F. Hadler u.a. (Hrsg.): Handbuch transnat. Geschichte Ostmitteleuropas

Cover
Titel
Handbuch einer transnationalen Geschichte Ostmitteleuropas.. Band I. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg


Herausgeber
Hadler, Frank
Reihe
Transnationale Geschichte, 6
Erschienen
Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
685 S.
Preis
€ 74,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maciej Górny, Ostmitteleuropäische Geschichte, Tadeusz-Manteufel-Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Warschau

Der opulente erste Band dieses ambitionierten Gesamtwerkes geht auf ein Projekt des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (seit kurzem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa) in Leipzig zurück. Die Herausgeber verfolgen damit zwei Ziele: Sie wollen anhand ausgewählter Probleme die Möglichkeiten einer transnationalen Geschichte Ostmitteleuropas erproben und zugleich die bisherige Forschungslandschaft kritisch vermessen. Ostmitteleuropa umfasst aus ihrer Perspektive hauptsächlich die Teilungsgebiete Polens sowie Böhmen, Mähren und das Königreich Ungarn. Weitere Territorien erscheinen im Handbuch nur marginal, ebenso wie nicht dominante ethnische und kulturelle Gruppen: Juden, Ruthenen/Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Letten und Esten, Slowaken, Rumänen, Serben und Kroaten. Einige Autoren des Bandes verzichten aus Prinzip gänzlich auf jene Elemente der ostmitteleuropäischen Geschichte, die eng mit den imperialen Zentren Russland, Deutschland und Österreich verbunden sind. Die betrachtete Zeitspanne korrespondiert mit der sogenannten ersten Globalisierung des 19. Jahrhunderts und tatsächlich beziehen sich die Einzelstudien im Band auf historische Phänomene, die sich nicht von den damit verbundenen Modernisierungsprozessen trennen lassen: Territorialisierung (also staatliche wie auch nichtstaatliche Raumkontrolle durch Vermessung, Infrastrukturausbau und Verkehr), Arbeitsmigration, wirtschaftliche Entwicklung und das Entstehen internationaler Organisationen. All diese Themen werden im Band gleich doppelt behandelt: Zunächst historisch in bis zu hundert Seiten umfassenden problemorientierten Einzelstudien, dann historiographisch in kürzeren Beiträgen zu Forschungstraditionen und -desiderata.

Die Lektüre weckt gemischte Gefühle. Um mit den positiven zu beginnen: Die meisten Problemaufrisse sind ausgesprochen gelungen und informativ. Es gelingt ihnen tatsächlich, die von den Herausgebern als Ziel formulierte transnationale Perspektive einzunehmen. Die vier Einzelstudien von Michael G. Esch zur Migration, von Beata Hock zur Kultur und Kunst, von Uwe Müller zu wirtschaftlichen Verflechtungen und von Katja Naumann zur Internationalisierung im Bereich der humanitären Hilfe und Geschlechtergleichheit erfassen zwar jeweils nur Bruchteile der betrachteten Problemfelder; die vorhandenen Lücken und nötigen Fokussierungen sind aber vertretbar, auch weil sie eine flüssige und nachvollziehbare Narration ermöglichen. Weniger gelungen ist hingegen die Kohärenz der Beiträge mit Blick auf die anvisierte gemeinsame Geschichte Ostmitteleuropas: So sind Bezüge zwischen den einzelnen Kapiteln selten. Einige Autoren vertiefen sich in methodologische Fragen (Hock), andere verzichten darauf (Naumann). Auch wird das Verfahren, wichtige Informationen als Kapseln vom Blocksatz abzuheben, nur sehr inkonsequent praktiziert. Was die genannten Studien verbindet, ist die Berücksichtigung der Geschlechterproblematik bei jeder behandelten Frage sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der dominierenden nationszentrierten Historiographie.

Im Gegensatz zu den bisher genannten Texten wirkt der Beitrag zur Territorialisierung von Steffi Marung, Matthias Middell und Uwe Müller weniger gelungen. Die Notwendigkeit, das breite Thema auf unter 100 Seiten unterzubringen, führt gelegentlich zu Oberflächlichkeiten. Irritierend wirkt insbesondere, dass manche These, die weder besonders kompliziert noch besonders neu ist, in einer mit Fachbegriffen überladenen Sprache formuliert wird (wie etwa die Feststellung auf S. 46, dass „die imperialen Ergänzungsräume“ in Ostmitteleuropa meistens keine Überseekolonien waren). Die Ursache dafür mag ein unscharf formulierter Forschungsgegenstand sein: Mit „Transnationalität“ und „Territorialisierung“ nutzen die Autoren des Beitrags gleich zwei relativ neue Konzepte, deren historischer Geltungsbereich in der Forschung noch nicht klar ausformuliert wurde.

Der zweite Teil des Buches beschreibt die bisherigen Forschungen zu den genannten Themen mit Blick auf solche Ansätze, die über die Nationalgeschichte hinausreichen. Die Beiträge korrespondieren direkt mit den vorangestellten Abhandlungen, wurden von denselben Autoren geschrieben und besitzen einen hohen Informationswert. Im Gegensatz zum ersten Teil enthält der zweite allerdings zahlreiche Tippfehler. Problematischer ist jedoch die Auswahl, der von den Autoren rezipierten historiographischen Traditionen. So fehlen im Handbuch Bezüge auf die von der Annales-Schule inspirierte regionale Forschung zur Sozialgeschichte Osteuropas, die sich zwar auf Probleme des Feudalismus und der „zweiten Leibeigenschaft“ konzentrierten, aber in den Werken von Witold Kula, Henri Stahl und anderen tief ins 19. Jahrhundert reichten. Iván Berend und György Ránki sind die einzigen Vertreter dieser Richtung, die im Band Erwähnung finden. Noch schwerer wiegt das Fehlen von Werken zur Ideengeschichte in ihren vergleichenden (wie bei Denis Sdvižkov, Maciej Janowski, Balázs Trencsényi oder Jerzy Jedlicki) wie auch transnationalen Spielarten (wie in der vor kurzem erschienenen genuin transnationalen History of Modern Political Thought in East Central Europe).[1] Schließlich wird auch die lange Tradition der Nationalismusforschung marginalisiert, die in ihrer ostmitteleuropäischen Variante viel Verständnis für hybride und multiple Identitäten aufbrachte. Zu erwähnen wären hier vor allem Autoren wie Józef Chlebowczyk oder Henryk Wereszycki, aber auch andere Forscher, die sich etwa mit der Frage „slawischer Wechselseitigkeit“ beschäftigten.

Das Auslassen von Phänomenen wie politischer Ideen, Wissenschaft (hier vor allem der Universitäten, die sich in Deutschland und Österreich-Ungarn am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu Knotenpunkten einer multinationalen Gemeinschaft entwickelten) oder Grenzraumsoziologie, wie sie in den Forschungen von Chlebowczyk entwickelt wurde, wäre an sich kein Grund zur Kritik, obliegt die Themenwahl doch den Herausgebern. Allerdings erklären diese im Vorwort die „grenzüberschreitenden Bewegungen von Menschen, Waren, Ideen und Kapital“ ausdrücklich zu ihrem Interessengebiet. Angesichts dieses Anspruchs und der im Band wiederholt vorgetragenen Klage über das Fehlen lokaler Forschung scheint es jedoch angebracht, auf diese Rezeptionslücken hinzuweisen. Auch wenn die Forschung in den betrachteten Ländern nämlich thematische und methodische Einschränkungen aufweist, ist sie doch umfangreicher, als es der rezensierte Band glauben macht.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Handbuch einer transnationalen Geschichte Ostmitteleuropas starke und schwache Seiten hat. Seine Stärke liegt in den konkreten historischen Fallstudien, die Schwäche dagegen in der Übersichtsdarstellung und in der Bewertung der Forschungstradition. Dies wirft die Frage auf, ob die gewählte Form der Darstellung im vorliegenden Fall die richtige ist. Schließlich suggeriert das Wort „Handbuch“ zwei Möglichkeiten: entweder ein Buch, das theoretisches und methodologisches Wissen darüber versammelt, wie etwas (in diesem Fall eine transnationale Geschichte Ostmitteleuropas) zu betreiben ist, oder eines, das die transnationale Geschichte eines bestimmten historischen Phänomens in mehr oder weniger komplexer Form erzählt (wie in vielen von Oxford oder Cambridge produzierten „handbooks“). Das vorliegende Handbuch erfüllt keine dieser Aufgaben. Über die Methodologie einer transnationalen Forschung erfährt der Leser nur wenig, und die historische Darstellung beschränkt sich auf einige hochinteressante, aber sehr spezifische Themen. Im Grunde haben wir es also mit einer Sammlung von Studien zu tun, die transnationalen Fragen gewidmet sind. Das ist zwar nicht wenig, die Etikettierung als „Handbuch“ verschleiert aber die Tatsache, dass es sich eigentlich um einen Sammelband handelt.

Das modische Wort „transnational“ mit dem kargen und unattraktiven Begriff „Ostmitteleuropa“ produktiv in Einklang zu bringen, ist ein Vorhaben, das Respekt und Unterstützung verdient (vor allem seitens anderer Osteuropahistoriker). Darum bleibt mit den Herausgebern zu hoffen, dass der vorliegende Band nicht der letzte sein wird. Das Potenzial, ein solch ambitioniertes Vorhaben zu realisieren, kann man den Herausgebern und Autoren dieses Bandes nicht absprechen. Dieses Potential besser zu nutzen, ist eine Herausforderung, der sie sich in den geplanten Folgebänden zu den Epochen bis 1945/48 sowie bis 1989 werden stellen müssen.

Anmerkung:
[1] Balázs Trencsényi, Maciej Janowski, Mónika Baár, Maria Falina, Michal Kopeček: A History of Modern Political Thought in East Central Europe. Volume I: Negotiating Modernity in the 'Long Nineteenth Century' (Oxford: Oxford University Press, 2016).

Redaktion
Veröffentlicht am
20.06.2018
Beiträger
Redaktionell betreut durch