P. T. Hoffman: Wie Europa die Welt eroberte

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Titel
Wie Europa die Welt eroberte.


Autor(en)
Hoffman, Philip T.
Erschienen
Anzahl Seiten
336 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tanja Bührer, Historisches Institut, Universität Bern

Das Buch des amerikanischen Wirtschaftshistorikers Philip T. Hoffman wirft eingangs die Grundsatzfrage auf, warum ausgerechnet das im Vergleich zu den zivilisierten Reichen Asiens rückständige und politisch zerklüftete Europa um 1800 zur Weltmacht aufstieg und bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges fast den ganzen Globus beherrschte. Hoffmann interveniert somit in die seit der Aufklärung von Philosophen und Mathematikern angestoßene Debatte um Erklärungen des Aufstiegs des „Westens“, die seit dem 20. Jahrhundert vorwiegend von Historikern geführt wurde und auf die es ihm zufolge noch keine befriedigende Antwort gibt. Allerdings verzichtet er darauf, welt- und globalhistorische Pionierarbeiten zu diesem Themenkomplex wie etwa William McNeills The Rise of the West, Kenneth Pomeranz’ The Great Divergence, John Darwins After Tamerlane, Christopher Baylys Birth of the Modern World oder Jürgen Osterhammels Die Verwandlung der Welt zur Kenntnis zu nehmen und sich selbst in dieser Forschungslandschaft zu verorten.[1]

Stattdessen knüpft Hoffman an die Thesen des militärhistorischen Standardwerks zu dieser Frage, The Military Revolution von Geoffrey Parker, an, das den entscheidenden Faktor für die Überlegenheit westlicher Expansionsmächte gegenüber anderen Weltgegenden in den militärischen Innovationen im Bereich der Militärtechnik und -taktik sowie in militärischer Ausbildung, Organisation und Verwaltung verortet.[2] Zudem bezieht sich Hoffman auf Paul Kennedys The Rise and Fall of the Great Powers, das den Niedergang von Großmächten auf die Überdehnung wirtschaftlicher und finanzieller Ressourcen im Kontext von militärischem Wettrüsten, Expansion und Kriegen zurückführt.[3] Hoffmans Erklärung für den globalen Siegeszug Europas seit 1800 liest sich weitgehend als Synthese aus diesen Thesen, die er jedoch erst einmal auf einen Hauptgrund reduziert: die sich seit der Frühen Neuzeit abzeichnende Überlegenheit in der Schießpulvertechnologie. Diesen Vorsprung wiederum leitet er aus einer besonderen Form des militärischen Wettbewerbs, die er als „Turnier“ bezeichnet, ab. Damit eine Weltregion in der Schießpulvertechnologie die Führung übernehmen konnte, mussten folgende vier Bedingungen über einen längeren Zeitraum erfüllt sein: Es herrschte ein ständiger Kriegszustand, Herrscher mussten mit geringem Aufwand sowie niedrigen politischen Kosten Finanzen für Kriege mobilisieren können, dem Sieger musste ein wertvoller Gewinn winken und die Herrscher mussten die neuen Technologien nutzen und weiter entwickeln. Für mathematisch versierte Leser/innen wird das aus der Wirtschaftswissenschaft abgeleitete Turniermodell zu Konflikten und Wettbewerb im Anhang in Formeln dargelegt.

Im Hauptteil werden die vier Faktoren für eine überlegene Schießpulvertechnologie in einem Vergleich zwischen Europa, China, Japan, Südasien sowie Russland und dem Osmanischen Reich zusammen genommen untersucht. Hoffman kommt dabei zum Schluss, dass in Westeuropa die vier Bedingungen ab 1400 durchgehend vorkamen, in den anderen Regionen hingegen nicht. So gab es in China zwar zahlreiche Kriege, aber das Reich kämpfte vorwiegend gegen Nomaden, gegen die Feuerwaffen wirkungslos blieben. Ebenfalls sah sich das Osmanische Reich Feinden gegenüber, die sie davon abhielten, allein auf Schießpulvertechnologie zu setzen. Im Unterschied zum politisch zersplitterten Europa etablierten sich in Japan wie in China Hegemonialmächte, was die Wettbewerbssituation hemmte. Außerdem entwickelten sich in Europa effektivere Steuersysteme sowie private Kapitalmärkte, die eine Mobilisierung finanzieller Ressourcen erleichterten.

Hoffmans etwas schematisch anmutendes und sehr kurz gefasstes Durchdeklinieren des Turniermodells an verschiedenen Weltregionen und die Eindeutigkeit seiner Ergebnisse gehen zuweilen auf Kosten historischer Genauigkeit. Sein primäres Streben nach einer einfachen Erklärung wird in seinem Bekenntnis, dass er in den Analysen der heutigen Weltgeschichtsschreibung ein allgemeingültiges Argument „schmerzlich vermisst“ (S. 28) und daher nach der „Lösung“ (S. 22) auf seine Leitfrage sucht, deutlich. Alternative Erklärungsansätze zu den Faktoren des Turniermodells kommen oft zu kurz. So wiederholt Hoffman das überholte Narrativ einer Handvoll spanischer Konquistadoren, die aufgrund überlegener Waffentechnik und militärischer Organisation gegen indigene Horden in der Neuen Welt triumphierten. Dabei war für den Erfolg Pizarros gegen das Inkareich vielmehr entscheidend, dass er in eine bürgerkriegsähnliche Situation kam und dadurch auf die Kooperation zahlreicher „befreundeter“ lokaler Krieger zählen konnte, deren Beteiligung an den Kriegshandlungen von europäischen Überlieferungen weitgehend verschwiegen wurde. Zwar nimmt Hoffman zur Kenntnis, dass auch in Indien seit dem Zerfall des Mogulreiches zahlreiche konkurrierende Regionalstaaten ununterbrochen mit Feuerwaffen gegeneinander Krieg führten. Er behauptet jedoch, dass der Gewinn nicht so hoch war, dass die Aussicht auf Thronfolge oder ein Anrecht auf Herrschaft nicht bestand, dass das Steueraufkommen gering war und auch keine Daten darüber vorhanden wären. Die meisten Konflikte in Südasien waren jedoch Thronfolgekriege und sowohl die Verwaltungen des Mogulreichs als auch deren regionale Nachfolgestaaten produzierten eine breite Quellenbasis zu den Landsteuern. Mit Mysore stieg auch eine regionale Expansionsmacht auf, die der Effizienz des europäischen Militärfiskalismus in nichts nachstand. Ebenfalls wird die katastrophale Zerstörungskraft militärischen Wettrüstens und von Kriegen in Europa nicht thematisiert. Weder der Dreißigjährige Krieg, der Europa in seiner zivilisatorischen Entwicklung zurückwarf, noch der Erste Weltkrieg, der das Ende der westlichen Vorherrschaft einläutete, wollen so richtig in das ritterliche Turnierschema passen.

Die These, dass permanenter militärischer Wettbewerb in Europa technische Innovationen förderte und dadurch auch die westliche Überlegenheit begründete, ist grundsätzlich nicht uninteressant oder vollkommen falsch, in ihrer Absolutsetzung jedoch greift die Behauptung viel zu kurz. Die Studie fällt in mehrfacher Hinsicht hinter bereits bestehende globalhistorische Abhandlungen wie etwa Baylys Birth of the Modern World oder Osterhammels Die Verwandlung der Welt, zurück. Hoffman hat weder zu einem Teilbereich eigene empirische Forschungen noch eine breite und profunde Verarbeitung von Forschungsliteratur geleistet. Zudem nimmt er in seiner Suche nach einem endogenen europäischen Hauptfaktor methodisch die eurozentrische Perspektive der Imperialismusgeschichte der 1970er- und 1980er-Jahre ein. Demgegenüber haben die Arbeiten von Bayly und Osterhammel gezeigt, dass technische und wissenschaftliche Innovationen sowie Modernisierungs- und Staatsbildungsprozesse in Europa zumindest teilweise gerade auf die Auseinandersetzungen mit Kulturen in anderen Weltgegenden zurückzuführen sind. Von der Lektüre von Hoffmans Buch kann daher getrost abgeraten werden.

Anmerkungen:
[1] William H. McNeill, The Rise of the West. A History of the Human Community, Chicago 1963; Kenneth Pomeranz, The Great Divergence. China, Europe and the Making of the Modern World Economy, Princeton 2000; Christopher Bayly, The Birth of the Modern World, 1780-1914, Oxford 2004; John Darwin, After Tamerlane. The Global History of Empire, New York 2008; Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009.
[2] Geoffrey Parker, The Military Revolution. Military Innovation and the Rise of the West, 1500-1800, Cambridge 1988.
[3] Paul Kennedy, The Rise and Fall of the Great Powers. Economic Change and Military Conflict from 1500-2000, New York 1987.

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