Hrsg.), Dictionnaire des philosophes antiques, Paris 1989–2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.06.2018
Redaktionell betreut durch