N. Freund: Die Verwaltungsjuristin Theanolte Bähnisch

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Titel
Die Verwaltungsjuristin Theanolte Bähnisch (1899-1973) und der Deutsche Frauenring. Vom reformorientierten Preußen zur bundesdeutschen Westbindung - eine Wirkungsgeschichte


Autor(en)
Freund, Nadine
Anzahl Seiten
1.145 S.
Preis
€ 89,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marianne Zepp, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Mit der Lebensgeschichte der Juristin Theanolte Bähnisch hat die Historikerin Nadine Freund eine umfangreiche Biographie einer jener Frauen vorgelegt, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Anspruch auf eine eigenständige, aus weiblicher Sicht formulierte Beteiligung an öffentlicher Politik erhoben. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat für diese Zeit eine Reihe von Untersuchungen vorgelegt, die die Geschlechterordnung nach Kriegsende in den Mittelpunkt stellen. Ein wichtiger Faktor ist dabei die intensive Förderung von Frauen und Frauenorganisationen durch die vier alliierten Besatzungsmächte.[1] Diese förderten die Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben unter den jeweiligen politisch-ideologischen Vorgaben. Während im Westen besonders nach der Gründung der Bizone unabhängige Frauenorganisationen unterstützt wurden, wurde in der Sowjetzone bereits 1946 ein Zentralverband, der Demokratische Frauenbund Deutschlands, gegründet. Vielen Aktivistinnen im Osten wie im Westen wurde der Weg in eine politische Karriere eröffnet. Sie waren damit ein Teil der Nachkriegseliten, die in den Westzonen den Wiederaufbau einer demokratischen Kultur mittrugen und den Weg in die Nachkriegsordnung begleiteten. Diesem Abschnitt des Lebens von Bähnisch ist der größte Teil der vorliegenden Biographie gewidmet (S. 427–1.041).

Die als Dissertation an der Universität Kassel eingereichte Arbeit folgt in chronologischer Ordnung der Herkunft und dem Werdegang der Protagonistin. Deren Herkunft und soziale Verortung werden ausführlich dargestellt (S. 109–224): bildungsbürgerliches Elternhaus im Münsterland, katholisch, wenn auch konfessionell nicht stark gebunden, was vor allem daran sichtbar wird, dass die Protagonistin nicht nur einen Protestanten heiratete, sondern auch in die SPD eintrat. Dorothea Nolte, so ihr Mädchenname, die nach ihrer Heirat mit Albrecht Bähnisch ihren Vornamen in Theanolte abänderte, studierte Jura in Münster, absolvierte ihr Regierungs- und Verwaltungsreferendariat in Brauweiler und Köln (S. 141–163), was ihr nach ihrem Umzug nach Berlin 1926 eine Karriere als Verwaltungsjuristin bei der Berliner Polizeibehörde ermöglichte.

Die folgenden beiden Kapitel sind der Ehe mit dem Juristen Albrecht Bähnisch gewidmet und dem Leben des Paars im Krieg. Gut 150 Seiten verwendet die Autorin für diesen Abschnitt (S. 243–392). Für den Ehemann mag diese Ausführlichkeit noch angehen, da sein Lebensentwurf als Landrat lange Zeit auch für Theanolte bestimmend war. Die Schilderungen der Kriegszeit leiden jedoch an der überaus dürftigen Quellenlage. Fest steht nur, dass Albrecht Bähnisch – 1933 des Amtes enthoben, ab 1935 Direktionsassistent der „arisierten“ Kaufhof AG – 1942 zum Kriegseinsatz kam. Im Januar 1943 wurde er als vermisst gemeldet und 1952 für tot erklärt. Theanolte war da wieder Verwaltungsjuristin – wie so viele Frauen ihrer Generation musste auch sie einen Konflikt zwischen weiblichen Traditionsansprüchen, Versorgungsnöten und ihren eigenen emanzipatorischen Ansprüchen ausfechten.

Das fünfte Kapitel beschreibt Theanolte Bähnischs Tätigkeit als Regierungspräsidentin in Hannover, eine Funktion, die sie seit Oktober 1946 innehatte. Sie war damit, wie die Autorin nicht müde wird zu betonen, die erste weibliche Regierungspräsidentin. Die britische Militäradministration berief sie in dieses Amt, weil man Frauen gezielt fördern wollte (S. 431–434). Außerdem kann die Autorin überzeugend darstellen, dass Bähnisch die Unterstützung führender Sozialdemokraten hatte. Ihre Auseinandersetzung mit Herta Gotthelf, der Leiterin des Frauenbüros der SPD in Hannover, wird zwar ausführlich belegt, dass es dabei allerdings weniger um Bähnischs „ideologischen Eklektizismus“ (S. 651) als um eine politische Richtungsentscheidung ging, nämlich zwischen den parteiunabhängig agierenden Frauen in den Frauenorganisationen und den Parteivertretern besonders der SPD, erfahren der Leser, die Leserin nicht.

In den folgenden drei Kapiteln beschreibt die Autorin ausführlich Bähnischs Engagement in der Nachkriegsfrauenbewegung. Sie gründete den „Club deutscher Frauen“, unterstützte die Arbeitsgemeinschaft der Frauenverbände in Hannover und galt bei der britischen Besatzungsmacht als Ansprechpartnerin für die Frauenorganisationen in der britischen Zone. Als diese Organisationen begannen, sich in den Westzonen zusammenzuschließen, war Bähnisch maßgeblich daran beteiligt. Sie wurde schließlich im Herbst 1949 zur ersten Vorsitzenden des Deutschen Frauenrings gewählt (S. 773ff.).

Damit gehörte Bähnisch zu den Vertreterinnen der unmittelbaren Nachkriegszeit, die als Funktionselite die deutsche Nachkriegsdemokratie erst im Auftrag der Besatzungsmächte und dann in den sich allmählich bildenden Institutionen zum Laufen brachte.

In der vorliegenden Biographie bleiben, trotz der überbordenden Fülle der Darstellung, grundlegende Fragen offen. Zwar werden die Bedingungen und die politischen Interventionen der Frauenorganisationen unter Besatzungsbedingungen ausführlich erwähnt, doch fehlt es an einer begründeten Gewichtung sowohl des Einflusses der britischen Militärbehörde wie auch der besonderen Situation des politischen Handelns dieser Frauen unmittelbar nach dem Nationalsozialismus.

Wie begründete Bähnisch ihr politisches Engagement nach dem Nationalsozialismus? Zwar weist die Autorin wiederholt auf den Antikommunismus als Grundkoordinate des politischen Handelns dieser Zeit hin (so etwa S. 901f.), doch wird nicht deutlich, inwieweit dies den persönlichen Überzeugungen der Protagonistin entsprach oder ob sie den sich seit 1947 herausbildenden ideologischen Parametern der britischen Besatzungsmacht und des beginnenden Kalten Krieges folgte.

Die im Einleitungskapitel aufgeführten methodischen Zugänge verweisen auf ein weiteres Grundproblem der Arbeit. Die Autorin bezieht sich in ihrer über 100 Seiten umfassenden Einführung auf die unterschiedlichsten Interpretationsmuster, ihren „methodischen Kanon“ (S. 67). Beginnend mit dem, was sie „Gramscis Hegemonie-Theorie“ nennt, bis zu einer von ihr als „Biographie-Theorie“ bezeichneten Analysekategorie wird einiges aufgezählt, was der methodische Werkzeugkasten zu bieten hat: etwa die Netzwerkanalyse, die dazu beitragen soll, die soziale Verortung der Protagonistin zu deuten, oder der Verweis auf eine diskursanalytische Vorgehensweise, von der allerdings nicht deutlich wird, wo und zu welchem Zweck die Autorin sie anwenden will.

Was dieser methodische Werkzeugkasten zur Erschließung des Quellenmaterials und zur Deutung dieses Lebenslaufs beiträgt, erschließt sich auch nach der Lektüre der insgesamt 1.070 Seiten Text nicht. Einige zentrale Ansätze der Geschlechterforschung werden hingegen nicht ausgelotet. So wird z. B. das Konzept der sozialen Mütterlichkeit, das bereits in der bürgerlichen Frauenbewegung vor 1933 ausformuliert wurde und in der Nachkriegszeit die Begründung für das öffentliche Engagement der politisch aktiven Frauen lieferte, nur als ein Aufguss der Differenztheorie gelesen.

Dazu kommt eine offensichtlich recht spärliche Quellenlage (Anhang S. 1081). Im Privatnachlass befinden sich ein „Diktat“, eine Art Lebensbeschreibung, die Bähnisch 1972 bei ihrer Tochter Orla-Maria Fels zu Protokoll gegeben hatte, sowie ein selbst verfasster Lebenslauf aus dem Jahr 1946, der im Zuge eines Entnazifizierungsverfahrens entstanden ist. Problematisch ist, dass Freund einen Teil dieser Quellen selbst nicht einsehen konnte (S. 238f. insb. Anm. 41 und 42, S. 416) und dass sie die Selbstzeugnisse und Familienerzählungen keiner quellenkritischen Analyse unterzieht. Dem Leser, der Leserin ist es überlassen, aus den teilweise bruchstückhaften Anmerkungen zu eruieren, an welcher Stelle die Protagonistin ihr Leben darstellt, wer die Adressaten dieser Darstellung sind, wann es sich um Familienüberlieferungen handelt und wann um öffentliche Würdigungen der Person.

Spätestens hier stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Betreuung der Arbeit, da grundlegende Parameter, Umgang mit Quellenmaterialien, methodische Herangehensweisen, nur mangelhaft bzw. gar nicht umgesetzt werden.

Zusammenfassend ergibt sich der Eindruck, dass Freund zwar gründlich, aber auch wahllos sämtlichen Bezügen im Leben Theanolte Bähnischs nachgegangen ist. Der Autorin gelingt es nicht, aus der Fülle des ausgebreiteten Materials souveräne Thesen zum Leben ihrer Protagonistin zu formulieren, sondern sie belässt es oft bei redundanten Beschreibungen. So bleibt es bei der besonders in den letzten Kapiteln immer wieder beschworenen Bedeutung Bähnischs in der deutschen Nachkriegspolitik, die offensichtlich eine Rechtfertigung für diese umfangreiche Biographie darstellt. Trotz der umfangreichen Fülle des Materials bleibt die Person Bähnisch jedoch unscharf. Was erzählen die Quellen über ihre Selbstverortung? Wie sah sie sich selbst und wo brach sich dieses Bild, dass sie von sich selbst zeichnete? Wie groß war ihr Handlungsspielraum besonders unter Besatzungsbedingungen? Auf alle diese Fragen gibt das Buch, wenn überhaupt, nur indirekt Antworten.

Der Autorin unterlaufen auch Zuordnungsfehler. So ist ihr offensichtlich nicht bewusst, dass Marie-Elisabeth Lüders nicht identisch mit der Berliner CDU-Politikerin und Mitbegründerin des Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) Else Lüders ist. Nicht Marie-Elisabeth, die spätere Alterspräsidentin des ersten deutschen Bundestags, nahm am Gründungskongress des DFD teil, wie Freund schreibt, sondern die ältere, 1948 bereits verstorbene Else (S. 703f.). Trotz des 62 Seiten umfassenden Literaturverzeichnisses fehlen einige grundlegende Beiträge der Sekundärliteratur.[2]
Offensichtlich ist auch der Verlag der leider gängigen Praxis gefolgt und hat das Manuskript unlektoriert in Druck gegeben. Dieser Mangel hat der Lesbarkeit des vorliegenden Werks nicht gutgetan.

Anmerkungen:
[1] Renate Genth u.a. (Hrsg.), Frauenpolitik und politisches Wirken von Frauen im Berlin der Nachkriegszeit 1945–1949, Berlin 1996; Pia Grundhöfer, „Ausländerinnen reichen die Hand“. Britische und amerikanische Frauenpolitik in Deutschland im Rahmen der demokratischen re-education nach 1945, Trier 1995; Elizabeth D. Heineman, What a Difference does a Husband make. Women und Marital Status in Nazi and Postwar Germany, Berkeley 1999; Robert G. Moeller, Protecting Motherhood. Women and the Family in the Politics of Postwar West Germany, Berkley 1993 (Dt. Geschützte Mütter. Frauen und Familien in der westdeutschen Nachkriegspolitik, München 1997); Julia Paulus u.a.(Hrsg.), Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik, Frankfurt am Main 2012; Tanja Roth, Gabriele Strecker. Leben und Werk einer frauenpolitischen Aktivistin in der Nachkriegszeit, Kassel 2016; Rita Pawlowski, „Unsere Frauen stehen ihren Mann”. Frauen in der Volkskammer der DDR 1950 bis 1999, Berlin 2008; Elke Schüller, Neue andere Menschen, andere Frauen? Kommunalpolitikerinnen in Hessen 1945–1956. Ein biographisches Handbuch, 2 Bde., Königstein 1996; Denise Tscharntke, Re-educating German Women. The Work of the Women’s Affairs Section of the British Military Government 1946–1951, Frankfurt am Main 2003.
[2] Christine von Oertzen, Teilzeitarbeit und die Lust am Zuverdienen. Geschlechterpolitik und gesellschaftlicher Wandel in Westdeutschland 1948–1969, Göttingen 1999; Barbara Böttger, Das Recht auf Gleichheit und Differenz. Elisabeth Selbert und der Kampf der Frauen um Art. 3 II GG, Münster 1990. Siehe auch die in Anm. 1 aufgeführte US-amerikanische Literatur.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.02.2019
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