Cover
Titel
»Sagen, was ist«. Walter Dirks in den intellektuellen und politischen Konstellationen Deutschlands und Europas


Herausgeber
Brunner, Benedikt; Großbölting, Thomas; Große Kracht, Klaus; Woyke, Meik
Reihe
Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte 105
Erschienen
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ronald Funke, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der vorliegende Band versammelt die um zwei Aufsätze ergänzten Beiträge einer bereits 2014 von Benedikt Brunner, Thomas Großbölting und Klaus Große Kracht vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Kooperation mit Meik Woyke von der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn veranstalteten Tagung.[1] Im Zentrum stand dabei der linkskatholische Public Intellectual Walter Dirks (1901–1991), der über Jahrzehnte hinweg zahlreiche gesellschaftliche Debatten der Bonner Republik angeregt und beeinflusst hat.

Ein Zitat von Theodor Heuss aufgreifend, beschrieb der programmatische Titel der Tagung, „Den Roten zu schwarz, den Schwarzen zu rot“[2], Dirks treffend als einen Intellektuellen, der als gläubiger Katholik und überzeugter Sozialist lebenslang „zwischen den Stühlen“ saß. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er zu den Gründern der CDU in Frankfurt am Main gehört und sich zeitweilig bemüht, Einfluss auf die sozialpolitische Ausrichtung der Partei zu nehmen. Dass sein Nachlass einen Platz im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn gefunden hat, diese auch als Austragungsort der ihm gewidmeten Tagung diente und der vorliegende Band in ihrer Schriftenreihe erschien, lässt allerdings ahnen, welchem der „Stühle“ der unangepasste Linkskatholik letztlich doch näher stand. So erklären auch die Herausgeber, dass sich Dirks mit den meisten seiner politischen Wortmeldungen eher in der Nähe der Sozialdemokrat/innen positionierte, ohne allerdings jemals deren Mitglied geworden zu sein. Auch rückblickend zeigen sich bei vielen seiner Positionen noch immer jene Ambivalenzen, die schon Zeitgenossen eine allzu eindeutige politische Festlegung erschwerten und von Dirks selbst ausdrücklich zum Ideal des engagierten Intellektuellen erklärt wurden.

Im Anschluss an die Einleitung der vier Herausgeber folgen elf Beiträge von zwei Autorinnen und neun Autoren, wobei es sich fachlich überwiegend um Geschichtswissenschaftler/innen mit politik- bzw. religionswissenschaftlichem Forschungsschwerpunkt handelt. Die Beiträge sind thematisch sinnvoll eingeordnet in drei für Dirks’ Leben charakteristische Kategorien: „Intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“, „Linkskatholizismus“ sowie „Europa und Dritter Weg“. Erfreulicherweise beginnt jeder dieser Abschnitte mit einem ausführlichen Einleitungsaufsatz, der nicht Dirks selbst ins Zentrum rückt, sondern einen gelungenen Gesamtüberblick zum jeweiligen Thema bietet und die spätere Einordnung der an Dirks orientierten Detailanalysen in die geistesgeschichtlichen Kontexte erleichtert. Auf diese Weise wird eine mögliche unbewusste Überbetonung der Rolle des Publizisten vermieden und gleichzeitig seine wichtige Position innerhalb unterschiedlicher Debatten und größerer intellektueller Netzwerke deutlich.

So beginnt der erste Abschnitt des Sammelbandes, „Intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“, mit einer allgemeinen Intellectual History der Nachkriegszeit und frühen Bonner Republik. Alexander Gallus weist dabei auf Traditionen aus dem Denken der Weimarer Republik hin, etwa eine gewisse „Revolutionssehnsucht“, betont aber vor allem den Aspekt einer völlig neuen Offenheit in den Debatten nach 1945, beispielswiese zur Gestaltung der Verfassung oder der „deutschen Frage“. Dadurch entstand auch eine neue, gesellschaftlich einflussreichere Position für Public Intellectuals. Wie Friedrich Kießling anschließend zeigt, agierte Dirks dabei durchaus nicht nur in der selbstwahrgenommenen und nach außen kommunizierten Rolle des „Außenseiters“. Zwar habe er inhaltlich stets in Opposition zur politisch-gesellschaftlichen Ordnung gestanden, sei zugleich jedoch als erfolgreicher Publizist, Mitherausgeber der „Frankfurter Hefte“ und Hauptabteilungsleiter Kultur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) bestens vernetzt und integriert gewesen. Die Rundfunkarbeit nimmt Monika Boll dann näher in den Blick. Sie betont Dirks’ Anspruch, das Radio zum Organ und Vermittler einer lebendigen Demokratie zu machen.

Das prägende Verhältnis von Dirks zum „Linkskatholizismus“ steht im Mittelpunkt des zweiten Abschnitts. Gerd-Rainer Horn bietet hier zunächst einen einleitenden Überblick zu den wechselvollen Entwicklungen in verschiedenen Ländern Westeuropas im „kurzen 20. Jahrhundert“ und ordnet die Position von Dirks knapp ein. In den folgenden Beiträgen steht der Publizist selbst dann wieder stärker im Fokus. Benedikt Brunner macht deutlich, dass Dirks’ Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus – sowohl im persönlichen Umgang mit der eigenen Vergangenheit als auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext – stark von seinem katholischen Weltbild und christlichen Begriffen wie „Reue“ und „Schuldbekenntnis“ geprägt war und er diese als Vorrausetzung für eine funktionierende Demokratie verstand. Claudia Hiepel beschäftigt sich mit Begriff und Wirkung von Dirks’ Idee eines „christlichen Sozialismus“, wobei sie die aus der Rückschau teilweise zweifelhaft erscheinenden Vorstellungen unter einen noch recht wohlwollend formulierten Gegensatz stellt: „produktive Utopie oder Illusion?“ Als deutlich näher an den Realitäten seiner Zeit erweist sich Dirks’ Friedensengagement, das Daniel Gerster in den Blick genommen hat. Er betont die Bedeutung von Dirks als Publizist, der eine persönliche Teilnahme an den Kundgebungen zwar weitgehend vermied, jedoch mit seinen Schriften entscheidend dazu beitrug, Friedensaktionen in katholischen Kreisen bekanntzumachen und die Teilnahme von Katholik/innen an diesen zu legitimieren.

Der dritte und letzte Abschnitt des Sammelbandes steht unter dem Motto „Europa und Dritter Weg“. Dominik Geppert liefert einen Einstieg zur Suche der deutschen Linksintellektuellen nach einer Alternative bzw. „Brücke“ zwischen Ost und West. Neben Dirks betrachtet Geppert dabei exemplarisch und vergleichend noch Eugen Kogon, Hans Werner Richter, Alfred Andersch und Alfred Kantorowicz. Ihre persönliche Reaktion auf die bundesdeutsche Staatsgründung und die Westintegration trage jeweils Züge von einer oder mehreren der folgenden idealtypischen Kategorien: „Verleugnung“, „Kompromiss“, „Exil“ sowie „Widerspruch und Opposition“. Dass der „Dritte Weg“ für Dirks (und seinen Mitherausgeber Kogon) nur im europäischen Kontext vorstellbar war, beschreibt Jens Flemming mit Blick auf die Anfangsjahre der 1946 gegründeten „Frankfurter Hefte“, in denen die Ideen eines föderalen und sozialistischen Europa diskutiert wurden. Dirks’ Engagement hatte allerdings nicht nur theoretischen Charakter. So verweist Klaus Große Kracht darauf, dass er sich seit dem Ende des Ersten Weltkrieges lebenslang für die Aussöhnung mit Frankreich einsetzte, während nach dem Zweiten Weltkrieg sein nicht immer ganz realitätsgetreues Bild des vermeintlich moderneren französischen Laienkatholizismus zur publizistischen Projektionsfläche für erhoffte Reformen des deutschen Katholizismus avancierte. Auch in der Versöhnungspolitik gegenüber Polen spielte die Religiosität eine zentrale Rolle, wie Friedhelm Boll anhand von Dirks’ Aktivitäten als Präsidiumsmitglied bei „Pax Christi“ sowie als Mitgründer des „Bensberger Kreises“ beschreibt. Vor allem der 1966 gegründete „Bensberger Kreis“ wurde als „Denkfabrik“ des linkskatholischen Milieus einflussreich und trug 1968 mit seinem „Polenmemorandum“ zur Unterstützung der neuen Ostpolitik bei.

So zeichnen die Texte des Bandes zentrale Aspekte von Dirks’ publizistischem Wirken nach und ordnen sie in zeitgenössische Debatten und Entwicklungen ein. Wie dies bei biographischen Ansätzen nicht untypisch ist, lässt sich in manchen Beiträgen bisweilen eine etwas zu wohlwollende Übernahme der Perspektive des Protagonisten sowie seiner Einschätzungen und Selbstbeschreibungen beobachten. Ein kritischerer Blick auf die eine oder andere meinungsstarke Wortmeldung bzw. autobiographische Selbsthistorisierung des jahrzehntelang wirkenden und das eigene Verhalten rückblickend reflektierenden Intellektuellen hätte sich jedoch gelohnt. Zu Recht wird Dirks’ vielfaches Eintreten für die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft betont. Daher hätte man auch stärker darauf hinweisen können, dass bestimmte Äußerungen, etwa innerhalb seiner Restaurationsthese, gelegentlich dazu tendierten, Elemente der parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik in Frage zu stellen.

Generell zeigen die Beiträge des Bandes allerdings nachdrücklich, warum eine heutige Auseinandersetzung mit Dirks und seinen Schriften zum Verständnis der Geistesgeschichte der Bonner Republik lohnend ist. Denn obwohl die konkreten Vorschläge des Publizisten zeitgenössisch selten mehrheitsfähig waren und auch rückblickend oft illusorisch oder überholt erscheinen, waren sie einflussreich für Anstoß und Verlauf zahlreicher intellektueller Debatten in der bundesdeutschen Gesellschaft. Dirks trug wesentlich dazu bei, dass wichtige Themen wie Demokratisierung, Versöhnung und Europäisierung auf die Tagesordnung gesetzt, gesellschaftlich und politisch diskutiert sowie in unterschiedlicher Weise praktisch verwirklicht wurden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Bericht von Svenja Schnepel, in: H-Soz-Kult, 29.07.2014, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5475 (24.05.2020).
[2] Vgl. ebd. Für den Band wählten die Herausgeber nun einen anderen Titel, stellten ihre Einleitung jedoch noch immer unter diese griffige Formulierung.