A.J. Avery-Peck: The judaism of Qumran

Avery-Peck, Alan J.; Neusner, Jacob; Chilton, Bruce (Hrsg.): The judaism of Qumran. A systematic reading of the Dead Sea Scrolls. Bd. 1. Theory of Israel. Leiden u.a.  2001. ISBN 90-04-12001-7

Avery-Peck, Alan J.; Neusner, Jacob; Chilton, Bruce (Hrsg.): The judaism of Qumran. A systematic reading of the Dead Sea Scrolls. Bd. 2. World view, comparing judaisms. Leiden  2001. ISBN 90-04-12003-3

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ernst Baltrusch, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin Email:

Mehr als 50 Jahre sind mittlerweile seit der Entdeckung der Qumran-Anlage mit ihren zahlreichen Schriften am Rande des Toten Meeres vergangen; 1999 erschien eine erste große, von Peter W. Flint und James C. Vanderkam herausgegebene Bilanz der bisherigen Forschungen zu diesem Komplex.[1] Viele Theorien wurden über diese Siedlung und ihre Bewohner aufgestellt, Sicherheit ist bis heute nicht gewonnen. Die Anlage geht, wie die Münzfunde nahelegen, auf das zweite Jahrhundert v. Chr. zurück, und sie wurde im großen Jüdischen Krieg (66-70 n. Chr.) aufgegeben, als die Römer die Bewohner vertrieben oder töteten. Viele Forscher sind der Meinung, dass die über 800 Schriftrollen der Höhlen 1-11 auf eine religiöse Gemeinschaft aus der von Flavius Josephus bekannten Gruppe der Essener schließen lassen, doch gibt es darüber ebensowenig Klarheit wie über die Frage nach dem Ursprung und Charakter der Siedlung. War sie eine (hasmonäische) Festung, eine Villa oder eine essenische Einrichtung für die Pergament-Produktion?

Insbesondere konzentrierte sich die Forschung auf die Lesung und Deutung der Texte. Etwa ein Drittel dieser Texte waren "biblisch", was immer man unter diesem Begriff zu verstehen hat. Aus dem Alten Testament fehlt bezeichnenderweise lediglich das Buch Esther, auch das Purim-Fest taucht nicht im Festkalender Qumrans auf. Über sich selbst hat die Qumran-Gemeinde ebenfalls Schriften hinterlassen, doch fehlen insbesondere konkrete Zeitangaben. Historische Untersuchungen sind daher mit zahlreichen Problemen behaftet. Althistoriker und Judaisten, Religionswissenschaftler und Theologen haben sich intensiv um die Frage des "religiösen Systems" von Qumran und seiner Einordnung bemüht: Kann man überhaupt von einem System sprechen, da die Texte durchaus nicht einheitlich sind? Handelt es sich bei den gefundenen Schriften um die Gemeindeliteratur, die die Ideen der ganzen Gemeinde widerspiegelt, oder um eine Bibliothekssammlung? Wie verhalten sich die Juden Qumrans zu anderen jüdischen Gruppen und insbesondere, was zeitweise einen ganz eigenen Reiz für Spekulationen ausübte, zur zeitlich kongruenten Anhängerschaft Jesu und zur frühchristlich-paulinischen Gedankenwelt? Und schließlich: Wie gestaltet sich das Verhältnis der Gemeinde zu der nichtjüdischen Umwelt?

Das "System" Qumrans harrte also einer Definition - und hier setzen die beiden zu besprechenden Bücher an. Schon ihr Titel "The Judaism of [...]" geht von der Vorstellung diverser Judaismen aus, deren eine Form der Judaismus von Qumran ist. Seit den Forschungen von E. P. Sanders [2] und insbesondere aufgrund der Überlegungen von Jacob Neusner fand diese Theorie immer mehr Anhänger. Unumstritten ist sie gleichwohl nicht.

Angesichts der oben skizzierten Forschungsprobleme mussten die Herausgeber der beiden Bücher theoretische Vorklärungen vornehmen, als welche Folgende vorgegeben sind: 1. Das System Qumrans steht für sich selbst und muss aus sich selbst heraus ermittelt werden. Der für gewöhnlich immer mitgedachte Bezug auf einen normativen und "richtigen" Judaismus soll ebenso unterbleiben wie die latent immer gegenwärtige Definition als "Abweichung", welche die Gemeinde a priori als "Sekte" stigmatisiert. 2. Nach dem Vorbild der Forschungen insbesondere Jacob Neusners [3] sind die einzelnen Beiträge unter methodischen Vorgaben verfasst worden. Danach lässt sich ein religiöses System und dessen Vergleichbarkeit mit anderen Systemen nur über drei fundamentale Kategorien definieren, als da sind: a) die Weltanschauung bzw. world view der Anhänger, worunter konkret die Vorstellungen etwa von Gott, der Thora, der Bibel, von Geschichte oder Weisheit fallen; b) die praktischen Lebens- und Kultregeln bzw. der way of life; und c) eine soziale Gruppe mit eigener Definition von sich und ihrer Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Diese Vorgehensweise ist "systemisch" und setzt sich bewusst von einer "analytischen" Methode ab, wie sie z.B. in Band 4 von "Judaism in Late Antiquity" (2000 erschienen) mit dem Titel "Death, Aftermath, Resurrection and the World to Come in the Judaisms of Late Antiquity" praktiziert wurde, in welchem alle Judaismen auf ein Thema hin bearbeitet wurden. Die beitragenden Forscher, allesamt Spezialisten für die einzelnen Teilgebiete der Religions- und Qumran-Forschung, waren gehalten, unter dieser methodischen Vorgabe ihre Erkenntnisse vorzubringen. Am Ende sollte das "System Qumran" klarer hervortreten.

Insgesamt enthalten die beiden Bände 17 Beiträge, die sich auf eine Einführung und fünf Teile verteilen. Der einführende Aufsatz von Band I wurde von Jacob Neusner unter dem Titel "What is 'a Judaism'?: Seeing the Dead Sea Library as the Statement of a Coherent Judaic Religious System" verfasst (Band I, S. 3-21). Dieser Aufsatz hämmert geradezu die methodischen Grundlagen des Vorhabens ein. Trotz mancher Wiederholung lohnt aber seine Lektüre, weil nicht nur die bisherige Forschung kompetent verarbeitet ist, sondern auch das gesamte Werk ohne die theoretische Fundierung Neusners nicht recht verständlich wäre. Diese weist drei Schritte auf: a) Definition von systemischer Analyse; b) die Vorgaben für die Mitarbeiter der Bücher; diese wurden mit der Frage konfrontiert: "Can I extrapolate a hole from a part?" (S. 7), womit die jeweilige Spezialdisziplin des Beiträgers (a part) immer das Ganze im Blick haben sollte: Das Detail des eigenen Gebietes sollte zu Aussagen und auch Spekulationen über das gesamte System genutzt werden; und c) die methodische Behandlung der Texte. Bereits hier werden freilich, trotz der sehr optimistischen Formulierungen Neusners, auch die problematischen Aspekte der systemischen Analyse deutlich, auf die ich zum Schluss kurz eingehen will.[4]

Part I "The Scrolls Theory of the Judaic Social Order: Theory of Israel" (Band I, S. 25-42) besteht nur aus einem einzigen Beitrag von John J. Collins mit dem Titel "The Construction of Israel in the Secretarian Rule Books". Die Herausgeber haben sich also bezeichnenderweise am Ende doch für eine andere Reihung der Teile der systemischen Analyse entschlossen. Im Mittelpunkt des Beitrages stehen die Aussagen der Damaskus-Schrift (CD) und der Gemeinderegel (1 QS) zur Israel-Konzeption der Gemeinde. Es überrascht nicht, dass das Israel der damaligen Zeit nicht mit den utopischen Vorstellungen der Gemeinde von einem Israel, wie es sein sollte, übereinstimmte. Die Gruppe sei, so Collins, eine reformistische Bewegung gewesen, deren Definition von Israel in der Thora wurzelt und sich von derjenigen der Zeitgenossen abwandte. Sie war von einem zukünftigen Israel "in accordance with the regulations of the sons of Zadoc, the priests, and the men of the covenant" überzeugt (S. 42). Das ist trotz der Differenzen zwischen CD und 1 QS sicher richtig, doch kommt man mit diesem Abschnitt allein für eine Beschreibung der social group nicht aus.

Part II (Band I, S. 45-196) mit der Überschrift "Way of Life" ist umfassender. In insgesamt 6 Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Wissenschaftssparten stehen allgemeine Lebensführung, die Sitten und Gesetze der Gemeindemitglieder im Mittelpunkt. Eine einheitliche Vorstellung können sie sicher nicht vermitteln, dazu unterscheiden sich auch die Auffassungen der einzelnen Autoren zu stark voneinander. James F. Strange (S. 45-73) versucht, anhand der archäologischen Reste eine Vorstellung vom alltäglichen Leben der Gemeindemitglieder, ihrer Lebensgrundlage, ihrer sozialen und geschlechterspezifischen Struktur, ihrer Bürokratie zu gewinnen: "Qumran is something like an industrial quarter of a town" ist seine Erkenntnis (S. 53). Mit dem jüdischen Recht im Qumran befasst sich Lawrence H. Schiffmann (S. 75-90). Er hebt die für die Schriften kennzeichnende Kombination von offenbarem, d.h. schriftlich überliefertem Recht (Nigle) und verborgenem, mündlich tradiertem Strang (Nistar) hervor. Wesentlich ist für Schiffmann die antipharisäische Konzeption.

Auf die Probleme einer systemischen Untersuchung weist zum ersten Mal in diesem Buch und in aller Deutlichkeit Johann Maier hin, der sich mit den Reinheitsvorschriften in Kult und Haus befasst (S. 91-124). Können wir die Schriften als Ausdruck eines Systems begreifen? Was bedeutet es überhaupt, wenn man von "biblischen" Einflüssen spricht in einer Zeit, als der Kanonisierungsprozess noch keineswegs abgeschlossen war? (S. 97). Die Konzepte von Reinheit und Unreinheit in den Texten beziehen sich grundsätzlich auf den Tempel und seine Umgebung und werden auf weitere Heiligkeitskreise ausgedehnt; alles wird aus priesterlichem Blickwinkel gesehen. Maier verfolgt diese "Heiligkeitskreise" in konzentrischer Anlage vom Tempel bis hin zu den Stätten in Israel und den Militärlagern. Doch warnt er davor, die Reinheitsvorschriften als rein äußerliche Riten ohne dazugehörige moral values aufzufassen.

Eine andere Form religiöser Praktiken behandelt Eileen Schuller in ihrem Beitrag über Hymnen und Gebete (S. 125-143). Ihre Feststellung, dass die Kritik am gegenwärtigen Tempelbetrieb auch über eine Gleichsetzung von Gebet und Opfer als Sühne zum Ausdruck kommt (1 QS), womit aber keine theologische Neuorientierung verbunden war (S. 132), verdeutlicht den Faktor Zeitkritik im System Qumran. Dualistische und eschatologische Elemente sind erkennbar. Besonders wichtig ist der Beitrag von Martin G. Abbegg zum Kalender der Qumrangemeinde (S. 145-171). Da er auf einem 364-Tage-Sonnenjahr fußt, ist dieser Kalender in seiner Kohärenz mit dem religiösen Leben für den Autor der sicherste Beleg dafür, dass die Manuskripte wirklich die Schriften einer Gemeinschaft sind. Mayer I. Gruber befasst sich mit dem Frauenbild der Gruppe (S. 173-196), wobei sie vielleicht etwas willkürlich die Stellen herausgreift, in denen das Ziel "to achieve egalitarianism" (S. 194), offenbar ist. In der Tat wird aber konkret deutlich, wie weit moderne Forschung von einem frischen und offenen Blick auf die Texte profitieren kann.

Band II wird (nach einem mit Band I identischen Vorwort) mit Part III (S. 3-169) eingeleitet. Das Thema ist world view, zu dem sich wiederum sechs Beiträger äußern. Mit der Gottesvorstellung befasst sich zunächst Edward M. Cook (S. 3-22). Der Gott von Qumran ist der Gott der Bibel, was sich anhand der Begrifflichkeit sowie der Epitheta zeige. Zur Gotteserkenntnis, für die das Meister-Schüler-Verhältnis eine zentrale Rolle spiele, führe Offenbarung. Sehr instruktiv und klar ist der Beitrag von Philip R. Davies über die Thora im Qumran (S. 23-44). Der Begriff, die Substanz und die Funktion der Thora in den Schriften Qumrans werden untersucht. Die Thora, also die fünf Bücher Moses, ist zentral für die Gemeinde, doch gibt es deutliche Unterschiede wieder zwischen CD und 1 QS: Erstere betont den neuen Bund, letztere den Dualismus.

Ähnlich gelungen sind die Ausführungen von Peter W. Flint zur "Bibel" im Qumran (S. 145-103). Nach sinnvollen terminologischen Überlegungen (Flint schlägt den Begriff scripture(s) vor) wird die Qumran-Bibliothek auf Bibeltexte und ihre Verwendung hin befragt. Offenbar kannte man schon die Einteilung in "Thora, Propheten und Schriften" der hebräischen Bibel, wobei allerdings für Schriften "David" (sc. die mit seinem Namen verbundenen Schriften) gesetzt ist. Weniger Augenmerk wurde offenbar auf die spätere jüdische Geschichte sowie auf die Weisheitstexte gerichtet, während der Bund, die Liturgie, die Prophetie und das Gesetz besonderes Interesse weckten. Manche apokryphe bzw. nichtkanonische Texte (Jubiläen, 1 Henoch) waren in den Kanon integriert, das Buch Esther dagegen taucht gar nicht auf (was Flint überzeugend inhaltlich begründet).

Historisch besonders interessant sind die Auslegungen der Bibel durch die Qumrangemeinde, die Craig A. Evans untersucht (S. 105-124). Sie bilden entweder ausgehend vom aramäischen Daniel-Buch eine eigene literarische Form (Pescher), oder sie wurden in andere Texte wie die Gemeinderegel verwoben. Historisch wichtig sind etwa die Deutungen von Nahum und Habakuk, weil hier sogar konkrete Namen (die Könige Demetrios und Antiochos) auftauchen. Sie sind auf die Endzeit hin orientiert, d.h. die Propheten sagen voraus, was jetzt eingetreten ist, und bringen damit die heiligen Schriften in einen konkreten historischen Bezug. Mit der Eschatologie und der Geschichtsauffassung befasst sich Todd S. Bealle (S. 125-146). Die Gemeindemitglieder sahen sich als Söhne des Lichts, als Erfüllungsgehilfen biblischer Prophezeihungen kurz vor dem Ende der Geschichte, deren Einteilung von Gott vorbestimmt war. Bealle vermutet, dass sich aus den Erfahrungen der Hasmonäerzeit, in der weltliche und geistliche Führung in einer Hand lagen, eine multiple Messiasvorstellung entwickelt habe (so schon J. Collins, Apocalyptism in the Dead Sea Scrolls, S. 78-80), zum Schluss in einer dreifachen Form: einem davidischen, einem aharonitisch-priesterlichen Messias und einem Propheten.

Den Abschluss dieses Teils bildet der Beitrag von Torleif Elgvin über die Weisheitsvorstellung im Qumran, die sich aus den konkurrierenden Texten Prov. 1-9 (wonach Weisheit lehrbar ist) und Prediger (wonach Weisheit unzugänglich ist) speist. Zentrale Texte für den Weisheitsgedanken der Gemeinschaft sind Hodayot und die Gemeinderegel. Danach muß die Weisheit der wahren Gemeinde offenbart werden, dann erlangt man Gotteserkenntnis und das richtige Geschichtsverständnis.

Part IV (S. 173-229) ist mit "Comparing Judaisms" überschrieben, befasst sich also mit einem Systemvergleich verschiedener Judaismen. Die beiden Beiträge zu diesem Thema vergleichen jeweils Qumran mit der Lehre des Paulus (Heikki Räisänen, S. 173-200) und dem Johannes-Evangelium (Adriana Destro und Mauro Pesco, S. 201-229). Beide Aufsätze rekurrieren auf die Faszination, die die Gleichzeitigkeit beider Systeme, des frühchristlichen und des qumranischen, schon immer ausgeübt hat. Methodisch vorbildlich und eng am Gesamtkonzept des Buches orientiert opperiert der zweite Beitrag, weil jeweils zwei Texte nur miteinander verglichen wurden, das Evangelium (nicht also die anderen unter dem Namen Johannes überlieferten Texte des NT) mit der Gemeinderegel 1 QS (nicht mit der sehr verschiedenen Damaskus-Schrift). Beide stellen die offenkundigen Differenzen der Systeme (diese betreffen insbesondere die Zusammensetzung der jeweiligen sozialen Gruppen und die Regelungen, die einen Eintritt ermöglichen; dann aber auch world view und way of life - Paulus-Johannes: Eliminierung bzw. metaphorische Umdeutung des Tempels, der Beschneidung, des Landes Israel, der Sühne durch Opfer; Qumran: rigorose Einhaltung der Gesetze der Schrift, Betonung des Landes Israel), doch auch die Gemeinsamkeiten heraus. Denn alle drei Systeme sind "neu" und suchen Antworten auf die Fragen und Probleme der Zeit mit zum Teil entsprechendem begrifflichen Inventar. Ihre Errichtung kann man als Ausdruck einer allgemein empfundenen kulturellen Krise auffassen, der man jeweils mit entgegengesetzten Deutungen und Vorgaben, die wiederum in der eigenen Vergangenheit und Vorstellungswelt wurzelten, zu begegnen suchte.

Part V (S. 233-246) ist dann die "Conclusion", die Bruce D. Chilton mit dem Titel "Reading the Scrolls systemically" durchgeführt hat. Neben einer erneuten Wertung der einzelnen Beiträge enthält dieser Abschnitt zusätzlich einen vergleichenden Blick auf weitere Judaismen, nämlich den Hebräer-Brief und den Mischna-Traktat Yoma.

Die beiden Bücher sind wertvoll, wie die Inhaltsangabe gezeigt hat, und erweitern unsere Erkenntnisse zu Qumran. Sie bewegen sich in einer Sphäre, vor der man sich gelegentlich zu drücken schien, nämlich einer umfassenden Gesamtwürdigung. Eine solche ist zur Zeit noch nicht von einer einzelnen Person zu leisten, so dass die Herausgeber die jeweiligen Spezialisten befragt haben, aber dies unter einer klaren, theoretisch begründeten Vorgabe, nämlich der systemischen Analyse. Doch alle Dogmata haben ihre Schwächen, und davon ist auch die systemische Analyse nicht ausgenommen. Wesentlich scheinen mir folgende Punkte zu sein:

1. Etwa 200 Jahre (oder gar mehr) existierten Siedlungen im Qumran, die über 800 Schriftstücke hinterlassen haben. Diese Schriftstücke differieren zum Teil erheblich. Von mehreren Beiträgern wurde gerade auf die ausdrücklichen Gemeindetexte, wie die Damaskus-Schrift oder die Gemeinderegel hingewiesen. Darf man da von einem System sprechen? Auch die erhaltenen Schriften weisen auf mehrere Judaismen hin.[5] Das dezidierte Hervorheben eines kohärenten Systems im Qumran durch Neusner ist zumindest fragwürdig. Es muss sorgfältig die Zugehörigkeit der Texte bestimmt werden, also ob sie Ausdruck der religiösen Ideen der Gruppe oder lediglich archiviert sind, oder ob sie als Diskussionsgrundlage fungierten. Nur aus sich selbst heraus kann man wohl keinen Text umfassend interpretieren - es sei denn, man wünscht eine Paraphrase.

2. Eine weitere Arbeitsvoraussetzung ist gleichfalls nicht zweifelsfrei gegeben, obwohl Abegg sie durch den Qumran-Kalender bestätigt sieht: dass nämlich die Bibliotheken wirklich die religiösen Ideen der Gemeinschaft widerspiegeln und nicht eine reine Sammlung repräsentieren.

3. Der entwicklungsgeschichtliche Aspekt fehlt in beiden Bänden, wie bei systematischen Zugriffen oft, völlig. Wenn wir das Qumran-System als Kulturkritik auffassen, dann bestand zu systemischen Veränderungen in den 200 Jahren seines Bestehens mehr als einmal Anlaß. Der Rahmen reicht von den Hasmonäern bis zum jüdischen Krieg. Trotz Neusners Verdikt: Religionswissenschaftliche Forschungen sollten von historischen Studien begleitet werden, und das ist möglich, auch ohne dass die Forschung zum Judaismus wird.

4. Schließlich haben die Herausgeber des Buches unterschiedliche Spezialisten herangezogen, die auch ganz verschiedene Methoden und Auffassungen repräsentierten. Das können (und sollen) die Aufsätze nicht verbergen. Freilich sind manchmal gewichtige Differenzen erkennbar, wie sie z.B. der Aufsatz von Johann Maier formuliert. So zeigt die Verwendung des Begriffes "biblisch" eine je unterschiedliche Herangehensweise der einzelnen Forscher an.

Ungeachtet dieser Einwände bleibt hervorzuheben, dass die vorliegenden Bücher Pionierarbeit geleistet haben und sich dem Problem Qumran von einer neuen Seite her nähern: die Einzelforschungen durch die Spezialisten zu einem ganzheitlichen Bild zusammenzufügen. Eine Synthese war, wie der Aufsatz von Chilton in der "Conclusion" zeigt, noch nicht möglich, aber die Beiträge haben viel Licht in das Dunkel Qumran gebracht.

Anmerkungen:
[1] Flint, Peter W.; Vanderkam, James C. (Hgg.), The Dead Sea Scrolls after Fifty Years, Leiden 1999.
[2] Sanders, E. P., Paul and Palestinian Judaism, London 1981.
[3] Vgl. besonders Neusner, Jacob, The Systemic Analysis of Judaism, Atlanta 1988.
[4] Zu einer Kritik an dieser Methode wie auch an der Annahme von "Judaisms" vgl. jetzt Schwartz, S., Imperialism and Jewish Society 200 B.C.E. to 640 C.E., Princeton 2001, S. 8-12.
[5] Vgl. z.B. Davies, P., The Dead Sea Writings, The Judaisms of, in: Neusner, Jacob; Avery-Peck, Alan; Green, William (Hgg.), The Encyclopaedia of Judaism, Leiden 2000, S. 186-192.

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17.01.2003
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