H.-G. Nesselrath (Hrsg.): Tatian, Rede an die Griechen

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Titel
Gegen falsche Götter und falsche Bildung. Tatian, Rede an die Griechen. Eingeleitet, übersetzt und mit interpretierenden Essays versehen von Peter Gemeinhardt, Marie-Luise Lakmann, Heinz-Günther Nesselrath, Ferdinand R. Prostmeier, Adolf Martin Ritter, Holger Strutwolf und Andrei Timotin


Herausgeber
Nesselrath, Heinz-Günther
Reihe
Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia 28
Erschienen
Tübingen 2016: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
X, 332 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jutta Günther, Seminar für Didaktik der Geschichte, Goethe-Universität Frankfurt

Mit der vorliegenden Neuedition von Tatians Rede an die Griechen hat Heinz-Günther Nesselrath eine Veröffentlichung vorgelegt, die in jeder Hinsicht den Anforderungen der SAPERE-Reihe gerecht wird. Dem Motto Kants, „sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, folgend liegt das Ziel der Reihe darin, Schriften der späteren Antike (1.–4. Jahrhundert) zu ethischen und religiösen Fragen dahingehend aufzubereiten, dass die jeweilige Ausgabe neben einer neuen Textedition und einer deutschen Übersetzung auch das Umfeld der Schrift in ihrer historischen, philosophischen und theologischen Dimension durch angehängte Essays beleuchtet. Durch dieses breitgefächerte fachwissenschaftliche Panorama sollen die Leser, um die andere semantische Bedeutung des Wortes sapere anzubinden, „auf den Geschmack“ gebracht werden (S. 1).

Dass dieses Vorhaben gut in die Tat umgesetzt wurde, ist einerseits dem kontroversen Gegenstand und andererseits dem souveränen Umgang des Philologen mit dem Text zu verdanken. „Gegen falsche Götter und gegen falsche Bildung“ – diese bereits im Titel als Kampfschrift plakativ formulierte Positionierung verortet den Text zunächst klar in der Gattung der apologetischen Schriften. Aber schon in seinem Einführungskapitel (S. 3–36) kann Nesselrath der Diskussion um die Gattungsfrage einen originellen Gedanken hinzufügen, indem er eine Parallele zu Isokrates (S. 17) zieht und die Oratio plausibel als Deklamationsrede (S. 19) bezeichnet.[1] Neben einer hervorragenden quellenimmanenten Darstellung des biographischen Hintergrunds (S. 4–8) präsentiert Nesselrath eine überzeugende Gliederung des Textes in Abgrenzung zu bestehenden Editionen (S. 11–14), die sich ausschließlich an inhaltlichen Fragen orientieren möchte.

Mit Text, Übersetzung und Anmerkungsapparat folgt das Kernstück des Buches (S. 38–189), welches in gut lesbarem Layout und schönem griechischen Satz herausgegeben wurde. Eine große Stärke liegt in Nesselraths ausführlichen Kommentaren, die neben der philologischen Perspektive auf die unterschiedlichen Ebenen des Textes sensibel reagiert. Allerorts finden sich klare Bezüge zum christlichen Umfeld des Autors (biblische Schriften und Justin), besonders stark stellt Nesselrath aber die semantischen Bezüge Tatians zur paganen Geisteswelt her, die sich in den Anklagen gegen den heidnischen Götterhimmel ebenso wie an den homerischen Schriften Bahn brechen, so dass dem heutigen Leser die Schärfe der tatianischen Angriffe auf die heidnische Bildungswelt unmittelbar vor Augen steht. Nesselrath findet in der Übersetzung zu eleganten und kreativen Lösungen (etwa „logos-los“ für alogon, S. 47, oder „zum Geier wünschen“ für skorakizo, S. 59) und zeigt in tiefer Auseinandersetzung mit bisherigen Editionen einen teilweise eigenwilligen, aber gut gangbaren Weg auf, der sich in wesentlichen Aspekten von der Ausgabe Trelenbergs unterscheidet.[2]

Im ersten Essay (S. 193–223) spürt Ferdinand R. Prostmeier ausgehend von Antiochia als religiösem Mischtiegel der Frage nach, welchen Diskurs über ‚Religion‘ die Oratio anbietet und wie die inhaltliche Nähe Tatians zu Justin und Theophilos von Antiochia beschaffen ist, und eruiert das Bildungsmilieu der Schrift. Letztlich, so Prostmeier, habe Tatian mit der Oratio keine intendierte Teilhabe am kaiserzeitlichen Religionsdiskurs, sondern vielmehr eine literarische Konstruktion vorgelegt, die vornehmlich an Leser der „barbarischen“ Tradition adressiert sei. Damit stelle die Oratio christliche Binnenliteratur dar, die sowohl den gebildeten Christen Argumente für den Glauben geliefert als auch eine Möglichkeit geboten habe, „das Spannungsverhältnis von Evangelium und Kultur“ (S. 223) aufzuklären.

Holger Strutwolf und Marie-Luise Lakman (S. 225–245) wenden sich der Seelenlehre als „Herz des tatianischen Welt- und Menschenbildes“ (S. 227) zu und können zeigen, dass Tatian eine dualistische Pneumatologie vertritt, die trotz strenger Ablehnung des zeitgenössischen philosophischen Kontextes ohne diesen unverständlich bleibt. Die Autoren können herausarbeiten, dass sich der starke Bezug zum Mittelplatonismus vorrangig in den Vorstellungen zur Unsterblichkeit der Seele zeigt. Ist bei den Platonikern der höhere Teil der Seele unsterblich, bildet der niedere Teil den gemeinsamen Nenner mit Tatians Vorstellungen: Beide Seelenteile sind für ihn sterblich, können aber letztlich durch ein gerechtes Leben der christlichen Lehre folgend gerettet werden. Somit bilde die tatianische Seelenlehre die „theologische Mitte seines Denkentwurfs“ (S. 227) ab.

Peter Gemeinhardt zeigt in seinem Essay (S. 247–266) Tatians Vorstellungen zur antiken Paideia auf und kann durch eine Einzeluntersuchung der in der Oratio vorkommenden Wortfelder mit dem Wortstamm paid- herausarbeiten, dass Tatian der antiken Paideia eine eigene, christliche (he hemetera paideia) gegenüberstellt. Dabei betont Gemeinhardt, dass der Begriff paideia bei Tatian eine „Ambivalenz zwischen hellenischer ‚Verbildetheit‘ und dem, was allen Menschen von Gott zugeordnet, aber nur von den Barbaren angemessen rezipiert wurde“ (S. 265), beinhaltet und kommt zu dem Schluss, dass Tatian als „Wanderer zwischen den (Bildungs)welten“ genau „weiß, was er hinter sich lässt“ (S. 248).

Andrei Timotin beschäftigt sich in seinem Beitrag (S. 267–286) mit Tatians Theologie und Dämonologie. Er fasst zusammen, dass erstere aufgrund ihrer „gänzlichen Abwesenheit einer Christologie und der fast ausschließlichen kosmologischen Funktion, die dem Logos zugesprochen wird“ (S. 286), im Rahmen der Apologie des 2. Jahrhunderts eine besondere ist, auch da sie sich stark am Mittelplatonismus orientiert. Aufgrund von Tatians Gottes- und Logoslehre sowie dessen Pneumatologie stellt Timotin Tatians Dämonologie hinsichtlich von Ursprung, Konstitutionen und Tätigkeitsfeldern dar und findet besonders in letzteren eine Überlappung zu mittelplatonischen Vorstellungen, in denen sich die Dämonen auch im Rahmen von Astrologie, Mantik, Magie und Heilkunde zeigen und somit den Menschen darin hindern, „sich wieder mit dem theion pneuma zu vereinigen und so der Unsterblichkeit habhaft werden“ (S. 286).

Im letzten Essay sammelt Adolf Martin Ritter (S. 286–303) die Spuren der Oratio in den spätantiken theologischen Schriften. Quellennah widmet sich Ritter dem Urteil der Kirchenväter (Irenäus, Hippolyt, Clemens, Tertullian und Euseb), welche Tatian als einen Häretiker brandmarken (S. 286–294). Wenngleich sich nur geringfügige Spuren einer möglichen Häresie in der Oratio finden lassen, sprechen doch die mangelnde Überlieferung des durchaus größeren Oeuvres Tatians ebenso wie die frühen und verstreuten Nachrichten der einzelnen Väter in Ritters Augen stark dafür, dass dieses Urteil zutrifft. Die Haltung zur „wahren Philosophie“ Tatians sieht Ritter – fußend auf Elze[3] – in den Dimensionen göttlicher Ursprung, Einheitsgedanken und Altersbeweis und kennzeichnet letzteren als die besondere Leistung Tatians aufgrund des starken Niederschlags in der antiken theologischen Literatur.

Die vorgelegte Neuedition stellt eine sehr gelungene Veröffentlichung dar, die schon beim Lesen der ersten Seiten neugierig macht. Die Frage nach der Rechtfertigung einer Neuübersetzung kann Nesselrath ganz für sich in Anspruch nehmen, da er einen frischen, in den Bann ziehenden Tatian-Text vorlegt, der den Leser durch besondere Wortkonstruktionen, Neuschöpfungen und moderne Metaphern immer wieder schmunzeln lässt oder zum Nachdenken über den semantischen Gehalt in unterschiedlichen Kontexten anregt. Dabei überzeugt besonders die klug angelegte Reihe, die den aktuellen Forschungsstand unterschiedlicher Disziplinen für das Umfeld der Quelle nutzbar macht und dadurch reiche Früchte trägt – sowohl für denjenigen, der sich erstmals mit Tatians Schrift beschäftigt als auch für denjenigen, der sich mithilfe anderer Disziplinen einen aktuellen Blick auf die Quelle verschaffen möchte; oder um es mit den Worten Tatians zu beschließen: „…so eilt her, alle, die ihr lernen wollt!“ (or. 12,9).

Anmerkungen:
[1] Die Diskussion um die Gattung der Oratio hält in der Forschung schon lange an, einen Überblick bietet Jörg Trelenberg (Hrsg.), Tatianos, Oratio ad Graecos. Rede an die Griechen, herausgegeben und neu übersetzt, Tübingen 2012, S. 230–240.
[2] Trelenberg, Tatianos stellt die aktuellste Edition zur Oratio dar, die sich der Schrift aus theologischer Sicht annähert.
[3] Vgl. Martin Elze, Tatian und seine Theologie, Göttingen 1960.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2017
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