M. Lindemann u.a. (Hrsg.): Money in the German-Speaking Lands

Cover
Titel
Money in the German-Speaking Lands.


Herausgeber
Lindemann, Mary; Poley, Jared
Reihe
Spektrum: Publications of the German Studies Association 17
Erschienen
New York 2017: Berghahn Books
Anzahl Seiten
IX, 317 S.
Preis
$ 150.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Menning, Historisches Seminar, Universität Tübingen

Wohl selten im akademischen Alltag lesen wir noch Sammelbände von vorn bis hinten. Zeitdruck lässt uns einzelne Kapitel auswählen, die unsere konkreten Bedürfnisse erfüllen – vielleicht ein schneller Blick in die Kurzzusammenfassungen der Aufsätze in der Einleitung, um den Überblick zu haben. Dies gilt zumal, wenn ein Band vom 16. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts reicht. Manchmal reizt aber der Titel, doch den ganzen Band zu lesen. Ein Überblick über Aspekte der Geschichte von Geld war so ein Fall. Was ist das Resultat der Lektüre?

Die knappe Einleitung von Mary Lindemann und Jared Poley macht klar, worum es auf den folgenden Seiten gehen soll: um Geld als Medium der Verflechtung der politischen und ökonomischen Sphäre und um seine kulturellen und symbolischen Aspekte – das „psychological force field“ (S. 2). Darüber hinaus, so machen sie deutlich, ziehen sich sieben Themen durch die Aufsätze: Der Umgang mit wirtschaftlichem Wandel und Niedergangserfahrungen, Politik, „European and global transitions“ (S. 3), die Interdependenz von Geld und Kultur, bzw. Naturwissen, bzw. Erinnerung und schließlich „how money was used in symbolic or socially productive ways.“ (S. 4) – allerdings ohne dass einzelne Beiträge von den Herausgebern oder dem Inhaltsverzeichnis eindeutig einem Bereich zugeordnet werden. Die 17 Aufsätze werden schließlich in fünf, zumeist nicht weiter begründete und im Inhaltsverzeichnis nicht angedeutete Zeitabschnitte aufgeteilt und auf gut 3 Seiten kurz vorgestellt. Ein verbindender Zusammenhang jenseits von Geld entsteht bei so viel Differenzierung zunächst nicht, es sei denn, man akzeptiert die „multifarious, even magical, powers that money exerts over us all“ als solchen (S. 7).

Zu den einzelnen Aufsätzen: Johannes Dillinger untersucht die Verbindung von Magie, Dämonen und Geldgenerierung zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Während bei Schatzsuchen und Geldmännchen der Ursprung des Geldes ungewiss und sein Erwerb damit trotz des Kontakts zu Dämonen sozial akzeptabel war, verband sich mit dem Drachen die Idee des Diebstahls vom Mitmenschen, und die ‚Kooperation‘ mit ihm wurde hart bestraft. Dem Eindringen von Reichtumsgewinn anstrebenden Wissenschaften in die Universitäten geht Vera Keller nach. Sie zeigt, wie zunächst Alchemie um 1600 und dann Kameralismus nach 1700 institutionalisiert wurden. Sie wandelten sich in diesem Prozess zwar, ihre Aufnahme deutet aber zugleich den Statuszuwachs von ‚profitorientierten‘ Wissenschaften in der Frühen Neuzeit an. In eine ähnliche Richtung geht Andre Wakefield, der den Silberbergbau einiger deutscher Territorien als wichtigen Entwicklungsmotor für die Kameralwissenschaften beschreibt. Wie mittels Geld Beziehungsnetzwerke geknüpft wurden, die im 18. Jahrhundert noch zwischen einer frühneuzeitlichen familia und einem modernen Familienverständnis changierten, zeigt Almut Spalding am Beispiel der Familie Reimarus aus Hamburg. Eve Rosenhaft wendet sich der deutschen Sicht auf die Mississippi-Aktienspekulation – den Handel mit Wertpapieren – in Paris 1719/20 zu. Sie zeigt, dass neben dem Interesse für das ausländische Ereignis damit auch eigene Wünsche nach globaler Expansion verbunden sein konnten. Mit Blick auf den ‚Soldatenkaiser‘ Friedrich Wilhelm I. schlägt Benjamin Marschke vor, sein Konsumverhalten nicht als schrullige Sparsamkeit, sondern als bewusstes Ausbrechen aus von ihm als dysfunktional erachteten barocken Konsummustern zu interpretieren.

Dennis Frey Jr. wendet sich dem Verhältnis der Einwohner Göppingens zu Geld im 18. und 19. Jahrhundert zu und kann zeigen, wie unterschiedlichste Münzsorten das Leben prägten. Allerdings nahm das individuelle Barvermögen im Untersuchungszeitraum ab, was der Autor auf steigende Ausgaben für Konsumgüter zurückführt. Andererseits spielten Kredite zunächst ohne, ab etwa 1780 immer häufiger mit Zinsen eine wichtige Rolle im Hinblick auf die alltägliche Gelderfahrung. In ähnlicher Weise geht Frank Hatje der Bedeutung von Geld und Kredit und ihrer Verbindung zur Generierung kulturellen und sozialen Kapitals in Hamburg um 1800 nach. Das Bürgertum konstituierte sich hier auch aus seinem Umgang mit Geld heraus. Demgegenüber stellt Jan Carsten Schnurr die Luxuskritik württembergischer pietistischer Pfarrer im 19. Jahrhundert vor, die ‚unmäßigen‘ Konsum als Zeichen des Niedergangs interpretierten – allerdings scheint die den Text abschließende Wendung des Themas auf die Gegenwart holzschnittartig, ja fast predigthaft. Das 19. Jahrhundert beschließt ein Aufsatz Jonathan Sperbers, der Karl Marx‘ Geldtheorie untersucht und zeigt, wie diese auf der Lektüre der klassischen Ökonomen aufbaute sowie durch seine journalistische Tätigkeit während der Wirtschaftskrise 1857 geschärft wurde. Im Anschluss daran versuchte Marx, so Sperber, Auswege für den Widerspruch zu finden, dass sich der Wert einer Ware sowohl an ihrem Preis auf dem Markt als auch am notwendigen Arbeitseinsatz bemessen lässt.

Aus philosophischer Perspektive untersucht Elizabeth S. Goodstein Georg Simmels Philosophie des Geldes. Die Arbeit an dem Buch erlaubte Simmel neue Einsichten in „meaning and value as functions of human (social, cultural) being.“ (S. 197). Die Diskussion über Wucher und Spekulationsgewinner im Gefolge der Inflation bis 1923 zeichnet im Anschluss Michael L. Hughes nach, jedoch ohne dass überraschende, neue Erkenntnisse dabei zutage gefördert würden. Erika L. Briesacher beschäftigt sich hingegen mit der Sammelleidenschaft von Notgeldscheinen in der frühen Weimarer Republik. Während die nationalistische Einbettung des Sammelns für manche Beteiligte sicher unzweifelhaft ist, scheinen die weitergehenden Aussagen über Motive des Sammelns nicht hinreichend belegt, zumal bei der kulturhistorischen Betrachtung der zeitweise praktische Nutzen der Geldscheine ebenso ignoriert wird wie die Tatsache, dass manche Scheine Nationalisten Bauchschmerzen bereiten mussten – z.B. das abgedruckte dänisch- und deutschsprachige Beispiel aus Tonding (S. 206). Ähnliches gilt für Pamela E. Swetts Aufsatz über Sparverhalten und Werbung für bzw. von Sparkassen im Nationalsozialismus. Während letztere Anlagen als Investition in zukünftigen Konsum und die ‚Volksgemeinschaft‘ insgesamt anpriesen, sind damit die Motive des einzelnen Sparers vor allem im Hinblick auf die nationalsozialistische Gemeinschaftsideologie nicht hinreichend erfasst.

Nach dem Krieg war es vor allem die Zigarette, die, so Kraig Larkin, als Universaltauschmittel für eine Zeit lang Geld in Transaktionen ersetzte und das Kippensammeln zur ökonomischen Tätigkeit zahlreicher Deutscher aufsteigen ließ. Die Einführung der Deutschen Mark 1948 brachte dann zwar wieder eine stabile Währung, entgegen dem Mythos, wie Armin Grünbacher nachzeichnet, aber noch kein Wirtschaftswunder. Inflation gefolgt von Deflation und steigender Arbeitslosigkeit machte vor allem Arbeitern zunächst das Leben schwer. Kapital- und daraus resultierender Investitionsmangel vor allem in der Grundstoffproduktion hemmte das Wirtschaftswachstum. Der Erinnerung an die Einführung der D-Mark in Ostdeutschland 1990 und den daraus resultierenden ökonomischen Folgen wendet sich Ursula M. Dalinghaus zu. Sie zeigt, dass die Bewertung der Ereignisse weiterhin umstritten ist. Das Schlusswort des Bandes greift noch einmal Simmels Philosophie des Geldes auf und verortet sie im Berlin der Zeit um 1900 und weist von dort ausgehend darauf hin, wie Geldwertstabilität und politischer Konsens in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts miteinander verwoben sind – mit Folgen für die öffentliche Diskussion über den Euro in den letzten zehn Jahren.

Die Beurteilung des Bandes fällt zweigeteilt aus: Die Einleitung hat in ihrer Zergliederung in gewisser Weise schon die Heterogenität der Beiträge angedeutet. Die einzelnen Aufsätze scheinen dann auch nicht in allen Fällen Geld ins Zentrum ihres Interesses zu stellen, sondern es geht zuweilen eher um Wissenschaftsgeschichte, Familienstrukturen und Konsumgeschichte. Für diese Felder spielt Geld natürlich auch eine Rolle – ein konsequenter Rückbezug auf das Rahmenthema wäre jedoch bei dem einen oder anderen Beitrag wünschenswert gewesen. Tendenziell wird der Bezug zum Titel des Buches aber deutlicher, je näher die Aufsätze der Gegenwart kommen. Eine Lektüre des gesamten Bandes aus Interesse am Thema Geld lässt einen insofern am Ende etwas unzufrieden zurück. Hingegen kann die Lektüre der einzelnen Aufsätze – so wie es im akademischen Alltag zumeist der Fall ist – empfohlen werden. Sie bieten durchweg gute Einblicke bzw. Überblicke.

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31.05.2018
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