: Eine neue Heimat im Kino. Die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen im Heimatfilm der Nachkriegszeit. Essen  2017. ISBN 978-3-8375-1786-6

: Fluchtpunkt Film. Integrationen von Flüchtlingen und Vertriebenen durch den deutschen Nachkriegsfilm 1945–1990. Berlin  2017. ISBN 978-3-95410-092-7

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elisabeth Fendl, Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa, Freiburg

Zwei wissenschaftliche Qualifikationsschriften beschäftigen sich anhand des Mediums Film mit der Rolle der Medien im deutschen Nachkriegsdiskurs über die Zwangsmigration Deutscher aus dem östlichen Europa und beleuchten den Einfluss der untersuchten Filme auf die Konstruktion des deutschen Erinnerungsortes „Flucht und Vertreibung“.

Verena Feistauer widmet sich in ihrer 2016 von der Humboldt-Universität zu Berlin als Dissertation angenommenen Arbeit „Eine neue Heimat im Kino“ der Reflexion des Themenkreises Flucht-Vertreibung-Integration im Heimatfilm der Nachkriegszeit. Sie macht es sich unter anderem zur Aufgabe, die Darstellung im Film mit den „realen“ Verhältnissen im Nachkriegsdeutschland zu vergleichen. Das für die 1950er-Jahre als Massen- und Leitmedium zu bezeichnende Kino habe, so Feistauer, maßgeblich die öffentliche Meinung geprägt und sei Teil der Konstruktion einer deutschen Nachkriegsidentität.

Einen „kulturhistorischen und filmsoziologischen Ansatz“ (S. 18) zu Grunde legend, interessiert sie sich vor allem dafür, wie die „lebenspraktische Integration“ der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge im Film dargestellt wurde, ob man „Mentalitätsunterschiede“ zwischen Eingesessenen und Fremden und darauf basierende Veränderungen der Aufnahmegesellschaft thematisiert habe und welche Heimatdiskurse verhandelt wurden. Ferner geht sie den Fragen nach, inwieweit die Ursachen von Flucht und Vertreibung angesprochen worden seien, was die Filme über die deutsche Nachkriegsgesellschaft erzählten, und schließlich, ob, und wenn ja wie, diese Nachkriegsfilme unser heutiges Bild von der Integration der Heimatvertriebenen bestimmen.

Bereits im deutschen Trümmerfilm seien – so die Autorin – Heimatvertriebene meist „als Opfer und/oder Protagonisten des Wiederaufbaus“ dargestellt worden, „als abzulehnende Fremde oder als lächerliche Gestalten“ (S. 71). Auf diese Weise seien hier bereits Typen etabliert worden, die im Heimatfilm der 1950er-/1960er-Jahre ebenfalls auftauchten. In den Filmen ließen sich verschiedene verfestigte Bilder ausmachen: So würden bei einer scheinbar problemlos verlaufenden Integration vor allem Menschen gezeigt, die aus ländlichen Regionen kommend wieder auf dem Land leben, meist in schönen Landschaften. Dargestellt seien diese meist positiv überhöht, Rückkehrwünsche etwa würden von ihnen nie geäußert. Flucht und Vertreibung werde in den Filmen nicht als historisch bedingtes Ereignis dargestellt, sondern als Schicksal. Die in den Heimatfilmen verbreiteten Viktimisierungsdiskurse und die hier beschriebene passive Sentimentalität der Betroffenen seien auch in späteren Filmen zum Thema übernommen beziehungsweise weitergeführt worden.

Im ersten Teil der Arbeit geht Feistauer dem bereits gut erforschten Thema des Heimatfilms der Bundesrepublik Deutschland (BRD) in den 1950er-Jahren nach und informiert über Flüchtlinge und Vertriebene als Filmfiguren. Nach diesen einleitenden Kapiteln widmet sie sich einzelnen Filmanalysen. Von den mehr als 100 gesichteten Filmen der Jahre 1948 bis 1974 beschäftigen sich 16 intensiver mit dem Leben von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die Autorin unterzieht die Filme „Grün ist die Heide“ (BRD, 1951), „Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt“ (BRD, 1953), „Ännchen von Tharau“ (BRD, 1954), „Waldwinter“ (BRD, 1955/56) und „Heiße Ernte“ (BRD, 1956) einer ausführlichen, eng an den jeweiligen Filmen bleibenden Analyse, während auf die anderen kursorisch eingegangen wird.

Obwohl die Arbeit zu einzelnen Filmen zahlreiche neue Aspekte liefert, muss konstatiert werden, dass das Lesen anstrengt. Der Text ist geprägt von Redundanzen, eine Straffung hätte gutgetan. Auch bezüglich der historischen Kontextualisierung hätte man den Text verdichten können, kommt die Autorin doch immer wieder zu dem zu erwartenden Ergebnis, dass die Darstellung im Film nicht „der Realität“ entsprach. Dabei macht sie jedoch nicht entsprechend deutlich, dass dies vor allem dem gewählten Genre und den von den Filmemachern antizipierten Erwartungshaltungen der Rezipient:innen geschuldet ist.

Die streckenweise zu konstatierende Nichtbeachtung aktuellerer Forschungen etwa zur Erinnerungskultur der Heimatvertriebenen ist bedauerlich. Sie führt unter anderem zu einer teilweise problematischen beziehungsweise irreführenden Begrifflichkeit. So wird – um ein Beispiel zu nennen – der Begriff Folklore von Feistauer unkritisch verwendet. Sie bemüht zwar Hobsbawm/Rangers These von der „invention of tradition“, um dann aber wenig später doch wieder unhinterfragt von „heimatlicher Folklore“ zu sprechen. Wenn sie den Inszenierungscharakter der Volkskultur auch auf die ‚alte Heimat‘ hätte beziehen wollen, hätte dies erläutert werden müssen. So hingegen wird der Anschein erweckt, bis nach Kriegsende ungebrochen gelebte Traditionen seien in der ‚neuen Heimat‘ wiederaufgegriffen, das heißt re-inszeniert worden. Dass die meisten der in der Nachkriegszeit veröffentlichten heimatlichen „Traditionen“ bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellenden Charakter besaßen und nicht selten politisch konnotiert waren, bleibt unberücksichtigt.

Ein höherer Erkenntniswert zeichnet die Arbeit „Fluchtpunkt Film. Integrationen von Flüchtlingen und Vertriebenen durch den deutschen Nachkriegsfilm 1945-1990“ von Alina Tiews aus, die 2015 als Dissertation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingereicht wurde. Auch Tiews untersucht die Rolle des Heimatfilms im Kontext der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen und das erinnerungspolitische Potential, das den Filmen innewohnt. Sie bezieht in ihre Untersuchung neben in der BRD gedrehten Filmen Produktionen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein. Die Arbeit solle – so die Autorin – „zur zeithistorischen Erforschung einer Nachgeschichte von Flucht und Vertreibung“ und „zur medienhistorischen Erforschung audiovisueller Medien als gesellschaftspolitische Akteure“ (S. 11) beitragen.

Tiews unterscheidet zwei große Entwicklungsphasen filmischer Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und Vertreibung: die Gegenwartsfilme der Jahre 1946 bis etwa 1965 und die „Historienfilme“ der 1960er- bis 1980er-Jahre. Entstanden erstere parallel zur Phase der Integration der Erlebnisgeneration und seien in BRD und DDR einem stark integrativen Impetus gefolgt, so sei in zweiten die Geschichte von Flucht und Vertreibung „rückblickend sinnstiftend für die eigene Gegenwart konstruiert“ (S. 323) worden. Trotz einiger Unterschiede – die Filme hätten im jeweiligen vertriebenenpolitischen Diskurs konsensfähige Positionen bezogen (S. 329) – sei in BRD- wie in DDR-Produktionen die erfolgreiche Integration zur Leiterzählung geworden. Deutlicher noch als Feistauer räumt Tiews mit der lange Zeit behaupteten These der Tabuisierung von Flucht und Vertreibung auf. Auch im DDR-Film habe, wie in der belletristischen Literatur der DDR, das Thema „Flucht und Vertreibung“ eine Rolle gespielt, obwohl die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ab 1948 das „Umsiedlerproblem“ offiziell als gelöst betrachtet habe.

Am Beispiel des Narrativs vom Treck zeigt Tiews, wie in den Filmen stets die Geschichte von Flucht, nicht aber die von Vertreibung gezeigt wurde. Wirkmächtige Bilder von Trecks bestimmten die Filme in BRD und DDR. Dabei seien nicht selten unreflektiert nationalsozialistische Bildtraditionen übernommen worden. Am Umgang mit dem Leitmotiv des Trecks weist sie zudem nach, dass das kollektive Gedächtnis an Flucht und Vertreibung nicht nur ein Schriftliches, sondern auch ein Audiovisuelles ist – ein Umstand, der bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.

Die neben der Filmanalyse akribisch und klug durchgeführte Untersuchung der „Anschlusskommunikation“ zu einem Teil der behandelten Filme überzeugt. Vergleiche zwischen Drehbuch und schlussendlich verwirklichtem Film, die Heranziehung archivalischer Quellen, die die Entstehung des jeweiligen Filmes begleiteten, die Untersuchung der Reaktionen der Heimatvertriebenen- wie der übrigen deutschen Presse, die Analyse der Produktionsunterlagen zu den Filmen und weiterer Quellen liefern spannende Einblicke auch in die Rezeption dieser Filme.

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09.07.2021
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