T. Tepora: The Finnish Civil War 1918

Titel
The Finnish Civil War 1918. History, Memory, Legacy


Herausgeber
Tuomas Tepora, Tuomas
Erschienen
Anzahl Seiten
454 S.
Preis
€ 205,98
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte, Ruhr-Universität Bochum

Da in Finnland historische Forschung von einem breiten Publikum rezipiert wird, werden gerade Werke zur nationalen Geschichte in der Regel auf Finnisch verfasst. So bleiben viele Forschungsergebnisse einem breiteren Leser/innenkreis verschlossen. Mit dem Sammelband „The Finnish Civil War 1918. History, Memory, Legacy“ wollen Tuomas Tepora und Aapo Roselius dieser Tendenz entgegentreten und aktuellste Forschungen zum Themenkomplex zusammentragen. Alle Beiträger/innen des Sammelbandes sind ausgewiesene Expert/innen in ihrem Gebiet und stellen kondensierte Ergebnisse ihrer bisherigen Arbeiten vor.

In der Einleitung, die einen ersten Überblick zum finnischen Bürgerkrieg von 1918 gibt, stellen die Herausgeber klar: Es soll der Krieg selbst im Fokus stehen, aber auch dessen Rezeptionsgeschichte. Die Aufsätze im Sammelband decken daher das gesamte 20. Jahrhundert ab, auch um den graduellen Versöhnungsprozess aufzeichnen zu können (6). Das Narrativ des Bandes ist also von Beginn an vorgegeben, etwa wenn die Autoren den Bürgerkrieg als Teil der Geschichte der Errichtung eines modernen Europa postulieren (5). Dem ist nicht unbedingt zu widersprechen, in einigen Aufsätzen des Sammelbandes tauchen dazu weitere Ideen und Ergänzungen auf, schade ist allerdings, dass in der gesamten Einleitung sehr sparsam mit Fußnoten beziehungsweise Belegen gearbeitet wird und gerade diese großen Thesen dadurch blutarm bleiben.

Im Anschluss an die Einleitung folgen drei thematische Schwerpunkte. Im ersten Teil „War and Its Prelude“ werden sozial- und gesellschaftsgeschichtliche Studien zum Krieg selbst beziehungsweise dessen Vorgeschichte vorgestellt. In „The Expected and Non-Expected Roots of Chaos: Preconditions of the Finnish Civil War“ zeichnet Pertti Haapala ein Portrait der finnischen Gesellschaft um 1900 und betont, dass die Spaltung zwischen den verschiedenen Gruppen hausgemacht gewesen sei, externe Faktoren dann jedoch zur Eskalation des Konfliktes geführt hätten.

Um den konkreten Ausbruch des Bürgerkrieges im Januar 1918 geht es bei Juha Siltala in „Being Absorbed into an Unintended War“: Siltala nutzt psychologische Konzepte, um zu erklären, wie gruppendynamisch Entscheidungen (falsch) getroffen wurden und der Krieg schon im Generalstreik von 1917 seinen Ausgang nahm, bis er im Januar 1918 dann voll ausbrach. Dabei beruhten, so Siltala, die Ängste und Zuschreibungen der beiden beteiligten Seiten für die jeweils andere auf ähnlichen Mechanismen und Wertvorstellungen. Diese spiegelhafte Ähnlichkeit der Kontrahenten wird im Band immer wieder betont. Herauszustellen ist außerdem, dass zwar weiter mit den Schlagworten „Rote“ und „Weiße“ gearbeitet wird, diese jedoch differenziert betrachtet werden und verschiedene Strömungen erkennbar bleiben.

Marko Tikkas Aufsatz „Warfare and Terror in 1918“ beschreibt den konkreten Kriegsverlauf und die Radikalisierung der Gewalt. Entscheidend für den Sieg der Weißen war ein Gefälle im Know-How. So kämpften beispielsweise fast alle in der russischen Armee ausgebildeten finnischen Offiziere auf der Seite der Weißen. Ebenfalls wichtig waren das Eingreifen Deutschlands sowie das Nicht-Eingreifen der Bolschewiki. Insgesamt starben im finnischen Bürgerkrieg 36.000 Menschen, ein Drittel im Kampf, ein Drittel durch Terrormaßnahmen und ein Drittel in den nach dem Krieg durch die Weißen eingerichteten Kriegsgefangenenlagern. 27.000 der Opfer waren Rote.

Mit „Holy War: Finnish Irredentist Campaigns in the Aftermath of the Civil War“ geht Aapo Roselius sodann auf zwölf semioffizielle militärische Kampagnen in außerterritorialen Gebieten zwischen 1918 und 1922 ein, die von jungen Soldaten getragen wurden. Die Eroberungsbemühungen vor allem in Ostkarelien wurden von den politischen Kräften in Finnland zumindest geduldet und beriefen sich auf „großfinnische“ Ideen der Zusammenführung der finnischen Völker. Auch wenn diese Kampagnen durchweg scheiterten, blieben die großfinnischen Hoffnungen Teil der bürgerlichen Ideenwelt und spielten im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle.

Von den konkreten Kriegsereignissen und gesellschaftlichen Strukturen geht der zweite Teil des Sammelbandes zu einer kulturgeschichtlich geprägten Sichtweise über. Unter dem Titel „Cultural Contents and War Time Experiences“ sind erneut vier Aufsätze versammelt. In „The Mystified War: Regeneration and Sacrifice“ zeigt Tuomas Tepora, dass auf beiden Seiten des Konfliktes Ideale zu einer Radikalisierung des Konfliktes beigetrugen. Auch bei diesem Aufsatz fällt erneut Belegarmut auf. Wie bereits bei Siltala wird deutlich, dass die politische Ideologie der Sozialdemokraten nicht auf einen blutigen Kampf ausgerichtet war. Tepora geht auf einzelne Positionen intellektueller Vordenker ein, die dem Bild von Rot gegen Weiß wichtige Schattierungen und Übergänge hinzufügen.

Mit „Women at War“ bringt Tiina Lintunen die weibliche Perspektive ins Bild. Lintunen beschreibt die Aufgaben von Frauen im Bürgerkrieg auf beiden Konfliktseiten und die propagandistische Reaktion der bürgerlichen Kräfte auf das Auftreten von Frauen als aktive Soldatinnen auf Seiten der Roten. Hier setzt Lintunen Bezugspunkte etwa zum Spanischen Bürgerkrieg, indem sie die jeweiligen gesellschaftlichen Wahrnehmungen miteinander vergleicht. Die emanzipativen Effekte, die das Kampfgeschehen für die finnischen Frauen auf beiden Seiten mit sich brachte, wurden nach dem Bürgerkrieg schnell wieder eingefangen.

Marianne Junila richtet den Fokus mit „War through the Children’s Eyes“ auf eine weitere unterbelichtete Personengruppe im Kriegsgeschehen. Der Aufsatztitel ist quellenbedingt etwas irreführend, denn Junila bezieht sich auf Schulaufsätze, die in direktem Anschluss an den Krieg an einem Lyceum in Tampere von Schülerinnen zwischen 11 und 20 Jahren geschrieben wurden. Einerseits lässt sich fragen, ob diese Altersgruppe in den Bereich der Kindheit einzuordnen ist, andererseits ist – darauf weist Junila selbst hin – der Blickwinkel sehr spezifisch, da es sich um eine privilegierte Personengruppe handelt, die stark von der sie umgebenden bürgerlichen Gesellschaft geprägt war. Dennoch ist spannend, wie die Jugendlichen die Gewalterfahrung, etwa das Miterleben von an Roten durchgeführten Ad Hoc-Exekutionen auf den Straßen, mit den ihnen bekannten Narrativen in Einklang zu bringen versuchen.

Eine dritte Sondergruppe stellt Anders Ahlbäck in „Masculinities and the Ideal Warrior: Immages of the Jäger Movement“ vor. Bei den sogenannten Jägern handelt es sich um ca. 2000 junge Männer, die im deutschen Kaiserreich militärisch ausgebildet wurden und auf Seiten der Weißen kämpften. Ahlbäck stellt die Heldenmythen über diese jungen Männer der tatsächlichen Gruppenzusammensetzung und Motivation gegenüber und lotet damit Bruchlinien der weißen Narrative aus.

Im dritten Teil des Bandes, „Interpretations and Remembrance“, wenden sich die Aufsätze in chronologischer Abfolge der Erinnerungskultur zu. Aapo Roselius beschreibt in „The War of Liberation, the Civil Guards and the Veteran’s Union: Public Memory in the Interwar Period“ die dominierenden Narrative der Weißen im direkten Anschluss an den Bürgerkrieg und die graduelle Öffnung hin zu einer für beide Seiten offeneren Erinnerungskultur in den 1930er-Jahren. Beides setzt er in Bezug zu erinnerungskulturellen Untersuchungen zum Ersten Weltkrieg in Europa, was der Analyse von Funktionsweisen und Instrumentalisierungen der Erinnerungsrituale eine spannende Tiefenschärfe gibt.

Tauno Saarela beschäftigt sich in seinem Aufsatz „To Commemorate or Not: The Finnish Labor Movement and the Memory oft he Civil War in the Interwar Period“ mit dem gleichen Zeitabschnitt, allerdings aus Sicht der Geschlagenen, wobei er vor allem die offiziellen Haltungen der linken Parteien miteinander vergleicht. Saarela konstatiert deren Wichtigkeit, um das dominante Narrativ der Weißen immer wieder zu hinterfragen.

Anschließend nimmt Tuomas Tepora den zentralen Umbruchspunkt der finnischen Erinnerungskultur zum Bürgerkrieg in den Blick: „Changing Perceptions of 1918: World War II and The Post-War Rise of the Left“ charakterisiert Winter- und Fortsetzungskrieg als Momente der gemeinsamen Bedrohung für Linke und Rechte und Katalysator für eine neue Erinnerungskultur, wobei Tepora durch die Weiterführung auf die linken Narrative nach dem Krieg deutlich macht, dass konkurrierende Erzählungen bestehen blieben.

Diese Diagnose bestätigt auch der abschließende Aufsatz des Bandes von Tiina Kinnunen. Mit „The Post-Cold War Memory Culture of the Civil War: Old-New Patterns and New Approaches“ zeigt sie einerseits, wie Narrative der Weißen nach der Auflösung der Sowjetunion wieder auflebten, andererseits mit dem Sinken der persönlichen Betroffenheit das vereinende Erinnern an den Zweiten Weltkrieg zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dabei geht Kinnunen stark auf die historiographische Bearbeitung des Bürgerkrieges ein[1], der nun nuancierter betrachtet werde und durch den internationalen Einfluss weniger auf Kampfverläufe als auf konkrete Akteure, Opfer und kulturelle Deutungen schaue. In diesem Sinne kann der Aufsatz einerseits als Zusammenfassung, andererseits aber auch als abrundende Begründung des vorliegenden Bandes bewertet werden.

Die vorangehenden Zusammenfassungen der Einzelbeiträge dürften deutlich gemacht haben, dass die Herausgeber sich um eine tiefgreifende Analyse des finnischen Bürgerkrieges sowie dessen Rezeption in Finnland bemüht haben. Die Texte sind auch für Nicht-Kenner der finnischen Geschichte gut zu rezipieren, da sie Kontextualisierungen entsprechend mitliefern. Leichte Überschneidungen zwischen den Aufsätzen sind zu verschmerzen, da so die Artikel auch gesondert lesbar bleiben.

Schade ist, dass nur sehr vereinzelt Kartenmaterial zum tieferen geographischen Verständnis angeboten wird. Auch die zahlreichen fotografischen Abbildungen im Band bleiben etwas hinter ihren Möglichkeiten zurück und haben rein illustrativen Charakter. Gerade im Zusammenhang mit der Rezeptionsgeschichte und dem erinnerungskulturellen Umgang mit dem Bürgerkrieg wären hier ikonographische Untersuchungen und ein bewussterer Umgang mit den Bildermaterialien lohnenswert gewesen.

Abschließend lässt sich sagen, dass der vorliegende Band den finnischen Bürgerkrieg von 1918 in seiner Vor- und Nachgeschichte facettenreich beleuchtet und zentrale Forschungsergebnisse präsentiert. Der Versuch jedoch, ihn in eine europäische Geschichte einzuordnen und mit anderen erinnerungskulturellen Aspekten zu verknüpfen, verbleibt lückenhaft. Auch hier wäre ein auf diese Thematik fokussierter Aufsatz, der auch auf theoretischer Ebene Momente transnationaler Erinnerungsprozesse reflektiert und danach fragt, ob die Gewalterfahrung eines Bürgerkrieges tatsächlich mit der Gewalterfahrung des Ersten Weltkrieges zu einer gemeinsamen europäischen Erfahrung zu verbinden ist, wünschenswert gewesen. So bleibt zu konstatieren, dass hier noch Arbeit zu tun ist.

Anmerkung:
[1] Die Widerspiegelung der gesellschaftlichen Positionen in der jeweiligen historischen Forschung lassen sich auch in Überblicksdarstellungen für einen internationalen Markt gut nachvollziehen. So wirken beispielsweise Seppo Hentiläs Ausführung als stark ausgleichendes Narrativ in Richtung der roten Erinnerungskultur, während David Kirby eher „weißes“ Vokabular verwendet. Die kürzlich erschienene Übersetzung der Geschichte Finnlands von Henrik Meinander dagegen spiegelt das versöhnliche Narrativ.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.05.2018
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