Cover
Titel
Königsherrschaft im Mittelalter.


Autor(en)
Büttner, Andreas
Reihe
Seminar Geschichte; De Gruyter Studium
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 259 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Exarchos, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Das hier zu besprechende Buch von Andreas Büttner gehört der Reihe „Seminar Geschichte“ an, die vom De Gruyter Oldenbourg-Verlag herausgegeben wird, und behandelt die nicht unkomplizierte Thematik der Königsherrschaft im Mittelalter. Ziel des Bandes ist nach eigenen Angaben nicht eine gefestigte Forschungsmeinung zu dem Thema zu vertreten, sondern einen konzisen Überblick über die Thematik zu geben und eine Vielzahl möglicher Ansätze und Deutungsmuster zu mittelalterlicher Königsherrschaft in enger Anlehnung an die Quellen aufzuzeigen. Das Buch, so der Autor, „möchte einerseits Halt geben und ein festes Wissensgerüst liefern, aber andererseits auch vermitteln, woher dieser Halt kommt und was seine Bauteile sind“ (S. 13).

In der Tat setzt sich der Band, wie die Reihe „Seminar Geschichte“ auch vorgibt, intensiv mit Quellen auseinander, ohne seine Form als Einführungswerk in die Thematik zu verlieren. Jedes Kapitel ist unterteilt in Unterkapitel und wird mit der Rubrik „Quellen und Vertiefung“ abgerundet, in der eine oder mehrere Quellenauszüge, abgestimmt auf das jeweilige Kapitelthema, in Übersetzung aufgeführt sind. Die Quellenpassagen werden zusätzlich durch weiterführende Fragen und Anregungen ergänzt, die gegebenenfalls von den Leserinnen und Lesern erörtert werden können und sich gut für den Unterricht eignen. Abgeschlossen wird jedes Kapitel durch knappe Lektüreempfehlungen, die am Ende des Buches durch ein Literaturverzeichnis ergänzt werden.

Das Buch deckt das gesamte Mittelalter ab (500–1500), setzt aber einen klaren Schwerpunkt auf das Karolingische und Römisch-Deutsche Reich. Büttner begründet diese Wahl mit dem derzeitigen Fokus der universitären Lehre in Deutschland, für die das Buch hauptsächlich konzipiert ist. Ergänzend werden in dem Buch weitere Königreiche und ihre spezifischen Herrschaftsformen behandelt, wobei Büttner vor allem Frankreich und England als Beispiele herausstellt.

Die thematische Gliederung der Arbeit orientiert sich an den verschiedenen Bereichen und Aspekten mittelalterlicher Königsherrschaft. Das Buch beginnt thematisch mit den Quellen zur Königsherrschaft. Büttner betont die Vielzahl von Quellen, die für die Erforschung der mittelalterlichen Königsherrschaft zur Verfügung stehen. Viele Aussagen dieses Kapitels über Quellenkritik, Überlieferungsdichte und Überlieferungsverluste sowie über die Repräsentativität der Quellen und ihre Interpretation (vor allem am Fallbeispiel Urkunden) treffen auf die meisten Felder der mittelalterlichen Geschichte zu und sind nicht spezifisch für mittelalterliche Königsherrschaft. Dennoch bietet das Kapitel eine gute Einführung in die Quellen, die gerade für Studierende der mittelalterlichen Geschichte generell hilfreich sein könnte.

Der darauffolgende Teil beschäftigt sich mit der Etablierung des mittelalterlichen Königtums und seinen Voraussetzungen. Kurz geht Büttner auf die römischen, germanischen und christlichen Elemente ein, die auf das merowingische Königtum wirkten. Vor allem die mythischen Komponenten (wie die reges criniti, die langen Haare der Merowingerherrscher), die christlichen Bezüge (Taufe Chlodwigs Ende des 5./Anfang des 6. Jahrhunderts und das Gottesgnadentum) sowie Herrschersakralität erhalten in dem Kapitel besondere Aufmerksamkeit. Sehr gelungen herausgearbeitet ist der Vergleich zwischen den französischen und englischen Königen auf der einen und den römisch-deutschen auf der anderen Seite. Während die englischen und französischen Monarchen eine besonders ausgeprägte Form der Herrschersakralität (Thaumaturgentum) entwickelten, wirkte der Investiturstreit als ein Einschnitt in die Sakralität der römisch-deutschen Könige.

Anknüpfend an solche ideologischen Aspekte mittelalterlicher Königsherrschaft wendet sich das darauffolgende Kapitel dem Herrschaftsideal zu. Büttner betont, dass das Idealbild eines mittelalterlichen Königs von vielen Faktoren und Einflüssen bestimmt war (von antiken Autoren, biblischen Bildern und den Kirchenvätern) und zieht für die Darstellung dieses Themenabschnittes vor allem Urkunden (insbesondere die Arengen), Wahlanzeigen, Chroniken und Fürstenspiegel heran. Obwohl die vier Haupttugenden eines Königs (fortitudo, temperantia, prudentia/sapientia und iustitia) eine erstaunliche Konstanz bewiesen, variierte das Herrscherideal nach Epoche, Königreich, Quellengattung und Autor.

Dass die königliche Macht und Herrschaft im Mittelalter von vielen Faktoren und Mitspielern abhängig war, zeigen besonders deutlich die Kapitel zu Herrschaft als Aushandlungsprozess und zu den Mit- und Gegenspielern des Königs (Kapitel 5 und 6). Als Beispiele für den Aushandlungsprozess königlicher Herrschaft fokussiert sich Büttner auf die Krönungseide während der Weihe, die Herrschaftsverträge mit besonderem Schwerpunkt auf Ungarn und England und die verschiedenen Möglichkeiten der Entmachtung von Königen. Als Mit- und Gegenspieler königlicher Herrschaft wirkte allen voran die königliche Familie selbst, die unterstützende Funktionen übernehmen wie auch Konkurrenz zu der königlichen Macht darstellen konnte. Adel und Städte und gegebenenfalls andere Könige waren weitere potenzielle Mit- und Gegenspieler des Königs genauso wie die Geistlichkeit. Büttner arbeitet speziell das starke Spannungsverhältnis zwischen Papsttum und königlicher Herrschaft heraus, das sich vor allem aus dem eingeforderten Recht des Papstes ergab, Herrschaft zu legitimieren.

Das anschließende Kapitel zur Königserhebung präsentiert eine schöne Bandbreite von Schrift- und Bildquellen. Das Unterkapitel „Vertiefung“ ist exklusiv den Krönungsordines gewidmet mit einem speziellen Akzent auf den Wandel der Ordines. Die Kontextualisierung und auch die Interpretation der Ordines hätten etwas ausgeprägter sein können, vor allem auch die Entwicklung in Frankreich. Man vermisst in den weiterführenden Lektüreempfehlungen und auch in der Literatur die ältere deutsche Forschung (vor allem die vielfältigen Studien von Schramm[1]), die, trotz des postulierten Schwerpunktes auf der aktuellen Forschung, als weiterführende Literatur nützlich gewesen wären. Zudem fällt auf, dass auch maßgebliche, jüngere Studien zu den Krönungsordines z.B. in Frankreich weder als weiterführende Literatur noch im Literaturverzeichnis aufgeführt werden (z.B. Jackson[2]).

Das darauffolgende Kapitel zu Präsenz und Performanz des Herrschers führt noch einmal vor Augen, wie wichtig die Person des Königs für die Herrschaftsausübung war. Gleich wichtig waren die ökonomischen Grundlagen, die Büttner sehr ausführlich darstellt und sowohl auf die Quellenproblematik wie auch auf aktuelle Forschungskontroversen (z.B. die Umdeutung des Tafelgüterverzeichnisses durch Caroline Göldel[3] (S. 131)) ausführlich eingeht.

Kapitel 10 und 11 behandeln dann die Personen im Dienste des Königs bzw. seine Stellvertretung. Anhand von Karl dem Großen, Friedrich I. und Heinrich II. von England werden in Kapitel 10 die Funktion der königlichen Ehefrauen, die Hofämter, Räte, Hofkapelle/Kanzlei, Legaten, Boten und Verwalter vorgestellt. Anknüpfend an die Verwalter wendet sich Büttner in Kapitel 11 den Stellvertretern königlicher Herrschaft zu. Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen die Stellvertreter von minderjährigen Königen und die Vikariate während Thronvakanzen und in Abwesenheit des Königs. Die regional unterschiedlich ausgeformte Rolle der Königinnen als Stellvertreterinnen des Königs und Regentinnen wird besonders hervorgehoben.

Dem Ende einzelner Königsherrschaften, nämlich dem Tod des Königs und seinem Weiterleben in der Nachwelt, widmet Büttner zwei Kapitel. Das erste über Tod und Memoria des Herrschers geht auf die unterschiedlichen Darstellungen des königlichen Todes und ihre Interpretationen in den Quellen ein. Auffallend scheint, dass die Darstellung des königlichen Todes von der Einstellung des jeweiligen Autors zu dem sterbenden König geprägt war. Könige, die von Quellenautoren geschätzt wurden, erleben meist einen guten Tod, während Könige, die sich geringerer Beliebtheit erfreuten, meist schlecht sterben. Bei Friedrich II. und den variierenden Darstellungen seines Todes in den Quellen wird dies allzu deutlich.

Die Grablegen werden von Büttner besonders hervorgehoben. Gerade die Herausbildung von zentralen, dynastischen Grablegen, wie in St. Denis in Frankreich, wurden zu einem Modell, dem andere Könige folgten. Es ist Büttner anzurechnen, dass er, trotz der Kürze der Kapitel, explizit auf Kantorowicz’ Studie „The King’s Two Bodies“[4] und auf die Kritik daran hinweist. Die Analyse bleibt jedoch zu oberflächlich, um den Gehalt von Kantorowicz’ Werk gänzlich zu verstehen und damit auch die Kritik daran.

Das letzte thematische Kapitel, die Heiligkeit von Herrschern, zeigt die verschiedenen Möglichkeiten auf, warum ein König heilig wurde und beleuchtet die politischen Komponenten, die eine Heiligsprechung begünstigten. Den Wandel, den einige heilige Könige in ihrer Darstellung und Verehrung durch die Jahrhunderte erlebten, stellt Büttner anschaulich und verständlich dar, zieht jedoch manchmal als Beispiele auch Königinnen heran, was unglücklich ist, da Königinnen andere Tugenden, Aufgaben und Funktionen erfüllten als Könige (z.B. Radegunde, S. 187–88). Daher ist diese Vermischung zwischen heiligen Königen und Königinnen problematisch.

Das letzte Kapitel des Buches behandelt die Rezeption und die Forschungsgeschichte mittelalterlicher Königsherrschaft. Büttner betont die Abhängigkeit der Forschung zum mittelalterlichen Königtum von aktuellen Sichtweisen, Deutungen und Debatten und hebt die Wichtigkeit von Quellen und neuen Methoden hervor. So richtig alles ist, was Büttner in diesem Kapitel anführt, so sind viele seiner Argumente allgemein gültig für nahezu alle mittelalterlichen Thematiken. Man möchte sich hier ein stärker auf die Thematik Königtum zugeschnittenes Kapitel wünschen, das explizit die königliche Herrschaft in den Blick nimmt.

Büttner hat ein informatives, ansprechend geschriebenes Studienbuch über mittelalterliches Königtum vorgelegt. Einige wichtige Studien fehlen in der Bibliographie (siehe oben) und auch einige Quellenbesprechungen scheinen sehr allgemein. Diese kleineren Kritikpunkte sollen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Büttner ein exzellentes Werk über Königtum im Mittelalter gelungen ist, das gerade auch wegen seines didaktischen Aufbaus Studierenden, interessierten Leserinnen und Lesern und auch Dozentinnen und Dozenten wichtige Anregungen geben wird.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Percy Ernst Schramm, Die Ordines der mittelalterlichen Kaiserkrönung. Ein Beitrag zur Geschichte des Kaisertums, in: Archiv für Urkundenforschung 11 (1930), S. 285–391; ders., Die Krönung bei den Westfranken und Angelsachsen vor 878 bis um 1000, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte: Kanonistische Abteilung 23 (1934), S. 117–242; ders., Die Krönung in Deutschland bis zum Beginn des Salischen Hauses, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte: Kanonistische Abteilung 24 (1935), S. 184–332; ders., Ordines-Studien 2. Die Krönungen bei den Westfranken und den Franzosen, in: Archiv für Urkundenforschung 15 (1938), S. 3–55.
[2] Richard A. Jackson, Ordines coronationis Franciae. Texts and Ordines for the Coronation of Frankish and French Kings and Queens in the Middle Ages, 2 Bde., Philadelphia 1995–2000.
[3] Caroline Göldel, Servitium regis und Tafelgüterverzeichnis. Untersuchung zur Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte des deutschen Königtums im 12. Jahrhundert, Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte 16, Sigmaringen 1997.
[4] Ernst H. Kantorowicz, The King’s Two Bodies. A Study in Mediaeval Political Theology, Princeton 1957.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.10.2018
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