50 Jahre Johannes Kepler Universität Linz

: 50 Jahre Johannes Kepler Universität Linz. Eine „Hochschule neuen Stils“. Wien 2016: Böhlau Verlag , ISBN 978-3-205-20414-5, 259 S. € 30,00.

Wirth, Maria; Reichl, Andreas; Gräser, Marcus (Hrsg.): 50 Jahre Johannes Kepler Universität Linz. Innovationsfelder in Forschung, Lehre und universitärem Alltag. Wien 2017: Böhlau Verlag , ISBN 978-3-205-20415-2, 430 S. € 40,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ina Friedmann, Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) im Jahr 2016 entstand eine zweibändige Jubiläumspublikation der HistorikerInnen Maria Wirth und Marcus Gräser sowie des Wirtschaftswissenschaftlers Andreas Reichl, die sich in die neue österreichische Universitätsgeschichtsschreibung einreiht.[1] Der erste Band „50 Jahre Johannes Kepler Universität Linz. Eine ‚Hochschule neuen Stils‘“ erschien im Jubiläumsjahr und behandelt die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte, während der zweite Band „50 Jahre Johannes Kepler Universität Linz. Innovationsfelder in Forschung, Lehre und universitärem Alltag“ 2017 veröffentlicht wurde und die Disziplinengeschichte der JKU beinhaltet.

Die inhaltliche Ausrichtung der Bände wird am jeweiligen Umschlagbild sichtbar: Für den ersten Band wurde ein schwarz/weiß-Foto der Universität ohne Datumsangabe gewählt, Band zwei präsentiert ein Farbfoto, auf dem aus anderer Perspektive ein modernes Universitätsgebäude abgebildet ist. Als besonders interessantes Gimmick erscheint beim Öffnen des ersten Bandes ein Plan des Linzer Universitätscampus, übertitelt mit „Der JKU-Campus – Gebäudeentwicklung im historischen Verlauf“. Die Gebäude sind in unterschiedlichen Farben gehalten, welche die Errichtungsdekade offenbaren und so das Wachstum des Universitätsstandortes von den 1960ern bis in die 2010er-Jahre widerspiegeln. Die Abbildung kann als programmatisch angesehen werden, nimmt die Erweiterung des Campus doch den größten Raum in diesem Teilband ein. Als Art der Referenzierung wurden Endnoten gewählt; das ist Geschmackssache, aufgrund des großen Umfangs an Belegen allerdings eine benutzerInnenfreundliche Lösung. Farbabbildungen finden sich in beiden Bänden, wobei im zweiten nur vereinzelte vorhanden sind, während sie im ersten insbesondere die Entwicklung der JKU ab den 1980er-Jahren illustrieren. Beide Bände verfügen über ein MitarbeiterInnenverzeichnis, Personenregister, Band eins über ein eigenes Literatur-, Quellen- und Abbildungsverzeichnis, während Band zwei ausschließlich das auch in Band eins zusätzlich vorhandene Endnotenverzeichnis am Ende jedes Kapitels enthält.

Der Aufbau in Band eins ist chronologisch und in drei Abschnitte gegliedert, die man mit Theorie, Praxis und Hard Facts umschreiben könnte. Marcus Gräsers 15-seitiges Einführungskapitel legt mit einer Einbettung in den nationalen und internationalen Kontext eine Schilderung der Rahmenbedingungen vor, die zur Errichtung der JKU als Hochschule 1966 führten. Dabei werden gesellschaftliche Entwicklungen ebenso thematisiert, wie jene auf dem österreichischen Hochschulsektor. Die Konzeption als „Reformuniversität“ sowie die Bedeutung dieses Schlagwortes werden erläutert, zugleich wird allerdings konstatiert, dass auch in der zeitgenössischen Diktion hauptsächlich von einer „Hochschule neuen Stils“ gesprochen wurde (S. 13, 16f.). Konkludierend schließt Gräser mit der Feststellung, die Neugründung stellte eine Art „Mischtyp dar, der die traditionellen Bestandteile der Universitäten […] mit einigen für die 1960er Jahre typischen Reformelementen […] kombinierte“ (S. 21). Mitunter wären weitere Ausführungen wünschenswert gewesen, wie etwa zur geplanten Bedeutung als Ausbildungsstätte, um jene Menschen, „die in Staat und Gesellschaft Führungs- und Stabsfunktionen ausfüllen sollen, gezielt und wissenschaftlich auf diese Aufgaben vorzubereiten“ (S. 15). Die damit implizit angesprochene „Elitenschmiede“ in Relation zu aktuellen Trends wie der als immer wichtiger angesehenen „Exzellenz“ zu setzen, hätte interessante Aspekte zutage fördern können. Im Rahmen einer zweckgebundenen Universitätsgeschichte – und darum handelt es sich bei Jubiläumswerken immer, auch wenn im Vorwort bewusst von einer Konzeption als Festschrift Abstand genommen wird (S. 7) – muss allerdings berücksichtigt werden, dass gewisse Einschränkungen unumgänglich sind.

Im anschließenden Hauptteil beschreibt Maria Wirth auf 184 Seiten in sechs Kapiteln mit unterschiedlichen Fragestellungen die Vor-, Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der JKU. Der Beitrag beeindruckt besonders durch die Dichte des verwendeten Quellenmaterials und verfügt als Abschluss jedes Kapitels über eine Timeline, welche die dargelegten Eckdaten übersichtlich aufbereitet. Grün hinterlegte Info-Boxen enthalten Exkurse von unterschiedlichen AutorInnen, die den Text auflockern und weiterführende Informationen beinhalten.

Auf knapp 25 Seiten wird zunächst die „lange Vorgeschichte“ der Hochschule behandelt, die bis in das 16. Jahrhundert zurückreicht und gleich den übrigen österreichischen Universitätsstandorten außer Salzburg, zu denen sie auch in Beziehung gesetzt wird, eng mit den Jesuiten verbunden ist. Konstante Errichtungsbestrebungen hinsichtlich einer Linzer Universität begannen ab 1848, wobei 1869 erstmals die Errichtung einer Technischen Hochschule (TH) diskutiert wurde. Eine erste Gründung fand im Nationalsozialismus statt, als es durch Hitlers Patronanz über die Stadt Linz ab 1939 zu Planungen einer TH und 1943 zur Eröffnung einer einzigen Abteilung (Architektur) mit 12 inskribierten Studierenden kam. Eineinhalb Jahre später wurde die Neugründung geschlossen.

Im folgenden Kapitel beschreibt die Autorin die eigentliche Gründungsphase der JKU von Errichtungsbestrebungen in der frühen Nachkriegszeit bis hin zur Eröffnung als Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften im Jahr 1966, nachdem 1962 das Bundesgesetz über die Errichtung im Nationalrat einstimmig beschlossen worden war. Wirth skizziert das Festhalten an den Plänen einer TH sowie anhand der vorübergehenden Installierung eines „technischen Studiums“ an der Linzer Volkshochschule die Entschlossenheit zum Ausbau von Linz zum Hochschulstandort ab Beginn der 1950er-Jahre. Wesentliche Beteiligte waren Bürgermeister Ernst Koref (SPÖ) und Landeshauptmann Heinrich Gleißner (ÖVP), unterstützt von Akademikern, „die zum Teil der Entnazifizierung zum Opfer gefallen waren oder sich nach Linz abgesetzt hatten“ (S. 58). Berücksichtigung erfährt auch die zeitgenössische Bedeutung von Linz als Industriestandort. Wirth beschreibt die Mitte der 1950er-Jahre erfolgte Abwendung von einer TH hin zu einer Ausbildungsstätte für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, welche die Hochschulgründung letztlich ermöglichte. Dabei stand, konzipiert als „Spezialhochschule“, die „Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden“ insofern im Mittelpunkt, als auch durch die Art der Wissensvermittlung eine Abhebung von den existierenden österreichischen Universitäten erreicht werden sollte. Der Blick wurde auf die Schaffung eines „Hochschulbezirks mit Gemeinschaftsräumlichkeiten und […] Forcierung von Seminaren und Übungen in der Lehre“ gerichtet (S. 72). Spannend ist die Einbettung in zeitgenössische Entwicklungen hinsichtlich der Reformbestrebungen der bestehenden Universitäten, das vorhandene Konfliktpotential mit diesen sowie die Verbindung zur 1964 eröffneten Universität Salzburg. Auch die nunmehr beschleunigten zeitlichen Abläufe sind detailliert wiedergegeben, wobei besonders die rasante Erweiterung der neuen Hochschule um eine Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät noch 1965 und die Einrichtung eines Jusstudiums an der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät 1966 genau beschrieben werden. Nunmehr wurde betont, dass es sich um eine Hochschule mit „unkonventionell gemischten Studienrichtungen“ handeln würde (S. 93).

Das dritte Kapitel skizziert die Jahre von der Eröffnung als Hochschule bis zur Umwandlung in eine Universität (1966-1979). Hier beginnt eine Veränderung in der Textausrichtung, die nunmehr auch in den folgenden Kapiteln prioritär die in den nächsten Jahrzehnten durchgeführten Erweiterungen der Hochschule, die durch das UOG 1975 in den Stand einer Universität erhoben und in „Johannes Kepler Universität Linz“ umbenannt wurde, in den Blick nimmt. Dabei werden Entwicklungslinien nachgezeichnet, die auch die Vorreiterrolle der JKU in manchen Punkten illustrieren, wie etwa durch die österreichweit erstmalige Studienmöglichkeit der Informatik ab 1969 (S. 112f.) oder die während der 1970er-Jahre eingerichteten Studienversuche Wirtschaftsingenieurwesen,Technische Chemie sowie Betriebs- und Verwaltungsinformatik, die interfakultär konzipiert waren (S. 121). Obwohl in vielem von den ursprünglichen Plänen abgewichen wurde, so ist zu konstatieren, dass die Bestrebung, eine Hochschule „neuen Stils“ zu verkörpern, in unterschiedlichen Bereichen glückte. Doch fällt gerade durch den Perspektivwechsel auf, dass Themen, welche die engeren Gründungsvorgänge überschreiten, beinahe ausschließlich in den Info-Boxen als Exkurse behandelt werden. Wenngleich dies ein probates Mittel darstellt, wären bestimmte Ausführungen im Fließtext, etwa hinsichtlich der ersten Professorengeneration und deren NS-Vergangenheit, auch im Vergleich zu Salzburg [2], besser aufgehoben gewesen. Diese Informationen als Exkurse wiederzugeben ist insbesondere vom Standpunkt der unterschiedlichen AutorInnenschaft verständlich, doch beschränken sich die folgenden Kapitel dadurch hauptsächlich auf (infra-)strukturelle Entwicklungen. Gerade die exkursiv besprochene Einbettung in die allgemeine Situation „1968“ hätte einen Platz im Fließtext verdient gehabt, zumal von dem Hochschulstandort Linz als einem „Ort des Protests und des Aufbruchs“ gesprochen wird (S. 123). Das bedeutet aber nicht, dass nicht interessanten Aspekten Raum gegeben wird, wie der Ende der 1980er-Jahre einsetzenden intensivierten Zusammenarbeit von Wissenschaft mit Wirtschaft und Industrie, die zu Neugründungen wie dem Forschungsinstitut für Symbolisches Rechnen in Kooperation mit der VOEST ALPINE führte. Auch auf die zunehmende Internationalisierung der JKU ab Ende der 1980er-Jahre, die in Partnerschaftsverträgen sowie ab Beginn der 1990er-Jahre in der Abhaltung von Sommerschulen und dem „Kepler-Internationalisierungsprogramm“ manifest wurde, wird hingewiesen. Die letzten beiden Kapitel „Umbrüche – von der halbautonomen zur autonomen Universität (1993–2004)“ und „Expansion und weitere Öffnung (2004–2016)“ behandeln die jüngste Vergangenheit. Insbesondere die universitätsrechtlichen Veränderungen durch das UOG 1993 und das UG 2002 werden diskutiert. Die dichte, chronologische Darlegung bietet einen wertvollen Überblick über den Wandel der österreichischen Universitäten seit Mitte der 1990er-Jahre. Die nunmehrige Bedeutung der Drittmittelakquise wird anhand der Gründung des Forschungsinstituts für Bankwesen verdeutlicht, dessen Finanzierung ausschließlich durch externe Geldquellen das Ministerium zur Bedingung für seine Zustimmung machte. Sichtbar wird zudem die „Durchmischung“ des Campus: Neben dem Institut wurden in dem Neubau Bankfilialen eröffnet, bezog eine EDV-Firma und eine Zweigstelle des Oberösterreichischen Landesverlages ebenso Räumlichkeiten wie Verwaltungseinheiten der Universität.

Als letzter Abschnitt im ersten Band folgt auf knapp 30 Seiten ein quantitativer Überblick über die Entwicklung der JKU von Andreas Reichl. Diese setzt mit einer chronologischen Aufstellung und Auswertung des Studienangebots von der Gründung bis in das Jahr 2016 ein, worauf Personalinformationen folgen. Die Rektoren der JKU waren bisher ausnahmslos Männer, auf Vizerektoratsebene sind zwei Frauen erstmals für die Periode 2007 bis 2015 sowie drei Frauen für die folgende Amtsperiode verzeichnet. Daten zu Instituts- und Studierendenentwicklungen sind ebenso enthalten, die nicht nur Inskriptionstrends abbilden, sondern auch Vergleiche zu den ebenfalls in den 1960er- und 1970er-Jahren gegründeten Universitäten Salzburg und Klagenfurt ziehen. Den Abschluss bilden die Ergebnisse der ÖH-Wahlen an der JKU von 1967 bis 2015. Die statistische Darstellung erfolgt ohne Interpretationen, die an mancher Stelle wünschenswert gewesen wären. Doch erfüllen die zusammengestellten Informationen ihren Zweck – die Entwicklung der JKU anhand von Zahlen nachzuzeichnen – und geben einen eindrücklichen Überblick über die Veränderungen der Universität in Bezug auf Struktur, Personal und Studierende.

Der statistische Abschluss von Band 1 stellt eine sinnvolle und fließende Überleitung zum zweiten Teilband dar, der unter dem Titel „50 Jahre Johannes Kepler Universität Linz. Innovationsfelder in Forschung, Lehre und universitärem Alltag“ auf insgesamt 430 Seiten einen Überblick über die Entwicklung der einzelnen Institute der JKU gibt. Der Aufbau ist nach Fakultäten und innerhalb dieser chronologisch gegliedert. Nach Darlegung der Fakultätenentwicklung – Sozial- und Wirtschaftswissenschaft (S. 19–132), Rechtswissenschaft (S. 135–218) und Technik-Naturwissenschaft (221–296) – folgt ein letztes Kapitel „Über die Fakultätsgrenzen hinaus: Aufbruch, Vernetzung, Disziplinentwicklung“. Gerade durch die in diesem Abschnitt enthaltenen Texte gelingt es Themenfelder einzubeziehen, die auf anderem Weg keine ausführliche Berücksichtigung finden konnten, wie beispielsweise der Beitrag von Michael John zu „1968“ (S. 299–326) oder jener von Edeltraud Ranftl zu „feministischer Wissenschaft und Gender Studies an der JKU“ (S. 327–346). In der Einleitung der HerausgeberInnen wird darauf hingewiesen, dass auf eine Einbeziehung der 2014 gegründeten Medizinischen Fakultät bewusst verzichtet wurde, da diese den Studienbetrieb zur Zeit der Abfassung noch nicht aufgenommen hatte (S. 15, Anm. 1). Durch die Textgestaltung aus den einzelnen Fächern heraus werden Einblicke in Entwicklungslinien und Praxen gegeben, die nicht nur den jeweiligen institutionellen Fokus, sondern auch konzeptionelle Prioritäten widerspiegeln.

Insgesamt wurde mit den beiden Bänden zur JKU ein Werk vorgelegt, das nicht nur erstmals die Gründungs- und Entwicklungsabläufe gebündelt präsentiert, sondern auch die Innovativität in vielerlei Hinsicht – wie dies ja auch im Untertitel zu Band 2 anklingt – sichtbar macht. Die gewählte Herangehensweise in Form einer Strukturgeschichte in der zweiten Hälfte des Buchkerns, des Textes von Maria Wirth, ist gewöhnungsbedürftig. Je nach Interessenlage können so besonders die Exkurse an Bedeutung gewinnen, die den Blick über die Errichtungsprozedere hinauslenken und zumindest einen Einblick in eine Alltagsgeschichte der JKU eröffnen. Dies soll jedoch nicht als Mangel der Publikation gedeutet werden: Immerhin besagen sowohl Titel als auch Klappentext von Band eins, dass Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der Hochschule im Fokus stehen und dargelegt werden – was definitiv in umfassender Weise geschehen ist.

Anmerkungen:
[1] Zuletzt im Rahmen von Jubiläen entstanden die vierbändige Publikation: 650 Jahre Universität Wien – Aufbruch ins neue Jahrhundert, Göttingen u.a. 2015; sowie Juliane Mikoletzky / Paulus Ebner, Die Geschichte der Technischen Hochschule in Wien, Wien 2016, anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums.
[2] Vgl. z.B. Alexander Pinwinkler u.a., Kontinuitäten und Brüche: Biografien, Netzwerke und Hochschulpolitik an der Universität Salzburg, in: Österreichische HochschülerInnenschaft (Hrsg.), Österreichische Hochschulen im 20. Jahrhundert. Austrofaschismus, Nationalsozialismus und die Folgen, Wien 2013, S. 415–462.

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22.01.2018
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