Cover
Titel
Interrogation Nation. Refugees and Spies in Cold War Germany


Autor(en)
Allen, Keith R.
Erschienen
Anzahl Seiten
XXXII, 276 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Hilger, Deutsches Historisches Institut Moskau

Keith Allen hat bereits vor wenigen Jahren eine erste Studie über die Befragung von Flüchtlingen in Deutschland vorgelegt.[1] Dort beschreibt er unter anderem die zweifelhafte Rolle von nicht-staatlichen antikommunistischen Organisationen, die sich in West-Berlin in wichtigen Feldern der Politik engagierten. Die neue Arbeit baut diesen früheren Zugriff wesentlich aus, vor allem, indem sie den zeitlichen und regionalen Rahmen vergrößert und die Aktivitäten der großen westalliierten Nachrichtendienste sowie deutscher Sicherheitsbehörden ins Zentrum rückt. Außerdem erweitert Allen die Perspektive und klopft das historische Geschehen auf das grundsätzliche Spannungsverhältnis zwischen staatlicher Sicherheit – repräsentiert durch die Nachrichtendienste – und individueller Freiheit – der Flüchtlinge – hin ab. Damit thematisiert Allen wichtige Aspekte der Geschichte von Nachrichtendiensten generell. Hier wäre eine komplexere Diskussion wünschenswert gewesen, die etwa generelle Informationsmöglichkeiten und -techniken der Nachrichtendienste oder gesamtgesellschaftliche Stimmungen und Anliegen mit einbezogen hätte. So schlägt Allen zwar einen kühnen Bogen von den Befragungen des Kalten Kriegs hin zu Erhebungen, die im so genannten Kampf gegen den Terror oder im Kontext der aktuellen Flüchtlingspolitik durchgeführt werden (S. XV–XX, 234–239). Die wirklich spannende Aufgabe, mögliche Kontinuitäten bzw. die tatsächliche Bedeutung langer Entwicklungslinien und wahrgenommener Parallelen differenziert auszuleuchten, bleibt indes ungelöst.

Der Autor hat für seine Analysen umfassenden Gebrauch von einschlägigen amerikanischen, britischen sowie west- und ostdeutschen Quellen gemacht. Letztere gewähren interessante Einblicke in Arbeits- und Sichtweisen des MfS im innerdeutschen „Krieg der Geheimdienste“ (S. 177–205, 246f.).[2] Ganz nebenbei wird außerdem deutlich, dass eine Untersuchung des innerdeutschen Handels auch mit Blick auf die historische Aufarbeitung der Tätigkeit der Geheimdienste ein lohnenswertes Unterfangen ist (S. 213). Man hat bei der Lektüre der entsprechenden Ausführungen mitunter den Eindruck, dass Allen auf kritische Anmerkungen zu seinem ersten Buch reagiert, die sich auf den Quellenwert von Materialien des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) für eine Aufarbeitung der Geschichte westlicher Geheimdienste bezogen.[3] Unabhängig von der genutzten Materialfülle sind sicherlich noch viel zu viele Akten von Geheimdiensten unzugänglich. Ob daher die ganze Geschichte der Überprüfung von Flüchtlingen im Kalten Krieg „can be reconstructed from publicly available documentary collections”, muss dahingestellt bleiben (S. 236). Es ist jedoch, das demonstriert Allen eindrucksvoll, offenkundig möglich, nicht nur wichtige Dimensionen, sondern auch zahlreiche Facetten dieser Geschichte aktengestützt zu erfassen.

Damit dies gelingt, beschreibt Allen zunächst die Orte in West-Berlin und in der Bundesrepublik, an denen verschiedene Dienste Flüchtlinge befragten. Darin schließt sich die Darstellung relevanter westlicher Einrichtungen an, die vom gesamten Befragungswesen profitierten oder zumindest profitieren wollten. Die Vorstellung des britischen Scientific and Technical Intelligence Branch, des amerikanischen Counter Intelligence Corps und – etwas knapper und ungenauer – des BND nimmt zugleich einzelne Akteure und ihre vielfältigen Handlungsmöglichkeiten bzw. Verhaltensweisen in den Blick. Nicht nur individuelle Erwägungen trugen zur Komplexität und auch zur Buntheit des Befragungswesens bei. Die drei genannten Einrichtungen waren beileibe nicht allein auf weiter Flur. Beispielsweise tummelten sich etwa neben französischen Interessenten zumindest zeitweise Bundes- und Landesämter für den Verfassungsschutz oder Vertreter von Radio Free Europe vor Ort, alle untereinander in Konkurrenz oder bestenfalls mit Teilabsprachen. Ihre Arbeit, dies macht einen wesentlichen Punkt des dritten Hauptteils der Studie aus, stand unter genauer Beobachtung der Stasi, aber auch des tschechoslowakischen und sicherlich des sowjetischen Dienstes.

Grenzüberschreitend vergleichbare Herangehensweisen bei Datenspeicherung und -verarbeitung der Dienste überraschen wenig, wenn man sich die allgemeinen Arbeitsabläufe und Erfordernisse der Branche innerhalb dieser Jahre und Staaten anschaut.[4] Der „ungeheure“ Papierverbrauch, dann unterschiedlich avancierte Methoden der Informationsverarbeitung verweisen jedoch auf die Frage zurück, inwieweit Großaktionen wie das langjährige Befragungswesen wirklich effiziente Methoden zur Informationsgewinnung darstellten (S. 207f.). Eine andere grundlegende Gemeinsamkeit war der dienstliche Umgang mit den Flüchtlingen selbst, die man als menschliche Quellen betrachtete. Hier wollte man beiderseits des Eisernen Vorhangs individuelle Anliegen, Sorgen oder emotionale Krisen der Flüchtlinge vor allem für die eigenen Interessen nutzen, es ging nicht darum, bei ihrer Bewältigung helfen.

Mit dem kombinierten Zugriff kann Allen insgesamt zeigen, wie dicht nachrichtendienstliche Belange und Behörden aller Art die westdeutsche Landschaft durchsetzten. Zudem erwies sich der „Eiserne Vorhang“ als recht löchrig. Flüchtlinge stellten sozusagen qua Existenz die Unüberwindbarkeit von Grenzen in Frage und trugen mit ihrem Wissen dazu bei, Kenntnisse über das Gegenüber zu erweitern. Auf der anderen Seite überschritten die Dienste selbst mit ihren Aktivitäten genau die Grenzen, die sie schützen sollten. Westliche Dienste warben Flüchtlinge an und schickten sie mit neuen Aufträgen „nach drüben“ zurück. Die Stasi tarnte eigene Agenten als Flüchtlinge, um gegnerische Apparate zu infiltrieren. Dabei gingen all diese – und viele andere – nachrichtendienstliche Unternehmungen von festen Loyalitäten aus, die es jedoch in manchen Fällen gar nicht gab. Unter den hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der für Befragungen zuständigen Dienste fanden sich immer wieder Überläufer, Doppelagenten oder reine Geschäftemacher. Vielleicht noch wichtiger für den Gesamtkomplex war, dass sich eigentlich verbündete Dienste untereinander wenig kooperativ zeigten. Die Hackordnung im Westen führten amerikanische Stellen an, die beispielsweise britischen oder deutschen Einrichtungen immer wieder Informationen und Informationsquellen vorenthielten. Auf diese Weise, auch dies macht die Studie deutlich, setzten die in der Bundesrepublik tätigen westlichen Dienste der westdeutschen Souveränität ganz eigene Schranken.

In diesem Gestrüpp konnten Flüchtlinge ihre Ansprechpartner oder ganz die Seiten wechseln oder versuchen, aus den spezifischen Anliegen der Nachrichten- und Sicherheitsdienste für sich das Beste zu machen. In den Befragungsprotokollen schlugen sich diese individuellen Handlungsspielräume als genaue Auskünfte, widersprüchliche Berichte oder Aussageverweigerungen nieder. Keith Allen erinnert jedoch auch daran, dass der individuelle Manövrierraum nicht für jedermann gleich groß, sondern abhängig von der eigenen Notsituation und nachgefragter Expertise und damit durchaus auch von der sozialen Stellung war. Insgesamt bietet das Buch, das relevante Institutionen, Praktiken und Biographien in einer Darstellung verknüpft, eine ebenso spannende wie aufschlussreiche Lektüre.

Anmerkungen:
[1] Keith R. Allen, Befragung – Überprüfung – Kontrolle. Die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin bis 1961, Berlin 2013.
[2] Clemens Heitmann: Rezension zu: Allen R. Keith, Befragung – Überprüfung – Kontrolle. Die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin bis 1961, Berlin 2013, in: H-Soz-Kult, 21.10.2014, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21521 (19.11.2018).
[3] Das Schlagwort nach George Bailey / Sergej A. Kondraschow / David E. Murphy, Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997. Zur Thematik ausführlich Benny Heidenreich / Daniela Münkel / Elke Stadelmann-Weitz, Geheimdienstkrieg in Deutschland. Die Konfrontation von DDR-Staatssicherheit und Organisation Gehlen 1953, Berlin 2016.
[4] Zur Einführung etwa Christopher Andrew, Intelligence in the Cold War, in: Melvyn P. Leffler / Odd Arne Westad (Hrsg.), The Cambridge History of the Cold War, Vol. 2: Crises and détente, Cambridge 2010, S. 417–437; Magnus Pahl / Gorch Pieken / Matthias Rogg (Hrsg.), Achtung Spione! Geheimdienste in Deutschland von 1945 bis 1956, 2 Bde., Dresden 2016. Zur Gesamtproblematik von Informationserhebung und -verarbeitung durch Nachrichtendienste vgl. z.B. Loch K. Johnson (Hrsg.), The Oxford Handbook of National Security Intelligence, Oxford 2010.