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Titel
Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler


Autor(en)
Gailus, Manfred
Erschienen
Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
316 S.
Preis
30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ursula Büttner, ehemals Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Im Gedenken an Martin Greschat, 29. September 1934 – 3. November 2017

Manfred Gailus gehört seit seiner großen innovativen Untersuchung über die Ausbreitung des Nationalsozialismus im Berliner protestantischen Sozialmilieu[1] zu den besten Kennern der evangelischen Kirchengeschichte im „Dritten Reich“. Seither hat er nicht nur die Verstrickung von Theologen und Kirchenleuten in das Unrecht des NS-Regimes in eigenen Abhandlungen und herausgegebenen Werken immer wieder zum Thema gemacht, sondern sich auch der Aufgabe gewidmet, die Erinnerung an jene evangelischen Christen und Christinnen wachzuhalten, die sich den Zumutungen der Deutschen Christen und dem Anpassungskurs der kirchlichen „Mitte“ widersetzten und den Versäumnissen oder allzu zögerlichen Reaktionen der Bekennenden Kirche widersprachen. Nach einem Buch über die Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz, die in theologisch fundierten Briefen an Repräsentanten der Bekennenden Kirche und in einer leidenschaftlich anklagenden Denkschrift von 1935 das Versagen der Kirchenopposition angesichts der Judenverfolgung angeprangert hatte[2], würdigt er jetzt den im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordeten Juristen Friedrich Weißler.

Anders als Schmitz, die erst 1999 in einem Exkurs zu einem Buch über die Theologin Katharina Staritz der Vergessenheit entrissen wurde[3], fand „der erste Märtyrer der Bekennenden Kirche“ in Gedenkbüchern und -artikeln von Anfang an Beachtung, allerdings wurden seine jüdische Herkunft und deren Bedeutung für sein Schicksal lange wenig bedacht. Das änderte sich, als Martin Greschat 1998 seiner gründlichen analytischen Dokumentation der Protest-Denkschrift der Bekennenden Kirche von 1936, an der Weißler mitgewirkt hatte, einen großen, auf umfangreichen Quellenrecherchen basierenden Aufsatz über dessen Handeln und Erleiden im „Dritten Reich“ folgen ließ.[4] Diese komprimierte Darstellung der Ereignisse um Friedrich Weißler im Kontext der Geschichte der Bekennenden Kirche und seiner persönlichen religiösen Entwicklung kann Gailus durch viele Details erweitern, ihr aber nichts wesentlich Neues hinzufügen. Sein Buch leistet etwas anderes: Gailus nutzt die reichhaltige Quellenüberlieferung – Briefe, Tagebücher, eine vom Vater verfasste Familienchronik, einen Lebensbericht Weißlers und Ermittlungsakten –, um dessen widerständiges Verhalten im „Dritten Reich“ in eine umfassende, Eltern und Großeltern mit einschließende Biografie einzuordnen. Außerdem bezieht er die Erfahrungen der Familie nach Weißlers Tod in die Betrachtung ein. Neben dem kühlen Juristen und entschiedenen Christen wird der Mensch Friedrich Weißler mit Schwächen, Ängsten und Eigenheiten sichtbar. Umso beeindruckender ist sein unerschrockenes Eintreten für seine Glaubensüberzeugungen sogar im Gestapo-Verhör. Darüber hinaus steht die Geschichte der Weißlers geradezu idealtypisch für den Erfolgsweg der deutschen Juden im 19. Jahrhundert: von den östlichen Provinzen nach Westen, aus prekären rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen ins mittelständische Handelsgewerbe und von dort aus in den Akademikerstand, von orthodoxer Frömmigkeit zu nur noch kultureller Bindung ans Judentum und schließlich weitgehender Assimilation bis hin zur Taufe.

Friedrich Weißlers Urgroßvater war Rabbiner in Myslowitz an der Grenze zu Polen; der Großvater wurde Textilhändler im 150 km westlich gelegenen Leobschütz, noch immer streng jüdisch lebend. Der Vater brachte es zum hoch angesehenen, auch wissenschaftlich tätigen Rechtsanwalt und Notar im schlesischen Königshütte und dann in der Universitätsstadt Halle, aber das erstrebte Richteramt blieb ihm als Juden versagt. Seiner Religion hatte er sich entfremdet, und seine drei Söhne ließ er taufen, den ersten heimlich gegen den Widerstand der Mutter; für sich selbst lehnte er den Übertritt jedoch noch ab. Anstelle des Judentums pflegte er einen glühenden deutschen Patriotismus – so sehr, dass er die „Schmach“ der Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht überleben wollte und sich am Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrags selbst tötete. Alle Söhne nahmen am Krieg teil, der jüngste, Friedrich, als Freiwilliger, obwohl er aufgrund seiner eher schwachen Konstitution und empfindsamen Psyche für den Militärdienst wenig geeignet war. Wie sein Vater hatte er Jura studiert und den Doktortitel erworben und vollendete in der Weimarer Republik mit einer erfolgreichen Richterkarriere dessen Weg. 1932 wurde er zum Landgerichtsdirektor in Magdeburg ernannt.

Mit dieser Beförderung begann bald darauf sein Verhängnis. Als Vorsitzender musste er im Februar 1933 bei einem Prozess eine Ordnungsstrafe gegen einen in SA-Uniform erschienenen Zeugen verhängen und geriet dadurch ins Visier der Nationalsozialisten. Anfang März wurde der „Jude“ Weißler im Gericht überfallen und an den Pranger gestellt, daraufhin vom Dienst suspendiert und im Juli 1933 nach § 4 des Berufsbeamtengesetzes vom 7. April wegen angeblicher politischer Unzuverlässigkeit endgültig entlassen. Wegen seines Fronteinsatzes im Krieg konnte der wahre Grund, seine „nichtarische Abstammung“, zu dieser Zeit noch nicht gegen ihn geltend gemacht werden. Vergeblich versuchte Weißler, sich mit juristischen Argumenten gegen den Rauswurf zu wehren und bei Kollegen, Freunden und Verbandsbrüdern Unterstützung zu finden. Es ist erschütternd zu sehen, wie sich schon 1933 um den Verfemten ein leerer Raum auftat, Richter und Pastoren in gleicher Weise versagten.

Nach dieser Erfahrung suchte Weißler mit seiner Frau und den beiden acht und fünf Jahre alten Söhnen in der Anonymität Berlins Zuflucht. Die viele freie Zeit nutzte er zu eingehenden theologischen Studien. Seine religiöse Entwicklung lässt sich nicht genau nachzeichnen, aber zweifellos verbanden sich seine intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit der lutherischen Lehre und die Frömmigkeitspraxis seiner Frau, einer Pfarrerstochter, bei ihm zu einer starken Glaubensgewissheit. Der präzise denkende Jurist verlangte auch in theologischen Fragen Eindeutigkeit. Dies führte ihn zu den entschiedensten Verfechtern kirchlicher Eigenständigkeit, der Dahlemer Richtung der Bekennenden Kirche. Er arbeitete ehrenamtlich im Büro der Vorläufigen Kirchenleitung und gelangte, ohne förmliche Anstellung, bald in die Funktion eines Kanzleichefs. Als solcher war er an der Denkschrift von 1936 beteiligt, in der die Bekennende Kirche mutiger als meistens die Politik des NS-Staates kritisierte: die Entchristlichung der deutschen Gesellschaft, die Zerstörung der kirchlichen Ordnung, den geforderten und praktizierten Judenhass, die Unterminierung des Rechtsstaats durch Gestapo und Konzentrationslager.

Nach der unbeabsichtigten Veröffentlichung in der Auslandspresse wurden Weißler und zwei junge Theologen, Werner Koch und Ernst Tillich, als mögliche Informanten verhaftet. In den Verhören bekannte er sich zu seiner Verantwortung: Er hatte die beiden aus ökumenischer Überzeugung über längere Zeit ohne Wissen der Kirchenleitung mit Nachrichten aus dem deutschen Kirchenkampf versorgt, um sie im Ausland bekannt zu machen; er hatte auch die Denkschrift weitergegeben, aber ausdrücklich nicht zur Veröffentlichung. Mutig gab Weißler dem Gestapo-Beamten über seine theologische Einstellung Auskunft: Bei bekenntniswidrigen Forderungen des Staates sei Widerstand geboten, auch im Kontakt mit dem Ausland; seine staatliche Klassifizierung als „Jude“ sei in der Kirche ohne Bedeutung und für sein Handeln deshalb nicht relevant gewesen. Nach der Beendigung der Verhöre wurde Weißler aus dem Polizeigefängnis ins Konzentrationslager überführt und dort von einem wilden Judenhasser binnen weniger Tage totgeschlagen. Mit seiner Bekenntnistreue hatte das nichts zu tun, sondern ausschließlich mit seiner jüdischen Herkunft. Seine Familie erlitt nach seinem Tod das typische Schicksal der christlich-jüdischen „Mischfamilien“: Nahe jüdische Verwandte emigrierten, wurden 1938 nach der Pogromnacht in Konzentrationslager gebracht, später wie Weißlers alte Mutter deportiert und ermordet. Der ältere Sohn kam 1939 mit einem „Kindertransport“ nach England, der jüngere musste 1944 mit 16 Jahren Zwangsarbeit bei der Organisation Todt leisten.

Gailus stellt alle diese Entwicklungen detailliert dar, wobei er die Quellen ausführlich zitiert oder referiert. Im Anhang sind eine Anzahl der wichtigsten Dokumente abgedruckt und vermitteln ein bewegendes Bild von Not und Zuversicht des Ehepaars Weißler. Mit Erklärungen und Deutungen ist Gailus sehr zurückhaltend. Er präsentiert seine Funde und überlässt es dem Leser oder der Leserin, Schlüsse zu ziehen. Manchmal wäre eine stärkere historische Einordnung hilfreich gewesen, z. B. Ausführungen über die komplizierten Fraktionsbildungen im Kirchenkampf oder über die staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung der „Mischfamilien“.[5] Auch eine explizite Stellungnahme zu den umstrittenen Begriffen „Märtyrer“ und „Widerstand“ wäre ein wichtiger Diskussionsbeitrag. Gailus lässt mit Recht Distanz zur kirchlichen Vereinnahmung Weißlers als „Märtyrer“ erkennen (S. 230) und spricht von seinem „Widerstand“ (S. 231, 233). Angesichts der Kontroversen über die Formen, Grade und Bezeichnungen nicht angepassten Verhaltens im „Dritten Reich“ hätte man sich eine ausgearbeitete Begründung gewünscht. Gailus’ Buch bietet viele starke Argumente, Weißlers Denken und Handeln als Widerstand zu ehren.

Anmerkungen:
[1] Manfred Gailus, Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin. Köln 2001.
[2] Manfred Gailus, Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010; zu diesem Themenfeld ferner: Manfred Gailus / Clemens Vollnhals (Hrsg.), Mit Herz und Verstand. Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik, Göttingen 2013.
[3] Hannelore Erhart / Ilse Meseberg-Haubold / Dietgard Meyer, Katharina Staritz, 1903–1953. Dokumentation, Neukirchen-Vluyn 1999.
[4] Martin Greschat, Friedrich Weißler. Ein Jurist der Bekennenden Kirche im Widerstand gegen Hitler, in: Ursula Büttner / Martin Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche. Der Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im „Dritten Reich“, Göttingen 1998, S. 86–122.
[5] Beate Meyer, "Jüdische Mischlinge". Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933–1945, Hamburg 1999, 3. Aufl. 2007; Ursula Büttner, Die Not der Juden teilen. Christlich-jüdische Familien im Dritten Reich, Hamburg 1988.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.02.2018
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