N. S. Kollmann: The Russian Empire

Cover
Titel
The Russian Empire 1450–1801.


Autor(en)
Kollmann, Nancy Shields
Reihe
Oxford History of Early Modern Europe
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 497 S.
Preis
£ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Winkler, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Nancy Kollmanns „Russian Empire“ ist nicht das erste Buch, das die Geschichte des Russländischen Imperiums in großer Breite und Ausführlichkeit darstellt, und es wird auch nicht das letzte sein. Doch kann man jetzt schon sagen, dass hier ein neues Standardwerk für Forschung und Lehre zum frühneuzeitlichen Russland und darüber hinaus vorliegt. In einer schier unglaublichen Dichte führt die Autorin die Entwicklung von 1450 bis 1801 vor – und zieht darüber hinaus wichtige Entwicklungslinien in frühere Epochen.

Kollmann ist eine der brillantesten Spezialistinnen für das frühneuzeitliche Moskauer Reich und hat bahnbrechende Schriften zur Rechtskultur und zu Herrschaftsformen der Moskauer Eliten publiziert.[1] Als führende Persönlichkeit der so genannten Harvard-School hat sie entscheidend an der Dekonstruktion eines Bildes vom „anderen“, „despotischen“ Russland mitgewirkt, das für „den Westen“ ohnehin nicht zu verstehen sei. Wenn Sie nun ihren Fokus explizit auf das Imperium erweitert, so gelingt ihr ein bemerkenswert ganzheitlicher Blick. Aufbau von Staat und von Imperium werden nicht als zwei Entwicklungslinien gezeichnet, sondern als eine komplexe, aber unauflösbare Entfaltung von Machtstrukturen. Dies wird bereits deutlich in der Argumentation, die von einem „Empire“ nicht erst nach den Eroberungen von Kasan und Astrachan in der Mitte des 16. Jahrhunderts spricht, sondern bereits den gern als „Sammeln der russischen Länder“ bezeichneten Expansionsprozess Moskaus einbezieht. Entscheidend für die Bezeichnung „Empire“ ist nach Kollmann demnach nicht die Frage, ob „slawische“ oder „fremde“ Nationen in den Machtbereich Moskaus einbezogen werden (diese Unterscheidung leiste vielmehr, so Kollmann, nationalistischen Geschichtsbildern Vorschub), sondern die entstehende politische Struktur. Und diese bezeichnet sie konsequenterweise als „de facto empire“.

Den theoretischen Hintergrund für diese Perspektive bieten neuere vergleichende Forschungen zu Imperien. Dabei bezieht Kollmann sich vor allem auf Theorien, welche die Vielfalt in Imperien hervorheben, insbesondere Karen Barkeys Beschreibung des Osmanischen Reiches als „Empire of Difference“ sowie Jane Burbanks und Frederick Coopers Analyse der Bedeutung von Diversität und einer „Politics of Difference“. Ebenso wie Kollmann in vielen ihrer früheren Studien immer wieder die Logiken, kulturellen Muster und Strukturen deutlich machen konnte, welche hinter Herrschaftsstrategien und Ritualen der Moskauer Eliten standen[2], gelingt es ihr hier mithilfe des Differenzkonzepts, das Funktionieren des Russländischen Reiches zu analysieren und verständlich zu machen. So wird erneut deutlich, dass die traditionelle Interpretation des Moskauer Reiches und des petrinischen Russland als „despotisch“ und zugleich des Imperiums als zentral gelenkt keine Gültigkeit beanspruchen kann. Selbstverständlich waren Moskau und später St. Petersburg als Zentren von großer Bedeutung und wurden vor allem in der imperialen Selbstdarstellung – Kollmann spricht mit Burbank und Cooper von „imperial imaginaries“ – zu strahlenden Mittelpunkten von Macht und Kultur inszeniert. Dies als realistische Darstellung misszuverstehen, wäre jedoch ebenso fatal wie der bekannte Fehler, die Selbstdarstellung der Bojaren als „Sklaven des Zaren“ wörtlich zu nehmen.[3] Vielmehr war Russland als frühneuzeitlicher Staat darauf angewiesen, lokale Strukturen zu nutzen, kulturelle Unterschiede zu akzeptieren und die Macht regionaler Eliten anzuerkennen. Das Imperium war alles andere als uniform – und gerade die Diversität in Bezug auf Regionen, Klassen und Kulturen kann als Resultat der ausgesprochen pragmatischen Politik des Zentrums paradoxerweise als einheitliches Motiv betrachtet werden.

Kollmann beschreibt die Expansion und die Staatsbildung in den verschiedenen Gebieten des Reiches. Die Breite des Themas macht eine makrohistorische Perspektive unumgänglich – dennoch gelingt es ihr immer wieder, sehr konkrete und anschauliche Beschreibungen einzuflechten, sei es zu den Strukturen nomadischen Lebens, zu den Rechtskulturen des Reiches oder zu Strategien der Legitimitätsbildung.

Dabei profitiert die Darstellung immer wieder von vergleichenden und transnationalen Perspektiven. Von zentraler Bedeutung sind die häufigen, sehr einleuchtenden Bezüge zum Osmanischen Reich: Kollmann verweist auf den politischen Pragmatismus, der beiden Imperium gemeinsam war, auf die Signifikanz der Religion als herrschaftslegitimierendes Moment und zugleich auf die politisch motivierte Toleranz gegenüber anderen (wenn auch klar als untergeordnet verstandenen) Bekenntnissen, aber auch auf Unterschiede (so der deutlich höhere Verflechtungsgrad in Bezug auf Handel und Kommunikation im Osmanischen Reich im 15. Jahrhundert). Allein diese häufigen Verweise nehmen der sonst so häufig allzu üblichen komparativen (bzw. oft eher: kontrastiven) Gegenüberstellung von Russland und „dem Westen“ ihre Selbstverständlichkeit.

So wird mit einer Perspektive, die ein beeindruckendes Detailwissen mit einem scharfen Blick für Strukturen verbindet, deutlich, wie das Russländische Reich funktionierte: als frühneuzeitlicher Staat im Werden, mit flexiblen Strategien, die ebenso viel Platz boten für rücksichtslose Gewalt wie für pragmatische Toleranz. Als besonders bedeutungsvoll hebt Kollmann die Loyalitätsstrukturen heraus. Diese waren durchgehend vertikal und verliefen zwischen dem Einzelnen und seiner Gemeinde sowie der Gemeinde und dem Herrscher. Eine horizontale Bindung, die das gesamte Imperium zusammengehalten hätte, war nicht existent, nicht gewollt und wohl auch gar nicht möglich. Dies bildet den entscheidenden Unterschied bei einem Vergleich von Russland mit europäischen Staaten wie England und Frankreich. Und es bildet auch die Grundlage für die Periodisierung des Kollmann'schen Narrativs.

Denn der Zeitrahmen des Buches bricht mit traditionellen Zäsuren, als er nicht nur über die so genannte petrinische Revolution hinausgeht, sondern auch die Herrschaft Katharinas nicht als Endpunkt nimmt. Kollmann beginnt mit dem eher generell gesetzten Datum 1450 als Ausgangspunkt für frühneuzeitliche Entwicklungen und endet mit dem Tod Pauls und dem Thronantritt Alexanders I. im Jahre 1801. Sie fasst somit vier Jahrhunderte als eine Epoche zusammen und behandelt diese als Phase frühmoderner Staats- und Imperiumsbildung. Wenn sie im Jahr 1801 endet, so bezieht sie auf ungewöhnliche Weise das gesamte 18. Jahrhundert mit ein. Ein auf administrative Reformen und im engeren Sinne „Modernisierung“ konzentrierter Blick würde die Zäsur klassisch und konsequent mit Peter I. oder spätestens mit Katharina II. setzen – Kollmann sieht dagegen mit dem Beginn der Entwicklung eines neuen nationalen Bewusstseins (das für lange Zeit in Spannung zum imperialen Selbstverständnis stehen sollte) den Ansatz einer neuen historischen Phase. Diese bewusste Auseinandersetzung mit der Frage des Nationalen resultiert konsequent und auf sehr bereichernde Weise aus der Gesamtanlage des Buches. Kollmanns Analyse von imperialer und staatlicher Entwicklung als Einheit bricht mit dem traditionellen Bild von der Bindung frühmoderner Strukturbildung an den Nationalstaat und zeigt auf eindrucksvolle Weise die Veränderungen und Anpassungen von Herrschaftsstrukturen im imperialen Rahmen.

„The Russian Empire“ ist ein Überblickswerk im allerbesten Sinne. Die empirische Basis beruht auf früheren eigenen Arbeiten Kollmanns und einer beeindruckenden Kenntnis der engeren wie breiteren Forschungslandschaft. Entscheidend ist jedoch der synthetisierende und zugleich analytische Blick, der unser Verständnis des Russländischen Reiches im europäischen und zuweilen globalen Zusammenhang in vielen entscheidenden Fragen schärft und bereichert.

Anmerkungen:
[1] Unter anderem: Nancy Shields Kollmann, By Honor Bound. State and Society in Early Modern Russia, Ithaca 1999; Nancy Shields Kollmann, Crime and Punishment in Early Modern Russia, Cambridge 2012.
[2] Karen Barkey, Empire of Difference. The Ottomans in Comparative Perspective, Cambridge 2008; Jane Burbank / Frederick Cooper, Empires in World History. Power and the Politics of Difference, Princeton 2010. Aus der Vielzahl von Studien sei insbesondere eine hervorgehoben: Nancy Shields Kollmann, Ritual and Social Drama at the Muscovite Court , in: Slavic Review 45:3 (1986), S. 486–502.
[3] Marshall Poe, What Did Russians Mean When They Called Themselves "Slaves of the Tsar"?, in: Slavic Review 57:3 (1998), S. 585 –608.