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Titel
Mielke-Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945-1990


Autor(en)
Gieseke, Jens
Erschienen
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
DM 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Wettig

Nachdem Jens Gieseke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, bereits vor drei Jahren eine Kurzdarstellung der Geschichte des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in einem Sammelband veröffentlichte [1], legt er nunmehr eine umfassende Studie über dessen Entstehung, Entwicklung und Tätigkeit vor. Dabei geht es nicht nur um die Geschichte dieser Organisation, sondern zugleich auch um deren Funktion im Herrschaftsgefüge der DDR und um die Interaktion mit dem staatlichen, gesellschaftlichen und außenpolitischen Kontext. Es wird der Bogen gespannt von der stalinistisch geprägten Sowjetzone (SBZ) der frühen Nachkriegszeit, in der die ersten Vorläufer der ostdeutschen Geheimpolizei entstanden, bis zur völlig gewandelten Welt des zusammenbrechenden Sowjetimperiums in den späten achtziger Jahren und zu den Restbeständen des MfS-Personals im vereinigten Deutschland.

Für die Führung der UdSSR verstand es sich von selbst, daß ein Gebiet, auf das sich ihre Macht erstreckte, grundsätzlich nach analogen politischen Prinzipien zu organisieren war wie der eigene Staat. Daher erschien auch eine Geheimpolizei sowjetischer Machart erforderlich. In der Sicht Stalins kam aber ein landeseigener Staatssicherheitsdienst zunächst ebenso wenig in Betracht wie deutsche Militäreinheiten, denn zusammen mit den Westzonen unterstand die SBZ der „obersten Gewalt“ der dortigen Besatzungsmacht und sollte gemäß Übereinkunft der verbündeten Siegermächte ohne Waffen- und Machtapparate bleiben. Der sowjetische Führer legte zudem besonderen Wert darauf, daß die Deutschen in seinem Machtbereich der Okkupationsherrschaft so total und so lange wie nur irgend möglich unterworfen wurden.

Er betraute zwar die kommunistischen Kader der SBZ mit der Ausführung der Maßnahmen, die er beschlossen hatte, wollte aber die letztentscheidenden Repressionsinstrumente selbst in der Hand behalten. Daher kam es in den ersten Jahren zur Bildung nur solcher Apparate, deren Aufgabe sich auf die Zuarbeit zu den geheimpolizeilichen Organisationen der UdSSR im Lande beschränkte. Die Haltung des Kreml begann sich erst zu ändern, nachdem es Mitte 1947 zum offenen Bruch mit den westlichen Besatzungspartnern gekommen war, denn es galt nunmehr, gegenüber dem „Klassenfeind“ auch außerhalb des eigenen Herrschaftsgebietes über schlagkräftige Machtinstrumente zu verfügen.

Der erste Schritt in dieser Richtung war die Aufstellung bürgerkriegsgeeigneter Militäreinheiten ab Mitte 1948. Mit dem Aufbau einer deutschen Geheimpolizei zögerte der Kreml zunächst. Erst im Dezember 1948 stimmte Stalin dem - gegen den Widerstand des eigenen Staatssicherheitsdienstes - zu. Die Formierung und – bis über die mitfünfziger Jahre hinaus – die völlige Kontrolle des MfS, das im Januar 1950 offiziell konstituiert wurde, lagen freilich weiter in sowjetischer Hand. Erst in den Jahren 1956 bis 1958 gingen die operativen Funktionen an die ostdeutsche Seite über, doch behielten die „Berater“ aus der UdSSR noch bis zum Ende der DDR entscheidenden Einfluß und direkten Zugriff auf interessierende Arbeitsergebnisse.

Eine wichtige Fragestellung betrifft das zahlenmäßige Wachstum des MfS-Apparats. Wie kommt es, daß der Mitarbeiterstab bis 1982 ungebremst zunahm und dann auf dem damals erreichten Höchststand verharrte, obwohl die Phasen der schärfsten Unterdrückung vorbei waren und die DDR nach der internationalen Anerkennung in der ersten Hälfte der siebziger Jahre nach außen hin um den Eindruck einer möglichst repressionsfreien Existenz bemüht war? In den fünfziger Jahren, als die staatsterroristischen Züge des SED-Regimes am ausgeprägtesten hervortraten, war die ostdeutsche Geheimpolizei vergleichsweise sehr klein gewesen.

Jens Gieseke kommt zu dem Schluß, daß die herumgebotene Erklärung, die Kontrolle der Bevölkerung habe unter den erschwerten, weil durch Rücksichten belasteten Bedingungen mehr Mühe und damit Aufwand verursacht, nur eine teilweise Erklärung bietet. Daneben sieht er insbesondere die Tendenz einer quasi naturwüchsigen Tendenz zu laufender Aufgaben- und Personalausweitung, der erst bei Auftauchen der wirtschaftlichen Probleme in den achtziger Jahren eine bremsende Gegentendenz gegenübergetreten sei. Gieseke setzt sich auch mit der Frage auseinander, ob das MfS nun ein „Staat im Staate“, also ein autonom funktionierendes Subsystem, oder gemäß amtlicher These „Schild und Schwert der Partei“, also ein lediglich dienendes Organ der Herrschenden, gewesen sei. Seine Antwort lautet, daß sich die Stasi seit dem Ende des Stalinschen Massenterrors, der sich gegen alle einschließlich der Terrorapparate selbst richtete, zwar gegenüber der Führung stabilisiert habe, aber niemals zu eigenständigem Handeln befähigt gewesen sei (weshalb sie 1989 dem Auseinanderbruch der SED tatenlos zusah).

Gieseke stellt deutlich heraus, daß die enorme Zahl der „IM“ genannten Zuträger keineswegs als ein Indiz dafür anzusehen ist, daß die DDR-Bevölkerung ein „Volk von Spitzeln“ geworden sei. Eher sei das Gegenteil der Fall: Die Tatsache, daß – anders als unter dem NS-Regime – die Gesellschaft wenig denunziationswillig war, nötigte das MfS dazu, sich in großem Umfang über angeworbene Informanten zu unterrichten. Weitere Teile der Untersuchung betreffen den „leisen Terror“ der „Zersetzung“, die nach sowjetischem Vorbild als „feuchte Angelegenheiten“ bezeichneten Mordaktionen, die bis zum Bau der Berliner Mauer häufigen Entführungsfälle, die West- und Auslandsarbeit einschließlich der für das (erhoffte) Eintreten einer „Krise des Imperialismus“ getroffenen Vorbereitungen für Gewalt- und Sabotageakte in der Bundesrepublik und die „tschekistische Entwicklungshilfe“ an befreundete Regime in der Dritten Welt. Den Abschluß bildet eine Erörterung der Rolle des MfS beim Zusammenbruch der DDR.

Insgesamt hat Jens Gieseke mit dem vorliegenden Buch eine hervorragende Studie über das Phänomen Staatssicherheit der DDR mit allen seinen wesentlichen Aspekten geschrieben. Die Arbeit kann der Fachwelt und dem interessierten Publikum wärmstens zur Lektüre empfohlen werden.

[1] Jens Gieseke, Das Ministerium für Staatssicherheit (1950-1990), in: Torsten Diedrich/Hans Ehlert/Rüdiger Wenzke (Hrsg.), Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998, S. 371-422.

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Veröffentlicht am
11.01.2002
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