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Titel
Squalor. Symbolisches Trauern in der Politischen Kommunikation der Römischen Republik und Frühen Kaiserzeit


Autor(en)
Degelmann, Christopher
Reihe
Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beitrage 61
Erschienen
Stuttgart 2018: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
361 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Isabelle Künzer, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

In Rom, der antiken Metropole am Tiber, war der Tod allgegenwärtig. Täglich wurden die Menschen mit Zeitgenossen konfrontiert, die den Verlust einer Person aus ihrem Umfeld beklagten. Umso auffälliger war es angesichts dessen, wenn Akteure ohne das Vorliegen eines wirklichen Todesfalls mit Gestik, Mimik oder mittels anderer Zeichen Trauer zum Ausdruck brachten, also ein spezifisches kontextbezogenes Zeichenrepertoire aus seinem Bezugsrahmen lösten und in einen anderen Zusammenhang überführten. Dieser Thematik – der symbolischen und zugleich performativen Dimension des Trauerns in Rom, dem sogenannten squalor – gilt die Dissertation Christopher Degelmanns.

Geradezu wesensgemäß wohne diesem Phänomen die Notwendigkeit eines zugleich öffentlichen und transgressiven Charakters inne. Eine wie auch immer intendierte Wirkung konnte das symbolische Trauern nur in der Öffentlichkeit entfalten. Grundsätzlich ist der Spezifik des Phänomens zudem das Potential zur Devianz und Subversion inhärent. Dabei erfuhren rituelle Zitate aus anderen Kontexten eine durchaus kreative Aneignung durch Individuen und infolgedessen eine Bedeutungsverschiebung durch den Transfer in einen anderen Bereich. Nicht zuletzt das Changieren bei solcherart zitierten Versatzstücken zwischen ursprünglicher und neuer Bedeutung habe gleichermaßen Aufmerksamkeit und Wirkung des squalor generiert und garantiert. Diese Praxis sei jedoch keineswegs voraussetzungslos gewesen, was sich auch in ihrem regelmäßigen Scheitern dokumentiere: Denn es musste dem Publikum möglich sein, die diversen Bedeutungsebenen sowohl zu codieren als auch miteinander interpretatorisch zu verknüpfen. Ein Erfolg der Trauerakte sei allein aufgrund der Wiedererkennbarkeit der verwendeten Zeichen jedoch noch nicht gewährleistet gewesen. Vielmehr seien diese Initiativen als mehrdeutige, zuweilen semantisch offene und höchst komplexe Praktiken zu verstehen, für deren situative Angemessenheit die Akteure stets das nötige Fingerspitzengefühl zum Sondieren der politischen Lage wie auch individueller und kollektiver Befindlichkeiten besitzen und nicht selten einen Balanceakt vollziehen mussten. Gerade die Mechanismen, die zum Gelingen oder Fehlschlagen eines squalor beitrugen, stehen ausdrücklich im Fokus der Untersuchung. Degelmann differenziert hier zwischen einer instrumentellen und einer symbolisch-expressiven Seite dieser Praxis, die zwischen Konsensstiftung und Eskalation sowie Mitleid und Zorn oszilliert habe (vgl. S. 94–111).

Ziel eines dargebotenen squalor sei es im weitesten Sinne gewesen, einen drohenden individuellen Verlust, beispielsweise infolge einer zu erwartenden Verurteilung oder einer bevorstehenden Exilierung, als Schaden für die Allgemeinheit darzustellen, Mitleid zu erregen oder sich gegen einen politischen Gegner zu wenden. Ein Akteur, der sich auf squalor verlegte, evozierte mit der Verwendung von Trauersymbolik außerhalb des Ursprungskontextes den Eindruck eines ihm selbst drohenden Todesszenarios. Auch wenn die betreffende Person nicht unmittelbar mit dem physischen Tod konfrontiert wurde, hatte sie doch in jedem Fall den sozialen Tod in Form des Status-, Ehr- oder Prestigeverlusts vor Augen. Der squalor habe somit in einer Situation existenzieller Gefährdung den Charakter einer ultima ratio besessen und in diesem Zusammenhang regelrecht als politisches Kampfmittel der Einschüchterung von Opponenten oder aber der immanenten Drohung mit der Eskalation in Gewalthandlungen gedient. Somit besitze der squalor in ambivalenter Weise sowohl das Potential zur Konsensstiftung wie auch zum Austragen von Konflikten.

Degelmanns systematisch angelegte Studie behandelt die Thematik primär auf der Grundlage literarischer Quellen – vor allem historiographischer Schriften – sowie einiger Münzen und Gemmen. Die Untersuchung gliedert sich in fünf Teile. Der Verfasser wendet sich zunächst der „Interritualität“[1] und der symbolisch-performativen Dimension des squalor sowie Kontexten zu, in denen antike Akteure mit Trauerakten konfrontiert werden konnten. Degelmann unterscheidet danach im zweiten Teil seiner Untersuchung, in welchem er die diskursiven Besonderheiten des squalor behandelt, wohlerwogen zwischen Trauerhandlungen als Aktionen und solchen Szenen, die von antiken Autoren gezielt zur Bedeutungsaufladung und Dramatisierung ihrer Darstellung genutzt worden seien, deren Historizität aber zweifelhaft bleibe. Historisch belastbare Zeugnisse für den squalor sieht Degelmann erst in der Zeit nach dem zweiten Punischen Krieg gegeben. Für diesen Befund seien Veränderungen zum einen innerhalb der politischen Funktionselite und zum anderen im intensivierten Konkurrenzverhalten der Nobilität verantwortlich.

Im sechs Kapitel umfassenden dritten Teil widmet sich Degelmann mit der mutatio vestis, dem planctus, Elementen aus dem Bereich der Bestattungskultur, Praktiken aus dem Kontext von Nahverhältnissen und Bittgesten einerseits dem Zeichenensemble und andererseits den Ursprungskontexten, aus denen Elemente des squalor rekrutiert und für diese Trauerakte neu sequenziert wurden. Auf diese Weise beleuchtet er die spezifische Semantik, die durch die Kombination aus Trauerzeichen und Neukontext jeweils generiert wurde. Der vierte Teil konzentriert sich auf die Wirkung des symbolischen Trauerns. Hier geht es um das Evozieren von Emotionen, den Appell an verbindliche Wertekonzepte sowie um die Möglichkeiten von Kontrahenten, auf squalor zu reagieren. Eine umfangreiche Schlussbetrachtung schließt die Untersuchung ab, in der Degelmann vor allem die Entwicklung symbolischen Trauerns im Laufe der römischen Republik und das sukzessive Verschwinden des squalor als Teil der politischen Kultur in der frühen Prinzipatszeit thematisiert. Gerade die Veränderungen in der politischen Ordnung, Kultur und Kommunikation sowie Transformationen in den Strukturen von Öffentlichkeit und Loyalität, die die römische Kaiserzeit mit sich brachte, ferner eine gestiegene Bedeutung der Legionen hätten dazu beigetragen, dass Praktiken des symbolischen Trauerns mehr und mehr obligatorischer zeremonieller Bestandteil gerichtlicher Auseinandersetzungen wurden, aber zugleich immer weniger als politisches Kampfmittel zur Anwendung kamen.

Degelmann versteht es in gut lesbarer Weise, ein überaus anschauliches Bild der lebendigen politischen Kultur Roms zu zeichnen. In dieses reichlich beackerte Forschungsfeld fügt sich seine Studie ein. Degelmann kann daher auf umfangreiche Vorarbeiten zu diversen Themen der politischen Kultur und Rhetorik Roms, zur Rechtsgeschichte sowie auf frühere Interpretationen des squalor zurückgreifen.[2] Er füllt mit seiner Studie jedoch eine entscheidende Leerstelle und liefert mithin gleichsam eine Synthese zu diesen Arbeiten; zudem leistet er mit seiner Deutung des squalor eine bislang noch nicht vorliegende Systematisierung dieses vielschichtigen Phänomens. Die Polyvalenz, Dynamik und zugleich Widersprüchlichkeit des symbolischen Trauerns zeugen in diesem Zusammenhang von der flexiblen Aneignung und Formbarkeit einer Praxis durch Individuen sowie zugleich von historischen Wendepunkten und Neujustierungen des politischen Systems. Degelmann gelingt es in seiner Untersuchung dabei, nicht nur stets mehrere Interpretationsfäden in der Hand zu halten, da der squalor stets auf Praktiken und Sitten anderer politisch-kultureller Provenienz verwies, sondern auch theoretische Konzepte sowie deren heuristisches Potential gewinnbringend für die Analyse der Quellen zu nutzen. Jedem, der sich mit der kulturellen Semantik des Politischen und der politischen Kommunikation in der römischen Antike beschäftigt, sei daher diese anregende Studie zur Lektüre empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Zum Terminus vgl. Burkhard Gladigow, Sequenzierung von Riten und die Ordnung der Rituale, in: Michael Stausberg (Hrsg.), Zoroastrian Rituals in Context, Leiden 2004, S. 57–76, hier S. 60f.; ders., Opfer und komplexe Kulturen, in: Bernd Janowski / Michael Welker (Hrsg.), Opfer. Theologische und kulturelle Kontexte, Frankfurt a. M. 2000, S. 86–107, hier S. 88f.
[2] Vgl. speziell zum squalor unter anderem David Daube, Collatio 2.6.5, in: ders., Collected Studies in Roman Law, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1991, S. 107–122, hier S. 107–114 (ursprünglich in: Isidore Epstein / Ephraim Levine / Cecil Roth, Hrsg., Essays presented to J. H. Hertz, London 1943, S. 111–129); ders., Ne quid infamandi causa fiat. The Roman Law of Defamation, in: ders., Collected Studies in Roman Law, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1991, S. 465–500, hier S. 469–472 (ursprünglich in: Guiscardo Moschetti (Hrsg.), Atti del Congresso internazionale di diritto romano e di storia del diritto, Bd. 3, Milano 1951, S. 411–450); Jean-Michel David, Le patronat judiciaire au dernier siècle de la République romaine, Paris 1992, S. 66 und 627f.; Jon Hall, Ciceros’s Use of Judicial Theater, Ann Arbor 2014, S. 40–63; Egon Flaig, Zwingende Gesten in der römischen Politik, in: Richard van Dülmen / Erhard Chvojka / Vera Jung (Hrsg.), Neue Blicke. Historische Anthropologie in der Praxis, Wien 1997, S. 33–50; ders., Wie man mit Gesten zwingt. Der Einsatz des Emotionalen in der Politik des antiken Rom, in: Sozialwissenschaftliche Informationen 3 (2001), S. 72–83; ders., Ritualisierte Politik. Zeichen, Gesten und Herrschaft im Alten Rom, Göttingen 2003, S. 99–102; ders., Habitus, Mentalitäten und die Frage des Subjekts. Kulturelle Orientierungen sozialen Handelns, in: Friedrich Jäger / Jörn Rüsen (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart 2004, S. 356–371; ders., Keine Performanz ohne Norm – keine Norm ohne Wert. Das Problem der zwingenden Gesten in der römischen Republik, in: Andreas Haltenhoff / Andreas Heil / Fritz-Heiner Mutschler (Hrsg.), Römische Werte als Gegenstand der Altertumswissenschaften, Leipzig 2005, S. 209–221.

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12.11.2018
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