F. Reichherzer u.a. (Hrsg.): Den Kalten Krieg vermessen

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Titel
Den Kalten Krieg vermessen. Über Reichweite und Alternativen einer binären Ordnungsvorstellung


Herausgeber
Reichherzer, Frank
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 317 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Es ist ein ehrgeiziges Projekt, dem sich die drei Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes verschrieben haben. Dem „undifferentiated chunk of history“ (S. 3, zitiert nach dem britischen Politikwissenschaftler und Historiker Lawrence Freedman) wollen sie eine völlig neue Vermessung des Kalten Krieges gegenüberstellen. In den vergangenen Jahren sind bereits zahlreiche Studien erschienen, deren Hauptaugenmerk auf eine neue Betrachtung des Kalten Krieges gerichtet ist. Dabei werden unterschiedliche Ansätze genutzt – etwa die Zugänge der transnationalen Geschichte –, um Verflechtungen über den „Eisernen Vorhang“ hinweg aufzuzeigen und eine Geschichtsschreibung zu überwinden, die durch ihren Fokus auf die trennenden Momente des Kalten Krieges die binäre Struktur gleichsam selbst stärkte und fortschrieb.[1] Frank Reichherzer, Emmanuel Droit und Jan Hansen fordern „einen klaren Zugang“ (S. 3) und sehen diesen in der Suche nach einem „Dritten“, das die binäre Ordnung von Ost und West hinterfragt, wobei sie insgesamt vier Formen der Transzendierung des Ordnungssystems Kalter Krieg durch eben dieses Dritte wahrnehmen: Da wären zunächst alternative Konzepte, die zwar binär bleiben, jedoch die Grenzen zwischen den Polen neu ausloten; alsdann die Momente, in denen Lücken und Nischen im Ordnungssystem deutlich werden. Als dritten Modus der Transzendierung nennen sie alternative Ordnungen, die den Kalten Krieg jedoch in ihre neue Logik mit einbeziehen, und zu guter Letzt vom Kalten Krieg losgelöste Ordnungsvorstellungen.

Der Umfang dieser Rezension lässt es nicht zu, alle 19 Beiträge en détail zu besprechen. Die Gesamtschau beeindruckt jedoch: Tatsächlich ist es sämtlichen Autorinnen und Autoren des Sammelbandes gelungen, die von den Herausgebern vorgeschlagenen theoretischen Dimensionen in ihre Fallstudien einzubeziehen. Für alle Modi der Transzendierung finden sich Beispiele in den konkreteren Einzeltexten. Das Projekt, das durch die alphabetische Sortierung der Aufsätze handbuchartigen Charakter hat, überzeugt zudem durch zahlreiche Querverweise. Besonders spannend ist, dass über die Website des Verlages das Open Peer Review-Verfahren zu den Beiträgen weiter nachvollziehbar ist, sodass hier eine akademische Diskussion in aller Transparenz zur Verfügung gestellt wird.[2] Gleichzeitig erklärt diese intensive Zusammenarbeit zwischen den Autorinnen und Autoren die Dichte der Querverweise und die geschlossene Umsetzung des theoretischen Modells.

Wie von den Herausgebern angekündigt, folgen die Einzelbeiträge vor allem einem ideengeschichtlichen Zugriff. Dabei wird ein breites Spektrum von Themen angerissen. Oftmals geht es um Experten(-netzwerke), um Wissensproduktionen und -formationen, etwa wenn Sophia Dafinger über „Experten für den Luftkrieg“ schreibt. Aber auch die Aufsätze zum Ende der Ideologien (Jan Hansen), zur Stadtplanung (Phillip Wagner) oder zur Interdependenz (Martin Deuerlein) beschäftigen sich klar mit Netzwerken des Wissens und veränderten Weltbildern. In diesen Rahmen passen auch die Überlegungen zur 1973 gegründeten „Trilateral Commission“, einer privaten Politikberatungs-Gruppe aus hochrangigen europäischen, nordamerikanischen und japanischen Mitgliedern (Frank Reichherzer) sowie zum blockübergreifenden, 1972 gegründeten International Institute for Applied Systems Analysis (Isabell Schrickel). All diesen Texten ist gemein, dass sie neue Vorstellungen der Welt, die durch eigens generiertes oder neu kombiniertes Wissen entstehen, als Hinterfragung der etablierten binären Ordnung interpretieren. Zudem gehen gerade die beiden letztgenannten Artikel auf Organisationen ein, die gewissermaßen neben den staatlichen Strukturen standen (und bis heute stehen). Eine solche Geschichte von Organisationen spiegelt sich auch in anderen Aufsätzen wider, etwa zur UNCTAD (Michel Christian), zu ASEAN (Andreas Weiß) oder zu Humanitären NGOs (Heike Wieters). In weiteren Beiträgen werden bestimmte räumliche Konstellationen als Bruchlinien der binären Ordnung hinzugezogen, etwa in Silvia Berger Ziauddins Text zum Atombunker oder Annette Vowinckels Studie zu Flughäfen. Mit Dieter H. Kollmers Text zur Rüstung(-sgüterbeschaffung) oder Peter Schulds Artikel zu den beiden deutschen Staaten werden auch klassische Themen der Forschung zum Kalten Krieg aufgegriffen und neu betrachtet. David Kuchenbuch historisiert mit seinem Aufsatz über „Die ‚Eine Welt‘“ ein zeitgenössisch neues Denkkonzept – ähnlich wie Deuerlein die „Interdependenz“ untersucht.

Zu jedem Beitrag ließen sich natürlich Detailfragen stellen. So leuchtet nicht ganz ein, wie Silvia Berger Ziauddin den Atombunker als „das Dritte“ herausstellen kann, wenn sie ihn vor allem in der Schweiz untersucht, die ja als neutraler Staat schon selbst als „Drittes“ gewertet werden könnte (auch zu den Block- und Bündnisfreien findet sich im Sammelband ein Text von Jürgen Dinkel). Die Autorin will dem entgehen, indem sie die Schweiz als ideell klar zum Westen gehörig charakterisiert; dennoch ist die Frage, ob die Neutralität nicht automatisch das binäre System unterläuft und der Ansatz daher noch einmal neu aufgerollt werden müsste. Dies ist einer der Momente in dem Band, bei dem sich die Frage stellt, ob der analytische Zugriff der Herausgeber wirklich so viel mehr neue Erkenntnis bringt als die in Anmerkung 1 zitierten Studien, die zwar mit etwas anderen Konzepten arbeiten, letztlich aber ebenso die Perspektive der binären Strukturen aufzubrechen versuchen.

Bei Andreas Weiß sind die Leserinnen und Leser ein wenig der Kürze des Textes ausgeliefert, und es stellt sich die Frage, ob Egodokumente der ASEAN-Gründer hinreichende Zeugnisse dafür sein können, dass diese vor allen Dingen von pazifistischen Motiven getrieben wurden – oder ob nicht gerade Egodokumente ideale Medien für eine Selbstüberhöhung darstellen. Zu diskutieren wäre auch, ob die von David Kuchenbuch im Aufsatz zur „Einen Welt“ postulierte Loslösung dieser Ordnungsvorstellung von der binären Logik des Kalten Krieges strukturell womöglich weiter an den Grenzen des Ost-West-Konfliktes orientiert bleibt. Im Text zumindest ist das Nachdenken über diese Ordnungsvorstellung auffällig mit der westlichen Hemisphäre verbunden, selbst wenn nord-südliche Komponenten hinzutreten. Bei Annette Vowinckel, deren Text „Der Flughafen“ sich hauptsächlich um Schönefeld und die DDR-Fluggesellschaft Interflug dreht, sowie in Heike Wieters’ Beitrag „Humanitäre NGOs“, hinter denen sich letztlich eine Fallstudie zur amerikanischen Organisation CARE verbirgt, die zudem – ein entscheidendes Argument im Text – überwiegend staatlich finanzierte Hilfsgüter weitergab, ist auch zu fragen, ob der ambitionierte Ansatz, hier Allgemeingültiges zu liefern (der vor allem durch die Überschriften der Beiträge suggeriert wird), nicht etwas zu hoch gegriffen ist. Es wäre zum Beispiel spannend, der Arbeit von CARE eine strukturell viel stärker supranational ausgerichtete NGO gegenüberzustellen.

Bei aller Vielfalt an Themen muss natürlich dennoch einiges fehlen. Die Herausgeber sprechen selbst schon in der Einleitung an, dass etwa die Themen Sport, Kunst oder Religion von ihnen schmerzlich vermisst werden, jedoch keine Expert/innen gewonnen werden konnten (abgesehen von Grischa Sutterer mit einem Text über „Islamismus“, der sich aber eher mit der politischen Dimension und vor allem mit dem Blick von außen, also von „Westen“ und „Osten“ auf den islamischen Fundamentalismus befasst). Diese Aufzählung ließe sich um zahlreiche Aspekte ergänzen. Was ist mit Kleidung bzw. Mode, mit jugendlichen Subkulturen, mit medizinischem oder technologischem Fortschritt? Auch das Thema des wirtschaftlichen Austausches kommt nur peripher vor, obwohl es oftmals ein starkes Movens für „Ost“ wie „West“ war, die Blockgrenzen zu unterlaufen. Besonders schade ist allerdings, dass die binäre Ordnung der historischen Zunft selbst sich in diesem Sammelband widerspiegelt: Wiewohl zu loben ist, dass viele der Autorinnen und Autoren noch relativ am Anfang ihrer Karriere stehen und hier jüngste Ergebnisse aus ihren Qualifikationsschriften präsentieren können, ist doch kaum eine/r von ihnen (wie Martin Deuerlein oder Michel Christian) explizit auf den Raum Osteuropa spezialisiert oder für West und Ost gleichermaßen qualifiziert. Und so wirkt der Band denn auch – trotz aller Bemühung um Ausgeglichenheit, die wohl am besten in Bezug auf Bundesrepublik und DDR gelingt (etwa in Peter Schulds Beitrag zu „Deutschland, beide“ oder in Annette Vowinckels Flughafen-Aufsatz) – auffällig „westlastig“. Ein Gegengewicht schafft etwa Phillip Wagner mit seinem Text zur „Stadtplanung“, indem er allgemeine Fragen zu Wissenstransfer und -aufbau über die Blockgrenzen hinweg am Beispiel des polnischen Stadtplaners und Hochschullehrers Wacław Ostrowski nachzeichnet. Eine solche Perspektiverweiterung hätte dem Band insgesamt gut getan.

Dennoch ist dies – wie deutlich geworden sein sollte – ein Jammern auf hohem Niveau. Der Band bietet durch sein Konzept und die zahlreichen Anwendungsbeispiele viel Stoff zum Weiterdenken. Gerade seine Unabgeschlossenheit in der Themenauswahl sowie der offensiv vorgetragene methodische Ansatz dürften dabei für Studierende, Forschende und Lehrende gleichermaßen anregend wirken und zu weiteren Differenzierungen in der Historiographie des Kalten Krieges beitragen.

Anmerkungen:
[1] Für solche Neuansätze siehe etwa Sari Autio-Sarasmo / Katalin Miklóssy (Hrsg.), Reassessing Cold War Europe, London 2011; Simo Mikkonen / Pia Koivunen (Hrsg.), Beyond the Divide. Entangled Histories of Cold War Europe, New York 2015; Poul Villaume / Ann-Marie Ekengren / Rasmus Mariager (Hrsg.), Northern Europe in the Cold War, 1965–1990. East-West Interactions of Trade, Culture and Security, Helsinki 2016. Einen kompakten Überblick zu aktuellen Entwicklungen in der Historiographie des Kalten Krieges bietet Bernd Greiner, Kalter Krieg und „Cold War Studies“, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, http://docupedia.de/zg/Greiner_cold_war_studies_v1_de_2010 (11.08.2018); siehe dazu auch die Erwiderung: Jonas Brendebach u.a., Kommentar: Cold War Studies, transnationale Geschichte und internationale Organisationen, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 14.10.2011, http://docupedia.de/zg/brendebach_dolinsek_falasca_kathmann_cold_war_studies_kommentar_v1_de_2011 (11.08.2018).
[2]https://opr.degruyter.com/den-kalten-krieg-vermessen/ (11.08.2018).