N. Terpstra: Religious Refugees in the Early Modern World

Cover
Titel
Religious Refugees in the Early Modern World. An Alternative History of the Reformation


Autor(en)
Terpstra, Nicholas
Erschienen
Anzahl Seiten
348 S.
Preis
£ 24.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lars Behrisch, Department of History and Art History, Utrecht University

Nicholas Terpstra, Spezialist für die Geschichte der Armenfürsorge und religiöser Bruderschaften im Italien der Renaissance, hat ein ambitioniertes Buch vorgelegt. Es soll eine „alternative Geschichte der Reformation“ sein und zugleich eine Geschichte der frühneuzeitlichen Religionsmigration; es thematisiert neben christlichen Denominationen auch das Judentum und den Islam; schließlich arbeitet es sich, argumentativ und in der Kapitelstruktur, an der Figur des „Körpers“ („body“) ab – in der dreifachen Parallelität des Leibes Christi, seiner Präsenz im Abendmahl und des sozialen und politischen Corpus Christianum. Um es vorwegzunehmen: All diesen verschiedenen Anliegen und Ansprüchen zugleich vermag der Autor nicht gerecht zu werden – und letztlich ist das Buch keines von beiden wirklich: Weder eine „alternative Geschichte der Reformation“, noch eine umfassende Geschichte der religiösen Migration.

Zwar ist der Blickwinkel plausibel, aus dem die Entstehung wie die Entfaltung der Reformation (im weitesten Sinne) betrachtet werden: die gegenseitige Abgrenzung, Abschottung und Segregation (ein zentraler Begriff ist „enclosure“) von Observanzen, Religionen und dann Konfessionen. Dieser Blickwinkel eröffnet eine Reihe interessanter, in sich durchaus stimmiger Vergleichsperspektiven etwa auf Flüchtlingsbiographien, auf die Entwicklung der Armenfürsorge, auf die Sakralarchitektur und auch auf theologische Differenzen. Es bleibt aber letztlich bei einem großen und bunten Panorama. Für Kenner/innen bietet es wenig bis gar nichts Neues, zumal jenseits der gelegentlichen Anführung einzelner Autoritäten keine Auseinandersetzung mit der Forschung stattfindet, und sich vor allem kein überzeugendes analytisches Gesamtkonzept findet; unbefriedigend bleiben auch die zaghaften Versuche chronologischer und sachlicher Typologisierung, etwa von Exilstädten. Für den Laien aber setzt das Buch zu viel voraus: Ereignisse, Kernthemen und Schlüsselfiguren der Reformation und der Epoche werden sehr selektiv an verschiedenen Stellen thematisiert, was zu großer Verwirrung und zu Missverständnissen führen dürfte.

Für Experten wie Laien gleichermaßen ärgerlich und in ihrer starken Häufung unverzeihlich sind die zahllosen formalen und sachlichen Fehler. Die vielen Satz- und Rechtschreibfehler verblassen vor der nahezu systematischen Falschschreibung von Namen und Orten. Bei deutschen Begriffen ist man hier Kummer gewohnt, doch gibt es neue Überraschungen: Fast immer liest man „Nuremburg“ (auch im Index und auf dem Umschlag) sowie durchgehend „Melancthon“ (so auch bei der etymologischen Herleitung, S. 303, und im Index) – eine vermutlich phonetisch inspirierte Schreibweise. Auch andere Sprachen bleiben nicht verschont: So heißen die Einwohner Lyons, über die ausführlich berichtet wird, auch auf Englisch beim besten Willen nicht „the Lyonaise“ (S. 32), sondern „the Lyonnais“; die Dekretale Bonifaz‘ VIII. zum weiblichen Klausurzwang hieß weder „Periculosa“ (S. 85 und Index) noch „Pericolosa“ (S. 86), sondern „Periculoso“; Abraham Pereyra, einer der bedeutendsten Sepharden im Amsterdam des 17. Jahrhunderts, heißt hier „Pereyara“ (S. 101f. und Index). Sakramente wirken nach katholischer Tradition in der Tat nicht „ex opere operantis“ – erst recht aber nicht „ex opera operantis“ (S. 190 und Index). Die Liste ließe sich fortsetzen. Wenn man es nicht für wichtig erachtet, wie etwas geschrieben wird, können dieselben Dinge oder Personen auch unterschiedliche Namen erhalten: Süleyman I. wird schon eine Seite später (S. 44) zu Süleyman II. und wird von da an meist (!) auch weiterhin so geführt. Und auch mit Daten nimmt man es dann nicht zu genau: Zypern wird einmal 1570, einmal korrekt 1571, einmal 1570–1573 von den Osmanen erobert. Es verwundert zuletzt kaum noch, wenn der Index nicht nur äußerst selektiv auf die jeweils einschlägigen Stellen verweist, sondern dank unterschiedlicher Schreibweisen mehrfach für einen und denselben Gegenstand verschiedene Lemmata bereithält.

Mag all dies noch formale Schludrigkeit sein, so gibt es viele sachliche Fehler, die auf offensichtlicher Unkenntnis oder doch zumindest auf sehr oberflächlicher Kenntnis beruhen. Die wenigen Passagen zu Luther zeichnen sich dadurch aus: Denn er ging nach Erfurt, nicht nach Wittenberg ins Kloster (S. 142); er „spielte“ nicht mit dem Namen „Eleutherius“ (S. 303), sondern dieser war das Vehikel zu seiner Umbenennung von „Luder“ in „Luther“; und die Idee, ausgerechnet ihn zu einem Pionier der „Flüchtlings“-Natur der Reformatoren zu machen (S. 5, 113), kann nur jemandem kommen, der nicht weiß, dass die Wartburg in seiner kursächsichen Heimat lag. In einem Kontext, in dem Flucht und kulturräumliche Differenzen eine derart zentrale Bedeutung haben, sollten die geographischen Angaben möglichst Hand und Fuß haben. Straßburg aber lag, auch vor der Annexion durch Ludwig XIV., von Frankreich aus nicht „over the Rhine River“ (S. 114) und Timbuktu liegt nicht im Maghreb (S. 140), sondern im subsaharischen Afrika. Die Karte mit Städten (S. 6) zeigt jenseits von Berlin lediglich moderne Millionenstädte – darunter St. Petersburg, das es noch nicht gab; man fragt sich außerdem, warum Hildesheim, Dijon und Zamora, nicht aber Wittenberg, Amsterdam und Madrid eingezeichnet sind. Und wenn es schon ziemlich irritiert, dass ständig von „Flanders and the Netherlands“ die Rede ist, während Flandern lediglich ein Teil der Niederlande war (respektive nach dem niederländischen Aufstand überwiegend ein Teil des bei Spanien gebliebenen Südens), ärgert man sich erst recht über die wechselnden Datierungen so zentraler Ereignisse des niederländischen Aufstands wie des ihn auslösenden Bildersturms (S. 99: 1567; auf S. 100 begann „the revolt against Spain“ bereits 1561; S. 116 dann korrekt 1566) oder der Plünderung Antwerpens, die weder 1572 (S. 116) noch 1585 stattfand (S. 173; in dieses Jahr fällt die endgültige Einnahme durch die Spanier), sondern 1576. Spanien hatte die südlichen Niederlande überdies nicht schon im Jahr 1579 zurückerobert, sondern begann nun erst damit (S. 116, auch die folgenden Angaben); es sollte schließlich zehn, nicht sechs der 17 Provinzen zurückgewinnen, während jene im Norden, die ihre Unabhängigkeit verteidigen konnten, nicht neun, sondern sieben an der Zahl waren, weshalb sie sich denn auch „Sieben Vereinigte Provinzen“ nannten. Was weiß der Autor eigentlich über all dies, welcher seiner Angaben will man noch vertrauen?

Zuletzt noch einmal zur allgemeinen Gedankenführung und zum analytischen Anspruch des Buches. Welche Geschichte der Reformation wird erzählt, welche Interpretation gegeben? Das Leitnarrativ besteht darin, dass die Geschichte der Reformation die Geschichte einer sich ständig verstärkenden Ab- und Ausgrenzung war, unter dem Signum der „Reinheit“ („purity“) und „Reinigung“ („purgation“). Abgesehen davon, dass dies keine neuartige Einsicht ist und ihr zugleich keine wirkliche theoretische Grundierung gegeben wird (wie wäre es mit einer Nennung etwa von Mary Douglas?), haften diesem Narrativ zwei Probleme an: Erstens ist es – eingestandenermaßen – keineswegs nur das Signum der Reformationsepoche, sondern kennzeichnet auch andere Phasen der Geschichte (S. 13); zweitens aber wird es (logisch inkonsequent) als die Wurzel der modernen nationalistischen Ausgrenzungs-, ja der rassistischen Auslöschungspraxis des 20. Jahrhunderts präsentiert (S. 10ff., 309ff.). Spätestens in dem Moment, wenn Luthers anti-jüdische Tiraden zitiert werden (S. 311 – mit dem lakonischen, vermutlich eleganten Nachsatz: „The Nazis did this and more.“), fragt man sich, ob der Autor jemals von der Debatte um Daniel Goldhagen gehört hat? Die Herleitung ist platt, anachronistisch und voller Widersprüche (S. 10ff., 309ff.). Sie passt aber zur immer wieder vorgetragenen Behauptung, es seien vor allem die frühneuzeitlichen Staaten gewesen, die Diskursen und Praktiken religiös-konfessioneller Ausgrenzung Vorschub leisteten, da sie davon politisch profitierten (S. 75, 120, 131f., 307, 313ff.). Nicht zuletzt diese Behauptung verdeutlicht, dass der Autor gar kein Verständnis für die zentrale Signatur der Epoche hat: die genuin religiösen Denk- und Handlungsmotive nämlich von Einzelnen wie von Gruppen und Institutionen.

Dies ist keine „alternative Geschichte der Reformation“, sondern höchstens eine Ergänzung, die aber weder als gelungene Einführungsdarstellung noch als überzeugende Neuinterpretation gelten kann.

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03.07.2018
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