J. Blänsdorf: Das Thema der Sklaverei in den Werken Ciceros

Cover
Titel
Das Thema der Sklaverei in den Werken Ciceros.


Autor(en)
Blänsdorf, Jürgen
Reihe
Forschungen zur antiken Sklaverei 42
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
VII, 206 S.
Preis
€ 41,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael Schwitter, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Das erhaltene literarische Oeuvre Ciceros ist die umfangreichste und wichtigste Quelle für die Sklaverei der Späten Republik und hat von der Forschung entsprechende Aufmerksamkeit erhalten. Die vorliegende Studie ist das Resultat einer jahrzehntelangen Beschäftigung des Autors mit dem Thema. Vorgelegt wurde sie im mittlerweile 42. Band der „Forschungen zur antiken Sklaverei“, des primären Publikationsmediums des gleichnamigen ‚Jahrhundertprojekts‛, das von Joseph Vogt im Jahr 1950 an der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur begründet und bis 2012 kontinuierlich fortgeführt wurde.[1]

Blänsdorf leistet darin Grundlagenarbeit: Das Buch kombiniert eine Zusammenstellung aller einschlägigen – nur in der Originalsprache zitierten – Stellen mit einer die neueste Forschung berücksichtigenden, sachkompetenten Analyse des Quellenbestandes. Die Basis der Untersuchung bilden über 900 Äußerungen aus Ciceros Briefen, Reden und philosophischen und rhetorischen Schriften – gewonnen durch vollständige Lektüre (!), da eine lexikalische Suche aufgrund der variablen Terminologie und der hohen Synonymie des Wortfeldes „Sklaverei“ zu unvollständigen Resultaten führen muss (S. 9). In Abgrenzung zu älteren Studien, in denen die mangelhafte Kohärenz bzw. die fehlende theoretische Durchdringung der Institution Sklaverei im Werk Ciceros bemängelt wurde, folgt Blänsdorf einem mentalitätsgeschichtlichen Ansatz, bei dem es „weniger um die Realität selbst als um ihr Abbild im Denken einer Person“ geht (S. 11) und der Inkonsistenzen als Befund akzeptiert. Die Materialerschließung erfolgt daher nicht thematisch oder chronologisch, sondern gesondert nach literarischen Gattungen, wodurch auch die postulierte Kontextabhängigkeit der Sklaverei-relevanten Aussagen Ciceros hervortreten soll: A. Reden (S. 11–85), B. Briefe (S. 87–149), C. Philosophica und Rhetorica (S. 151–180). Ein Sachregister wäre hier für einen thematisch orientierten Leserzugang hilfreich gewesen. Die mehrstufige, an inhaltlichen Gesichtspunkten orientierte Untergliederung der drei Hauptteile (unter anderem in „Sklaverei als Rechtszustand“, „Tätigkeit von Sklaven“, „Sklaverei in übertragener Bedeutung“) ermöglicht aber eine gewisse Orientierung innerhalb der gebotenen Materialfülle. Auf ein zusammenfassendes Schlusskapitel wurde (bewusst) verzichtet, am Ende der Hauptkapitel sind die Ergebnisse der vorangehenden Analyse jeweils in einem kurzen Zwischenfazit festgehalten.

Blänsdorfs Behandlung der zitierten Stellen ist kurz und aufschlussreich und kann sich in Einzelfällen auch zu einer zusammenhängenden Detailstudie ausweiten, wenn – wie in den Reden gegen Antonius (S. 69–84)[2] – das Thema der Sklaverei eine dominantere Stellung einnimmt. Der mentalitätsgeschichtliche Zugriff tritt je nach Textgattung mehr oder weniger stark hervor und kann auch gänzlich in den Hintergrund treten, etwa in der Behandlung der Sklaven als Briefboten (S. 90–98), Verwalter (S. 101–108) oder im Buchwesen (S. 108–111), wo es weniger um die Analyse von Ciceros individuellen Einstellungen oder Bewertungen geht als um Rekonstruktionen historischer Gegebenheiten. Lehrreich sind Blänsdorfs Ausführungen zum – in der römischen Literatur generell weit verbreiteten – metaphorischen Gebrauch der Sklaverei, sei es im Kontext politischer Diskurse und Auseinandersetzungen innerhalb der Oberschicht (S. 62–84; 144–148), oder im Kontext philosophischer Erörterungen (S. 175–180).

Exaktheit, Vollständigkeit und Quellennähe sind die offenkundigen Stärken dieses Buches, das den Lesern einen Weg durch die schiere Menge der einschlägigen Stellen und Bezüge bahnt. Hier liegen aber auch dessen (selbst gewählten) Grenzen, indem es die Komplexität und Inkohärenz des Materials gleichsam abbildet und so die Partikularität der Ergebnisse bewusst in Kauf nimmt. Generalisierende Aussagen über Cicero als Sklavenherr und über seine Einstellung zur Institution der Sklaverei würden zwangsläufig Unschärfen aufweisen. Der Verzicht auf eine abschließende Zusammenfassung ist daher methodisch konsequent, hinterlässt aber – auch weil auf längere explizite Vergleiche zwischen den untersuchten Gattungen verzichtet wurde – eine Leerstelle, die jeder Leser für sich selbst ausfüllen muss.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Heinz Heinen, Das Mainzer Akademieprojekt „Forschungen zur antiken Sklavere“: Geschichte und Bilanz, Perspektiven und Desiderate, in: Elisabeth Herrmann-Otto (Hrsg.), Unfreie Arbeits- und Lebensverhältnisse von der Antike bis in die Gegenwart, Hildesheim 2005, S. 371–394.
[2] Hier fehlt der Hinweis auf den wichtigen Aufsatz von François Favory, L’intervention de l’esclave dans le discours polémique cicéronien: Étude du corpus des „Philippiques“. In: Index 10 (1981) S. 86–172.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.11.2017
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