Cover
Titel
"Alte Kämpfer" der NSDAP. Eine Berliner Funktionselite 1926–1949


Autor(en)
Stanciu, Anja
Reihe
Zeithistorische Studien 59
Erschienen
Köln, Weimar, Wien 2017: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
521 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henry Marx, Unabhängige Historikerkommission zur Geschichte des Reichsarbeitsministeriums in der Zeit des Nationalsozialismus

Die sogenannten „Alten Kämpfer“ – Personen, die bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der NSDAP oder einem ihrer Verbände wie der SA oder SS angehörten – bildeten einen wichtigen Bestandteil nationalsozialistischer Mythenbildung. Die Forschung hat die „Alten Kämpfer“ häufig als Verlierer der Machtübernahme ausgemacht, die im NS-Regime bei weitem nicht die Bedeutung und die Positionen erringen konnten, die sie für sich beanspruchten. An dieser Stelle setzt die Studie von Anja Stanciu an und widerlegt auf überzeugende Weise diese Forschungsmeinung für den Berliner Raum. Die Studie wertet mittels eines sowohl netzwerkanalytischen als auch kollektivbiografischen Ansatzes die Karrierewege von 103 aktiven NSDAP-Mitgliedern aus, die bereits vor dem Jahr 1933 als Kreisleiter oder Stadtverordnete der Partei aktiv waren. Ihr Fokus liegt also nicht auf den Akteuren in Straßenschlachten, sondern denen der Parlamentsarbeit. Für dieses Sample an „Alten Kämpfern“ kann Stanciu anschaulich nachweisen, dass viele von ihnen wichtige Beiträge zur Durchsetzung der Diktatur zu Beginn der NS-Herrschaft leisteten und auch danach ihre Karrieren im Regime erfolgreich fortsetzten.

Die Studie ist anschaulich in drei Teile gegliedert, die jeweils durch ein prägnantes Zwischenfazit gebündelt werden. Der erste analysiert die Jahre bis zur Machtübernahme, der zweite die Jahre der NS-Diktatur und der dritte Teil die Lebensläufe der ehemaligen NSDAP-Funktionäre im Nachkriegsdeutschland.

Im ersten Teil arbeitet Stanciu das Sozialprofil und die Wege zur NSDAP des von ihr untersuchten Personensamples heraus. Beinahe ausnahmslos handelte es sich um Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, die bereits in den frühen Jahren der Republik den Anschluss zu diversen nationalistischen und völkischen Gruppierungen suchten, bevor sie noch vor den ersten reichsweiten Wahlerfolgen ab 1930 der NSDAP beitraten. Mehrheitlich handelte es sich dabei nicht um gebürtige Berliner, sondern um Bewohner der preußischen Provinzen, die häufig aus beruflichen Gründen in die Reichshauptstadt gezogen waren. Dort wohnten sie vornehmlich in den bürgerlichen Bezirken im Westen und Süden der Stadt. In immer wieder erhellend eingesetzten Vergleichen zu anderen Reichsgebieten arbeitet die Autorin heraus, dass es sich bei den Berliner Funktionären deutlich häufig um Söhne von Beamten, Handwerksmeistern und Kaufmännern handelte, die selbst zumeist als Angestellte tätig waren. Sie nahmen also eine höhere soziale Stellung ein als viele Berliner SA-Männer oder NSDAP-Funktionäre in anderen Reichsteilen. Die Auswertung dieser aggregierten Daten lockert Stanciu immer wieder mit der Schilderung von Einzelbiografien auf, mit denen sie zum Teil auch Abweichungen von der Norm aufzeigen kann. Allerdings scheinen hier in Einzelfällen die Zuschreibungen, die die These der Bürgerlichkeit vieler NSDAP-Funktionäre stützt, an einigen wenigen Stellen etwas schief. So schildert die Studie beispielsweise einen Funktionär als Sprössling „einer gut-bürgerlichen Kaufmannsfamilie“ (S. 83), um im gleichen Absatz zu schildern, dass die Familie nach dem unerwarteten Tod des Vaters die Klempnerei habe aufgeben müssen.

Der zweite Teil widmet sich den Karrierewegen der Parteifunktionäre im NS-Regime. Ähnlich wie in den Zwischenfazits operiert die Studie hier mit einer Bildung von Idealtypen. Die Typenbildung funktioniert die gesamte Studie über gut und trägt neben ihrem analytischen Mehrwert zur Lesbarkeit der Darstellung bei. Denn sie ermöglicht es der Autorin, aus dem Modus heraus zu wechseln, lediglich Daten und Zahlen zu referieren. Stattdessen kann sie ihre Ergebnisse somit bündeln und äußerst anschaulich präsentieren, ohne dabei an Differenziertheit einzubüßen. Für die Regimephase unterscheidet Anja Stanciu dabei zwischen Aufsteigern, gebremsten bzw. begrenzten Aufsteigern und Absteigern. Anhand dieser Typologisierung gelangt sie zu ihrer überzeugenden Leitthese, dass der Status als „Alter Kämpfer“ nicht genügte, um im NS-Regime eine erfolgreiche Karriere zu garantieren. Vielmehr kam es auf Disziplin, Arbeitsethos, persönliche Eigenschaften und vor allem die Fähigkeit an, Netzwerke zu etablieren, zu pflegen und bei Bedarf für die eigenen Interessen einzusetzen (S. 323–325).

Der Zusammenbruch des NS-Regimes bedeutete für das gesamte Personensample eine einschneidende biografische Zäsur. Nur wenigen ehemaligen Funktionären der Berliner NSDAP gelang es im Nachkriegsdeutschland, eine erfolgreiche Karriere zu verfolgen. Die Mehrzahl von ihnen tat sich damit äußerst schwer und war in vielen Fällen auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen. Interessant an Anja Stancius Untersuchungsgegenstand ist, dass ihre Untersuchungsregion mit Berlin sowohl die westlichen Sektoren als auch den sowjetischen Sektor umfasst. Auch wenn die Ergebnisse wenig überraschen, kann sie zeigen, wie viel schwerer es die „Alten Kämpfer“ in der Sowjetzone hatten als ihre ehemaligen Parteigenossen unter den West-Alliierten. Während in beiden Fällen die Mehrzahl der ehemaligen Funktionäre nach dem Krieg inhaftiert wurde, überstanden alle die Haft in den westlichen Besatzungszonen. Die sowjetische Haft überlebte nur ca. die Hälfte, die sogenannten Speziallager gar nur ein Drittel der untersuchten inhaftierten Funktionäre (S. 410).

Insgesamt hat Anja Stanciu eine sehr überzeugende, pointierte und sauber gearbeitete Studie vorgelegt, die den bisherigen Forschungsstand zu den Karrieren der frühen Nationalsozialisten in der Regimezeit widerlegt und auf einen neuen Stand hievt. Besonders hervorzuheben ist auch die methodische Klarheit und Präzision gerade der methodischen Begrifflichkeiten, die doch mancher zeithistorischen Untersuchung abgeht.

Allerdings muss leider auch konstatiert werden, dass die Studie bei allen ihren Verdiensten nicht ihr volles Potential ausschöpft. Denn angesichts des untersuchten Personensamples von Lokalpolitikern drängt es sich geradezu auf, die These des extrem personalisierten nationalsozialistischen Herrschaftssystems, auf die die Studie immer wieder verweist, kritisch zu überprüfen. Zwar überzeugt die Argumentation von Anja Stanciu, dass soziale Netzwerke und Kompetenzen für den Karriereverlauf der von ihr untersuchten Personen noch wichtiger waren als Qualifikationen und Leistung. Doch stellt sich die Frage, wo der grundlegende Unterschied zu den Karrierechancen von Lokalpolitikern vor und nach der NS-Diktatur lag. Denn auch die Karrieren von heutigen Politikern basieren auf ihren Fähigkeiten, Netzwerke mit der Hilfe von formellen und informellen Kommunikationsforen zu etablieren und für sich zu nutzen. Darauf kommt die Autorin auf einer der letzten Seiten ihrer Studie selbst zu sprechen, indem sie konstatiert, dass die „Funktionsträger im Nationalsozialismus zwar häufig rascher, aber nicht deutlich anders Karriere gemacht [haben] als die Führungskräfte heute oder vor 1933“ (S. 429). Dieser Gedanke wird aber in der Studie weder systematisch ausgeführt noch untersucht. Er hätte aber den Anlass bieten können, zum einen die These der Personalisierung der NS-Herrschaft zumindest für den Karrieretypus des (Lokal-)Politikers kritisch zu überprüfen und zum anderen die sicherlich vorhandenen Unterschiede, wie in den verschiedenen politischen Systemen Funktionsträger und Führungskräfte Karriere machten, konkret zu beleuchten. So bleibt es dabei, dass an diesen Stellen bekannte Forschungsthesen reproduziert werden, obwohl sie im Bezug auf den gewählten Untersuchungsgegenstand ohne eingehendere Prüfung nicht recht zu überzeugen vermögen.

Trotz dieser Einschränkung hat Anja Stanciu eine methodisch versierte und in ihren eigenen Thesen überzeugende Studie vorgelegt. Sie bricht nicht nur mit überkommenen Thesen zur Rolle der „Alten Kämpfer“, sondern sie erweitert auch unser Wissen über die Funktionsweise der Diktatur auf kommunaler Ebene, womit sie für NS-Historikerinnen und Historiker eine wichtige Lektüre darstellt.