Cover
Titel
Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance


Autor(en)
Roeck, Bernd
Reihe
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
1.304 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Woelki, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Warum Europa? Wie konnte es geschehen, dass das neuzeitliche Europa die noch wenige Jahrhunderte zuvor technologisch unendlich überlegenen chinesischen und islamischen Kulturräume überflügelte und auf der weltpolitischen Bühne zur dominanten Macht aufstieg? Die großartige, monumentale, von den Rezensenten völlig zurecht hymnisch gelobte Gesamtdarstellung der Renaissance durch den Züricher Historiker Bernd Roeck setzt einen fundamentalen Markstein in der häufig geführten Debatte um die Ursachen für den europäischen Sonderweg und die „große Divergenz“. Seine These: Entscheidend waren nicht vorrangig ökonomische Ursachen, auch nicht allein Entwicklungen der Zeit ab dem 17. Jahrhundert, sondern die chronologisch und inhaltlich sehr weit gefasste europäische Renaissance mit den in ihr zusammenlaufenden, tief verwurzelten und extrem langfristigen Entwicklungssträngen. Sie werden weit über die im Kern behandelte, hier etwa vom 14. bis zum 17. Jahrhundert abgesteckte Epoche hinaus verfolgt. In ihnen erweist sich Politisches untrennbar mit Kunst und Wissenschaft verwoben.

Bereits die chronologischen Ausmaße der Untersuchung sind schwindelerregend. Die europäische Entwicklung wird weitausgreifend nachvollzogen: von der griechischen und römischen Antike über die Klostergelehrten des frühen Mittelalters, die „Renaissancen“ der Karolinger- und Ottonenzeit, des 12. Jahrhunderts (die als erste echte Wiedererweckung der Antike qualifiziert und für die nachfolgenden Entwicklungen in besonderer Weise in Anspruch genommen wird), mit steigender Intensität dann die italienische Staatenwelt des 14. Jahrhunderts als direkte Voraussetzung der eingehend geschilderten frühhumanistischen Bewegung, deren Diffusion nach West- und Mitteleuropa unter den jeweils dargestellten politischen Bedingungen bis hin zur Spätrenaissance des 16. und 17. Jahrhunderts mit ihren manieristischen Auswüchsen und Nachwirkungen im Zeitalter des Barock und der Aufklärung.

Auch in regionaler Hinsicht ist der Blick sehr weit und dennoch feingliedrig differenziert. Die durchschrittenen geographischen Räume reichen weit über das Kerngebiet der Argumentation, die Mittelmeerregion sowie West- und Mitteleuropa, hinaus. Betrachtet werden praktisch alle geographischen Räume der Erde, freilich in unterschiedlicher Ausführlichkeit und Intensität. Sehr umfassend dargestellt sind neben den osteuropäischen Regionen vor allem die islamische Welt und der Ferne Osten, besonders die chinesischen Reiche, zumindest kursorisch aber auch die amerikanischen Kulturen vor und nach Kolumbus, Südostasien, Indien und Afrika.

In methodischer Hinsicht profitiert die Darstellung von sehr handlichen und konsequent angewandten Schlüsselbegriffen, um die sich die Hauptstränge der Argumentation ranken.

a) Maßgeblich ist der Anspruch, „tiefe Geschichte“ zu betreiben. Gemeint ist eine quasi archäologische Ergründung von uralten Strukturen und langandauernden Entwicklungen sowie tief in der Gesellschaft verankerten Strukturen. Musterbeispiel dieses Zugriffs ist etwa die mehrfach als Argument für den europäischen Sonderweg angeführte geringe Familiengröße bei späten Heiraten und kurzen Fruchtbarkeitsphasen, die ein übermäßiges Bevölkerungswachstum verhindert haben.

b) Ein weiteres zentrales Interpretament ist das „große Gespräch“, was hier mehr bedeutet als Diskursanalyse. Kommunikation und Austausch von Ideen und Wissen werden als Basis von Innovation und Kreativität gedeutet, die keine Gesellschaft aus sich selbst heraus in gleichem Maß hervorbringen könne. Gerade in Europa waren bereits die geographischen Bedingungen hierfür ideal gewesen: Das Mittelmeer als verbindender Raum, lange Küstenlinien und zahlreiche Flüsse förderten den ständigen Austausch. Ab dem Hochmittelalter kamen durch die Universitäten, später auch Akademien, gelehrten Zirkel und vieles mehr auch institutionell privilegierte Gesprächsräume hinzu. Die Supersprache Latein ermöglichte trotz aller politischer Zersplitterung einen nie abreißenden europaweiten Austausch von Ideen. Gleichzeitig werden Kontakte zum benachbarten islamischen Kulturraum, über den nicht nur antikes Wissen vermittelt wurde, sondern auch Innovationen aus Fernost und Indien (die Null!) nach Europa einsickerten, als entscheidender Standortvorteil gewertet.

c) Gegenstand der Argumentation sind nicht vorrangig Kausalitätsketten, schon gar nicht lineare Ursache-Folge-Beziehungen, sondern Möglichkeitsräume, also Rahmenbedingungen, die bestimmte Entwicklungen wahrscheinlich machten, wobei es aber in der Regel nicht absehbar war, wohin die Entwicklungen führen sollten. Diesem Anspruch ist es wohl geschuldet, dass die Darstellung trotz der konzise formulierten These, die nie aus dem Fokus gerät, sehr breit angelegt werden musste. Hierdurch erweist sich die Argumentation zudem als sehr flexibel und zeigt sich auch offen für unberechenbare Faktoren wie der Rolle einzelner Menschen, von denen Dutzende in diesem Buch näher vorgestellt werden, jedoch nie als weltentrückte Genies, sondern tief verwoben in die Strukturen ihrer Zeit. Ebenso offen ist die Argumentation für die Wirkmacht von Zufällen, die hier mitunter sogar besonders betont wird, oft auch an überraschenden Stellen. So besteht der Autor darauf, dass ein verirrter Pfeil, der das Pferd Kaiser Ottos IV. traf, die Schlacht von Bouvines 1214 entschieden habe, ohne die der englische Weg zum Parlamentarismus nicht in der Weise vorstellbar gewesen sei.

d) Wichtigstes politisches Analysekriterium ist das Begriffspaar „Vertikale“/„Horizontale“. Konsensuale und korporative, mithin „horizontale“ Machtstrukturen fanden in Europa immer wieder Entfaltungsräume (Ständeversammlungen, Zünfte etc.), die schließlich die Ausbildung einer bürgerlichen Mittelschicht ermöglichten. Die Rolle der professionellen Jurisprudenz und des römischen Rechts für die Entstehung einer in Ansätzen egalitären Rechtsordnung, in der nicht nur Handelsgüter, sondern auch Ideen ausgetauscht und entwickelt werden konnten, wird dabei besonders hervorgehoben. Gleichzeitig entscheidend war die Vielfalt der vertikalen Kräfte, darunter verschiedene aufstrebende Fürstenhäuser von regionaler Bedeutung, auch Parvenüs und Usurpatoren, die ihre Legitimitätsdefizite durch kulturellen Glanz kompensierten, ihren Wettstreit auch mit Mitteln der Wissenschaft und Kunst ausfochten und so vielfältige Patronagemöglichkeiten schufen.

e) Inhaltliche Leitidee ist schließlich die Frage nach dem Umgang mit der Antike, an der sich die Innovationskraft und Kreativität der untersuchten europäischen Gesellschaften erweist, und zwar personifiziert durch den immer wieder durch das Bild flatternden Vogel Phönix, der zunächst nur nischenhafte Nistplätze in Klöstern fand, dann aber an Höfen und Universitäten zu prachtvollem Leben erwachte.

f) Als wichtigster negativer Faktor für die Erklärung des europäischen Sonderweges wird die einzigartige Zügelung der Religion seit dem Investiturstreit, besonders aber durch die Religionskriege ausgemacht. Vor allem den „Lichtungen der Weltlichkeit“ wird Innovationskraft zugestanden.

Vielfältig sind die von der Darstellung umfassten historischen Felder. Eiserne Politikgeschichte der großen und kleinen Reiche gibt eher die Rahmenhandlungen vor und bereitet den Boden für die „tiefe Geschichte“. Wichtigster Einzelfaktor zur Erklärung des europäischen Weges waren die großen Invasionen der Mongolen, die China und die islamische Welt destabilisierten, aber das lateinische Kern-Europa verschonten. Der eigentliche Fokus liegt aber auf der Kunst-, Literatur- und Philosophiegeschichte sowie ganz besonders der Wissenschaftsgeschichte mit ihren großen Erfindungen (darunter vor allem den kommunikationsrelevanten Technologien Papier, Brille und Buchdruck) und den Fortschritten in Medizin und Astronomie, an denen sich der methodische Wandel zu einer empirischen, von Skepsis und Kritik getragenen Wissenschaft gut zeigen lässt. Immer wieder angeführt wird auch die Klimageschichte: Warm- und Kaltzeiten lieferten Anstöße für langfristige Prozesse.

Die fast unübersichtliche Breite der durchschrittenen Felder und Räume suggeriert eine enzyklopädisch abschließende Vollständigkeit der aufgebotenen totalen und globalen Geschichtsbilder. Dabei setzt die Darstellung durchaus spezifische Akzente und enthält überraschende Gewichtungen. Manch wichtiges Thema der behandelten Epochen findet sich an den Rand gedrängt: Die Kreuzzüge erscheinen als Randepisode ohne Einfluss auf den kulturellen Austausch mit der islamischen Welt. Die große Pest bleibt weitgehend folgenlos für die langfristige Entwicklung der europäischen Gesellschaften. Kirchengeschichte kommt bis zur Reformationszeit eher selten vor und erscheint vor allem innovationshindernder Faktor. Das große Schisma und seine ekklesiologischen Debatten bleiben marginal; selbst die großen Konzilien in Konstanz und Basel sind nur kurz angerissen, und zwar vor allem als Ausgangsbasis für die Handschriftenjagden der Humanisten in den Klosterbibliotheken. Die hier debattierten Chancen des Horizontalen, die sich gerade aus dem kirchlichen Leben ergaben (synodale Kirchenverfassung, Redefreiheit und quasi-demokratische Beschlussfassung), würden die Argumentation dabei durchaus stützen. Auch die stark vernetzten Klostergemeinschaften als Orte der Wissensdiffusion, auch sie Schauplätze des „großen Gesprächs“ und Diffusionsräume des Humanismus, wären stärkerer Beachtung wert gewesen.

Trotz ihrer Länge wird die Darstellung nie zur weitschweifigen Erzählung, sondern behandelt die vielfältigen Themenfelder in einer substantiell stark verdichteten Form, die ganze Bibliotheken zu synthetisieren scheint. Frappierende und oft suggestive sprachliche Pointierungen, aus denen sich unzählige markige Aphorismen extrahieren ließen, charakterisieren den Text, dem ein breiter Leserkreis gewiss ist. Die These setzt ein starkes Signal zugunsten der vormodernen Epochen, die sich in Wissenschaft und Unterricht massiv auf dem Rückzug befinden und von der Zeitgeschichte marginalisiert werden. Ein fundierteres und überzeugenderes Statement zugunsten einer offenen und pluralistischen europäischen Gesellschaft als diese Geschichte der Renaissance ist kaum vorstellbar.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.04.2021
Beiträger
Redaktionell betreut durch