: International Cooperation in the Early Twentieth Century. . London  2017. ISBN 978-1-4725-6795-6

Dunne, Tim; Reus-Smit, Christian (Hrsg.): The Globalization of International Society Oxford  2017. ISBN 978-0-19-879342-7

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Isabella Löhr, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück

Die Geschichte internationaler Organisationen, internationaler Bewegungen und des Personals, das grenzüberschreitende Initiativen seit dem späten 19. Jahrhundert initiierte, ist ein Forschungsfeld, das sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren prächtig entwickelt hat. Erstaunlich viele Studien, die sich mit globalen Prozessen, mit transnationalen Zirkulationen, mit Governance-Strukturen oder mit der Formierung global wirksamer Wissensbestände beschäftigen, werden heute in explizitem Bezug auf internationale Institutionen, Regeln und Akteure geschrieben. Entsprechend hoch ist die Zahl der Historikerinnen und Historiker, die sich in diesem Feld auskennen – auch wenn sie sich nicht alle das Label internationale Organisationen oder Internationalismus an die Brust heften. Vor diesem Hintergrund sind die beiden vorliegenden Bücher außerordentlich begrüßenswert, weil sie in einem Feld, das sich durch eine vielfältige Publikationslandschaft auszeichnet, eine Bestandsaufnahme unternehmen, indem sie Themen sichten, konzeptionelle Fragen stellen und Richtungen skizzieren, die die Forschung einschlagen könnte. Soweit die Gemeinsamkeiten. Tatsächlich unterscheiden sich beide Bücher in wichtigen Hinsichten voneinander, sodass beide Publikation jeweils ein anderes Bild von dem zeichnen, was sie als „international society“ vorstellen.

Daniel Gorman, der an der kanadischen University of Waterloo lehrt, ist ein profilierter Kenner der Geschichte internationaler Zusammenarbeit, eines Themas, zu dem er bereits 2012 eine Monographie vorgelegt hat.[1] In gewisser Hinsicht ist sein neues Buch eine Weiterentwicklung der früheren Studie, in deren Zentrum das britische Empire und angloamerikanische Initiativen standen, Internationalismus in eine prägende gesellschaftliche und soziale Realität zu verwandeln. Rahmte Gorman Internationalismus dort als „imperial internationalism“, also als (zwischen)staatliches Instrument zum Erhalt bzw. zur Ausdehnung von ungleichen Machtverhältnissen, nimmt das vorliegende Buch einen anderen Standpunkt ein. Im Zentrum stehen „private networks of international cooperation“ (S. 1), womit er das gesamte Segment nichtstaatlicher Akteure adressiert, denen er im Vergleich zu staatlichen und zwischenstaatlichen Akteuren mehr Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit attestiert, um aus den Möglichkeiten, die die zeitgenössischen Transport- und Kommunikationstechnologien boten und die in allen Studien zum Thema Internationalismus herkömmlicherweise am Anfang stehen, globale zivilgesellschaftliche Initiativen und Governance-Strukturen zu formen. Gorman entwickelt sein Programm in einer präzisen Einleitung, in der er Begriffe, Ziele und Ansätze in wenigen, dafür informativen Sätzen vorstellt und sich als intimen Kenner der verschiedenen Ansätze zur Systematisierung dieses Forschungsfelds ausweist. Teil der Einleitung sind wohltuend klare Begriffsdefinitionen (z.B. Globalisierung, transnational, Internationalismus), die ihm eine genaue historische Einordnung der Projekte und Akteure erlauben, mit denen er sich beschäftigt. Das Buch sattelt auf der bestehenden Literatur zum Thema Internationalismus auf, sodass wichtige Argumente die mit der Literatur vertrauten Leser oder Leserinnen nicht weiter erstaunen. Dazu gehört beispielsweise die These, dass Regime, Muster und Praktiken der internationalen Zusammenarbeit Reaktionen auf Globalisierungsprozesse der Zeit waren. Ja, aber das ist hinreichend bekannt. Die Stärken des Buchs liegen woanders.

Erstens ist Gorman sich der theoretischen und historiographischen Fallstricke bewusst, über die eine Studie stolpern kann, die dem Anspruch nach eine globale Zusammenschau grenzübergreifender Aktivitäten und Kooperationen präsentieren will. Das äußert sich darin, dass er eine auf Europa konzentrierte und fortschrittsorientierte Erzählung zu vermeiden versucht, indem er die Herausbildung globaler Konvergenzen als das zentrale Moment definiert, das seinen Untersuchungszeitraum von vorhergehenden Phasen der Internationalisierung unterschied. Mit „globaler Konvergenz“ meint er die Analyse von Reaktionen auf Globalisierungsprozesse, die auf Homogenisierungen und Fragmentierungen achtet, also auch auf internationalisierte „Gegenreaktionen“ wie antikoloniale Netzwerke, Pan-Asianismus oder die transnationale Solidarisierung indigener Gruppen. Entsprechend liegt das innovative Potential der Studie, zweitens, in der Themenwahl. Da Gorman das, was er als technische und funktionale Kooperationen vorstellt, als Voraussetzung für die Herausbildung globaler Konvergenzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interpretiert, verbannt er die Beschäftigung mit technischen Kooperationen (Transport, Kommunikation, Medien und seltsamerweise der internationale Sport) sowie mit internationalem Expertentum in den Bereichen Wirtschaft, internationale Standardisierung, Wissenschaft, Ernährung und Gesundheit in die zwei letzten Kapitel, deren inhaltliche Zusammensetzung deswegen auch gewagt ist. Im Zentrum der Analyse stehen dafür die Themen Wissen, humanitäre Hilfe und Religion, Völkerrecht und soziale Bewegungen. Damit schiebt er Phänomene in den Vordergrund, die weniger oft thematisiert werden, die aber, und da ist Gorman zuzustimmen, viel Potential besitzen für eine Geschichte der internationalen Zusammenarbeit, die den Fokus auf nichtstaatliche Akteure legt. Gorman setzt sein Programm einer auf Fragmentierungen und Annäherungen achtenden Geschichte globaler Konvergenzen um, indem er in jedem Kapitel eine Problematik vorstellt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gesellschaften und Staaten weltweit herausforderte. Dazu gehören beispielsweise die Entrechtung ganzer Bevölkerungen im Völkerrecht, die weltweite Wahrnehmung humanitärer Notstände um 1910 und deren massive Beschleunigung mit dem Ersten Weltkrieg oder soziale Ungleichheiten im Bereich Arbeit und Frauenrechte. Er untersucht dann, wie Lösungsansätze aus verschiedenen Regionen aufeinander und miteinander reagierten und sich mehr oder weniger formale Regelwerke oder, wie er das für die humanitäre Hilfe beschreibt, aufeinander abgestimmte Maßnahmen und Praktiken entwickelten – oder eben auch nicht entwickelten, wie das Beispiel des internationalen Strafrechts zeigt. Auf diese Weise präsentiert Gorman eine beeindruckende Bandbreite an Themen. Da das Buch jedoch verhältnismäßig schmal ist, findet sich für die mit der Forschung Vertrauten viel Bekanntes, das bisweilen auch oberflächlich bleibt, weil Gorman nicht alles angemessen vertieft. Aber es wäre unfair, ihm das vorzuhalten. Das Buch hat nämlich ein anderes Ziel. Gorman hat ein Textbook geschrieben, das sich gut für die Lehre und als Einführung in die Forschung zum Internationalismus eignet. Darüber hinaus ist die Art und Weise anregend, wie er die Themen verknüpft und so neue Perspektiven öffnet. Vor allem aber zeigt Gorman, dass Internationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein Elitenphänomen kleiner Gruppen in der Schweiz oder in Belgien war, sondern eine Art und Weise der Problematisierung von Welt und eine Strategie, genau diese Probleme, die als gemeinsam und nicht auf staatlicher Ebene lösbar angesehen wurden, mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln und im Kontext der jeweiligen regionalen, politischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen anzugehen.

Der von den Politikwissenschaftlern Tim Dunne und Christian Reus-Smit herausgegebene Sammelband „The Globalization of International Society“ ist disziplinär in den Internationalen Beziehungen (IB) verankert. Auch wenn der Band eine vergleichbare Stoßrichtung hat wie der von Gorman, nämlich Globalisierung als einen sozialen, fragmentierten und umkämpften Prozess zu denken, ist er dem disziplinären Rahmen der IB verpflichtet, weil er, wie die an der australischen University of Queensland angebundenen Herausgeber vielfach deutlich machen, eine Erneuerung der IB unternehme. Die Grundlage dafür bildet der von Hedley Bull und Adam Watson 1984 herausgegebene Band „The Expansion of International Society“. Dieses Buch durchzieht den Band wie einen roten Faden: Der Band wurde in Analogie zu dem Buch von vor 30 Jahren konzipiert, ergänzt um Themen wie Kommunikation, Gender und Native Americans, und alle Beiträge arbeiten sich an den jeweiligen Vorgängeraufsätzen ab. Das ist problematisch. Denn auf der einen Seite stellen Dunne und Reus-Smit den Band von Bull und Watson als eine ethnonationale und hegemonial argumentierende Expansionsgeschichte vor, die normativ argumentierte und zu wenig über Themen wie Gewalt, Empire und Widerständigkeit nachdachte und deswegen massive Fehlwahrnehmungen mit Blick auf die Frage produzierte, wie sich eine internationale Gesellschaft über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten herausbildete. Auf der anderen Seite gründen sie ihr Unterfangen, das Verständnis von internationaler Gesellschaft über ein aktives Nachdenken über die Grenzen staatlicher Souveränität globaler zu gestalten, in dem Denken von Bull und Watson. Das ist irritierend, weil sie das, was sie kritisieren, zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Studien machen, die sie wortreich als Zwerge auf den Schultern von Riesen vorstellen – ein Spannungsverhältnis, das nicht besser dadurch wird, dass der Band von Bull und Watson in demselben Jahr und beim selben Verlag wie das zu besprechende Buch unverändert neu aufgelegt wurde.[2]

„International society“ bedeutet für Reus-Smit und Dunne eine „society of sovereign states“ (S. 6), womit sie sich im Kontext der Weltsystemtheorie und der Theorie der World Culture bewegen. Ihre eigene Innovation sehen sie darin, dass sie staatliche Souveränität nicht als Universalie verstehen, sondern als Konzept und Vorstellung, dass je nach Zeit und Raum unterschiedlich realisiert wurde, das umstritten war/ist und dessen künftige Entwicklung kontingent ist. Für die globalhistorisch informierte Leserschaft sind viele dieser Vorannahmen bekannt, ihre gewollte Einschränkung auf ein Weltsystem bzw. auf die Rede von der internationalen Gesellschaft, die als solche nicht hinreichend erklärt oder begründet wird, bisweilen ermüdend und man wünscht sich hier und da, dass der analytische Blick freier schweifen könnte und nicht immer durch theoretische und normative Vorannahmen beschränkt würde. Auf der anderen Seite ist es außerordentlich begrüßenswert, dass eine wichtige Disziplin wie die IB das Denken in Kontingenzen und langen historischen Zeiträumen, wie es beispielsweise die Beiträge im dritten Teil praktizieren, die sich mit Dynamiken der Globalisierung beschäftigen, als theoretische Innovation vorstellt und daran die Zukunftsfähigkeit des eigenen Fachs knüpft.

Der Band versammelt 21 Aufsätze, die eine große Bandbreite an Themen abdecken und hier nicht im Detail besprochen werden können. Jeder Text greift einleitend den korrespondierenden Beitrag aus dem Sammelband von Bull und Watson auf, stellt die dortigen Grundannahmen vor, erklärt, in welcher Hinsicht diese problematisch, anregend, veraltert oder immer noch aktuell sind und entwickelt darauf aufbauend die eigene Herangehensweise. Das ist anregend, wie der Beitrag von Ian Hall zum Thema Revolte zeigt, weil hier die Entwicklung eines Forschungsthemas konzise diskutiert und die Kontextgebundenheit von Begriffen und Theorien auf der Ebene der Wissensproduktion sichtbar werden. Und es erlaubt Autorinnen wie z.B. Audrie Klotz, die über Racial Inequality schreibt, eine einfache, aber inhaltlich weitreichend Befreiung von normativen Grundsätzen, wenn sie festhält, dass wir heute Geschlechtergleichheit haben müssten, wenn die Annahme von Bull und Watson stimmte, dass Rassismus (der für sie eng mit Geschlechterungleichheit verbunden ist) das Gegenstück zu Liberalismus sei und das liberale Individuum im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen Siegeszug angetreten habe. Das sind banale Beobachtungen, die aber weitreichende Folgen für die Positionierung der Forschung und für die Beschreibung von globalen Interaktionen haben und ein grundsätzlich anderes Verständnis von der Bedeutung von Ungleichheit, hegemonialen Praktiken, Gegenbewegungen und der Frage nach moralischer Deutungshoheit hervorbringt. Auf diese Weise bieten viele Texten instruktive Lesarten. Dazu gehört der Beitrag von Jennifer M. Welsh über „Empire and Fragmentation“, in dem sie argumentiert, dass imperiale Herrschaft vor allem zu politischer rechtlicher Diversität in den internationalen Beziehungen geführt habe; der Aufsatz von Paul Keal, der Kolonialkriege als Praxis einer hierarchisierenden Kategorisierung und als Praxis der Konstruktion von Souveränität vorstellt; oder der Aufsatz von Gerry Simpson über die Globalisierung von Völkerrecht, in dem er Völkerrecht als eine komplexe Gemengelage formaler und informeller Regelungskomplexe oberhalb, unterhalb und jenseits von Nationalstaaten vorstellt. So lesenswert die einzelnen Beiträge sind, bleibt trotzdem ein Beigeschmack: Dunne und Reus-Smit wollen die eigene Disziplin methodisch und theoretisch auf den Stand der Dinge bringen, dabei aber wortreich einen „Lehrer-Mord“ verhindern, indem sie genau diesen an den Anfang eines jeden Beitrags stellen. Das funktioniert nicht, wie der Text von Neta C. Crawford zeigt, die auf die Frage, warum Native Americans in dem Buch von Bull und Watson nicht vorkommen, antwortet, „Indigenious politics are taken for granted as irrelevant or marginal to world politics because indigenious people don’t count as agents in our disciplinary scheme of agents and structures“ (S. 102). Aber gerade deswegen ist es ein lesenswerter Band, dessen Stärke darin liegt, dass die einzelnen Beiträge gute Forschungssynthesen bieten und die produktiven Schnittstellen zwischen historischer und politikwissenschaftlicher Forschung ausleuchten.

Die hier besprochenen Bücher sind trotz einer ähnlich gelagerten Thematik recht unterschiedlich: Der Band von Dunne und Reus-Smit mit einem Gestus, der von der eigenen Wichtigkeit fest überzeugt ist und der den Überblick über den Stand der Forschung, den alle Beiträge liefern, als „historical juncture of enlisting these insights“ vorstellt, deren Wichtigkeit nicht unterschätzt werden dürfte (S. 17); das Buch von Gorman zurückhaltender im Gestus und weniger mit dem Abarbeiten an Schulen und wissenschaftlichen Doktrinen beschäftigt als mit der Systematisierung eines reichen Forschungsstands. In diesem Sinn liefern beide Bücher gute Überblicke über die jeweiligen Themen und über die aktuell geführten Diskussionen. Zuletzt werfen sie eine Reihe von Fragen auf, wie sich die Forschungen im Bereich der internationalen und globalen Geschichte methodisch, konzeptionell und inhaltlich weiterentwickeln könnten, wobei die Antworten darauf genauso zahlreich sind wie die Themen, die jeweils diskutiert werden.

Anmerkungen:
[1] Daniel Gorman, The Emergence of International Society in the 1920s, Cambridge 2012.
[2] Hedley Bull / Adam Watson (Hrsg.), The Expansion of International Society, Oxford 2017.

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16.09.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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