J. Braden: Konvertiten aus dem Judentum in Hamburg 1603–1760

Cover
Titel
Konvertiten aus dem Judentum in Hamburg 1603–1760. Esdras Edzardis Stiftung zur Bekehrung der Juden von 1667


Autor(en)
Braden, Jutta
Reihe
Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden 47
Erschienen
Göttingen 2016: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
518 S.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Czakai, Franz Rosenzweig Minerva Research Center, Hebrew University Jerusalem

Die jüdische Konversionsforschung ist meist mit folgendem Problem konfrontiert: „In den Taufbüchern tauchen die jüdischen Täuflinge vor allem des 17. Jahrhunderts wie aus dem Nichts auf und verschwinden in den meisten Fällen sofort wieder aus dem Gesichtsfeld des Historikers.“ (S. 317). Wie man trotz dieser schwierigen Ausgangslage eine facettenreiche Studie schreiben kann, demonstriert Jutta Braden in ihrer 2016 erschienenen Arbeit.

Mit der 1667 vom Hamburger Theologen Esdras Edzardi gegründeten Stiftung zur Förderung konversionswilliger Juden und bedürftiger Konvertiten entstand eine Institution, deren Versorgungssystem „einzigartig im damaligen deutschen Reich“ (S. 92) war und das regionale Konversionsverhalten nachweislich verstärkte. Bis 1760 förderte die Stiftung, unterstützt durch einen Kreis mehrerer hundert Spender aus der Hamburger Bürgerschicht, etwa 250 Taufwillige und Konvertiten, etwa im Unterricht im christlichen Glauben sowie mit materiellen Zuwendungen.

Braden verknüpft in ihrer stark quellenbasierten Arbeit die Forschungstraditionen der Missionsgeschichte einerseits und der Jüdischen Studien andererseits und nimmt alle Akteure als Subjekte wahr. Auf diese Weise gelingt es ihr, die jeweiligen blinden Flecken zu erhellen und beide Sichtweisen miteinander zu kombinieren. Anknüpfend vor allem an die Arbeiten und Fragestellungen von Ries[1], Helbig[2] und Carlebach[3] sowie ihrer eigenen Studie zur Hamburger Judenpolitik[4] stellt Bradens ambitionierte Monographie gleich drei Facetten in den Mittelpunkt: den Missionar und seine Stiftung, die Konvertiten und die jüdische Gemeinde und schließlich das Netzwerk der Spender innerhalb der Stadt.

Ausgehend von Edzardis Stiftungsmanifest zeichnet sie dessen innovative Motivation nach und verortet ihn innerhalb der Konversionspolitik seiner Zeit. In seinem theologischen Ansatz unterschied sich der charismatische, aber zuweilen auch fanatische Eiferer (S. 79ff.) Edzardi nur dahingehend von der dominanten lutherischen Orthodoxie des Hamburger Stadtstaats, als er die Judenmission nicht allein vom Staat forciert wissen wollte, sondern auch die Eigeninitiative von Privatpersonen wie ihm als notwendig erachtete. Zentraler Punkt dieses praxisorientierten Ansatzes war Edzardis Erkenntnis, dass Konversionen von materieller Not und Zweifel begleitet werden und daher aufgefangen werden müssten.

Während andere Arbeiten die Paten der Konvertiten und Spender eher beiläufig erwähnen, widmet Braden diesen ein ganzes Kapitel und kann dadurch ein umfassendes Unterstützer-Netzwerk herausarbeiten. So lassen sich individuelle Gründe für die Spenden, Höhe und Abfall des Spendenaufkommens als Gradmesser der Stadtgeschichte und Kirchengeschichte verwenden. Geschickt arbeitet Braden heraus, inwiefern Stifter, Stiftung und Spender innerhalb der Hamburger Stadtpolitik (und darüber hinaus) verankert waren. Auf diesem Wege kommt sie zu dem Ergebnis, dass nicht etwa der Tod Edzardis (1708) zum Einbruch der Spendenbereitschaft führte, sondern dass ein komplexes Geflecht aus stadtpolitischen Konflikten und theologischen Richtungswechseln dazu führten, dass um 1705 der Sinn der Stiftung nicht mehr zeitgemäß und als förderungswürdig zu vermitteln war. Aufgrund der fehlenden Geldmittel mussten auch die Zuwendungen neu organisiert werden, was zu einer Reduzierung der Förderung und letztlich zu einem Rückgang der Konversionen führte. Die (notwendige) Detailfülle, mit der dem Netzwerk der Spender nachgespürt wird, kann dabei zuweilen etwas verwirrend wirken. Eine genealogische Aufstellung des engeren Familien-(und Spender-)Kreises Edzardis wäre an dieser Stelle sicher hilfreich gewesen.

In ihrem Kapitel zu den Konvertiten bestätigt Bradens Arbeit in Vielem die Ergebnisse anderer Lokalstudien, etwa in Bezug auf Motivation, Alter, sozialen Status der Konvertiten. Darüber hinaus setzt ihre Studie aber ganz eigene Schwerpunkte. So geht die Autorin der Frage nach, inwiefern die Eingliederung der Konvertiten in die christliche Gesellschaft glückte. Dabei stellt sie fest, dass deren Leben, wie auch andernorts, oft von materieller Not geprägt war und dass die Konvertiten zum Teil noch Jahrzehnte nach ihrer Taufe Zuwendungen der Stiftung erhielten. Zudem blieben sie oft stigmatisiert und ausgegrenzt, denn sie waren zwar „Mitglieder der christlichen Kirche, aber nicht unbedingt auch der christlichen Gesellschaft“ (S. 421). Diese Erkenntnisse sind an sich nicht neu, bemerkenswert ist jedoch die faszinierende Feststellung, dass sich in Hamburg ein spezifisches Milieu aus Konvertiten und Taufwilligen herausbildete, das eng beieinander lebte und somit nicht nur religiös, sondern auch geographisch eine Kontaktzone von „mingled identities“[5] zwischen Judentum und Christentum bildete. Dieses Konvertitenmilieu begreift Braden als „eine Art Kolonie am Rande sowohl der jüdischen als auch der christlichen Gesellschaft“ (S. 426), die „wenn auch vielleicht nicht einzigartig, so doch aber eine Rarität im Alten Reich war.“ (S. 383)

Besonders die Rolle taufwilliger und konvertierter Frauen rückt immer wieder in den Mittelpunkt und unterstreicht die geschlechterspezifische Dimension des Themas. So kann die Autorin empirisch belegen, dass sehr viel weniger Frauen als Männer unter der Konvertiten zu finden sind, männliche Konvertiten eine größere geographische Mobilität aufweisen, während sich Jüdinnen eher in der Nähe ihrer Herkunftsorte taufen ließen, und dass den Konvertitinnen nach der Taufe noch weniger Möglichkeiten für ein geregeltes Einkommen blieben, als den Männern. Allerdings betont Braden auch, dass die wenigen nachvollziehbaren Biographien trotz struktureller Gemeinsamkeiten starke „individuelle Unterschiede“ aufweisen, und die „Erkenntnisse daher lückenhaft“ (S. 422) bleiben müssen.

Als bitterer Beigeschmack bleibt daher die Tatsache, dass viele Fragen auch nach eingehender Untersuchung unbeantwortet bleiben. Das ist nicht etwa der Arbeit der Autorin geschuldet, sondern der schlechten Quellenlage. Dabei gibt die spezifische Quellengattung des Gabenbuchs der Stiftung in erster Linie Einblick in Notsituationen, weniger jedoch in Erfolgsgeschichten. Braden wertet ihre Quellen bestmöglich aus, doch ist deren Informationsgehalt meist so dürftig, dass sie in ihren Zwischenfazits oft nicht mehr als spekulieren kann (S. 328), wodurch die Aussagekraft des singulären Ergebnisses zuweilen unklar bleibt. Es bedarf mithin weiterer regionaler Studien, um das Bild zu vervollkommnen. Erst dann, so betont auch die Autorin, könne eine Gesamtgeschichte jüdischer Konversion in der frühen Neuzeit geschrieben werden (S. 100).

Dadurch, dass sich Bradens Arbeit einer eindeutigen Zuordnung verwehrt, ist sie sowohl für Historiker/innen der jüdischen Geschichte, der lutherischen Kirchengeschichte sowie der Geschichte des Hamburger Bürgertums in der Frühneuzeit gleichermaßen interessant. Braden versteht es, durch die Brille der jüdischen Geschichte gleichzeitig ein Buch über das Hamburger Bürgertum zu schreiben. Aufgrund dieser multidimensionalen Perspektive gelingt es ihr, das Missionswerk tief in der Stadtgeschichte zu verwurzeln und bis auf eine persönliche Ebene der Spender und Paten nachzuvollziehen.

Die ambitionierte Multidimensionalität birgt jedoch auch Probleme. Bradens Entscheidung, direkt mit Edzardis Gabenbuch zu beginnen und somit von Anfang an die Quellen sprechen zu lassen, ist sehr gelungen. Andererseits bleiben dadurch entscheidende Ereignisse und politische Konstellationen der Hamburger Stadtgeschichte sowie kirchengeschichtlicher Auseinandersetzungen zunächst unkommentiert und werden von der Autorin innerhalb dem von ihr gewählten Narrativ erst an späterer Stelle entfaltet. Diejenigen, die auf diesem Gebiet weniger versiert sind, müssen etwa bis Seite 194 warten, bis die bereits vielfach angesprochenen politischen Konflikte innerhalb der Hansestadt genauer erklärt werden.

Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch, das bestehende Forschungsmeinungen (etwa zu Armut, Ausgrenzung etc.) untermauert, zudem jedoch neue Aspekte herausarbeitet, wie das Konvertitenmilieu und das Spendernetzwerk. Ergänzt wird es durch eine CD, die biographische Informationen zu Spendern und Konvertiten liefert. Die Arbeit reicht somit weit über bisherige Studien hinaus bzw. bereichert den Forschungsstand mit einem gewinnbringenden Ansatz, der sich besonders für die zukünftige Forschung als sehr nützlich erweisen wird.

Anmerkungen:
[1] Rotraud Ries, >Missionsgeschichte und was dann?< Plädoyer für eine Ablösung des kirchlichen Blicks., in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15 (2005), S. 271–301.
[2] Annekathrin Helbig, Jüdische Konvertiten im 18. Jahrhundert im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin, unveröffentlichte Diss. phil., Freie Universität Berlin, 2012.
[3] Elisheva Carlebach, Divided Souls: Converts from Judaism in Germany, 1500–1750, New Haven 2001.
[4] Jutta Braden, Hamburger Judenpolitik im Zeitalter lutherischer Orthodoxie 1590–1710, Hamburg 2001.
[5] David B. Ruderman, Early Modern Jewry: A New Cultural History, Princeton, NJ 2010, S. 159ff.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.11.2018
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