Cover
Titel
European Modernity. A Global Approach


Autor(en)
Stråth, Bo; Wagner, Peter
Reihe
Europe's Legacy in the Modern World
Erschienen
London 2017: Bloomsbury
Anzahl Seiten
IX, 248 S.
Preis
$ 29.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Höpel, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig

Bo Stråth und Peter Wagner unterziehen das Narrativ der europäischen Moderne, die ausgehend von den Ideen der Aufklärung und der daran anschließenden politischen und ökonomischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sei, einer grundlegenden Analyse und Kritik. Ihre zentrale These lautet: „Modernity is less European and Europe is less modern than we have for too long been used to thinking […].“ (S. 1) Um die Frage nach der Modernität Europas neu zu verhandeln, betten sie die europäische Geschichte in einen breiteren räumlichen Kontext ein und analysieren die grundlegenden Prinzipien der Moderne in einer längerfristigen Perspektive. Eine Geschichte der europäischen Moderne sollte in ihrem Verständnis die Relationen untersuchen, die zwischen den Vorstellungen von Modernität einerseits sowie modernen Institutionen und Praktiken (und deren Schwächen) andererseits bestehen.

Die Autoren gehen zeitlich von der Antike aus und fragen, ob es eine Kontinuität moderner Prinzipien und Werte in Europa seit diesem Zeitpunkt gab, die die europäische Moderne vorgeprägt und in eine bestimmte Richtung gelenkt hätten. Sie behandeln ausführlich die Konzeptualisierung Europas insbesondere seit dem 18. Jahrhundert. Dabei zeigen sie, wie Europa als soziales und symbolisches Konstrukt oder Projekt in Bezug auf Amerika, Asien und Afrika, aber auch mit Blick auf innereuropäische politische Spannungen gedacht und geformt wurde. Sie betonen, ganz auf der Linie von Detlev Peukert[1], die Widersprüchlichkeit des Projekts „europäische Moderne“, sowohl was die Werte als auch die tatsächlichen Errungenschaften betrifft.

In einem zweiten Schritt fragen sie, inwieweit die modernen Ordnungsmodelle liberale Demokratie und Marktwirtschaft singulär europäisch waren bzw. sind. Grundlegend diskutieren sie die These, die antike Idee der Demokratie habe als beständiger Orientierungspunkt für die Demokratieentwicklung in Europa gedient und sei ab dem Ende des 18. Jahrhunderts nach und nach in Institutionen verankert worden. Zwar erkennen die Autoren an, dass die soziopolitische Sprache viele Kernkonzepte aus der Antike abgeleitet habe, ihre Umsetzung in Institutionen und Praktiken weise aber deutliche Unterschiede auf und sei nur aus der zeitgenössischen Entwicklung und den dabei auftretenden Debatten und Krisen zu verstehen. Es ging in der europäischen Moderne weniger um eine Beteiligung aller am politischen Prozess als um eine Stabilisierung der politischen Ordnung: So sollten die Unsicherheiten, die aus einer breiten Partizipation der Bürger resultierten, durch eine repräsentative Demokratie, durch die Schaffung schwierig abzuändernder „Grundgesetze“ wieder eingefangen werden. Auf diese Weise habe sich die moderne Demokratie grundlegend von der antiken Athener Demokratie entfernt, ohne jedoch bis heute die Kernfrage gelöst zu haben, wie alle Bürger, insbesondere die wirtschaftlich abhängigen, in den demokratischen Prozess einzubeziehen wären.

Auch die wirtschaftliche Moderne im Europa des 19. Jahrhunderts, die Industrialisierung und die Herausbildung der kapitalistischen Marktwirtschaft, wird nicht als rein europäische Innovation charakterisiert, sondern als Ergebnis einer globalen Transformation. Keine normative und funktionale Überlegenheit, keine interne Dynamik bescherte Europa die ökonomische Vorreiterrolle. Es waren die Handelsbeziehungen über den Atlantik, bei denen afrikanische Sklaven und amerikanischer Boden durch militärische Überlegenheit ausgebeutet wurden, die Westeuropa den Weg aus der begrenzten Wirtschaft des Ancien Régime zum Wirtschaftswachstum des 19. Jahrhunderts ebneten. Der Kapitalismus hatte, so die Autoren, in Europa weitaus längere Wurzeln, die bis ins Mittelalter reichten; und Europa unterschied sich bis zum 18. Jahrhundert wirtschaftlich wenig von verschiedenen Großregionen in Asien – bis zum 15. Jahrhundert war es ökonomisch sogar deutlich rückständiger. Die europäische „Moderne“ des 19. Jahrhunderts war von einem Raubtierkapitalismus gekennzeichnet: zum einen innerhalb Europas, wo die sozialen Spannungen aufgrund der ungebremsten Ausbeutung der Arbeitskräfte durch die Kapitalbesitzer stiegen, sodass sich am Ende des Jahrhunderts die Nationalstaaten zunehmend gezwungen sahen, diese Spannungen durch sozialstaatliche Maßnahmen abzufedern; zum anderen außerhalb Europas, wo die europäischen Mächte mit Waffengewalt expandierten und die großen Migrantenströme aus Europa in den Neo-Europas einen Genozid unter den ansässigen Ureinwohnern auslösten.

Schließlich behandeln die Autoren mit der individuellen Autonomie und Freiheit sowie der Säkularisierung zwei Schlüsselelemente des modernen europäischen Selbstverständnisses. Sie legen dar, dass das Bekenntnis zur individuellen Autonomie weder bewiesenermaßen in Europa entstand, noch dass es die primäre Basis für die europäische Moderne darstellte. Auch die These von der Trennung zwischen Politik und Religion sowie der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft stellen die Autoren in Frage, indem sie auf die enge Verbindung von Politik und Religion und auf religiöse Elemente in modernen Theorien und Ideologien hinweisen, zudem auf religiöse Begründungen und Hintergründe für politische Entscheidungen.

Der dritte Teil des Bandes analysiert zwei große Umbrüche der europäischen Moderne: die Transformation von der „begrenzten liberalen Moderne“ in die „organisierte Moderne“ während der 1870er-Jahre und die Transformation der „organisierten Moderne“ seit dem Ende der 1960er-Jahre. Der Aufbau der „organisierten Moderne“ seit den 1870er-Jahren aufgrund der ökonomischen und sozialen Krisen im Gefolge des Aufstiegs des liberalen Industriekapitalismus mündete in die Schaffung des paternalistischen Nationalstaats, der die organisierte Arbeiterschaft durch Sozialpolitik und eine nationalistische Rhetorik zu domestizieren trachtete. Die Konsolidierung im Innern wurde mit einem zunehmend aggressiver werdenden Wettbewerb der Nationen und ethnischem Rassismus erkauft; dies mündete in die Weltkriege und Gewaltverbrechen des 20. Jahrhunderts. In deren Gefolge musste die „organisierte Moderne“ zweimal reorganisiert werden. In den 1960er-Jahren verorten die Autoren dann den Gipfelpunkt der „organisierten Moderne“. Die lange durch konservative Eliten niedergehaltene und seit 1918 mit anderen Formen der politischen Organisation konkurrierende Demokratie wurde nun als Maß moderner Entwicklung präsentiert, die organisch an die Ideen der Aufklärung anschließe. Westeuropa galt dabei als Modell, kombinierte man hier doch Freiheit, Demokratie und Solidarität auf scheinbar vorbildliche Weise.

Die Hoffnung, stabile Regierungsinstitutionen und eine dynamische Entwicklung von Wirtschaft und Wissenschaft würden die Massenzustimmung zu demokratischen Regimen und insgesamt dauerhafte politische Stabilität hervorbringen, zerbrach allerdings in den 1970er-Jahren. Das expansionistische kapitalistische Wirtschaftssystem und normative institutionelle Widersprüche führten zum Abbau der „organisierten Moderne“ und in eine neue große Transformation. Als deren entscheidende Merkmale machen die Autoren die Auflösung von Raum und Zeit aus: Die kollektiven Vermittlungsinstanzen zwischen dem Individuum und der globalisierten Welt – wie Nationalstaaten, Gewerkschaften, Parteien – verloren an Bedeutung. Die seit den 1970er-Jahren einsetzende Individualisierung und Stärkung der individuellen Rechte geriet in Widerspruch zur globalen Organisation der Wirtschaft, die die tatsächlichen demokratischen Entscheidungsspielräume einengte und auch zu materiellen Enteignungen führte, indem zum Beispiel Rechte und Errungenschaften der Gewerkschaften eingehegt oder nationalstaatliche Regulierungen der Wirtschaft aufgehoben wurden. Für die Zeit ab den 1990er-Jahren machen die Autoren in verschiedenen Regionen der Welt Gegenbewegungen mit alternativen Organisationsprinzipien aus, die sich gegen diese Auflösung von Raum und Zeit stellen. Die europäische Integration wird als ein zaghafter Versuch in diese Richtung gesehen, bei dem zugleich die osteuropäischen Staaten aus dem 1989 zusammengebrochenen sozialistischen Block integriert wurden. Dieses Projekt erlebte aber in der Finanzkrise und bei den großen Flüchtlingsbewegungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts erhebliche Rückschläge, was zu seiner Infragestellung in breiten Bevölkerungskreisen geführt habe.

Der Band bündelt umfassende Wissensbestände insbesondere der jüngeren Geschichtsschreibung, die sich von einer eurozentrischen Sichtweise absetzt, und stellt damit einen guten Einstieg in die aktuelle Forschung und deren Debatten dar. Zugleich lädt dieser thesenförmige Überblick dazu ein, bisherige Vorstellungen von der europäischen Moderne kritisch zu überdenken. Die Autoren unterstreichen, dass die europäische Moderne nicht auf inneren Prinzipien und überlegenen Kräften beruhte, sondern auf der globalen Verwobenheit, der Ausrichtung der verschiedenen ökonomischen Zentren der Welt auf Europa und zu seinem Vorteil. Das im 17. und 18. Jahrhundert entworfene europäische Modell der Moderne, in dessen Mittelpunkt das Individuum stand, ist nicht universell, sondern war eine spezifische Antwort auf zeitgenössische Herausforderungen; eine Antwort, die immer wieder an veränderte Umstände angepasst werden musste. Das Kernmodell wurde selbst in der europäischen Geschichte niemals vollständig umgesetzt. Die propagierten Grundprinzipien Demokratie und liberale Marktwirtschaft, individuelle Autonomie und Freiheit schlugen sich die meiste Zeit kaum in institutionellen Strukturen nieder, sondern wurden von den Eliten in Staat und Gesellschaft eingehegt, um politische Stabilität sowie militärische und wirtschaftliche Expansion zu ermöglichen. Das nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa entworfene Modell der „organisierten Moderne“ war ein Ergebnis spezifischer, nicht wiederholbarer Zeitumstände. Die politischen Eliten haben auf dessen Erosion seit den 1970er-Jahren bislang keine tragfähigen Antworten gegeben. Ausgehend von den dargestellten Defiziten und unbeantworteten Fragen im Zuge der zweiten großen Transformation seit den 1970er-Jahren plädieren Bo Stråth und Peter Wagner am Ende für eine öffentliche Grundsatzdebatte über zentrale Kategorien des Konzepts der europäischen Moderne und deren Historizität, denn nur dadurch ließen sich neue, integrative und zukunftsweisende Lösungen für die derzeit explosive Situation in Europa finden.

Anmerkung:
[1] Detlev J.K. Peukert, Max Webers Diagnose der Moderne, Göttingen 1989, S. 55–69.