D. Volf: Über Riesen und Zwerge

Cover
Titel
Über Riesen und Zwerge. Tschechoslowakische Amerika- und Sowjetunionbilder 1948–1989


Autor(en)
Volf, Darina
Reihe
Schnittstellen Studien zum östlichen und südöstlichen Europa 7
Erschienen
Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
393 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Petra Schindler-Wisten, Institut für Zeitgeschichte, Akademie der Wissenschaften Prag

Es ist wenig überraschend, dass das mediale Bild der Sowjetunion in der kommunistischen Tschechoslowakei weithin positiv ausfiel, wohingegen die Vereinigten Staaten von Amerika überwiegend negativ dargestellt wurden. Darina Volf zeigt in ihrer Arbeit, die 2016 an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Dissertation verteidigt wurde, dass die Realität – trotz dieser grundsätzlichen Tendenzen – nicht derart schwarz-weiß war. Die Autorin beschreibt den Wandel und die Abweichungen vom offiziellen ideologischen Schema während der 40-jährigen kommunistischen Herrschaft. Das Ziel ihrer Untersuchung ist es, die oft unterstellte Dichotomie zwischen Regime und Gesellschaft zu hinterfragen. Aus diesem Grund nimmt die Arbeit sowohl die Produzenten als auch die Empfänger der Bilder beider Großmächte in den Blick und diskutiert die Beziehungen zwischen Bürgern, Medien und der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Volf gelingt es auf diese Weise, die Grenzen der Propaganda aufzuzeigen und einen Beitrag zur Stereotypenforschung zu leisten.

Methodologisch und theoretisch arbeitet die Autorin mit Überlegungen, die im Rahmen der Imagologie entwickelt wurden. Die zentrale Analysekategorie ist das „Bild“ (S. 31), wobei der Begriff hier im metaphorischen Sinne – als Vorstellung über die UdSSR und die USA – verstanden wird. Diese Analysekategorie wendet Volf auf ein breites Quellenkorpus an, das neben zeitgenössischen offiziellen Zeitungen und Zeitschriften (etwa Rudé Právo, Tvorba, Dikobraz) auch interne Parteidokumente der Tschechischen (KSČ) bzw. Slowakischen Kommunistischen Partei (KSS) aus regionalen und zentralen Archiven, sowie von Ministerien herausgegebene Plakate umfasst. Hinzu kommen Monographien und Medien jenseits der Zensur (Samizdat). Auf dieser Basis widmet sich die Autorin der Aufgabe, die Bedeutung und Funktion der Bilder aus ihrem historischen Kontext bzw. den zeitgenössischen Debatten heraus zu bewerten.

Ihre Arbeit untergliedert Volf in drei chronologische Teile. Innerhalb der Hauptkapitel setzt sie jeweils thematische Schwerpunkte, in denen sie sich mit den charakteristischen Besonderheiten der USA- bzw. UdSSR-Bilder in den untersuchten Zeiträumen befasst. Die Autorin stellt sich hierbei die Frage, wie das Bild der UdSSR und der USA jeweils konstruiert wurde und welche konkreten Inhalte die KSČ-Führung zu diesem Zweck in den öffentlichen Raum einspeiste. Das erste Kapitel widmet sich dem Zeitraum 1948 bis 1956, in dem die KSČ ihre Amerika- und Sowjetunionbilder in der tschechoslowakischen Gesellschaft durchzusetzen versucht habe. Die Autorin erschließt hier unzählige Texte, die dem Kapitalismus ein idealisiertes sozialistisches System entgegensetzen. Die Sowjetunion erscheint darin als Land der Zukunft und wird als Lehrer und Wegbereiter dargestellt, von dem die Tschechoslowakei lernen müsse. So wurden etwa bis in die 1980er-Jahre zahlreiche Wettbewerbe an Grund- und Oberschulen organisiert, die der Glorifizierung der UdSSR dienten (z.B. „Das Land wo Morgen schon Gestern bedeutet“). Dass eine der Hauptparolen – „Mit der Sowjetunion für immer“ – im Volksmund freilich abgeändert wurde, hat der tschechische Anthropologe Ladislav Holý bereits 2001 gezeigt: „Mit der Sowjetunion für immer, aber nicht ein Tag länger.“[1] Im Gegensatz dazu stand das Bild, das die tschechoslowakischen Medien unter dem Einfluss der Sowjetunion von den USA zeichneten – dem Land, das viele Tschechen und Slowaken (trotz der Vorbehalte der Intellektuellen der Zwischenkriegszeit gegenüber den Entwicklungen der Moderne und trotz der Kritik am Kapitalismus im Zuge der Weltwirtschaftskrise) seit dem 18. Jahrhundert als Synonym für Freiheit wahrgenommen hatten. In den öffentlich verbreiteten Bildern erschien die USA als kriegstreibende Macht und wurde sogar zum Nachfolger des NS-Regimes stilisiert. Als bekannteste propagandistische Aktion lässt sich die Kampagne gegen „Ami-Käfer“ bezeichnen, die von höchster Stelle der KSČ gelenkt wurde und zeitgleich mit dem Schauprozess gegen Milada Horáková und dem Korea-Krieg stattfand. Volf arbeitet heraus, wie sich die gesamte Kampagne einer militärischen Terminologie bediente: Die Amerikaner wurden als hybride Wesen mit animalischen Zügen karikiert – eine Entmenschlichung, die die Mobilisierung gegen den Feind verstärken sollte.

Im nächsten Kapitel, das den Zeitraum 1956 bis 1969 umfasst, analysiert Volf neben Büchern und Presseartikeln auch anonym verfasste Flugblätter sowie illegale Wandaufschriften. Sie zeigt, dass mit der Destalinisierung nach und nach Stimmen auftauchten, die eine Korrektur der offiziellen tschechoslowakischen Position hin zu mehr Selbstständigkeit forderten. Die Motivation der Autoren sei jedoch nicht als prinzipielle Abkehr von der Sowjetunion misszuverstehen („Oft waren wir sowjetischer als die Sowjets.“, S. 173[2]), vielmehr habe man einen spezifisch tschechoslowakischen Sozialismus aufbauen wollen. Immer öfter finden sich nun Verweise auf eigene Traditionen, geprägt durch das Selbstbild der Tschechen und Slowaken als kultureller und hochgebildeter Nation. Erst nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 habe sich dieses positive Selbstbild hin zu einem antisowjetischen Feindbild (Unkultiviertheit der barbarischen sowjetischen Soldaten) entwickelt (S. 190). Die moralische Stärke der kleinen Tschechoslowakei, so das Narrativ, habe sich gegenüber dem mächtigen Gegner durchgesetzt.

Der sogenannte Normalisierungsprozess, dem sich Volf im letzten Teil des Buches zuwendet, brachte schließlich eine Wiederkehr alter semantischer Ordnungen mit sich: Aus den „Okkupanten“ wurden wieder Helfer und Retter, aus den Helden des Jahres 1968 wurden gefährliche Konterrevolutionäre (S. 209). Die Sicht auf die USA verschob sich allerdings schrittweise vom Feind zum Konkurrenten. Volf zeigt, dass es der KSČ nicht gelungen ist, ein durchweg negatives Bild der USA zu etablieren. Vor allem unter der Jugend, den Opponenten des kommunistischen Regimes, aber auch unter Ökonomen und Soziologen gab es zumindest differenzierte Amerikabilder, die sich zunehmend auch in der Presse widerspiegelten. Für die Jahre 1969 bis 1989 stellt die Autorin somit eine wachsende Diskrepanz zwischen dem ideologischen Anspruch des Staatsozialismus und der gesellschaftlichen Wirklichkeit der „normalisierten“ Tschechoslowakei fest. Die Bilder der UdSSR und der USA wurden revidiert, die Trennlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus wurde weniger strikt gezogen als zuvor.

Volf beschreibt, auf welche Weise ein sozialistisches System öffentlich präsentiert wurde, in dem nach 1969 eine Art gesellschaftlicher Konsens geherrscht habe: Die kommunistische Partei „erkaufte“ sich die Loyalität der Bevölkerung durch Konsummöglichkeiten und soziale Sicherheiten. Wie viele andere Autor/innen ist auch Volf der Überzeugung, dass sich große Teile der (spät)sozialistischen Gesellschaft in die Privatsphäre der Wochenendhäuser zurückzogen (S. 245). Diese Annahme jedoch, dass Menschen vor der grauen Realität ins farbige Landparadies flohen und vom Regime als politisch nicht-engagierte Bürger abgestempelt wurden, kann eher als ein Klischee bezeichnet werden. Hier wird deutlich, dass die Autorin ihren Anspruch, den klassischen Gegensatz zwischen Gesellschaft und kommunistischer Partei zu überwinden, leider nicht einlöst. In weiten Teilen des Buches steht „der Gesellschaft“ vielmehr „die Parteiführung“ gegenüber. Auch neuere Forschungsliteratur zu Ideologie und Alltag bindet die Autorin kaum ein[3], so dass das Funktionieren der Gesellschaft selbst wenig erhellt wird. Der Beitrag von Darina Volfs Studie liegt somit eher auf dem Feld der Stereotypenforschung: Das Buch stellt eine facettenreiche Interpretation der 40-jährigen Entwicklung von Fremd- und Eigenbildern in der staatssozialistischen Tschechoslowakei dar.

Anmerkungen:
[1] Ladislav Holý, Malý český člověk a skvělý český národ. Národní identita a postkomunistická transformace společnosti, Praha 2001, hier S. 58.
[2] Hier zitiert die Autorin einen Mitarbeiter des Bezirkskomitees der KP in Beroun: Ctibor Navara, Daleko od Moskvy?, in: Rudé právo 131 (13.5.1968), S. 3.
[3] Vgl. etwa die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Sozialistische Diktatur als Sinnwelt. Repräsentationen gesellschaftlicher Ordnung und Herrschaftswandel in Ostmitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert“, das zwischen 2007 und 2010 vom Institut für Zeitgeschichte Prag und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam gemeinsam durchgeführt wurde.