A. Reimann: Sprache und Kultur des Ersten Weltkriegs

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Titel
Der große Krieg der Sprachen. Untersuchungen zur historischen Semantik in Deutschland und England zur Zeit des Ersten Weltkrieges


Autor(en)
Reimann, Aribert
Reihe
Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Neue Folge, Band 12
Erschienen
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kay Wenzel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Gekämpft wurde im Ersten Weltkrieg auf den unterschiedlichsten Ebenen: Natürlich zunächst einmal an der Front, bis heute symbolhaft verdichtet in den Grabenkämpfen und Artillerieschlachten an der Westfront. Dann auch auf der Ebene der Gesellschaft, je länger der Krieg dauerte, umso unverzichtbarer erschien die Mobilisierung aller verfügbaren Ressourcen. Von Anfang an jedoch war der Erste Weltkrieg zugleich ein „Krieg der Sprachen“, ein Propagandakrieg, in dem der Feind nicht nur militärisch, sondern auch moralisch niedergerungen werden sollte. An diesem Aspekt des Krieges setzt Aribert Reimanns vergleichende Studie an, in deren Zentrum allerdings nicht die Propaganda, sondern die narrativen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster des Kriegsgeschehens in Deutschland und England stehen. Ausgehend von dem Begriff der historischen Semantik untersucht Reimann Sprache als Ausdruck der Gegenwartsorientierung des Menschen. Dabei geht es ihm um die Umformung der in einer sprachlichen und kulturellen Tradition immer schon vorgegebenen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsdispositionen unter dem Druck der Extremsituation des Weltkriegs. Letztlich, so Reimanns These, hing der Zusammenhalt der Kriegsgesellschaft und damit auch der Kriegserfolg wesentlich davon ab, ob es gelang, die vielfältigen Aspekte der Kriegserfahrung in einsichtigen und dauerhaft gültigen Deutungsangeboten zu bündeln und zu vermitteln.

Das Fundament der Untersuchung bilden 13 Tageszeitungen und 3.000 Feldpostbriefe. Die 7 deutschen und 8 englischen Zeitungen repräsentieren jeweils das politische Spektrum des Landes. Reimann sichtet sie nicht systematisch, sondern untersucht stichprobenartig Jahrestage sowie entscheidende Zäsuren im Kriegsverlauf. Die Feldpostbriefe 16 deutscher und 12 englischer Weltkriegsoldaten weisen neben einigen Gemeinsamkeiten signifikante Unterschiede auf, die durch die Zufälle der Überlieferungsgeschichte bedingt sind. So kommen die deutschen Soldaten vorwiegend aus dem ländlich-kleinstädtischen Raum Mittel- und Süddeutschlands und waren ihrer Sozialstruktur nach vorwiegend Landwirte, Handwerker und „kleine“ Beamte, während die englischen aus den stark industrialisierten Räumen um London, Manchester und Leeds stammen und zumeist als Angestellte in mittleren Betrieben arbeiteten.

Die Anlage von Reimanns Studie ist in mehrfacher Hinsicht ambitioniert, aber, wie das Ergebnis zeigt, auch lohnend. Schon der Vergleich zwischen Deutschland und England ist aufgrund der tiefgreifenden Unterschiede in der sozialen Sprache und politischen Kultur beider Länder anspruchsvoll. Hinzu kommt, dass Reimanns Vorgehensweise eine klassische alltagsgeschichtliche Quelle, die Feldpostbriefe, mit den Leitbildern, wie sie die Deutungseliten in der politischen Presse entwarfen, kontrastiert. Dies bietet den Vorteil, dass die narrativen Deutungsmuster auf den Ebenen sowohl des Elitendiskurses als auch des „einfachen Soldaten“ erfasst werden können. Damit verknüpft der Zugriff gleich mehrere Zugänge, die üblicherweise isoliert voneinander betrieben werden. Bezogen auf die Sichtweise des Feindes kann Reimann beispielsweise nachweisen, dass die bekannten Stereotypen des „verräterischen Engländers“ und des „barbarisch-militaristischen Deutschen“ zwar in die Deutungsmuster der Feldpostbriefe Eingang fanden, sie zugleich aber dann aufbrachen und modifiziert wurden, wenn der abstrakte Feind vor Ort als Mensch sichtbar wurde. Einerseits gilt dies für die Kontakte in den eigenen Gefangenenlagern, nach denen der dann jeweils freilich besiegte Gegner, durchaus respektvoll beschrieben werden konnte. Es gilt andererseits aber auch für die Begegnungen an der Front – etwa anlässlich des bekannten „Weihnachtsfriedens von 1914“. Am Beispiel englischer Feldpostbriefe weist Reimann hier überzeugend nach, dass die Begegnungen nicht nur Ausdruck eines die Fronten übergreifenden Kameradschaftsgefühls waren, sondern vielmehr in „neugierig-chauvinistischer Ambivalenz der Feindwahrnehmung“ (S. 189) auch dazu dienten, die Vorurteile über den Feind zu bestätigen und eigene Minderwertigkeitskomplexe zu bekämpfen.

Gegliedert ist die Untersuchung in fünf große Blöcke, deren Kapitelüberschriften nicht immer ganz einsichtig gewählt sind. Zunächst thematisiert Reimann unter dem Titel „Diskursive Blockaden“ die Wahrnehmung des Krieges an der Westfront, um dann den „Höheren Wahrheiten“ in der Sinnstiftung des Krieges durch Naturgesetze und Religion auf den Grund zu gehen. Der dritte Abschnitt, genannt „Die politische Kultur der Heimat“, behandelt das komplexe und spannungsreiche Verhältnis der Erfahrungsräume „Front“ und „Heimat“. Die Wendung nach außen vollzieht Reimann im folgenden Kapitel „Visionen der Feindschaft“, in dem die Feindbilder aber auch die Feindwahrnehmung in Presse wie Feldpost analysiert werden. Den Abschluss der Studie bilden die „Semantischen Zeit-Räume“, also die Vergangenheitsdeutungen und Zukunftserwartungen zur Weltkriegszeit in Deutschland und England.

Die Stärken von Reimanns Zugriff auf das Thema werden schon im ersten der fünf Kapitel deutlich. Für Deutschland wie für England kann Reimann zeigen, wie stark die Kriegsdeutung zunächst in der Presse, dann aber auch in den Feldpostbriefen zu Beginn des Krieges durch die Topoi des Ruhe-Bewahrens und der Unerschütterlichkeit geprägt war. In beiden spiegelte sich der modernitätskritische Vorkriegsdiskurs über die „Nervosität“ als Zeitkrankheit wider. Unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens wandelten sich dann aber die Deutungsmuster doch signifikant. In Deutschland drangen die Einkreisungsängste der Vorkriegszeit wieder ins Bewusstsein vor. Presse wie Soldaten thematisierten das „Aushalten-Müssen“ in einer Welt von Feinden. In England dagegen galt bis zu den Soldaten die Offensive als Inbegriff der soldatischen Tugenden. Auf den ersten Blick überraschend, aber letztlich überzeugend vermag Reimann zu zeigen, wie sich die unterschiedlichen Kriegserfahrungen in zwei Symbolfiguren bündelten. Die Rolandsfigur verband in Deutschland Defensive, nervenstarkes Aushalten und Zuversicht; der Panzer dagegen stand in England für den Offensivgeist wie für die Notwendigkeit, neue Techniken zur Durchbrechung der feindlichen Linien einzusetzen. In einem überaus gelungenen Teilkapitel analysiert Reimann in diesem Zusammenhang die Faszination des Fliegens und macht deutlich, dass – für deutsche wie für englische Soldaten – das Flugzeug und sein Pilot das genaue Gegenbild der eigenen Kriegswirklichkeit verkörperten. In der Luft, scheinbar unverwundbar, jedenfalls unerreichbar für die Artillerie, die das eigene Leben bedrohte, führten die Flugzeuge einen Krieg, in dem die am Boden aufgegebenen Ideale des ritterlichen Kampfes Mann gegen Mann fortzuleben schienen.

An einigen Stellen dagegen wird auch deutlich, dass Quellenauswahl und Methode „Kosten“ mit sich bringen. Generell führt die Orientierung an großen semantischen Deutungsmustern häufig dazu, dass zunächst die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und England in den Blick geraten und Differenzierungen eher nachgeordnet behandelt werden. Gleiches gilt durchweg für die kritischen Stimmen, die in der Tagespresse der Arbeiterparteien, z.T. auch der Linksliberalen, die offiziellen Deutungsmuster des Krieges eben doch nicht so bruchlos übernahmen, wie Reimann dies zuweilen suggeriert. Zudem fehlt der systematische Bezug auf die politische Publizistik außerhalb der Tageszeitungen. In dem Abschnitt „Höhere Wahrheiten“ etwa vermisst man die deutschen „Ideen von 1914“. Die Frontstellung „deutscher Kultur“ gegen die westliche Zivilisation hätte hier die Deutung des Krieges in den Kategorien Natur und Religion sinnvoll ergänzt, zumal Reimann an anderer Stelle den besonderen moralisch-zivilisatorischen Impetus der englischen Kriegsdeutung scharf heraus arbeitet. Ähnliches gilt für die Vergangenheitsdeutung im Weltkrieg. Zwar zeigt Reimann, wie zeitgleich mit der Mobilisierung ein Boom in der Vergegenwärtigung der Geschichte einsetzt und wie etwa aus einer als bruchlos dargestellten preußisch-deutschen Nationalgeschichte Stück für Stück der Auftrag zur (mitteleuropäischen) Vollendung des deutschen Nationalstaats abgeleitet wurde. Aber auch hier bleibt einiges im Dunkeln: Wie genau wirkten die Expansionsideen auf die ursprünglich kleindeutschen Geschichtsbilder zurück? Wie gerieten die historischen Traditionsbestände im Zuge des sich hinziehenden Krieges unter Druck? Und wie steht es mit jenen historischen Bezügen, die unter dem Deckmantel der Verklärung der Vergangenheit offen oder versteckt die Politik der Gegenwart kritisierten?

Insgesamt aber gelingt Reimann, was er sich zu zeigen vorgenommen hatte: Dass neben politischen und sozialen Aspekten, auch die kulturelle Wahrnehmung und Deutung des Krieges für dessen Ausgang von Bedeutung war. Letztlich erwies sich die politische Kultur des Kaiserreiches unter dem steigenden Druck des sich verschlechternden Kriegsverlaufs zunehmend weniger imstande, Deutungsmuster zu produzieren und aufrechtzuerhalten, die die Kohäsion der Gesellschaft sicherstellen. Diesen Vorgang für den „einfachen Soldaten“ auf der Ebenen der Feldpostbriefe rekonstruiert zu haben, ist das Hauptverdienst von Reimanns Studie.

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Veröffentlicht am
10.05.2004
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