A. Sayward: The United Nations in International History

Cover
Titel
The United Nations in International History.


Autor(en)
Sayward, Amy L.
Reihe
New Approaches to International History
Erschienen
London 2017: Bloomsbury
Anzahl Seiten
XVI, 306 S.
Preis
€ 97,49
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva-Maria Muschik, Europäisches Hochschulinstitut, Florenz

Vor knapp zehn Jahren lieferten Sunil Amrith und Glenda Sluga Historikern den ersten Startschuss, die Vereinten Nationen (UN) sowohl als Linse für Globalgeschichte wie auch als eigenständiges Forschungsobjekt genauer unter die Lupe zu nehmen.[1] Amy L. Saywards Buch „The United Nations in International History“ knüpft an diesen Aufruf an. Die Autorin will insbesondere Studierenden eine Einführung in die Geschichte des umfangreichen, teilweise unübersichtlichen UN-Systems bieten und zu eigenständigen Forschungsprojekten auf diesem Feld anregen.

Das Buch gibt einen breit angelegten, jedoch verhältnismäßig knapp formulierten Überblick zu den UN-Vorläuferorganisationen, den verschiedenen Organen, Kommissionen, Programmen und Sonderorganisationen der Vereinten Nationen sowie zu wichtigen Ereignissen (Koreakrieg, Suezkrise etc.) und Themenfeldern (Menschenrechte, Entwicklungshilfe, Peacekeeping) in der Geschichte der UN. Sayward, die Professorin für Internationale und Amerikanische Geschichte an der Middle Tennessee State University ist, verzichtet auf umfassende Literaturbesprechungen; sie stellt stattdessen im Text verteilt einzelne Autoren und Werke vor, die ihr besonderes Interesse geweckt haben. Insgesamt bietet das Buch eine nützliche Einführung zur Geschichte der UN für Studierende und Lehrende. Die zugehörige Website, die kontinuierlich aktualisierte Bibliographien und Quellenverweise zu den verschiedenen Themen verspricht, ist eine hilfreiche Ressource für die Planung und den Beginn von Forschungsprojekten.[2]

Der größtenteils thematisch orientierte Aufbau des Buches unterscheidet sich kaum von ähnlichen Werken wie Paul M. Kennedys „The Parliament of Man“ und Jussi M. Hanhimäkis „The United Nations“.[3] Nach einer knappen Einleitung beschreibt Kapitel 2 internationale Vorläuferorganisationen der UN, also in erster Linie den Völkerbund und assoziierte Organisationen. Kapitel 3 stellt einerseits zentrale Organe der Vereinten Nationen vor (den Sicherheitsrat, die Generalversammlung, das Sekretariat sowie den mittlerweile inaktiven Treuhandrat, der die Verwaltung einiger Kolonien beaufsichtigte, die nach dem Ende des Ersten und Zweiten Weltkrieges zu Treuhandgebieten erklärt wurden). Andererseits bietet es einen Überblick zu wichtigen Ereignissen und Entwicklungen in der Geschichte der UN, sprich Supermachtkonfrontationen sowie Kampagnen gegen Kolonialismus und ökonomische Ungleichheit von Regierungsvertretern des „Globalen Südens“.

Kapitel 4 zum Thema soziale und ökonomische Angelegenheiten ist mehr eine Liste verschiedener UN-Akteure in diesem Bereich als eine Analyse. Vorgestellt werden der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC), die bekanntesten Sonderorganisationen der UN (die Weltgesundheitsorganisation, die UNESCO etc.) sowie eher unbekannte Vertreter wie die World Tourism Organization, darüber hinaus die UN-affiliierten Bretton-Woods-Institutionen (Weltbank und Internationaler Währungsfonds), Kommissionen von ECOSOC (zum Beispiel zum Status der Frau oder zur Statistik) sowie die fünf regionalen UN-Wirtschaftskommissionen mit Sitz in Europa, Asien, Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten. Kapitel 5 widmet sich dem Thema von Saywards erstem Buch: „The Development Enterprise“.[4] Nach einer kurzen Besprechung der kolonialen Wurzeln des Entwicklungsprojekts teilt Sayward Initiativen in diesem Bereich – sowohl im Rahmen der UN als auch darüber hinaus – in sukzessiv dominante Themen und Praktiken ein. Kapitel 6, das Sayward zusammen mit Jeanna Kinnebrew verfasst hat, verbindet in ungewöhnlicher Weise einen historischen Überblick zu Peacekeeping-Initiativen der UN mit einer Einführung in die Arbeit der Vereinten Nationen im Bereich der Flüchtlingshilfe; allerdings werden beide Themen eher abwechselnd als integriert behandelt.

Der vielleicht interessanteste Teil des Buches, der dieses von Kennedys und Hanhimäkis oben genannten Einführungen unterscheidet, ist Kapitel 7, eine Fallstudie zur Rolle der UN im Nahen Osten. Beispielhaft deutlich werden hier die Vielschichtigkeit des UN-Systems, die unterschiedlichen Aufgabenfelder und Akteure, die zum Teil auch in Konkurrenz miteinander standen. Kapitel 8, für das Sayward von Alexandrea Collins unterstützt wurde, widmet sich dem Thema „internationale Gerechtigkeit“. Es beschreibt UN-Initiativen im Bereich Menschenrechte, die Kampagnen gegen Apartheid in Südafrika und die internationalen Ad-hoc-Strafgerichtshöfe, die nach dem Ende des Kalten Krieges errichtet wurden. Die knappe Schlussbemerkung ist zusammen mit der Einleitung als Einladung formuliert, einem äußerst lebhaften Forschungsfeld – der UN-Geschichte – beizutreten. Dramatisch, aber wenig überzeugend allein angesichts der oft staubtrockenen UN-Primärquellen, verspricht Sayward, dass eine solche Wahl persönlicher Langeweile für immer ein Ende setzen werde (S. 219).

Meine Kritik betrifft zwei Hauptpunkte. Erstens hält das Buch nicht unbedingt ein, was es verspricht. Der Klappentext kündigt an, dass Sayward den Weg weise, eine neue Art UN-Geschichte zu schreiben, indem sie „traditionelle Diplomatiegeschichte“ mit „neuen Trends“ der transnationalen (Kultur-)Geschichte verbinde – ein Ziel, das im Buch selbst nicht wieder auftaucht und somit ein Versäumnis, das eventuell eher dem Verlag als der Autorin zuzuschreiben ist. Sayward hält sich jedoch auch nicht durchgehend an ihre eigenen Anregungen. In der Einleitung stellt sie fest, dass ein Großteil der Sekundärliteratur zur UN sich damit beschäftige, die Erfolge und Misserfolge der Weltorganisation an den idealistischen Hoffnungen zu messen, die seit der Gründung 1945 in die Vereinten Nationen gesetzt worden sind. Sayward dagegen regt dazu an, moralisierende und emotionale Wertungen zu vermeiden und die Vereinten Nationen stattdessen als Arena der Globalgeschichte genauer unter die Lupe zu nehmen – als Ort, an dem Regierungen und Völker der Welt zusammenkommen, um aktuelle Fragen auszuhandeln (S. 2). Im Verlauf des Buches kommt Sayward selbst jedoch immer wieder auf scheinbare Erfolge und Misserfolge der UN zu sprechen, etwa in ihren Bemerkungen zu internationaler Gerechtigkeit, bei denen sie sowohl vermeintliche UN-Errungenschaften auflistet (fast jeder Erdbewohner kenne jetzt den Begriff Menschenrechte) als auch Versagen ausmacht („UN efforts to deal with genocide were not particularly fruitful“, S. 216f.). Zudem erscheint Saywards Interpretation der UN als Grenzgebiet, in dem durch zunehmende Interaktion aller Beteiligten das Verständnis füreinander Stück für Stück wachse und somit die Chancen stiegen, die Gemeinschaft als Ganze vorwärts zu bringen, eher als Hoffnung, weniger als empirische Analyse (S. 22f.).

Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die Hilfestellung, die Sayward angehenden Forschern mit ihrem Buch liefern möchte. Ihre Einteilung der existierenden Forschungsliteratur zum Thema in vier Kategorien, nämlich Ideengeschichte (Intellectual History), internationale Geschichte, institutionelle Geschichte und die Geschichte von UN-assoziierten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), ist eher verwirrend als überzeugend (S. 2). Unklar bleibt, inwiefern die „internationale Geschichte“ der UN, welche laut Saywards Definition die Vereinten Nationen als Arena betrachtet, in der nationale und internationale Akteure (beispielsweise Regierungsvertreter, Repräsentanten nationaler Befreiungsbewegungen oder Verfechter von Bevölkerungskontrolle) sich von ihrer vierten Kategorie (UN-NGO-Geschichte) abgrenzen lässt. Sayward nennt auch keine genaueren Beispiele für ihre dritte Kategorie, die Institutionengeschichte, die sie als „technische Studien“ beschreibt, welche dem Leser Einblicke bieten, wie die Vereinten Nationen das Leben „einfacher Leute rund um den Globus“ Tag für Tag prägen – etwa durch humanitäre Hilfe, die Regulierung der Luftfahrt oder die Sammlung und Standardisierung epidemiologischer Daten (S. 3). Eine potentiell sinnvollere Einteilung könnte neben Ideengeschichte unterscheiden zwischen Forschung, welche einerseits das UN-System als Linse auf verschiedene Akteure und Themen nutzt – d.h. als Forum für transnationale Geschichte[5] –, und andererseits einer Geschichte, welche unterschiedliche Teile des UN-Systems und ihre Angestellten (zum Beispiel Sonderorganisationen wie die International Labour Organization) als eigenständige historische Akteure näher beleuchtet.[6]

Insgesamt bieten Amy L. Saywards Buch und die dazugehörige Website aber eine nützliche Hilfestellung für Studenten und Lehrende, die sich für internationale und besonders für UN-Geschichte interessieren. Gegenüber Paul M. Kennedys und Jussi M. Hanhimäkis teils knapper und nüchterner formulierten Einführungen besitzt „The United Nations in International History“ den Vorteil, dass einige interessante Werke der transnationalen Geschichtsschreibung der vergangenen zehn Jahre hier kurz vorgestellt werden und Sayward auch potentielle Forschungsfragen für Studenten und angehende Wissenschaftler beispielhaft aufwirft.

Anmerkungen:
[1] Sunil Amrith / Glenda Sluga, New Histories of the United Nations, in: Journal of World History 19 (2008), S. 251–274.
[2]https://bloomsbury.com/cw/the-united-nations-in-international-history/ (16.08.2017).
[3] Paul M. Kennedy, The Parliament of Man. The Past, Present, and Future of the United Nations, New York City 2006; dt. Übers.: Parlament der Menschheit. Die Vereinten Nationen und der Weg zur Weltregierung, München 2006; Jussi M. Hanhimäki, The United Nations. A Very Short Introduction, 2., überarb. Aufl. Oxford 2015 (1. Aufl. 2008).
[4] Vgl. Amy L.S. Staples (= Sayward), The Birth of Development. How the World Bank, Food and Agriculture Organization, and World Health Organization Changed the World, 1945–1965, Kent 2006.
[5] Ein gutes Beispiel hierfür bietet Matthew Connelly, A Diplomatic Revolution. Algeria’s Fight for Independence and the Origins of the Post-Cold War Era, Oxford 2002.
[6] Beispielhaft hierfür ist Daniel Maul, Menschenrechte, Sozialpolitik und Dekolonisation. Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) 1940–1970, Essen 2007; engl. Übers.: Human Rights, Development and Decolonization. The International Labour Organization, 1940–70, Basingstoke 2012.