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Titel
The Final Act. The Helsinki Accords and the Transformation of the Cold War


Autor(en)
Morgan, Michael Cotey
Reihe
America in the World
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 396 S.
Preis
$ 35.00; £ 27.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Die Schlussakte von Helsinki, unterzeichnet am 1. August 1975, ist für die Cold War Studies gewissermaßen eine Wegscheide: Für manche markiert sie das Ende der Détente und den Anfang einer neuen Blockkonfrontation[1], für andere den Beginn einer Transformation und Öffnung Europas.[2] Mit „The Final Act. The Helsinki Accords and the Transformation of the Cold War“ legt der Historiker Michael Cotey Morgan nun eine Monographie vor, die die Fäden früherer Studien zusammenführt. Das Ziel ist ein umfassender Blick auf die Vereinbarungen von Helsinki. In der Einleitung kündigt der Autor an, sich sowohl mit der Entstehung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) als auch mit der konkreten Ausformulierung der Schlussakte sowie mit den Folgen für den Kalten Krieg beschäftigen zu wollen. Dabei geht es ihm darum, die Erzählung zu internationalisieren und von einer reinen Block-Darstellung wegzukommen.

Teile seiner Beobachtungen hat Morgan schon an anderer Stelle vorgebracht[3]; die Stärke des Buches liegt daher in der stringenten Synthese der Entstehung und Wirkung der Schlussakte. Dabei ist die Argumentation stets abwägend, jenseits einer reinen Siegesgeschichte des Westens. Die Schlussakte wird als Baustein für eine neue Version Europas vorgestellt, die zwar nicht das Ende des Kalten Krieges bedeutete, dieses jedoch beschleunigte. Wohltuend ist dabei, dass der Autor den Fokus nicht ausschließlich auf die Menschenrechtsdebatte legt, sondern die Schlussakte in allen Aspekten betrachtet.

Seine Studie hat Morgan in sieben Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel legt er die Ausgangssituation für die Schlussakte dar, indem er die 1960er-Jahre als Zeit der Legitimitätskrise auf beiden Seiten darstellt. Eine Welt im Umbruch, in der beispielsweise die USA nicht mehr so eindeutig wie zuvor als ökonomischer Hegemon auftreten konnten, suchte nach neuen Grundlagen der globalen Ordnung. Von dieser allgemeineren Kontextualisierung geht Morgan in Kapitel 2 („The Class of 1969“) zu den führenden Persönlichkeiten des KSZE-Prozesses über, besonders Nixon, Pompidou, Brandt und Brežnev. Dabei stellt der Autor fest, dass Nixon und Brežnev in ihrem Versuch, über die KSZE neue Stabilität zu erreichen, sich deutlich näher waren als Nixon und seine westlichen Partner. Denn Brandt und Pompidou sahen – was Morgan vor dem Hintergrund des weiteren Verlaufs als weitsichtiger bewerten kann – im KSZE-Prozess bzw. generell in der politischen Annäherung die Möglichkeit, die bipolare Weltordnung zu unterlaufen und zu durchbrechen.

Nach diesen gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen geht das dritte Kapitel („Creating the CSCE“) auf den eigentlichen Entstehungsprozess ein. Brežnev erscheint hier als Initiator der KSZE, dessen Ziel es war, vor allem die damaligen Grenzen abzusichern und wieder als vollwertiger Verhandlungspartner auf der Weltbühne aufzutreten. Morgan argumentiert überzeugend, dass es zahlreiche Stolperfallen für die KSZE gab, ja dass selbst die einladenden Finnen eigentlich gar nicht daran glaubten, dass die Abschlusskonferenz tatsächlich stattfinden würde.

Die folgenden Kapitel setzen sich mit den einzelnen „Körben“ der Schlussakte in ihrer vertraglichen Reihenfolge auseinander und beschreiben die Verhandlungswege hin zum endgültigen Vertragstext. Die diplomatischen Gespräche in Genf dauerten länger als gedacht (September 1973 bis Juli 1975). Sie waren auf den ersten Korb – die Sicherheitspolitik – fokussiert, blieben jedoch weitgehend unterhalb des medialen Radars. Die Sowjetunion bediente sich gerade in diesem für sie wichtigsten Bereich zahlreicher Verhandlungstricks, indem etwa fehlerhafte Übersetzungen von Vertragsentwürfen vorgelegt wurden. Morgan betont immer wieder, dass Einigungen auf Texte letztlich zwar stattfanden, jedoch keinen Konsens bedeuteten. Vielmehr hatten die Vertragspartner in der Regel sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie die jeweiligen Formulierungen auszulegen seien.

Im fünften Kapitel stehen Fragen des Ost-West-Handels im Zentrum, wobei deutlich wird, dass der Osten den Westen mehr brauchte als umgekehrt. Die Sorge der Sowjetunion, eine zu starke ökonomische Öffnung nach Westen könne die ideologische Autorität untergraben, war zugleich die Hoffnung des Westens. Morgan urteilt hier, dass die zwei Jahre Verhandlungen fast ergebnislos geblieben seien, zumal Brežnev angesichts eines leichten Wirtschaftswachstums in der Sowjetunion nicht bereit war, ein Risiko einzugehen. Letztlich sei die Sowjetunion auch durch die Schlussakte aber doch in eine kapitalistische Logik hineingeschlittert. Es ließe sich allerdings ebenso argumentieren, dass die Handelsbeziehungen ohnehin durchgängig etablierter waren als andere Kontaktmöglichkeiten – nicht ohne Grund ist der Korb zu den Wirtschaftsbeziehungen derjenige mit dem größten Textvolumen, was nicht nur einen Regelungsbedarf anzeigt, sondern auch auf bereits vorhandene Praktiken hindeutet.[4]

Der dritte Korb schließlich setzte sich mit der humanitären Zusammenarbeit auseinander. Während die westlichen Verhandlungspartner diesem Bereich sehr viel Aufmerksamkeit widmeten und den sozialistischen Staaten geschlossen gegenübertraten, hoffte die Sowjetunion hier durch textliche Ungenauigkeiten und Mehrdeutigkeiten letztlich einen Text zu unterzeichnen, der die Grundlagen des eigenen Systems nicht angreifen würde. Der Autor überschreibt dieses sechste Kapitel mit „The Closed Sociey and Its Enemies“.

In Kapitel 7 („The Pens of August“) stellt Morgan einerseits die Abschlusskonferenz in Helsinki dar, andererseits die Folgekonferenzen des KSZE-Prozesses. Dabei betont er, dass die Sowjetunion sich etwa nach dem Einmarsch in Afghanistan ab 1979 durch die fortdauernde Teilnahme einen Reputationsgewinn versprach und die KSZE weiter als Erfolg feierte, obgleich der Westen durch die Schlussakte zunehmend Deutungshoheit gewann. Morgan arbeitet an dieser Stelle die Entscheidungsstarre der Sowjetunion heraus sowie die Sorge der sowjetischen Führungsriege, mit einem Zurückrudern im KSZE-Prozess gleichsam das Gesicht zu verlieren. So versucht er zu erklären, warum die Sowjetunion sich nicht vom KSZE-Prozess abwandte.

Im Epilog fasst Morgan noch einmal zusammen, dass die KSZE eben nicht das Ende des Kalten Krieges bedeutete, aber als Symptom der Legitimationskrisen der 1960er-Jahre sowie der die Sowjetunion prägenden Paradoxien der 1970er-Jahre gesehen werden kann. Außerdem sei die Schlussakte von Helsinki gewissermaßen ein Rohbau für einen Friedensvertrag und eine neue Weltordnung gewesen, in der Bedeutung vergleichbar mit dem Westfälischen Frieden. Morgans Buch endet denn auch mit einem Appell, die Instabilität des Friedens im Hinterkopf zu behalten.

Aus dem kurzen Überblick dürfte deutlich geworden sein, dass Michael Cotey Morgan um eine ausgewogene Darstellung bemüht ist. Immer wieder zieht er auch Einzelperspektiven wie die Sichtweisen Polens oder Rumäniens hinzu oder geht auf die Düpiertheit der Japaner ein, beim KSZE-Prozess ausgeschlossen worden zu sein. Zwar ist auf Ebene der Verhandlungsergebnisse nicht viel Neues in diesem Werk zu erfahren. Auch Beobachtungen wie diejenige, dass letztlich die USA und die Sowjetunion sich in bestimmten Zielen näher waren als die USA und Westeuropa, sind grundsätzlich schon bekannt. Doch gerade Morgans kluge Zusammenführungen von Einzelforschungsergebnissen sowie die kulturgeschichtlich geprägten Analysen der Verhandlungen machen das Buch ausgesprochen lesenswert. „The Final Act“ beschreibt einen historischen Prozess, der dem Initiator Brežnev letztlich entglitt – ein Paradebeispiel nichtintendierter Folgen, die uns bis heute prägen. Mit der Umwandlung der KSZE in die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, seit 1995) ist nach dem Ende der alten Blockkonfrontation eine neue institutionelle Struktur entstanden, deren Status und Nutzen zwar immer wieder strittig ist, deren vertrauensbildende Funktion aber weiterhin als wichtig gelten kann.

Anmerkungen:
[1] Gut zusammengefasst etwa bei Békés, der selbst jedoch argumentiert, dass die Détente letztlich bis zum Ende der Sowjetunion weitergelaufen sei: Csaba Békés, Cold War, Détente, and the Soviet Bloc. The Evolution of Intra-Bloc Foreign Policy Coordination, 1953–1975, in: Mark Kramer / Vít Smetana (Hrsg.), Imposing, Maintaining, and Tearing Open the Iron Curtain. The Cold War and East-Central Europe, 1945–1989, Lanham 2014, S. 247–276.
[2] Oliver Bange / Gottfried Niedhart (Hrsg.), Helsinki 1975 and the Transformation of Europe, New York 2018.
[3] Siehe etwa Michael Cotey Morgan / Daniel Sargent, Helsinki, 1975, in: Kristina Spohr / David Reynolds (Hrsg.), Transcending the Cold War. Summits, Statecraft, and the Dissolution of Bipolarity in Europe, 1970–1990, Oxford 2016, S. 95–121.
[4] Juhana Aunesluoma, Finlandisation in Reverse. The CSCE and the Rise and Fall of Economic Détente, 1968–1975, in: Bange / Niedhart, Helsinki 1975, S. 98–112.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.02.2019
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