J. Lewy: Drugs in Germany and the United States

Cover
Titel
Drugs in Germany and the United States 1819–1945. The Birth of Two Addictions


Autor(en)
Lewy, Jonathan
Reihe
Wissen über Waren. Historische Studien zu Nahrungs- und Genussmitteln 2
Erschienen
Baden-Baden 2017: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
338 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Bonengel, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Wer sich für die Geschichte von Drogen, Drogenpolitik und Abhängigkeitsforschung in den USA interessiert, bekommt schnell ein Luxusproblem: Die Bandbreite historischer Forschung zu verschiedensten Aspekten des Themas ist, wenn auch nicht annähernd überbordend, doch beachtlich. Für die Geschichte deutscher Drogenpolitik und Abhängigkeitsforschung lässt sich immerhin ein gesteigertes Interesse in den letzten Jahren beobachten.

Jonathan Lewy vereint nun mit seiner Monografie diese beiden Perspektiven und fasst sie zu einer vergleichenden Studie zusammen, die auf seiner Dissertationsschrift beruht. Er spannt darin den Bogen von frühen medizinischen Alkoholismustheorien Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Damit konzentriert sich Lewy, anders als etwa Detlef Briesens vergleichende Studie[1], vorwiegend auf die Zeit vor 1945. Auch räumt ersterer medizinischen Theorien mehr Raum ein, während bei Briesen politische und rechtliche Entwicklungen im Vordergrund stehen.

Lewys Kernthese lässt dabei durchaus aufhorchen: In den USA habe sich eine deutlich restriktivere Drogenpolitik entwickelt, weil Abhängigkeit, anders als in der Weimarer Republik und dem Dritten Reich, vorwiegend als vererbbare Krankheit beziehungsweise als Zeichen einer Psychopathologie definiert wurde. In den USA, so Lewy, hätten Eugenikdiskurse Drogenabhängigkeit miteingeschlossen, ausgerechnet im Deutschen Reich hingegen sei diese Verbindung eher unwichtig geblieben.

Diese These von den „zwei Abhängigkeiten“ ist die einzige Schlussfolgerung, die Lewy seinen Leser/innen explizit anbietet. Allerdings steht nicht jedes Kapitel im Dienst dieses Narrativs. Die Arbeit zielt eher darauf, möglichst umfassend verschiedenste Facetten der Drogenthematik in beiden Untersuchungsräumen abzuarbeiten. Das bedeutet allerdings, dass hin und wieder der rote Faden fehlt und dass man sich in dem Buch, das sich – in Lewys Worten – „liest wie zwei in einem“ (S. 6), gelegentlich nach etwas mehr Stringenz sehnt.

Der Aufbau folgt einer grundlegenden Zweiteilung: Während die ersten sechs Kapitel die Situation im Deutschen Reich (und seinen Vorgängern) beschreiben, geht es im zweiten Teil (Kapitel 7 bis 12) um die USA. Lewy verfolgt eine Mischform aus inhaltlicher und chronologischer Gliederung. Dabei widmet er sich Abhängigkeitstheorien, internationalen Aspekten, rechtlichen Entwicklungen und Praktiken im Umgang mit Konsument/innen beziehungsweise Abhängigen. Sowohl im ersten als auch im zweiten Teil arbeitet sich der Autor schrittweise vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor. Die beiden Teile stehen größtenteils nebeneinander, nur gelegentlich zieht Lewy explizit Vergleiche.

Zunächst zeichnet Lewy nach, wie im 19. Jahrhundert deutsche Ärzte in der Absicht, die Medizin zu professionalisieren, eine Medikalisierung von „unkontrolliertem“ Alkoholkonsum vorantrieben (Kapitel 1). Auf dieses Alkoholismus-Konzept aufbauend sei dann auch Drogenabhängigkeit als Krankheit definiert worden, die eher als körperliche denn als psychische Störung beschrieben worden sei (Kapitel 2). Weiterhin hätten Ärzte ihren Einfluss auch auf die Rechtsprechung erweitert, die aufgrund des medizinisch attestierten Kontrollverlusts bereits im 19. Jahrhundert „verminderte Zurechnungsfähigkeit“ für Vergehen festlegte, die unter dem Einfluss von Rauschmitteln begangen worden waren (Kapitel 3).

Anschließend widmet sich der Autor der Situation in der Weimarer Republik (Kapitel 4). Er attestiert Gesetzgebern und Polizei zu dieser Zeit eine deutlich größere Indifferenz gegenüber Drogenkonsument/innen als in den USA. Das begründet Lewy, früheren Studien folgend[2], auch damit, dass der Konsum von Morphin und Kokain zu dieser Zeit deutlich weniger verbreitet gewesen sei, als es populäre Schilderungen häufig darstellen.

Im Folgenden beschäftigt sich Lewy mit Regulierungspraktiken seit dem 19. Jahrhundert – über Einschränkungen von Handel und Produktion sowie über Verschreibungsvorschriften – und stellt fest, dass diese Gesetze und Vorschriften im beginnenden 20. Jahrhundert nicht besonders strikt durchgesetzt wurden (Kapitel 5).

Während durch diesen Part erneut das Narrativ von den unterschiedlichen Abhängigkeitstheorien unterbrochen wird, legt Lewy nun einen wichtigen Teil seiner Hauptthese dar (Kapitel 6): Drogenabhängige seien im Dritten Reich kaum von der Selektions- und Vernichtungspolitik betroffen gewesen: Drogenabhängigkeit habe nicht als vererbbare Krankheit gegolten, die Betroffenen seien, wenn überhaupt, wie gewöhnliche Kriminelle behandelt und/oder als Patienten in Heilanstalten überstellt worden. Das führt der Autor darauf zurück, dass Drogenabhängigkeit meist als körperliche Krankheit betrachtet und in angesehenen Schichten wie der Ärzteschaft oder unter Kriegsveteranen verortet worden sei. Auch mit diesen Interpretationen folgt Lewy, wenn auch in zugespitzter Form, bereits bestehenden Deutungen.[3]

Den zweiten Teil seiner Studie beginnt Lewy mit einem Überblick über die Regulierung des Opiumrauchens in den USA, die er richtigerweise und wiederum an etablierte Sichtweisen anknüpfend[4] auf rassistische Debatten um chinesische Immigranten zurückführt (Kapitel 7).

Es folgen die für sein Kernargument auf US-amerikanischer Seite relevanten Kapitel. Zunächst beschreibt Lewy, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Drogen zunehmend mit gesellschaftlichen Übeln, mit Devianz, Verbrechen und Promiskuität in Verbindung gebracht wurden. In Kombination mit einer ebenfalls auf Professionalisierung abzielenden Ärzteschaft seien diese Substanzen dann zunehmend reguliert und über eine Verschreibungspflicht in den Zuständigkeitsbereich der Medizin übertragen worden (Kapitel 8).

Indem Lewy das sich herauskristallisierende Abhängigkeitskonzept als Hybriden einer „moral disease“ (S. 209) herausstellt, spricht er einen Punkt an, der für das Verständnis von Unterschieden in der deutschen und US-amerikanischen Drogenpolitik zentral ist (Kapitel 9): Debatten, die Drogen mit ethnischen Minderheiten verbanden, verschmolzen, so Lewy, mit Abhängigkeitsdefinitionen, die Abhängigkeit als Verlust des freien Willens und als moralisches Übel beschrieben. Diskurse um Eugenik und Neurasthenie hätten so auch Drogenabhängigkeit, verstanden als vererbbar-degenerative psychische Störung, miteingeschlossen. Zusammen mit der Verbindung zu ethnischen Minderheiten, Verbrechen und Devianz erkläre dies den deutlich harscheren Umgang mit Konsument/innen und Abhängigen in den USA.

Danach unterbricht Lewy das zentrale Argument erneut, um die Alkoholprohibition nachzuzeichnen (Kapitel 10) und nationale sowie internationale Regulierungsbestrebungen aus US-Perspektive zu skizzieren (Kapitel 11). Das trägt weiter zur Zerfaserung der Studie bei und nimmt der Argumentationskette den Fluss.

In einem letzten Teil der Studie zeig Lewy dann, wie Abhängige in den USA von den 1920er-Jahren bis in den Zweiten Weltkrieg (und darüber hinaus) vornehmlich Gegenstand des Strafverfolgungssystems wurden (Kapitel 12).

Wie nun kann man Lewys Studie beurteilen? Das Buch hätte an analytischer Tiefenschärfe gewonnen, wäre der Autor seiner zentralen These von den „zwei Abhängigkeiten“ stärker gefolgt und hätte Aspekte wie internationale Regulierungen dafür kürzer beschrieben. Denn auch wenn Lewy mit seinen Deutungen im Prinzip keine Neuausrichtung vornimmt, sondern mit seiner Recherche meist bereits bestehende Interpretationen stützt, ist gerade der Vergleich von politischen Praktiken bezüglich des Einflusses medizinischer Deutungsweisen die Stärke dieser Arbeit. Es hätte sich gelohnt, das weiter auszubauen. Diese Einschätzung resultiert aber, das sollte explizit gemacht werden, aus der eher kulturgeschichtlichen, diskursanalytisch geprägten Sichtweise des Rezensenten, die freilich nicht universell ist.

Deshalb sollte auch das hervorgehoben werden: Es ist, erstens, Lewys erklärte Absicht, einen möglichst umfassenden Vergleich zwischen verschiedensten Aspekten von Drogenpolitik und Abhängigkeitsforschung in zwei Untersuchungsräumen über 126 Jahre hinweg zu ermöglichen. Und das ist ihm exzellent gelungen: Mithilfe seiner eigenen Quellenrecherche und der umfassend berücksichtigten einschlägigen Sekundärliteratur erlaubt er einen fundierten Überblick über diesen vielseitigen Themenkomplex.

Damit eignet sich seine Studie, zweitens, hervorragend als Überblick für Interessierte, die sich den doch umfangreichen Katalog an Literatur nicht mühselig selbst erschließen wollen. So bietet das Buch einen informativen Ausgangspunkt für weitere vergleichende oder transnationale Forschungen zu Drogenpolitik und Abhängigkeitsforschung. Dass ein solcher Blickwinkel lohnen kann, zeigt Lewy mit der vorliegenden Studie.

Anmerkungen:
[1] Detlef Briesen, Drogenkonsum und Drogenpolitik in Deutschland und den USA. Ein historischer Vergleich, Frankfurt am Main 2005.
[2] Annika Hoffmann, Drogenkonsum und -kontrolle. Zur Etablierung eines sozialen Problems im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden 2012.
[3] Jan Haverkamp, Rauschmittel im Nationalsozialismus. Die gesetzliche und therapeutische Entwicklung 1933–1939, in: Sozial.Geschichte Online 7 (2012), S. 40–71.
[4] David T. Courtwright, Dark Paradise. A History of Opium Addiction in America, 2. Aufl. Cambridge, MA 2001 (1. Aufl. 1982).

Redaktion
Veröffentlicht am
30.03.2018
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