S. Papaioannou u.a. (Hrsg.): The Theatre of Justice

Cover
Titel
The Theatre of Justice. Aspects of Performance in Greco-Roman Oratory and Rhetoric


Herausgeber
Papaioannou, Sophia
Reihe
Mnemosyne Supplementum 403
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 355 S.
Preis
€ 126,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cristian Criste, München

Theatermetaphern sowie Vergleiche zwischen schauspielerischer Darbietung und Rednertätigkeit waren nicht nur integraler Bestandteil der antiken Rhetoriktheorie, sondern erfreuen sich auch in der modernen Forschung wachsender Beliebtheit.[1] Die im Zuge des „performative turn“ erfolgte Rezeption semiotischer (und somit auch theatralischer) Aspekte des Kommunikationsprozesses stellt die analytische Grundlage des ambitionierten Projektes dar, welches der vorliegende Sammelband verfolgt – „a holistic approach to oratorical performance“ (S. 5). Dementsprechend haben die Herausgeberinnen und Herausgeber den Band anhand von fünf Themenkomplexen gegliedert: „Speakers-Audience“ (S. 13–89), „Ethopoiia“ (S. 93–129), „Hypokrisis – Delivery – Actio“ (S. 133–197), „Emotions in the Law-Court“ (S. 201–262) und „Language and Style in Performance“ (S. 265–319).

Als Erstes werden die unterschiedlichen Publikumserwartungen vor Gericht und in der athenischen Volksversammlung in den Blick genommen. Laut Ian Worthington determinieren diese auch die performative Taktik. Während es für die Prozessparteien essenziell war, sich an den Wortlaut der von einem Logographen verfassten Rede zu halten, um sowohl der charakterlichen Selbstdarstellung treu zu bleiben als auch das oft mangelnde rhetorische Talent zu verbergen, erforderte eine Wortergreifung in der ekklesia größere Spontaneität. Die lautstarke Partizipation des Publikums wie auch unvorhergesehene Entwicklungen in der Debatte verlangten nach einem hohen Improvisationstalent und führten dazu, dass man des Öfteren bis an die Grenzen des rhetorischen decorum vorstieß. Das direkte Ansprechen der Richter in den demosthenischen Gerichtsreden bildet den Gegenstand der Untersuchung Andreas Serafims. Der Autor erkennt in den abweichenden Anredeformen den Ausdruck einer bewussten „kognitiv/emotionalen Taktik“[2], die bestimmte Konnotationen induzieren sollte. Die im Kontext der Diskussion juristischer Aspekte bevorzugt verwendete Bezeichnung der Richter als andres dikastai diene der Betonung dieser Rolle sowie der damit verbundenen Verantwortung, während die Wendung andres Athenaioi auf die Herbeiführung einer Wertegemeinschaft zwischen Redner und Hörer unter gleichzeitiger Exklusion der Gegenseite abziele. Die Fallstudie von Brenda Griffith-Williams belegt anhand von Isaios’ sechster Rede den Versuch, mithilfe der Andeutung bekannter Charakterbilder aus der Komödie ethische Parallelen zu evozieren und eine schwierige Beweisführung plausibel erscheinen zu lassen.

Eine – wenngleich seltene – Taktik römischer Redner war die spezielle Ausprägung der Prosopopoiie, durch die man Verstorbene zu Wort kommen ließ. Guy Westwood thematisiert das Fehlen solcher Beispiele in den attischen Reden und führt dies auf das normative Verständnis eines Vorgehens, das sich auf Imitation stützt, als zutiefst undemokratisch zurück. Jedoch hätten die rhetorischen Neuerungen der lykurgischen Ära und der akut gewordene Wettbewerb um die Deutungshoheit über die athenische Vergangenheit zumindest einen offensiveren Umgang mit exempla zur Folge gehabt. Zum Schluss des ersten Abschnittes offenbart Catherine Steels Beitrag einen wesentlichen Unterschied zu den vorherigen Feststellungen Worthingtons. Im Gegensatz zur athenischen Praxis attestiert sie sowohl den römischen Gerichtsverhandlungen als auch den contiones eine weitreichende Improvisationsfreiheit, welche die Autorin nicht zuletzt mit einer aktiveren Interaktion und der stetigen Unsicherheit über die Reaktion auf bestimmte Argumente sowie auf nonverbale Signale erklärt. Der auch von Steel vertretenen communis opinio, dergemäß Milos Weigerung, die Richter durch das Trauerritual des squalor zu bewegen (Cic. Mil. 92), als „failure“ eingestuft wird (S. 80), kann sich der Rezensent nicht anschließen. Vielmehr scheint diese auf eine richtige Einschätzung der Stimmungslage und einer drohenden negativen Beurteilung des topos zurückzugehen.[3]

Die performative Dimension von Charakterdarstellungen wird in den nächsten beiden Studien erörtert: Christos Kremmydas zeigt, wie Thukydides sowohl durch „interne“ Mittel (Reden, die den Handelnden in den Mund gelegt werden) als auch durch „externe“ Mittel (Hinweise des Historikers selbst) die persona des jeweiligen Akteurs skizziert. Anschließend widmet sich Henriette van der Blom der Selbstdarstellung des Q. Caecilius Metellus Numidicus und vor allem den Ambivalenzen in seiner Kommunikation mit dem Volk. Ob die von der Autorin zu Recht erkannte „Rhetorik der Inklusion“ letzten Endes gefruchtet hat oder Metellus’ ostentative Präsentation seiner auctoritas als Übertretung der jovialen Prinzipien aufgefasst wurde, muss angesichts der spärlichen Zeugnisse spekulativ bleiben.[4]

Im Mittelpunkt des nächsten Aufsatzes stehen die Mitleidsperformanzen in den attischen Gerichtsreden. Kostas Apostolakis weist zunächst darauf hin, dass der Überhöhung theatralischer Elemente oft mit Misstrauen begegnet wurde. Nichtsdestoweniger sei die emotionale Beeinflussung durch das Auftreten von Verwandten und Kindern mehr als ein bloßer topos, sodass Kritik oder gar ein Verzicht darauf fatale Folgen haben konnte. Dies macht der Autor an den Beispielen des Sokrates und des Antiphon fest. Als Nächstes betrachtet Beatrice da Vela Donatus’ Kommentar zu Terenz aus einem pädagogischen Blickwinkel. Hierbei hebt sie insbesondere das Interesse für den rhetorischen Wert des republikanischen Autors sowie die Bedeutung von Intonation, Gestik und Mimik für das spätantike Bildungsideal hervor. Im letzten Beitrag des Abschnittes beschäftigt sich Kathryn Tempest mit der praktischen Rhetorik Plinius des Jüngeren. Ausgehend von der Prämisse, dass dessen Briefe ebenfalls ein Licht auf diesbezügliche Taktiken werfen, zeichnet sie das Bild eines Redners, der großen Wert auf performative Aspekte legt, sowie dasjenige des Lehrers, der sich selbst als rhetorisches exemplum begreift und in der Tradition Ciceros und Quintilians steht.

Die Zweideutigkeit der antiken Emotion des Neides macht diese zu einem beliebten Untersuchungsgegenstand. Gegen Personen gerichtet, die ihre soziale Stellung zu Unrecht einnehmen oder diese nicht in den Dienst der Gesellschaft stellen, erhält sie eine legitime sanktionierende Funktion. Diese Feststellung veranlasst Dimos Spatharas zu einer Analyse von Demosthenes’ 21. Rede, im Zuge derer die Instrumentalisierung des sichtbaren Reichtums Meidias’ als starkes performatives Moment herausgearbeitet wird. In der Folge weist Edward M. Harris auf die Zurückhaltung hin, die den attischen Rednern auferlegt wurde, und betont den Gegensatz zwischen ihrer eigenen Pflicht, sophrosyne zu demonstrieren, und den vielfältigen Methoden, an die Gefühle der Richter zu appellieren. Einen Schritt weiter gingen diesbezüglich die römischen iudices. Jon Hall zufolge bot die Informalität des römischen Prozesses den Richtern nicht nur die Möglichkeit, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, sondern sie taten dies auch als bewusste Performanz vor den Augen des versammelten Volkes.

Die letzten drei Beiträge thematisieren die enge Verbindung zwischen Sprache und Performanz. Christopher Carey behandelt die Verknüpfung von Charakterdarstellung und visuellen Elementen in Aischines’ Timarchos-Rede, während sich Konstantinos Kapparis den narrativen Strategien sowie der direkten Rede als Stilmittel bei Apollodor zuwendet. Abschließend setzt Alessandro Vatri die logographische Tätigkeit des Antiphon in Relation zu seinen Tetralogien und kontrastiert die stilistische Komplexität des geschriebenen Wortes mit den auf schnelles Verständnis abzielenden Anforderungen eines Vortrages.

Die Gliederung des Bandes ist überzeugend, zudem lassen die Autoren topoi, welche die behandelten Themen begleiten oder ergänzen (so die enargeia) gut in ihre Analyse einfließen. Positiv hervorzuheben ist ebenfalls die Relativierung der Theatermetapher durch eine Betonung der Unterschiede zwischen den performativen Pflichten eines Redners und denjenigen des Schauspielers (bei Worthington, Westwood, Steel, Apostolakis und Harris). Die in der Einleitung formulierten Ansprüche sind jedoch gelegentlich irreführend. Die Umsetzung des holistischen Postulats muss angesichts der Heterogenität der untersuchten Reden und der unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen zwangsläufig lückenhaft bleiben. Die Ankündigung der Prämisse, die überlieferten Reden würden einen Einblick in die performative Praxis wie auch in die subtile Manipulation der Hörer erlauben, als „hav[ing] the potential to affect the way classical scholarship thinks of and discusses performance“ (S. 3) vermittelt den Eindruck einer Innovation, welche die Herausgeberinnen und Herausgeber gewiss nicht beanspruchen möchten.[5] Wesentlich erfolgreicher gestaltet sich dagegen die Intention, einen Rahmen für weitere Forschungen zu schaffen (S. 5). Indem auf die wichtigsten performativen Strategien einer Rede aufmerksam gemacht wird, setzt der Band auch Anreize für zukünftige Arbeiten zur antiken Rhetorik.

Anmerkungen:
[1] So zuletzt im programmatischen Buchtitel von Jon Hall, Cicero’s Use of Judicial Theater, Ann Arbor 2014.
[2] Den Begriff hat Andreas Serafim ebenfalls in einer Monographie erläutert (Attic Oratory and Performance, New York 2017).
[3] Vgl. Egon Flaig, Keine Performanz ohne Norm – keine Norm ohne Wert, in: Andreas Haltenhoff / Andreas Heil / Fritz-Heiner Mutschler (Hrsg.), Römische Werte als Gegenstand der Altertumswissenschaften, München 2005, S. 209–221, hier S. 213: „Ein squalor, den die Bürger für ungerecht erachteten, […] verpuffte wirkungslos.“
[4] Zur „rhetoric of inclusion“ vgl. Karl-Joachim Hölkeskamp, Friends, Romans, Countrymen. Addressing the Roman People and the Rhetoric of Inclusion, in: Catherine Steel / Henriette van der Blom (Hrsg.), Community and Communication. Oratory and Politics in Republican Rome, Oxford 2013, S. 1–28, hier S. 20f. Zur Jovialität: Martin Jehne, Jovialität und Freiheit. Zur Institutionalität der Beziehungen zwischen Ober- und Unterschichten in der römischen Republik, in: Bernhard Linke / Michael Stemmler (Hrsg.), Mos maiorum. Untersuchungen zu den Formen der Identitätsstiftung und Stabilisierung in der römischen Republik, Stuttgart 2000, S. 207–235.
[5] Diese Prämisse bildet die Grundlage der meisten im Forschungsüberblick des Bandes (S. 2f.) vorgestellten Werke sowie einer Vielzahl neuerer Arbeiten zur praktischen Rhetorik.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2017
Redaktionell betreut durch